Sieben auf einen Streich

Sieben Eintagsfliegen kleben an meinem Nasenbein, im Winkel mei­ner Augenlider. Seit sechs Tagen kommt jeden Morgen eine neue Ein­tagsfliege hinzu. Ich kann wach liegen und meine Hände über Nase und Augen halten, sie mit Pflaster, Verbände und Cremes schützen: an jedem Morgen eine neue Fliege. Mit dem Fingernagel kann ich sie nicht abkratzen, nein, ich pralle sogar vom Widerstand ihrer gehärte­ten Flügel zurück. Jeden Morgen, seit sieben Tagen.

Ich sehe in den Spiegel. Rechts und links, entlang des Nasenflügels, entlang der Wände zu den Augen drücken sich leblos Fliegenleiber, rechts vier, links drei. Regungslos baumeln die Beinchen herab.
Ich nehme die Pinzette aus dem Kästchen des Spiegelschranks in der Küche. Leicht presse ich die Pinzette, bis sich die Zangenenden auf ein, zwei Millimeter Breite schließen. Rücke sie näher an das rechte Auge, wage mich an einen der Fliegenkörper. Doch dann blinzle ich und alles ist wieder verloren.

Heute muss es aber in Ordnung gebracht werden. Ich zerre mit der Pinzette an den seidenen Fliegenbeinchen. Einzig die Haut zwischen Jochbein und Nasenflügel wölbt sich nervös nach vorne und springt sofort wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Jetzt klebt die Pin­zette an den Beinchen, läßt sich weder durch Zerren noch Zurren lösen. Ich schließe die Augen. Weiße Punkte, die zu hellen Sternen werden, tanzen, taumeln und irren durch die Nacht meiner Augen. Ich unter­drücke einen ärgerlichen Aufschrei. Reiße die Augen auf, die Pinzette baumelt an den Beinchen.

Gestern Abend bereitete ich die Tinktur vor. Ich hatte Vorahnungen. Träufle jetzt die Tinktur auf den Waschlappen. Lege meinen Kopf zurück und den Waschlappen auf den Nasenflügel, auf die Augen, auf die Pinzette und damit auf die sieben Eintagsfliegen.
Vorsichtig, gleichmäßig und ruhig. So wie ich schon oft alte Farbe von antiken Möbeln entfernte, reibe ich den Waschlappen über die Ein­tagsfliegen. Sie sind steinhart. Ich träufle die Tinktur auf den Waschlappen, presse ihn tief auf mein Gesicht, die Augäpfel. Ich spüre das grobe Gewebe des Waschlappens und die leichte Erhebung der Fliegenleiber. Ich scheure den Waschlappen über sie. Das Atmen wird schwer. Die Lungenflügel arbeiten gut, bis ich keu­chen, husten, von den Fliegen ablassen muss. Nehme den Waschlap­pen von den Augen. Speie weißen, breiigen Speichel in das Wasch­becken. Trinke einen Schluck Wasser, dann ein Gläschen Schnaps.

Ich rücke einen Stuhl an das Waschbecken, nehme den Rasierspiegel und setze mich. Ich fahre nicht mit den Fingern über die Nasenflügel, sondern halte den Rasierspiegel vor die Augen: sieben Eintagsfliegen, keine weniger, die Beinchen, die Pinzette bau­meln weiter herab. Lege meinen Kopf zurück in den Nacken. Nehme in die rechte Hand die Tinktur, in die linke den Waschlappen. Lege den Waschlappen auf die Fliegen. Sprenkle die Tinktur auf den Waschlappen, reibe und reibe und reibe.

Nehme die Zahnbürste aus dem Spiegelschrank; sprenkle die Tinktur über die schwarzen Erhebungen. Die Tinktur fließt um das Nasen­bein, damit muss es auch in die Eintagsfliegen dringen. Ich kratze mit der Zahnbürste über sie. Ich schließe die Augen, die Tinktur fließt um die Augenbrauen.

Minute um Minute wirkt die Tinktur ein. Gieße Tinktur nach, damit der Pegel gehalten wird, die Leiber immer wieder damit attackiert werden. Gleichmäßig atme ich ein und aus. Die Pinzette löst sich von den Beinchen, rutscht an meiner rechten Nasenwand entlang, berührt meine Lippen und schlägt hell auf die Steinplatten auf. Die erste Etappe ist gewonnen. Nehme den Waschlappen vom Gesicht, öffne die Augen, ein Brennen von tausenden Stichen. Ich will nach einem Handtuch greifen, finde es nicht, stolpere, schlage auf den Fußboden auf.

