Spazierjahre

I.
Es ist Winter. Noch liegt kein Schnee. Ich sitze auf meinen Sofa und warte. Mein Sofa ist braun. Es ist aus Cord, braunem, breitem Cord. Manchmal sitze ich auch in der Küche. Aber in der Küche sitze ich eigentlich nicht oft. Dort stehen zwei blaue Holzstühle. Im Wohnzimmer sitze ich dagegen oft. Ich sitze auf meinem Sofa und denke nach.

Gestern habe ich all meine Bücher in den Keller gestellt. Ich möchte keine Bücher mehr lesen. Die Bücher haben mich gestohlen. Deshalb werde ich erst einmal auf dem Sofa sitzen und nachdenken. Ich denke nach, was zu tun ist. Bisher las ich Bücher. Lange, lange Zeit las ich Bücher. Denn ich bin eigentlich noch nicht alt. Aber ich habe viel gelesen, wahrscheinlich zu viel. Seitdem weiß ich nicht mehr genau wie alt ich bin. Auch weiß ich nicht mehr welche Geschichte ich mit mir selbst habe.Ein Blatt Papier und Schreibzeug liegt nun auf meinem Sofa. Meine Geschichte möchte ich nicht damit aufschreiben. Denn ich habe schon zuviele Geschichten gelesen. Jetzt werde ich aufschreiben, was ich tun werde. Einkaufen bin ich schon immer gegangen. Das Wort Einkaufen brauche ich deshalb nicht aufschreiben. Was ist zu tun? Ich brauche Bewegung!

Mein Nachbar ist in Bewegung. Jeden Tag geht mein Nachbar spazieren. Ich habe ihn oft schon dafür sehr bewundert. Spazieren gehen schreibe ich auf das Blatt Papier. Von nun ab also werde ich spazieren gehen. Das ist schön. Ich gehe eigentlich gerne spazieren. In den Geschichten, die ich damals las gingen viele spazieren. Manche gingen alleine spazieren. Andere gingen aber auch mit Freunden spazieren. Und nicht nur zum spazieren gehen braucht man wohl Freunde. Schließlich schreibe ich: Freunde treffen. Aber gleich schreibe ich noch ein Fragezeichen dahinter. Ich habe nämlich eigentlich keine Freunde. Die Bücher waren meine Freunde. Nun verstauben meine Freunde im Keller. Es ist eine lustige Vorstellung, das sie da unten verstauben. Das bringt mich zum Lachen. Das Wort Lachen muss ich also nicht auf meine Liste schreiben. Selbst beim Lesen lachte ich. Wahrscheinlich bin ich ein lustiger Mensch. Vielleicht wird mir dies nützlich sein. Vielleicht werde ich dadurch Freunde gewinnen.

Was brauche ich also noch weiter zum Leben? Welche Dinge können mir nützlich sein für meine eigene Geschichte? Für eine Geschichte außerhalb der Bücher. Denn meine Bücher sind im Keller und verstauben. Ich aber sitze auf dem Sofa, warte und denke nach. Nicht mehr lange warte ich und denke nach. Ich werde alles tun, was mir die Bücher versagten. Zum Beispiel spazieren gehen, Freunde treffen. Was also ist noch nötig?
Es ist anstrengend darüber nachzudenken. Ich stehe also auf und sehe aus dem Wohnzimmerfenster. Es schneit immer noch nicht. Es ist Winter und kein Schnee. Nicht einmal Eisblumen. Flaubert schrieb von Eisblumen. Aber Flaubert verstaubt im Keller. Es ist jetzt Winter, auch ohne Schnee. Ich werde nun spazieren gehen und Freunde finden. Ob man im Winter gut spazieren geht? Ob man im Winter Freunde findet? Ich setze mich wieder auf mein Sofa.

An so vieles muss noch gedacht werden. Inzwischen ist es schon dunkel geworden. Wintertage sind kürzer als Sommertage. Im Winter bleibt man besser Zuhause. Ich aber möchte spazieren gehen lernen. Und ich möchte Freunde finden. Jetzt muss ich es tun. Deshalb stehe ich auf. Ich gehe an das Fenster. Es schneit noch immer nicht. Ich gehe an die Haustür. An der Garderobe hängt ein Mantel. Ich ziehe ihn mir über. Als die Tür hinter mir zufällt bekomme ich angst. Ist es heute ein guter Tag zum spazieren gehen? Wird es nicht schon zu dunkel sein um Freunde zu finden?

