Die blaue Magd

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Mein erster und letzter Satz als Kind war »Ich möchte«.
Meine Eltern sahen mich dabei mit großen braunen Augen an.
»Was möchtest Du?«, fragten sie mich.

»Wie Mutter Maria siehst Du nicht aus, bist auch kein Engel – also sprich«, sagte mir der Pfarrer.

Meine liebsten Erinnerungen sind die grauen Wolken, die den blauen Himmel verdecken. Ich liebe die dunklen Tannenwälder und die langen Nächte im Winter. Ich wurde bereits mit blauen Haaren geboren, meine Haut wurde erst mit den Jahren immer blauer, nur mein Gesicht ist weiß wie die Wolken und ist doch Mondgestein.

»Deine Eltern sind arm, deine Großeltern auch, Deine Ur-ur-ureltern – alle, Du bist nicht blaublütig, sei bloß nicht so …«, sagte mir meine einzige Freundin.

Ich weiß nicht mehr wann ich Magd wurde, ob es nicht einfach schon immer so war. Sie sagten zu mir »Tu das« und »Mach endlich«.
Die Menschen behandeln mich nicht schlechter als ihre abgetragene Abendgarderobe.

»Die Blausucht hast Du nicht, Dir gehts gut, nun sag schon was«, sagte der Arzt.

Man nennt mich die blaue Magd. Man spottet über mich »Du bist doch im Meer geboren. Der Himmel über Dir ist bestimmt besonders blau gewesen als man Dich gezeugt hat.«

»Ich möchte«, dachte ich eines Tages, »nicht mehr so sein« Nach Feierabend ging ich auf das Feld und legte mich die Nacht über in die tiefste und schlammigste Ackerfurche. Der Tag begann gut, mit dunklen Regenwolken. Ich ging zurück, wusch mich und weinte dann vor dem Spiegel. Am nächsten Tag ging ich ins Wasser und schwamm, tauchte tief, bis mir blau vor den Augen wurde. Am Ufer sah ich in den See und tauchte wieder und immer wieder. Erst am übernächsten Tag gestand ich es mir ein.

»Blaukraut magst Du sicherlich und als Nachtisch Blaubeeren«, lachten sie im Dorf, »Blaumeise, Bläuling, Blauwal, Blaufäule, Du blautöpfige Blaufäule«

Ich mag die Nacht, ich mag Gelb und ich mag Rot und ich mag Wärme. Spätsommer, Reetdächer und trockenes Geäst. Das Dorf brennt lichterloh. Ich finde die grüne Kette, die sowieso niemand mehr vermissen wird, ich finde auch das grüne Hemd, das niemand mehr tragen wird. »Ich möchte«, singe ich.

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[Bild: Kerstin Bober]




Der König

Es war einmal ein König in einem großen Reich. Er lebte in einem Schloss mit breitem Wassergraben und vielen Bediensteten. Aber etwas störte ihn, er hatte die Welt noch nicht kennen gelernt. Sicherlich er kannte Max Stroh und Werner Wichtig und all seine Getreuen, aber sonst?

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Deshalb wollte er allein die Welt entdecken, mit den Menschen reden, die in seinem Reich lebten, für die er sorgte.

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So zog er am nächsten Morgen einfache Gewänder an, schaute nach rechts, schaute nach links und schlich sich aus seinem Königreich.

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Natürlich hatte seine engste Vertraute Martha Treu, die nachts vor Sorge sowieso nie ein Auge schloss, den König aus dem Schloss schleichen sehen.

»Wie nur«, dachte sie, »kann ich dem König ein für alle Mal klar machen, dass es viel zu gefährlich ausserhalb des Schlosses ist?« Sie dachte kurz nach und kam zu einem Entschluss.