Beim Aufwachen taste ich sofort nach den sieben Eintagsfliegen. Keine fehlt. Die Tinktur hat nicht geholfen. Ich öffne die Augen, Atmen ist schwer. Der Raum liegt im Dunkeln, tiefe Nacht. Mein Mund leckt Blut, süß und naß. Ich versuche aufzustehen. Ein neu­geborenes Fohlen könnte es nicht besser machen. Ich falle wie­der. Ich verschnaufe, taste nach dem Waschbecken, ziehe mich an ihm hoch. Lehne mich erschöpft an die Wand. Kleine weiße Punkte vor Augen, die heller, größer, zu Sterne werden, die tanzen, taumeln. Graue, dicke Punkte flattern um die Sterne. Die Punkte werden schnell größer: fette Schmeißfliegen, die immer größer und größer werden, so groß wie Spatzen. Sie kommen immer näher und näher. Ich will nach ihnen greifen, bekomme sie nicht zu fassen.

Ein Werkzeug, ein Verteidigungsmittel suchen! Ich ziehe wahllos eine Schublade auf, taste im Dunkeln: ein Messer, ein Fleischermesser, schwer und ruhig in meiner Hand. Ich warte auf sie. Die Messer­spitze richte ich auf die Ungeziefer aus, die grau und summend um mich schwirren, die sich meinen Augen nähern. Die mächtigste der Schmeißfliegen verfolge ich mit festen Blicken. Sie ist fast so groß wie eine Rabenkrähe, also nicht zu verfehlen. Ruhig und gefasst nähere ich mich der Schmeißfliege. Sie weicht aus. Meine Nasenflügel juc­ken, schmerzen: die sieben Eintagsfliegen. Sie fliegen auf und davon, mein Nasenbein ist wieder frei. Die Schmeißfliege empfängt sie mit offenem Maul. Meter um Meter nähere ich mich ihr. Meine Eintags­fliegen sind in ihr verschwunden. Geschwächt vom Fraß meiner Ein­tagsfliegen flattert die Schmeißflliege unsicher auf mich zu. Aus vollen Leibeskräften, die ich nun ganz in meine Hand, in das Flei­schermesser lege, durch­bohre ich den hornigen, aber unwahrschein­lich glatten Leib.




Ketten

Ich bin nicht feige. Betriebselektriker bin ich, bin zuständig in unse­rer Firma — ich sage Firma, obwohl es ein Kaufhaus ist — für alle elek­trischen Anlagen: Stromversorgung für die Kassen, Licht, Klimaan­lage, Videoüberwachung, Rolltreppen und was nicht alles noch. Ich bin der dienstälteste, seit neunundzwanzig Jahren in der Firma.

Friedrich Schmalz, den Chef kenne ich gut. Fünf Etagen hat das Kaufhaus. »Wir haben hier alles!«, sagt der Schmalz »Von der Butter bis zum Computer.« Jawohl wir haben alles da. Gestern noch hat mir der Schmalz auf die Schulter geklopft »In einem Monat ist es soweit Herbert« — er sagt immer Herbert zu mir. Dann bin ich nämlich dreißig Jahre in unserer Firma. Ich soll so bleiben wie ich bin, hat der Schmalz gesagt, das hat mir schon gut gefallen.

Und einmal hat mich Direktor Schmalz zu sich gerufen. »Herbert!«, hat er gesagt, »Herbert, du weißt doch so gut Bescheid über Schlös­ser, sag‘ mir welches kannst du mir empfehlen?« Und ich hab ihm das 40 mm Zylinderschloß empfohlen, ›Tradition‹, mit besonders gehärtetem Stahl und dazu eine Rundstahlkette, die nehm‘ ich schließlich selbst. Und der Schmalz hat sich gefreut und mir einen Schnaps ausgegeben.

Ja in der Firma kenn‘ ich mich gut aus, und über Vorhängeschlösser weiß keiner so gut Bescheid wie ich, deshalb hat mich ja auch der Schmalz zu sich gerufen. Zylinderschlösser aus Messing empfehle ich, und immer ›Tradition‹, mit 15, 20, 25, 30, 40, 50 mm, die Zah­len­schlösser sind nichts, hab‘ ich auch schon probiert, denn die Zahlenkombination kann schon einmal nicht klappen und dann … dann bleibt man daran hängen!