Den Bäumen fehlt etwas. An ihren Zweigen sind keine Blätter. Und die Vögel singen nicht. Ich weiß, das auch in der Stadt Vögel singen. Ich habe sie oft schon gehört. Im Sommer am offenen Fenster las ich und hörte Vögel. Jetzt ist alles still. Selbst der Einkaufsladen gegenüber ist dunkel. Ich möchte auch nichts einkaufen. Heute ist nicht Mittwoch. Was für ein Tag ist eigentlich heute? Es ist der erste bücherlose Tag. Es ist mein Tag. Der Tag an dem ich spazieren gehe und Freunde finde.

Diese Stadt ist trübe. Ich glaube diese Stadt war schon immer trübe. Die Menschen sagten früher, so gehört es sich. Sie sagten sogar, sie lieben die Stadt dafür. Das habe ich als kleiner Junge von den Menschen gehört. Wie winzig war ich als kleiner Junge? Heute liebe ich diese Stadt weil sie so grau ist. Heute bin ich ein Mann und kein kleiner Junge mehr. Obwohl ich Zuhause nur las, liebe ich diese dunkelgraue Stadt. Sie riecht nach Moder. Als kleiner Junge ging ich eimal durch den Wald. An einem Frühlingstag roch ich dort das verfaulte Laub. So riecht es hier. Deshalb fehlt an den Bäumen das Laub. Immer muss es hier vermodert riechen. Das gehört zur Stadt. Kein Laub, kein Grün an den Bäumen. Das ist meine Stadt. Aber es ist Winter, vielleicht riecht es im Winter immer so. Ich werde jemanden fragen — einen Freund.
»Entschuldigen Sie, mein Freund, riecht es hier immer so verfault?«
Mein Freund aber drückt sich an mir vorüber. Er schüttelt mit dem Kopf. Mein Freund hat keine Zeit für mich. Das muss ich wohl noch lernen. Nicht jeder Freund hat Zeit. Ein anderer dagegen bleibt stehen, er sieht mich an.
Er nickt und sagt höflich, aber tonlos. »Immer so hier, immer verfault, immer riechen die Stadt so. Im Winter noch mehr riechen so. Winter ist verfault wie Stadt so — verstehst!«
Ja, ich verstehe, dankend schüttle ich ihm die breite Hand. Er grinst. Er klopft mir auf die Schulter. Und er geht weiter. Freunde bleiben nicht lange. Sie ziehen weiter. Auch das muss ich noch lernen. Nun habe ich bereits zwei Freunde. Obwohl: sie blieben nicht lange. Und spazieren gegangen bin ich wohl auch noch nicht? Es ist alles viel schwieriger, anstrengender als gedacht.
Müde bin ich, gehe aber weiter. Ich möchte noch spazieren gehen, ich werde spazieren gehen. Ich überquere die Straße, stolpere, stürze. Mein Fuß hängt in einem Schlagloch fest. Ein spaßig-wütender Gaul hat hier seine Hufen hineingehauen. Das Schlagloch ist sicherlich zwei Hand tief. Spazieren gehen ist sehr schwierig hier. Schließlich ist mir auch sehr kalt. Der Sommermantel schließt nicht, hat nur einen Knopf ganz unten. Ich gehe zurück. Immerhin habe ich zwei Freunde gefunden. Einzig mit dem spazieren gehen hapert es noch ein wenig. Morgen ist auch noch ein Tag.