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Inzwischen staunte der König nicht schlecht. Der Frühling hatte die Äcker grün gemacht, die Gesichter der Menschen freundlich und offen, jeder begrüßte ihn, keiner wusste, dass er den König vor sich hatte. Ein beleibter Mann zwar, sicherlich jemand mit viel Land, aber niemand wusste dass es der König war, dem das ganze Land gehörte. Mit den Menschen begann der König zu reden, zu schwatzen, zu lachen, über nichts und die ganze Welt, über den Frühling, die Ernte wie sie wohl ausfallen würde und über die Kinder, die geborenen und ungeborenen.

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Der König fühlte sich sonnenwohl und ging immer weiter. Am Wegesrand kam ihm eine Patrouille entgegen. Grimmig fragte der Hauptmann, wer er sei, ein Wanderer, antwortete der König, ein frühlingshaft Suchender. Der Hauptmann erwiderte er sehe aus wie ein Verbrecher, den man schon immer gesucht habe.

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Der Hautmann nämlich hatte von Martha Treu den Auftrag den König so schnell wie möglich wieder in das Schloss zu bringen, ihn als Verbrecher zu verhaften. Danach, so hoffte Martha Treu, würde der König niemals mehr das Schloss verlassen wollen. So machte sich der Hauptmann und seine Gefolgschaft daran den König zu verhaften und wie es Sitte im Lande war den König hier und da zu kneifen, zu ohrfeigen und am Ende blau und windelweich zu schlagen. Der König war einer Ohnmacht nahe, selbst sein, »Aber ich bin doch der König!«, nutzte nichts mehr.

Halb tot schleppten sie den König in sein Schloss zurück. Die Bediensteten des Königs waren außer sich, aber was hatte er auch außerhalb des Schlosses zu suchen? Martha Treu stand bereits am Eingang und erklärte dem Hauptmann und seiner Gefolgschaft, »Und das ist der Herrscher meine Herrschaften.« Der König wurde in sein Zimmer getragen, Martha Treu zog ihm sanft die Bettdecke bis zur Nasenspitze.

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[Bilder: Kerstin Bober]




Die Auktion

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

In jeder Stadt gibt es einen Trödler, einen An- und Verkauf, ein Antiquariat. Ich suche nach Hirschen – in jeder Form.

In Karlsruhe kaufte ich am 1. Mai 1970 mein erstes Hirschgeweih, Rotwild aus braunem Plastik. Meine Hirschsammlung stand noch ganz am Anfang, heute würde ich soetwas nicht mehr kaufen. Dieses Plastik-Hirschgeweih verstaubt in meinem Flur – neben dutzend anderen Hirschgeweihen.

In Hannover setzte am 17. Juni 1981 fast mein Herzschlag aus, ein Bild mit einem springenden Hirsch in einer surrrealen Landschaft. War es das? Ich schloß meine Augen. Da war nichts. Nein, da fehlte etwas, da fehlte sogar viel. Dieser springende Hirsch hängt nun in meinem Schlafzimmer, daneben ist noch ein Platz frei. Ringsherum dutzende, nein ganz genau 37 andere Gemälde und Grafiken von Hirschen.

In Hamburg gibt es kaum Hirsche. Die Trödler kennen mich seit Jahren und legen mir immer etwas zur Seite: eine Schnupftabackdose mit goldenem Hirsch auf einem Felsen, ein Feuerzeug mit einem Hirsch, der wie ein Drachen Feuer speit. Feine Sachen, die ich gekauft habe in den 90er Jahren.

Zum Geburtstag schenkt man mir Hirsche, Socken mit dämlich dreinschauenden Hirschen und Unterhosen mit rülpsenden Hirschen, zu heiß gewaschen dümpeln sie nun in einer Kiste vor sich hin, wie so vieles andere, tausende Hirsch-Nippes.

In den 80er Jahren verbrachte ich oft meinen Urlaub in Bayern, ein Förster machte mir das Angebot mit ihm auf die Pirsch zu gehen, einen Hirsch zu schießen, der schon lange krank in seinem Revier herumhumpelte. Wir waren drei Tage unterwegs, der Hirsch zeigte sich kein einziges Mal. Der Förster schickte mir zwei Monate später das Hirschgeweih, das jetzt im Flur hängt.