Nach Feierabend setze ich mich in die Küche an das Hei­zungsrohr, stell‘ zwei drei Biere auf den Tisch, nehme die Rundstahl­kette, schlinge sie um das Heizungsrohr, wickle sie dann um meine Hand­gelenke und schließe sie dann mit einem ›Tradition‹ 40 mm Vor­hängeschloß ab. Zwei Stunden lang sitz‘ ich am Küchentisch, reiße an den Ket­ten, nehme mit den verketteten Händen die Bier­flasche und trinke einen kräftigen Schluck. Niemals reiße ich so fest an der Kette, dass sie meine Handgelenke wund scheuert.

Entdeckt habe ich meine Passion im Krankenhaus. Mit Gehirnerschüt­terung und Oberschenkelbruch lag ich zwölf Wochen lang. Und dort habe ich es zum ersten Mal gese­hen: mein Bettnachbar, ein verwirr­ter alter Kopf, der immer noch nach Hause gehen wollte, wo doch seine Frau seit Jahren begraben ist, knallte regelmäßig mit dem Kopf auf den Fußboden, bei seinem Versuch schnell nach Hause zu ren­nen. Daraufhin hat die stämmige Krankenschwester Anne — ja so hieß sie, wie meine Großtante — ihn mit oberster Genehmigung ange­bun­den.
»Fixieren heißt das!«, hat die Anne mir später gesagt, »Zu seiner eigenen Sicherheit!« Seine Hand-und Fußgelenke lagen ruhig und gesichert auf dem Laken, zwischen Lederriemen und Haut hätte viel­leicht noch eine Ameise Platz gefunden aber kein Weberknecht. Mein Bett­nachbar hatte daran großen Spaß, zerrte und riß an den Leder­riemen bis seine Kraft endlich erlahmte und erschöpft einschlafen konnte. »Bodybuilding für Verrückkte«, scherzte die Anne später mit dem diensthabenden Arzt. Das gefiel mir.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde — das war vor vier Jah­ren: Kinder wie die Zeit vergeht — hab‘ ich es erst einmal selbst ver­sucht. Mit einem alten Ledergürtel hab‘ ich meine linke Hand an das Heizungsrohr in der Küche gebunden. Ja, es ist auch heute noch das selbe Heizungs­rohr wie damals, nur die Technik habe ich verfeinert. Das Heizungsrohr in der Küche ist ideal, es verläuft genau am Küchentisch vorüber und so kann ich daneben sitzen, mit einer Fla­sche Bier und daran zerren und zerren, wie es mir gefällt, so lange ich will. Damals, mit dem Lederriemen, das war was: aus Spaß hab‘ ich doch ein Bier über den Leder­riemen geschüttet, war aber nicht gut, denn der wurde immer enger, konnte den Riemen nicht mehr abschnallen. Ich nicht faul und dumm, zerschlag meine leergetrun­kene Bierflasche und schneide mit der schärfsten Scherbe den Leder­riemen auseinander — ja, wie beim Film.

Seitdem sitze ich Tag für Tag am Abend nach Feierabend, am Wochenende bereits am Mit­tag in der Küche und treibe meine Passion, verfeinere es von Tag zu Tag. Am Hei­zungsrohr mit der linken Hand angekettet, saß ich erst immer so eine Bier­länge, länger hat mir am Anfang nicht gefallen. Ich hab‘ am Riemen ein wenig gezogen. Schön war es, sich nach einer Bierlänge, später dann auch zwei, drei abzuschnal­len. Hat mir aber nach vier Wochen nicht mehr gefallen, erst einmal dauert das ja, bis man die Schnalle vom Lederriemen lösen kann und dann hat das auch noch so etwas vorläufiges, unkonkretes, ja improvisiertes. Nein, nein, ich wollte es professionell machen, mach ich doch auch bei der Arbeit. Da bin ich an meinem Urlaub sogar in die Firma gegangen, dritter Stock, Haushaltswaren, hab‘ noch mit dem Döllner geredete, der all das Zeug verkauft — aber keine Ahnung hat — und mein erstes Vor­hängeschloß, 25 mm, gekauft und im Cam­pingbedarf die Glieder­kette.
Zuhause legte ich mir die Gliederkette um mein Handgelenk, dann einmal um das Heizungsrohr und schloß schließlich mit dem neuen Vor­hängeschloß ab. Ich zog und riß daran, eine Bierlänge nach der anderen, es tat kräftig gut. Gleich am nächsten Tag habe ich mir eine zweite Gliederkette gekauft und ein zwei­tes Vorhänge­schloß, 25 mm. Den linken Fuß habe ich an das Heizungsrohr gebunden. Ich zog und zog mit dem linken Fuß, anschließend mit der angeketteten Hand. Und einmal riß ich so sehr an den Ketten, daß das Heizungsrohr jäm­merlich knarrte.