II.
Sicherlich, es ist Winter und ich friere, die Stube ist kaum zu beheizen, aus allen Ritzen kommt die Kälte und ich kann noch so schnell auf und ab gehen, es nutzt alles nichts. Ich bleibe einsam, selbst meine Katzen verstecken sich unter dem Bett. Ich habe zunächst das Radio eingeschaltet, die Nachrichten gehört, auch das Wetter — es soll auf lange Sicht nicht schneien. Und den Fernseher habe ich danach eingeschaltet, suchte nach Talkshows, fand aber nur Spielfilme. In der Nacht ist jede Frau alleine, habe ich mir dann gedacht und die Kaffeemaschine eingeschaltet, denn das rote Licht daran mag ich sehr. Ich saß einige Zeit in der Küche im Dunkeln, nur das rote Licht der Kaffeemaschine, bis mir die Augen brannten. Jetzt sitze ich am offenen Fenster, spüre die Winterkälte, reibe mir die linke Schulter warm und hauche in die Dunkelheit. Es nutzt nichts, es bleibt alles gleich dumpf und schwer. Spazieren gehen wird helfen, bisher half spazieren gehen immer. Also ziehe ich mir einen Pullover über, schlüpfe in den Wintermantel, schlinge mir den Schal um den Hals. Die Wärme im Winter, die ich mir selbst schaffe beim spazieren gehen, ist die Schönste. Diese klirrende Kälte saust in den Kopf, einzig an Wärme kann ich noch denken, Wärme, Wärm… Als ob auf einmal alle Gedanken festgefroren wären, tief gefroren. Nämlich drinnen in der einsamen Wärme der Wohnung tauen sie wieder auf und plagen mich. Sie stechen mit ihren kleinen Nadeln, nein sie ritzen mir in die Nervenbahnen ein: tue, lebe, liebe. Niemals kitzeln diese verdammten Plagegeister, so kann ich nicht lachen, manchmal nur weinen, aber immer weniger. Deshalb liebe ich diesen Winter. In den Kühlschrank kann ich schlecht meinen Kopf stecken, immer wieder, den Kopf in das Gefrierfach legen, Eiswürfel von den Gedanken herstellen. Eiswürfelgedanken — um sie bei Bedarf auftauen oder immer wieder den Ausguß hinunter zu schütten. Ja! Aber wenn es zu kalt ist, ist es auch nicht gut, dann frieren die letzten schönen Gedanken zu und ich kann nicht einmal mehr an Wärme denken.

III.
Vor dem Haus ist eine Wiese. Heute schneit es noch immer nicht. Sogar die Sonne scheint. Der Kalender vermerkt: 1.Dezember. Also gehe ich auf die Wiese. Es sind Spaziergänger unterwegs, wie ich. Wir grüßen uns. Auf dem Kiesweg treffe ich einen Nachbarn.
»Ich gehe spazieren!«, sage ich stolz zu ihm. »Ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Spaziergänger!«
»Früher habe ich Sie nie gesehen.«, sagt mein Nachbar misstrauisch.
»Erst seit sieben Tagen habe ich das spazieren gehen gelernt.«
»Ja, das ist fein. Es ist ja auch solch ein schöner Tag dafür.«
»Früher las ich Bücher.«
»Ich lese Zeitung.«
»Und ich liebe den Schnee!«, setze ich hinzu.
»Na dann einen schönen Tag noch.«
Und wir gehen weiter spazieren. Ich gehe den Kiesweg weiter entlang. Mein Nachbar schließt bereits die Haustür auf. Der Kiesweg führt zu einer Straße, die Straße führt zu einem Feldweg. Der Feldweg führt in den Wald. Diesen Spaziergang werde ich heute tun. Sicherlich wird es anstrengend sein, aber spazieren gehen ist eben nicht ganz einfach. Entlang dem Kiesweg ist eine Wiese. Entlang der Straße fahren hunderte von Autos. Am Feldweg entlang ist Acker und eine Grasnarbe. Im Wald wachsen Bäume. Es ist ein Mischwald. Dabei haben es die Tannen am schwersten. Sie tragen das ganze Jahr über die Last ihrer Nadeln. Die Laubbäume dagegen dürfen im Winter ruhen. Ihre Blätter sind sie Gott sei gelobt im Winter los. Buschwerk und niedere Gräser wachsen unter den Bäumen.
Ich höre Vögel. Auch am offenen Fenster höre ich Vögel. Hier aber im Wald singen die Vögel lauter. Sie werden dort wohl glücklicher sein. Oder sie schreien vor Verzweiflung. Zwischen den Häusern ist wenig Platz für die Vögel. Zum Fliegen braucht man viel Platz. Zwischen den Büchern habe ich sie manchmal fliegen sehen. Natürlich nur, wenn ich die Augen schloß. Jetzt kann ich die Augen schließen und es ist dunkel. Aber ich höre die Vögel singen. Ein Specht hämmert gegen die Birke einer Tanne. Der Specht singt nicht, er arbeitet. Ich gehe zurück, den Waldweg entlang, ein fester Weg. Durch die dichte Tannendecke kommt keine Sonne. Es ist mir ein wenig kühl geworden. Auch treffe ich hier keine Menschen an. Es gibt hier keine Spaziergänger. Aber spazieren gehen habe ich nun gelernt. Doch wenig Freunde fand ich bisher. Kann man nur spazieren gehen? Findet man keine Freunde beim spazieren gehen? Wo findet man sie? Und wie? Vielleicht sollte ich mit meinem Nachbarn Freundschaft schließen. Letztendlich ist auch er ein großartiger Spaziergänger. Früher habe ich ihn schon beneidet und bewundert. Täglich dreht er eine Runde um den Block. Niemals vergißt er das. Mein Nachbar ist ein redlicher Spaziergänger.
Der Waldweg wird zum Feldweg. Am Ausgang des Feldwegs bleibe ich stehen. Ein karierter, weißer Zettel liegt auf der Grasnarbe. Schon der nächste Wind könnte ihn davonwehen. Eigentlich dürfen keine Zettel auf dem Boden liegen. Schon gar nicht auf einer Grasnarbe, zwischen Acker und Feldweg. Zettel sind keine Bücher. Auf Zettel schreibt man wichtige Dinge. Zum Beispiel, was man einkaufen will. Aber auch, was sonst noch zu erledigen ist. Ich schrieb auf einen Zettel: spazieren gehen, Freunde treffen. Aber diesen Zettel habe ich immer bei mir. Deshalb kann dieser Zettel auf dem Boden nicht von mir sein. Jemand muss den Zettel verloren haben. Vielleicht wird mein Nachbar den Zettel verloren haben. Aber mein Nachbar geht hier nicht spazieren.
Der Zettel ist durchweicht vom Ackerboden. Torfige Schlieren überspülen das Karo des Zettels. Auf dem Zettel steht mit roter Schrift geschrieben:
»Ich vermisse Dich. Melde dich! Deine Spaziergängerin.«

