Der blinde Passagier

»Ich liebe Dich nicht mehr.« Es ist alles korrekt, die Faxnummer ist ihre, es ist ihre Unterschrift: ein wenig in die Länge gezogen, leicht nach unten gebogen das ›t‹. Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis der Morgen anbricht.

Ich habe sie seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht mehr warum. Wahrscheinlich ist meine Arbeit daran schuld.
»Ich werde schreiben. Eine Erzählung!«, hatte ich zu ihr gesagt.
Und sie hatte gelacht.
»Du wirst sehen, ich werde wieder zum Schreiben kommen. Nicht in zwei Tagen, aber sicherlich in zwei, drei Wochen.«
Und dann zog sie sich an und lächelte. «Melde dich! Ich warte nicht sehr lange.« Das hatte sie gesagt. Und ich hatte es vergessen.

»Ich liebe Dich aber!«, schreibe ich, lege das Papier in das Fax, tippe die Nummer ein und schicke es ab. Etwas besseres gelingt mir im Moment nicht. Die ersten Sätze waren schwer gewesen. Damals saß ich wie krank vor dem Schreibtisch, ignorierte jedes Telefonklingeln, und zog die Jalousien weit herunter. Dann aber die ersten Sätze:
»Sicherlich lag es an diesem Sommer. Er war weder heiß noch hell. Immer bedeckte eine Wolkenschicht den Himmel. Aber nicht nur deshalb wollte ich als blinder Passagier das Land verlassen.«

Jetzt nehme ich mir das letzte Kapitel meiner Erzählung vor, die ich vor zwei Monaten begonnen hatte.
»Zitternd stand ich vor dem Kapitän. Blinde Passagiere wirft man hier über Bord, hatte mir der Smutje zugeflüstert. Der Smutje war klein und dünn und roch nach Soljanka mit viel Zwiebeln.«
Diese Sätze waren schnell entstanden, in einigen Minuten. Dafür verbrachte ich für die Vorgeschichte des blinden Passagiers zwei Monate. Jetzt kenne ich den blinden Passagier. Und nun soll ich ihn über Bord werfen?

Ein neues Fax ist eingetroffen. Ein einziges Wort hat sie darauf geschrieben. »Blödkopf«, und nicht einmal unterschrieben. Ich werde ihr erst später antworten. Zunächst muss ich die Sache mit dem blinden Passagier in Ordnung bringen.
»Nun sollte also alles umsonst gewesen sein. Zwei Wochen Überfahrt in dem engen Beiboot, unter Sturm und Regen und magerem Proviant. Übermorgen wäre das Schiff im rettenden Hafen eingetroffen. Wenn sie mich jetzt über Bord würfen, wäre das Land immer noch zu weit. Was wusste ich eigentlich über Haie?»

Natürlich hatte sie mir immer wieder angedroht, meine Tunnelgänge nicht mehr mitzumachen, meine Selbstzweifel und mein mageres Konto. Sicherlich, es war bereits der dritte Anlauf, aber dieses Mal gedeiht eine große Geschichte. Der blinde Passagier muss über Bord geworfen werden!

»Ich wollte Mirjam wieder sehen. Wir hatten uns geschrieben, das wir uns eines Tages wiedersehen. Ich hatte ihr tagtäglich geschrieben, von ihren Küssen, die ich vermisse. Und sie hatte mir geschrieben, von meinen Küssen, die sie vermisse. Acht Monate lang hatten wir uns täglich geschrieben. Und dann schrieb ich ihr, ich käme in drei Wochen zu ihr. Drei Wochen also ohne Briefe, so lange würde die Überfahrt dauern. Ich hatte ihr nicht gesagt, das ich als blinder Passagier fahren wolle. Aber ich würde in drei Wochen vor ihrer Tür stehen. Und in drei Tagen sind die drei Wochen um. Der Smutje sagt, ich habe keine Chance. Der Kapitän steht vor mir wie ein Obelisk. Aus seinen Hosentaschen kramt er einen Schlüsselbund. Ich sehe in seinen Augen das Meer, gleich wird er mich über Bord werfen.«