Zwei Monate später hatte ich alle Vorhängeschlösser, von 15-50 mm aus­probiert. Auch alle Ketten, und es gibt soviele Ketten, aber die mei­sten kann man doch nicht gebrauchen. Die Zierkette reißt nach zwei kräftigen Rucken, die Patentkette mit ihren vielen kleinen Metallbäll­chen ist für die Katz und die Uhrkette muss man nur einmal scharf ansehen, schon fällt sie auseinander. Da ist einzig die Rundstahl­kette von zuverlässiger Härte und Qualität, wie ich sie brauchen kann. Siebzehn Vorhängeschlös­ser, 51 Schlüssel und fünfzehn Ketten habe ich in meinem Küchen­schrank gesammelt.
Im Winter aber wird das Heizungsrohr kochend heiß. So musste ich etwas anderes finden, woran ich mich ketten kann. Drei Tage lang suchte ich in meiner Wohnung nach einer Lösung, zuviel Holz überall, kaum Metall, oder gar Rohre an die ich mich hätte ketten können. Täglich verbrannte ich mich an dem Heizungs­rohr. In der Firma ging ich, mit dem Vorwand alle Lampen kurz vor Weihnachten kontrollieren zu müssen, durch unser fünfge­schössiges Kauf­haus. Erst im dritten Stock, Möbel, fand ich etwas passendes. Ein schweres Bettgestell aus Metallroh­ren. »Sonderangebot«, sagte mir meine Kollegin und »Prozente« für Mitarbeiter. Ich hab‘ es gleich gekauft und mir am näch­sten Tag ausliefern lassen.

Die Kollegen machen sich dann und wann schon einmal darüber lustig, wie viele Ketten und Vorhängeschlösser ich kaufe. »Du musst ja Angst vor Dieben haben«, sagen die, aber die wissen ja nichts. Denn ich habe keine Angst vor Dieben, nein. Ich bin mein eigener Herr, schließe mich an das Heizungsrohr oder an mein Bett, wann ich will, schließe mich davon ab, wann ich will — wer kann das schon?

Das Allergrößte ist es, mich an mein Bett zu ketten, sicher an Händen und Füßen am großen Stahlbogen des Bettes. Ich kann reißen und zerren, aber das hält, das verdammte Ding hält alles aus. Dabei kann ich die Kette, die am Fuß — und Kopfende jeweils am lin­ken Fuß und der linken Hand gekettet ist, noch beliebig bewegen, im Rahmen der Kette natürlich. So ziehe ich die angekettete linke Hand an die äußerste linke Seite des Bettgestells und mit dem linken Fuß — den ich dafür quer über den rechten Fuß ziehe — an die äußerste rechte Seite des Metallgestells am Fußende. Nach etwa ein bis ein­einhalb Stunden schließe ich die Vorhängeschlösser wieder auf, an der Hand zuerst, dann am Fuß. Wenn ich mich zu sehr gescheuert habe, streiche ich eine Jodlösung über die Wunden, und mache ein Pflaster darauf, ziehe einen langärmligen Pullover über die Arme und dicke Socken über die Füße.

Wenn man so etwas professionell, wie ich, betreibt interessiert man sich natürlich früher oder später für die Technik. Ich habe vorher nichts gewußt. Aber es gibt soviele verschiedenartige Schlösser und Gliederketten. Nicht bloß Vorhängeschlösser in allen Farben, auch in jeder Größe und Stärke und selbst die Technik eines jeden Schlosses unterscheidet sich, manche lassen sich wie geschmiert öffnen, an anderen muss man wild reißen und zerren bis sie ihr Maul aufmachen. Und die Schlüssel, ja die Schlüssel unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Einfache Schlüssel mit gezacktem Bart, Zylinderschlüssel bis hin zum kompli­zierten Sicherheitsschloß mit Magnetverrieglung. Ja auf der Welt gibt es noch etwas zu entdecken.