IV.
Dutzende Eintagsfliegen im Netz meiner Hausspinne, die ihren Lebensabend in der Ecke meines Wohnzimmers eingerichtet hat. Ich lasse sie dort, beobachte sie jeden Morgen, kurz nach dem Aufstehen, es ist wie ein Reinigen von Träumen. Ich zähle die Eintagsfliegen nach, die sie neu gefangen hat, puste in das Netz, bis mir die Spinne mit ihrem schwarzem Grinsen einen schönen guten Morgen wünscht. Das ist mein Sonntagsmorgen.
Von Zimmer zu Zimmer gehen. Die Bücher im Bücherregal durchsehen, dieses und jenes herausnehmen und darin schmökern, ein oder zwei Sätze lang — sich an das Buch erinnern, an die Erinnerung an das Buch. Und schließlich die lange rote Brockhausreihe, 30 Bände mit Goldschnitt anstarren. Irgend einen Band herausnehmen und die Nase tief in die Seiten stecken. Immer riecht es frisch nach Druckerschwärze, nicht nach irgend einem anderen phantastischem Geruch, nein nach Druckerschwärze. Wenn diese Bände eines Sonntagmorgens nicht mehr nach Druckerschwärze riechen sollten werde ich sie verkaufen. Das ist der Sonntagmittag.

