Ein guter Morgen
Über die Fensterbank gebeugt durchforstet sie die Straße. Ihr spärliches Haar weht als Wetterfähnchen von ihrer Kopfhaut. Es ist früher Abend. Eigentlich sollten nun genügend Menschen auf der Straße sein, straßauf, straßab; stolzierend, in sich versunken, dem Himmel oder der Straße zugewandt. Dabei wäre sicherlich jemand dabei gewesen, den sie gekannt hätte, um ihm zuwinken, zulächeln oder doch wenigstens von ihrem Fensterbrett aus grüßen zu können. Doch die Straße ist leer, menschenleer.
Die Straße führt geradlinig über einen kleinen Hügel in das entfernte, nächst gelegene Dorf. Sie lebt in einer Kleinstadt, nicht mehr als fünftausend Menschen, aber das sollte eigentlich genügen. Die Frau am Fenster streicht ihr Haar glatt. Dann hält sie einen Augenblick den Kopf still und lauscht. Kein Mensch ist zu hören, auch in der Ferne nicht, nicht einmal ein Fahrrad. Die Frau am Fenster schüttelt den Kopf, lehnt sich weit aus dem Fenster und sieht weiterhin nichts als eine leere Straße, den Teerbelag der Straße. Ihr schwerer Oberkörper beugt sich in die andere Richtung der Straße, die zur Dorfkirche führt. Erst jetzt vermisst sie das Zwitschern der Vögel, hört angestrengt nach ihnen, aber selbst das Rascheln der Blätter scheint verstummt zu sein. Die Frau am Fenster streicht mit ihren kleinen, dicken Händen über ihr spärliches Haar, drückt es glatt aneinander. Dann staunt sie. So etwas hat sie noch nie gesehen, so etwas noch nie gehört, und wenn sie es sich recht überlegt, so etwas noch nie gerochen: nicht nur keine Menschenseele auf der Straße, nicht einmal das Bellen eines räudigen Hundes, keine Fliege schwirrt, selbst riechen tut sie nichts. Der Sommer roch immer nach etwas, nach saurer Körperhitze oder frischem Gras, heute aber riecht der Sommer nach nichts.
Die Frau am Fenster schließt irritiert das Fenster und setzt sich in ihren Lieblingsstuhl am Fenster. Dann stimmt sie ein Lied an. Und steht wieder auf, stellt sich vor ihren großen Spiegel im Flur. Dort streckt sie ihre Zunge heraus und zieht eine Grimasse. Dann steckt sie ihre Nase unter ihre Achsel, die säuerlich riecht. Die Frau lacht hart.
Schließlich geht sie auf die Straße. Totenstille. Sie späht über die Straße, sieht, hört und riecht niemanden und nichts. Sie sieht zu den Häusern am Ende der Straße, den Nachbarn — nichts. Selbst die Luft riecht und schmeckt nach nichts, nicht einmal nach Luft. So steht die dicke Frau eine geschlagene Stunde auf der Straße. Dann geht sie wieder zurück in ihre Wohnung. Dort legt sie sich müde in ihr Bett und schläft mit einem Achselzucken ein.
Am nächsten Morgen schlüpft sie schnell in ihren blauen Morgenmantel, zögert noch, öffnet dann doch mit einem Ruck das Fenster, beugt ihren schweren Körper über die Fensterbank, stutzt — lacht, bis sie schließlich Tränen lacht.