Vor einem Jahr bin ich dazu übergegangen, mich an den Wochenen­den von zwölf Uhr Mittag bis siebzehn Uhr anzuketten. Im Bett ket­tete ich mich überall an: zunächst wie immer am linken Fuß, dann aber auch noch am rechten Fuß, schließlich die linke Hand wie gewohnt und die rechte als Höhepunkt, den Schlüssel zwi­schen die Zähne geklemmt. Erst vor einem halben Jahr bin ich auf die schöne Idee gekommen auch um den Hals eine Kette zu legen. So also liege ich beruhigt und mit gelegentlichem Zerren, Rucken und Ziehen auf meinem großartigen Bett und träume von dem Tag überall in Ketten gelegt zu sein, um jeden Knochen, um jede Sehne. Telefon­läuten, Türklingel- und klopfen ignoriere ich am Wochenende bis nach siebzehn Uhr. Bald hatten es ja auch alle einmütig eingese­hen, ich bin eben zu dieser Zeit zu beschäftigt, nicht zu sprechen, obwohl sie natürlich nicht wissen, nicht wissen können, was ich treibe. Hätte ich es ihnen doch einmal sagen können, hätten sie mir viel­leicht nur auf die Schulter geklopft, nein sogar um den Hals gefallen wären sie mir, welcher Einfallsreichtum, hätten sie gesagt. Dann hätte ich alle beraten können, ihnen alles über Schlösser, Ketten und die Arten des Ankettens verraten können. Sie haben nicht gefragt.

Heute liege ich müde im Bett, die Schlüssel für die Schlösser sind verschwunden. Ich werde sie verschluckt haben. Ja, ich habe sie verschluckt, mit voller Absicht verschluckt. Ansonsten lagen sie immer neben mir, meine fünf Geschwister, der Schlüssel für den linken, der Schlüssel für den rechten Fuß, der Schlüssel für den Hals, der Schlüssel für die linke und der Schlüssel für die rechte Hand. Ich weiß nicht genau, wie es gekommen ist. Nachdem mir Schmalz, mein Chef, wieder auf die Schulter geklopft hatte, dachte ich, es wäre jetzt Zeit alles auf eine Karte zu setzen.

Nach Feierabend habe ich mir wieder eine neue Kollektion an Vorhängeschlösser in die Tasche gesteckt, eilte nach Hause, zog mich aus und kettete mich wie immer nach Feierabend an Füßen, Hals und Händen an. Spät ist es heute erst dunkel geworden, und ich habe lange die Schlüssel noch neben mir gesehen, ich habe wie immer ein gutes dutzend Mal an meinen Ketten gerissen, so dass es mir an Füßen, Händen und Hals ein wenig süßlich schmerzte. Wahrscheinlich habe ich den Entschluss dazu schon gestern getrof­fen, vielleicht dann doch ohne nachzuden­ken im Halbdunkel die fünf Schlüssel genommen, sie mir nach und nach in den Mund gesteckt, geschluckt und mit Bier nachgespült. So wird es gewesen sein. Mir ist jetzt noch bitter im Mund.

Es ist Mittag geworden. Ich habe Hunger. Geschlafen werde ich wohl haben. Das Metallgestell des Bettes ist sehr stabil, die Anschaffung hat sich ausgezahlt. Ich kann an den Ketten so wild reißen wie ich will, mich gegen sie stemmen und kein Glied springt aus der Kette, die Schlösser halten, Präzisionsarbeit wohin ich sehe. Erst morgen vielleicht werden sie mich auf der Arbeit vermissen. Ich werde nicht mehr da sein. Ich werde sie eigentlich nicht groß vermissen.

Es ist Abend geworden. Jetzt habe ich Durst. Wie lange das noch dauern wird? Die Kraft aushöhlen und müde werden muss ich, so werde ich wieder an meinen Ketten reißen und zerren, selbst wenn die Wunden weiter aufreißen.

Autos werden angelassen, meine Nachbarin verschließt ihre Tür, Auf­stehenszeit, Arbeitsbeginn, Werktag und ich liege im Bett. Ich presse meinen Bauch zusammen, drücke den Steiß auseinander, kein Stuhlgang, Verstopfung, die Schlüssel stecken wohl irgendwo in mir fest. Mit den Füßen zapple ich, das Metallgestell des Bettes ist unnachgiebig.
Mit den Händen zerre ich: gut gehärtetes Eisenrohr. Mein Hals schmerzt, die Rundstahlkette scheuert an meinem Adamsapfel.