V.
Ich werde Straßenbahn fahren. Schon als Junge fuhr ich gerne Straßenbahn. Sie ratterte, machte Krach. Deshalb musste ich niemandem zuhören. Meine Mutter saß daneben, redete und redete, und ich hörte einzig das Rattern. Damals wollte ich Straßenbahnschaffner werden. Aufgeregt sah ich die grünen und roten Lampen blinken. Der Straßenbahnschaffner erklärte mir die Lampen. Bei der grünen Lampe fährt die Straßenbahn. Bei der roten Lampe hält die Straßenbahn. Diese Lampen hatten keine wesentliche Funktion. Denn ich hörte die Straßenbahn rattern, wenn sie fuhr. Dabei leuchtete die grüne Lampe — aber das war auch alles. Sein größtes Geheimnis, an welchem Signal er weiterfuhr, verschwieg er. Der Straßenbahnschaffner wollte mir nicht sagen, was die Signale bedeuten. Die Signale waren an langen Masten angebracht. Davor hielt die Straßenbahn. Einmal ergaben zwei Punkte des Signals eine Schräge. Ein anderes Mal ergaben drei Punkte eine Waagrechte oder Senkrechte. Aber der Straßenbahnschaffner fuhr gleich bei jedem Signal los. Und heute, heute werde ich wieder Straßenbahn fahren. Ich werde meinen Freund, den Straßenbahnschaffner wiedersehen. Schließlich werde ich ihn fragen, was die Signale bedeuten. Danach werde ich spazieren gehen.

Alles ist wie früher. Die Straßenbahn rattert, quitscht bei jeder Biegung. Es riecht nach dem nassen Staub eines Sommerregens. Aber es ist Winter. Und es schneit noch immer nicht.
»Mein Freund, was bedeuten die Signale am Schienenrand?«
»Die Signale bedeuten nichts! Setzen Sie sich hin! Ich muss in Ruhe Straßenbahn fahren. Für Auskünfte werde ich nicht bezahlt!«
Es ist ganz wie früher. Nichts hat sich verändert. Nur meine Bücher verstauben im Keller und nichts hat sich getan. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll. Auch ist es heute schwieriger als gestern Freunde zu finden. Nicht jeder Tag scheint geeignet, Freunde zu finden. Vielleicht aber ist heute der Tag um spazieren zu gehen.
Ich setze mich auf einen freien Platz. Ein Zettelchen liegt auf dem Boden. Er ist kariert. Und er ist zerknüllt. Ob etwas darauf steht? Wie ein Puppenkopf sieht das Zettelchen aus. Hallo Puppenköpfchen! Was hat man dir getan? Kariert bist du und Worte fließen aus deinem Köfpchen. Püppchen, Püppchen, was hat man dir getan? Ich möchte dich nicht anfassen, ich möchte dir nicht wehtun. Worte sind ansteckend. Oder soll ich dir helfen, dich davon zu befreien? Hier oben auf deiner Stirn klebt ein ›U‹. Deine Augen sind das ›E‹. Und der Mund ein breites ›W‹. Soll ich es lesen und dich davon befreien? Weißt du dein Köpfchen kann man auseinanderfalten. Dann hast du ein Leibchen.
»Erwarte Dich am Mittwoch, um 17 Uhr.«
Ja, siehst du, Püppchen, das trug dein Köpfchen. All das und bestimmt noch viel mehr. Was glaubst du, wer erwartet da wen? Du willst wohl nicht mehr meine Freundin sein? Du hast nichts mehr auf deinem karierten Köpfchen stehen. Dann paß auf! Dein Leibchen wird wieder ein Köpfchen. Siehst du! Das ›U‹ an der Stirn, die Augen das ›E‹ und das ›W‹ der schmollende Mund. Schlafe weiter, mein Püppchen und träume weiter. Vielleicht sieht man sich ja wieder. Ja, mein Püppchen, mein Kopfpüppchen. Vergiss mich nicht.

