Kafkaesk

»Erklär mir, was ist kafkaesk?«, sagte sie.
Und ich erzählte ihr von Kafka, seinem schiefen Hut, den schwarzkristallenen Erzählungen und Romanen. Und ich sah auf ihr Kinn, die feinen Haare, schaute auf ihre langen Beine.

»Kafkaesk, das habe ich schon sooft gehört, erzähl mir mehr!«, sagte sie.
Ihre braunen Augen schauten auf mich und dann in die Tiefe der Bar. Und ich sah auf ihren Mund, die kleinen braunen Flecke auf ihren Zähnen. Sie hatte mir von Russland erzählt, das jedes Buch ein Schatz ist, das nie, niemals ausgeliehen wurde. Das erzählte sie. Und ich roch ihr blumiges, ja sanftes Parfüm.

Sie sah auf ihre Uhr, »Nicht wegen Dir, meine Tochter, ich muss zu ihr – bald!«.
Dann erzählte ich weiter über Kafka, seine Sprache, die schon gar keine Sprache mehr ist, vielmehr Töne, Musik, und den Buchstaben die zu Gestalten geworden waren. Ihre Hände berührten fast meine Knöchel, die sich fest aneinandergebissen hatten. Ihre Hände, diese aristokratischen Hände, die sie in roten Handschuhen versteckt hatte.

Aber ich erzählte ihr nicht, das ich sie liebe und sie sagte, »Jetzt weiss ich endlich was kafkaesk bedeutet!«.

Kafkaesk
[Bild: Kerstin Bober]

Print Friendly, PDF & Email


Inhalt
Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein um einen Kommentar zu schreiben.

Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen.
Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.