Ob bereits drei oder auch vier Tage vergangen sind? Nichts ist geschehen, mein Bauch ist dick und fest wie Beton geworden, die Lippen aufgesprungen, die Wunden an den Händen und Füßen, am Hals brennen. Manchmal glaube ich die Spitzen der Schlüssel durch die Bauchwand zu spüren, ich rede jetzt sogar mit ihnen, sie sollen vernünftig sein, den Weg alleine nach draußen finden. Ihr Geschwi­ster hört mich an, kommt herbei und schließt die Schlösser auf.

Gut, ihr wollt es nicht anders, ihr Feiglinge. Ich werde euch langsam ersticken. Jetzt rolle ich meine Zunge langsam ein, spürt ihr es, sie verstopft die Luftröhre, ihr werdet nicht mehr lange atmen können. Ich aber atme tief aus. Und ein letztes Mal reiße ich an den Ketten — ich aber bin nicht feige.




Tatjana

Ich hatte den Auftrag Tatjana ausfindig zu machen.

Der Zug aus dem Süden fuhr ein, die Fahrgäste standen bereits ungeduldig vor den noch verschlossenen Türen — unter ihnen sollte Tatjana sein. Ich winkte, obwohl ich wusste, sie würde es nicht sehen. Ich ging, ohne Tatjana gesehen zu haben.

Ich rannte weiter zum Busbahnhof und wartete auf den Fernbus aus dem Osten. Vielleicht wartete ich schon zu lange, so ging ich auch von dort, ohne Tatjana gesehen zu haben.

Mit dem Taxi fuhr ich zum Flughafen, über mir flog gerade ein Flugzeug aus dem Westen in die Einflugsschneise. Ich freute mich, bald würde ich Tatjana sehen.

Im Taxi wartete ich auf sie; bald startete das Taxi und fuhr nach Norden.




Zwei Geschichten

Ein Frau stand im Supermarkt und wusste nicht mehr weiter.
Ein Mann stand im Supermarkt und wusste nicht mehr weiter.

Eine Frau stand im Supermarkt und sah auf ihre Einkaufsliste.
Ein Mann stand im Supermarkt und sah auf seine Einkaufsliste.

Beide begegneten sich nicht.
Beide kauften ein viertel Pfund Butter und einen Liter Milch.




Ein Glückstag

Fuß auf Fuß folgend verliess ich mein Büro. Mitten im feierabendli­chen Fußgängerverkehr geschah es. Ohne jeglichen Grund geriet ein Herr mittlerer Lohnvergütung aus der Fassung. In der Hand hielt er den wunderschönsten Aktenkoffer, auf seinem Kopf schwankte ein grauer Hut. Seine Gesichtszüge kündigten schnelle Beförderung an.

Nichts hielt ihn auf. Er ließ sich einfach auf den Bürgersteig fallen. Mit den Händen, die er zu Fäusten ballte, begann er gegen die Steinplatten zu pochen. Zunächst in einem heiteren Rhythmus, im Takt einer veralteten Rechenmaschine etwa. Nach wenigen Minuten hämmerte er unfein auf die Steinplatten ein. Selbst an eine Ein­gangstür klopft man in Maßen. Kein Wunder also, das die Platten eigensinnig auf der Erde verschlossen blieben. Seine Knöchel waren in­zwischen rot aufgerieben. Es hatte keinen Sinn. Man öffnete ihm nicht.

Ich aber hatte Erbarmen mit ihm, kniete mich zu ihm nieder, bestaunte den wunderschönsten Aktenkoffer. Er hatte absolut kei­nen Grund sich zu beklagen. Das allerschönste Schwarz, das ich seit mindestens zehn Jahren an einem Aktenkoffer gesehen hatte. Aber der Hut: die Krempe von Regen und Wind ausgedorrt, das Grau son­nenbleich. Eine ältere, dennoch nette Dame klopfte mir wohlwollend auf die rechte Schulter.
»Einen solchen Mann«, sagte sie, »hätte ich damals auch gebrau­chen können!«, fiel auf die Kniee und blieb erschöpft liegen.
Ich hob mit der gebotenen Vorsicht den wunderschönsten Aktenkof­fer leicht in die Höhe. Ein Prachtexemplar! Perfektes Schwarz! Der Verschluß einwandfrei!