VI.
Ich will mir Freundinnen träumen, hier und jetzt in dieser Kälte, in dieser Stadt.
Wir werden ein Feuer entzünden müssen, mitten auf dem Marktplatz. Ein Fremder wird wahscheinlich stehen bleiben und versuchen uns zuzulachen. Die eine Freundin wird um das Feuer tanzen, die andere davor stehen und sich einfach nur wärmen. Meine beste Freundin wird sich lange Zeit durch das dunkle Haar streichen, bis sie eine Locke erwischt und dann vor dem Feuer anfangen zu erzählen, von sich. Das hat sie schon lange nicht mehr getan und ich werde ihr zuhören, manchmal lachen über ihren ängstlichen Starrsinn nicht gemocht zu werden. Zuletzt werden wir uns in den Armen liegen und meine anderen Freundinnen werden sich zu uns stürzen, mit kindlichem Eifer über uns schimpfen, weil wir nicht sie umarmten. Wir werden uns alle zusammen in den Armen halten und dann dem Feuer zusehen wie es langsam niederbrennt, die Flammen kleiner, dünner werden, das Rote, Orangene, Gelbe sich zum Grau der Stadt verwandelt — aber erst am Morgen. Dann sind wir müde und werden uns in mein großes Bett legen. Nach dem Schlaf werden wir uns die Nacht noch einmal und noch einmal erzählen, uns unserer Freundschaft versichern, zwischen Kaffee und Brötchen. Wir werden nichts vermissen.
Und schließlich träume ich mir einen Mann. Er war der Fremde, der uns versuchte zuzulächeln am Feuer. Aber das werde ich erst viel später von ihm erfahren. Am Anfang steht er nur verloren — wie alle Männer — vor einer Ampel, ich neben ihm. Die Ampel ist rot, wir warten, die Ampel wird grün, wir warten, und so geht es noch einige Male. Er wendet sich dann zu mir und fragt, ob ich zuerst über die Ampel gehen wolle. Alleine möchte er nicht mehr über eine Ampel gehen und so wenigstens einem Menschen hinterhersehen können, wenn jemand vor ihm weitergehe, das genüge ihm. Aber ich werde bei ihm bleiben, gemeinsam bei rot über die Straße gehen und dann mit ihm mein großes Bett teilen für diese Nacht. Er wird sich wundern, wie warm das Bett noch ist. Ich werde ihm erzählen von meinen Freundinnen, dem Feuer inmitten dem Marktplatz. Dann wird er es mir sagen, er sei der Fremde gewesen damals, der versuchte uns zuzulächeln. Damals aber, so wird er sagen, hatte er nur Augen für meine Freundin, die um das Feuer lief und dabei weinte. Wir werden uns die ganze Nacht über lieben. Am nächsten Morgen wird er wieder fahren müssen aber immer wieder, an irgend einem anderen Abend wiederkommen.

VII.
Ich kann nicht schlafen. Ob meine Bücher schlafen können? Ob ich nicht doch ein, zwei Seiten lesen sollte? Die Gedanken alleine rauben mir den Schlaf. Die Bücher wiegten mich in den Schlaf. Aber ich will sie doch in Ruhe lassen. Will das bücherlose Leben lernen, kennenlernen, leben. Das Bett ist lauwarm. Die Bettflasche ist schon längst kalt geworden. Wie könnte ich es wärmer haben? Welche Methoden gibt es noch? Alleine ich wärme mich nicht. Und schon gar nicht wenn ich wach liege. Die Bettflasche hält nicht lange vor. Ansonsten ist die Bettflasche heiß, siedend. Obwohl nach Gebrauchsanweisung siedendes Wasser verboten ist. Aber ich brauche ein warmes Bett. Wie machen es die anderen? Wie halten die anderen in der Nacht ihr Bett warm? Manche sind nicht alleine. Sie wärmen sich aneinander, wie Tiere. Selbst Schildkröten — las ich — wärmen sich gegenseitig. Unter der Laubdecke liegen sie beieinander bis zum Frühjahr. Eine Nacht würde mir genügen. Eine Nacht nicht frieren. Eine Nacht nicht wachend liegen. Ein Nacht gemeinsam. Dann wäre die nächste Nacht nicht mehr so kalt. Auch wenn ich wieder alleine liegen würde. Wie findet man jemanden, der einem wärmt? Und wird sie auch die richtige Temperatur haben. Wird sie nicht vom Bett herunter plumpsen? Wird sie mitten in der Nacht aufstehen und gehen wollen? Wie wird sie heißen? Wie wird sie mich nennen? Wie werde ich sie nennen? Wie werden wir uns nennen? Werden wir uns lange wärmen können? Und wie finde ich sie eigentlich? Werde ich sie beim spazieren gehen finden? Ist es so, als ob man einen Freund findet? Ist dies schwieriger als einen Freund zu finden? Jetzt werde ich schon gar nicht mehr schlafen können.