Was soll ich ihr antworten? Auf dem Schreibtisch steht noch ein Tintenfaß. Es ist noch halbvoll. Also öffne ich das Tintenfaß, tunke meinen Zeigefinger hinein, und schmiere die Tinte um meinen Mund, drücke ihn auf ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier. Ich wähle ihre Nummer und sende das Fax. Die Geschichte stagniert. Sie hätte mir noch wenigstens eine Woche geben müssen. Aber so war es immer, immer kam sie dazwischen. Aber so muss ich vielleicht nun auch nicht den blinden Passagier über Bord werfen. Sicherlich wird sie gleich herkommen wollen, und ich werde irgendwann meinen vierten Anlauf starten müssen. Es liegen ein gut dutzend Kurzgeschichten und Erzählungen herum, alle haben kein Ende. Während ich also auf ihr Fax warte, lese ich noch einmal meine Aufzeichnungen des blinden Passagiers, seine Liebesgeschichte, wie er Mirjiam kennenlernte. Und dann die Briefe. Die Briefe sind eigentlich das Wichtigste der Erzählung.

Soll ich ihn wirklich über Bord werfen? Ich stehe vom Schreibtisch auf, gehe an das Fenster, sehe auf den großen Parkplatz. Ein Mann mit roter Krawatte geht müde über den Parkplatz, schließt einen roten BMW auf. Bevor er wegfährt, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. Ihr Fax braucht eine Ewigkeit.

»Den Schlüsselbund hatte der Kapitän zwischen zwei Finger gesteckt, er klapperte damit wie eine Klapperschlange. Dabei sah er mich von oben bis unten an. ›So so‹, sagte er, ›da ist er also, der blinde Passagier. Wir haben schon viel von blinden Passgieren gehört, aber bisher noch nie einen eigenen gehabt. Sie wissen, was man mit blinden Passagieren macht?‹ Der Kapitän nahm einen langen Schlüssel vom Schlüsselbund und machte eine eindeutige Geste vor seinem Hals. Dann klapperte er wieder mit dem Schlüsselbund.«

Wir kennen uns vier Jahre. Sie hat sich nie an meinem Schreiben gestört. An meinem Nichtschreiben auch nicht. Sie hat mir schon immer Faxe geschickt. Und immer wenn es ihr zuviel wurde schrieb sie, sie liebe mich nicht mehr. Dann schickten wir uns die ganze Nacht über Faxe, oft zwei Tage lang, bis sie sich erbarmte an meiner Haustür zu klingeln, und mir mit einem Lächeln über die Haare zu streichen, und ihr »Na, wie geht’s!« zu hauchen.
Sicherlich mit meinem Schreiben kann ich nicht einmal meine Miete bezahlen. Und diese Geschichte ist noch lange nicht fertig. Erst muss der blinde Passagier über Bord geworfen werden. Vielleicht schafft er es doch noch das rettende Ufer zu erreichen? Aber dazu ist er eigentlich zu ausgehungert. Und ein anderes Schiff? Oder Treibholz, ein Ausflugsdampfer — vielleicht eine schöne Frau, die ihn auffischt? Nein, nein. Ihn erst einmal über Bord werfen, das weitere wird sich geben.

»Der Smutje stand immer noch hinter mir, ich roch jetzt auch noch die schlechte Wurst der Soljanka. Eingekeilt zwischen Kapitän und Smutje versuchte ich ein wenig Luft zu holen, indem ich den Kopf nach oben warf. Ausgerechnet Sonnenaufgang, rosa Himmel, Kreischen der Möwen und ein laues Lüftchen. Mirjiam liebt auch das Meer, wohnt sie doch direkt am Meer.«

Der Faxapparat klingelt. Einzig ihre Faxnummer ist vermerkt, ansonsten verfluchtes Papierweiß. Ärgerlich zerknülle ich es, und werfe es zu den anderen Papieren, in die Ecke des Zimmers.

»Jetzt also war es soweit. Sie würden mich in das Meer werfen. Der Smutje und der Kapitän packten mich an der Schulter. Ich hörte das Schlüsselklappern und roch die verdorbene Soljanka. Ich schrie auf, wehrte mich mit Händen und Füßen. Der Kapitän versetzte mir ein Kinnhaken, der Smutje schlug mir in die Magengrube.«

Ein neues Fax. »Na gut. Ich komme.«
Ich habe den Champagner kalt gestellt, den Käse aus dem Kühlschrank genommen und Brot geschnitten. Gläser stehen bereit — der Tisch ist gedeckt. Das Warten wird lang.