Während ich diese göttliche Verabeitung des Koffers auf mich wirken ließ, keuchte und knurrte es unter meinen Füßen.
Der sonderbare Herr, mit seiner netten Unart Steine zu bearbeiten, schrie nun plötz­lich nach dem wunderschönsten Aktenkoffer. Darauf konnte ich natürlich nicht gefasst gewesen sein. Der Koffer entglitt mir aus den Händen, genau auf den Kopf der alten, tolpatschigen Dame, verletzte sie so peinlich, dass ihr Blut auf den Hut des sonderbaren Herrn floß. Das hätte ihr natürlich nicht passieren dürfen.
»Ach, tut mir das leid!«, flüsterte die Dame, »Hätten sie doch bloss einen Helm auf, den würde ich Ihnen schon wieder recht grau polie­ren. Ach das tut mir jetzt aber leid!«
Endlich konnte ich mein Ohr von ihren schwachen Lippen nehmen. Aufgesprungene Lippen, Mundgeruch, Blut. Alles recht unange­nehme Dinge. Selbstredend verzieh ich ihr diese Unpässlichkeit sofort. Der Hut war rot, die Dame bleich. Man muß die Dinge neh­men wie sie sind!

Die weiteren Unarten des Herrn entzückten mich. Aus dem wunder­schönsten Aktenkoffer barg er ein altes, zerbissenes Holzlineal, kratzte damit an den vier Seiten einer Steinplatte so lange herum, bis sie sich lockerte. Sein Filzgesicht strahlte. Unter der Platte lag zusammengepresste Erde. Hastig klappte er den wunderschönsten Ak­tenkoffer auf, kratzte mit dem Lineal Erde zu einem kleinen Berg zu­sammen und schüttete diese in den wunderschönsten Aktenkoffer. Er schloß ihn, öffnete ihn, schüttete die Erde über seinen Kopf. Sein Filzgesicht schien vor Freude zu platzen. Die Wangen blähten sich auf, die Augäpfel kullerten beinahe aus den Augen; er schnappte, mit der Zunge ringend, nach Luft. Ich nahm diesen Augenblick wahr und zog an einem Griff des wunderschönsten Aktenkoffers. Am zweiten Griff baumelte aber der wunderschönste Aktenkoffer noch immer fest an seiner Hand. Er ließ nicht los. Ich zerrte am Griff. Es half alles nichts. Weiter stand ich daneben und wartete ab.

Er setzte sich in den Aktenkoffer, beugte seinen Oberkörper, ver­suchte seinen Kopf in die freigelegte Erde zu stecken. Natürlich lief dies schief.
Der Kopf war viel zu weich, die Erde zu hart. Er lockerte Stein um Stein, löste Stein um Stein, versuchte Erde um Erde seinen Kopf hineinzustecken. Er scheiterte. Bis in den Abend hinein versuchte er es immer wieder. Ich blieb bei der Stange. Dutzende von Menschen glotzten und gierten ja nur auf den Augenblick, das ich den Platz neben dem wunderschönsten Aktenkoffer auch nur eine Sekunde lang verlassen würde oder zwei Se­kunden unachtsam wäre. Kahl, immer kahler von Steinen lag der Bürgersteig. Die Erde gab nicht nach, der sonderbare Herr nicht und ich.

Wirklich und wahrhaftig: es war der wunderschönste Aktenkoffer auf Erden. Ein Schwarz für das ich wohl alles aufgegeben hätte. Die alte Frau hatte sowieso schon seit Stunden verspielt und lag, mit einem Häufchen Erde auf ihrem Gesicht, unter mir. Die anderen, die Hun­dertschaften an Menschen, die ringsum gafften und gierten hatten keine Chance. Der Platzvorteil lag eindeutig bei mir. Endlich, kurz vor dem Morgengrauen kam aus der Grube kein Laut mehr. Immerhin hatte der freundliche Herr wenigstens noch seinen Kopf unter der Erde vergraben können.

So hatte also meine Aufmerksamkeit und eiserne Geduld gesiegt und ich lief stolz, den wunderschönsten Aktenkoffer der Welt, den Erfolg in den Händen tragend, unter den neidisch gurrenden Lauten der umstehenden Menschen, in einen neuen, glücklichen Tag.