VIII.
Wieder eine Nacht ohne Schlaf. Zurück geblieben ist das kalte Bett. Die Kneipe ist warm.
»Ich bin jemand, der mit gebrochenem Herzen seinen Kummer ersäuft«, sagte der andere auf seinem Barhocker lächelnd.
»Und woran ist Ihr Herz gebrochen?«
»Nein, nein, mein Herz ist nicht gebrochen. Eigentlich bin ich bloß Quartalssäufer.«
»Wegen gebrochenem Herzen?«
»Quatsch, ich trinke kein Alkohol. Ich bin ein geborener Liebhaber!«
»Haben Sie sich so schnell erholt vom gebrochen Herzen?«
»Ich hatte noch nie ein gebrochenes Herz.«
»Aber wieso trinken Sie dann?«
»Ich sitze immer hier! Nur manchmal denke ich daran Schluß zu machen!«
»Ich sitze hier zum ersten Mal, davor ging ich spazieren. Aber nun lerne ich ja schon wieder einen Freund kennen?«
»Ich habe keine Freunde, es ist nicht gut Freunde zu haben. Einmal hatte ich einen Freund — einen Schauspieler. Er sagte: auf der Bühne bin ich ich selbst, auf der Bühne verliere ich die angst vor dem Leben. Ja, kurz danach sahen wir uns nicht wieder. Denn ich habe immer und immerzu angst vor dem Leben.«
»Lassen Sie uns Freunde sein.«
»Vergiss‘ es. In einer halben Stunde muss ich auf der Bühne stehen.«
»Welche Bühne?
»Mann, ich bin Schauspieler, ich spiele, ich spiele heute Abend einen Liebhaber, nächsten Monat einen Enttäuschten, nächstes Jahr bereits einen Selbstmörder, dann setze ich für ein, zwei Monate aus und beginne wieder als Liebhaber. Daneben kann ich nichts gebrauchen.«

IX.
Noch immer ruhen die Bücher im Keller. Manchmal vermisse ich sie. Manchmal sprechen sie sogar zu mir. Sie rufen. Sie schreien. Manche weinen sogar. Dann gehe ich spazieren. Ich gehe lange, sehr lange spazieren. Mein Nachbar kennt mich jetzt, grüßt. Der Nachbar hört das Rufen meiner Bücher nicht. Selbst im Wald höre ich sie noch flüstern. Manchmal.
Heute ist es wieder so weit. Die Bücher rufen, weinen, schreien — durcheinander. Im Wald wird es gut sein zu spazieren. Die Wälder sind so dicht wie Buchseiten es nur sein können — undurchdringlich. Es regnet im Takt. Von den Laubblättern tropft Regen auf die Büsche. Von den Büschen auf die Buschwindrosen. Von den Buschwindrosen auf den Boden. Tropfen auf Tropfen. Ein melancholischer Takt. Ich gehe in diesem Takt weiter, weiche einer Schnecke aus. Die Schnecke geht auch spazieren, zusammen mit ihrem Haus. Tropfen auf Tropfen. Meine Stirn wird nass, die Nase auch, selbst die Wangen. Es ist wie weinen ohne richtig traurig zu sein. Auf dem Kiesboden des Waldes bilden sich erste Pfützen. Laubwälder haben ihre eigene Melodie. Ich bleibe stehen, höre zu. Ein Satz aus einem Buch drängt in meine Ohren. Und renne los. Regenpfützen schlackern um meine Füße, die Beine hoch. Will nichts mehr hören, will keine Sätze, will spazieren gehen. Und bleibe stehen, gehe weiter spazieren. Nichts! Regentropfen. Tropfen auf Tropfen. Regen graviert Zeichen in die Pfützen. Es sind erbärmliche Zeichen, akkupunktierte Buchstaben. Keine Sätze, keinen Sinn, keine Gefahr. Im Regen spazieren zu gehen ist wunderbar. Und dann ein Spaziergänger. Er kommt mir entgegen. Er sieht in die Luft, saugt den Regen ein. Ich gehe ihm entgegen. Von Spaziergänger zu Spaziergänger. Er sieht mich nicht. Ich tippe ihm an die Schulter. Es ist eine Spaziergängerin. Ich sehe es an ihren Brüsten. Der Regen hat ihr T-Shirt durchweicht. Runde nasse Brüste, die sich durch das T-Shirt drücken. ›Schwarzwald‹ steht auf dem T-Shirt. Wir bleiben voreinander stehen. Und sagen nichts.

Fortsetzung folgt

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