»Als ich erwachte lag eine Schlinge um meinen Hals, wie bei einem wilden Tier. Ich dachte wieder an Mirjam. In einem der letzten Briefe hatte sie gefragt, von was ich leben werde. Und ich hatte ihr geantwortet, vom Schreiben, oder ich werde Spüler in einem Hotel oder Nachtportier. Es gab auch Schriftsteller, die werden Totengräber, aus ihnen aber wird nie etwas, schrieb ich ihr. Eher aus denen, die Nachtwächter, Nachtportier, Nachtsänger werden, einfach nur von Gelegenheitsjobs leben. Mirjam hatte mich nie gefragt, was ich schreibe, auch nie wie viel ich schreibe. Vielleicht wäre ich für sie eine einzige Enttäuschung gewesen. Natürlich hätte sie geweint, wenn ich an ihre Tür geklopft hätte; wir hätten einige schöne Nächte verbracht. Aber danach wäre ich wieder vor einem leeren Blatt Papier gesessen und hätte geflucht. Schließlich hätte ich eine Arbeit gefunden als Buchverkäufer oder Blumenhändler. Dazu wäre ich sicherlich zu gebrauchen gewesen.»

Das Warten macht meine Sätze ungelenk. Zuviel ›hätte‹, zuviel Vermutungen und kein vorwärts kommen der Geschichte. Das letzte Mal kam sie erst zwei Tage später. Manchmal kam sie aber auch schon nach einer halben Stunde. Sie ist einfach unberechenbar.

»Ich hörte den Smutje laut lachen. Er las ihre Briefe, las sie dem Kapitän, der gesammelten Mannschaft laut vor. Wütend wollte ich aufstehen, doch der Strick zog sich fester, war an ein Stück Holz an der Decke des kleinen dunklen Raumes gebunden. So saß ich da, wie ein Selbstmörder, der seinen Strick zu lange gelassen hat.«

Ich bin müde geworden. Am Himmel schweben die ersten Fesselballons. Jeden Morgen machen sie sich auf, vom Stadtrand zur Stadt und wieder zurück. Wahrscheinlich ist sie mit dem Wagen stehen geblieben, ausgestiegen und sieht ihnen zu, wie sie ihr immer näher kommen. Und später wird sie mir ganz genau sagen, welche Reklame auf den Fesselballons steht. Und ich werde ihr interessiert zuhören, während ich ihr den Rock aufknöpfe. Wir werden zusammen lachen, wenn ich ihren Büstenhalter wieder einmal nicht aufbekomme. Und sie wird mir weiter staunend von den Fesselballons berichten, mir vorschlagen auch einmal damit zu fliegen.
»Du wirst auf andere Gedanken kommen!«, wird sie sagen, während ich mich weiter mit ihrem Büstenhalter beschäftige, den ich nun einfach über ihren Kopf gezogen haben werde. Es wird irgendwie unpassend sein, wie immer. Aber das wird nichts machen. Sie wird mich danach fragen, wie weit ich mit dem Schreiben gekommen bin, und mich anlächeln wie eine Sphinx. Und sie wird ihren Mund öffnen, als ob sie mich etwas fragen will. Aber sie wird mich stattdessen küssen.

»Ich spürte weiter den Druck auf meinem Hals, der Strick war eng um meinen Kehlkopf gelegt. Ich schrie. Ein klägliches Würgen und Gurgeln. Schlagartig wurde der kleine Raum hell. Der Smutje stand lachend, sich den Bauch haltend an der Tür. ›Diese Briefe behalten wir hier, du aber wirst jetzt nach guter alter Seemanssitte über Bord geworfen‹, sagte er. Und löste die Schlinge von meinem Hals, löste meine Armfesseln. Mirjams Briefe durften nicht in diesen, von schlechter Soljanka stinkenden Händen, bleiben.»

Die Vögel zwitschern. Heute wird sie nicht mehr kommen. Ich gehe in die Küche, nehme den Champagner aus dem Kühlschrank. Ich werde den Blinden Passagier noch über Bord werfen müssen — heute. Und trinke das zweite Glas aus.

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