Vor zwei Tagen kam ich in Bielefeld an. Ein guter Freund schickte mir den Auktionskatalog zu. Morgen beginnt die Auktion: Hirsche werden versteigert, hunderte Gemälde und Grafiken. Leider wurden nicht alle abfotografiert. Ich muss unbedingt alles über diese Bilder sehen und erfahren. Das Erbe einer verstorbenen Frau, die Neffen wollen alles loswerden, die Kinder der Toten sind unauffindbar, heißt es. Nicht einmal die Polizei weiß mehr.

Ich habe also noch Zeit und klappere alle Trödler, Pfandleiher, Auktionshäuser ab. Im Pfandhaus, direkt neben der St. Jodokus Kirche ergattere ich noch ein Schnäppchen: ein Hirschkopf aus Elfenbein aus den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, ein 14-Ender nur 23cm hoch.

Es ist bereits dunkel geworden, ich gehe zurück ins Hotel, schon lange nicht mehr übernachtete ich bei meinem Freund, der Schallplatten und Klaviere sammelt und keinen Platz mehr für mich hat. Also esse ich im Restaurant und gehe früh schlafen.

Ich träume wie jede Nacht den selbsten Traum: Es regnet, in den Pfützen spiegelt sich blauer Himmel. Doch dann wache ich auf, möchte nicht weiterträumen, wie jede Nacht. Lieber erinnere ich mich an Damals, wie es war. Als ich mit Susanne tanzen war, wie wir nach dem Tanzen auf den Feldern weiter tanzten, wie der Sternenhimmel über uns war. Wir erzählten uns Geschichten, Tiergeschichten, ich war der einsame Wolf, sie … Dann schlafe ich doch wieder ein, träume von zuckerfarbenem Gold, das vom Himmel fällt und das Blau aus den Pfützen vertreibt.

Ich wache auf. Ich nehme mir einen Rotwein aus der Minibar, gehe ins Bad, schaue mir meine Bartstoppel an, trinke den Rotwein aus, setze mich an den kleinen Schreibtisch direkt über der Minibar und schreibe wieder einen Brief an sie.
»Liebe Susanne, erinnerst Du dich noch an unseren ersten Tanz, die Tänze auf dem Feld, die Nacht und dann dieser blaue Himmel. Siehst Du es auch, hast du gefragt, sieht du es auch, wie die Goldmünzen vom Himmel fallen, hast du mich gefragt und gekichert und mich mit Goldstaub, nein mit Puderzucker bedeckt, dass Du noch von der Küche in deiner Tasche stecken hattest.«
Es ist vier Uhr in der Früh, um neun Uhr ist die Auktion. Den Brief hab ich zu den anderen in mein Koffer gelegt.

Es nieselt, es ist leise, so leise wie früher auf den Feldern. Ich platsche in eine Pfütze, in der Nacht hat es viel geregnet. Meine Füße sind nass, die Schuhe undicht. Bis halbsieben verbringe ich den Morgen mit dem Spaziergang, ich liebe es, wie hinter den Gardinen das Licht angeknipst wird, das Radio aus den Häusern klingt, die ersten aus den Häusern wanken, das Röhren der alten Autos, die sich noch weigern anzuspringen. Ich gehe zum Hotel zurück, frühstücke.

Zum ersten, zum zweiten und zum dritten. Ja, das Gemälde gehört mir. Ein Hirsch springt über einen Jäger, der gerade auf ihn anlegt. Der Jäger aus Bayern hätte darüber gelacht, aber ich weiß in meinen Schlafzimmer, direkt über dem Nachttisch ist noch ein Platz frei. Ich warte noch auf die anderen, weiteren Bilder.
Zwei Ölgemälde mit Hirschgeweihen, nein.
Dann eine Grafik, die zwar hübsch ist, sehr klein, nur 12×12 cm, aber ein pinkelnden Hirsch mag ich nicht.
Es wird Kaffee gereicht.
Dann geht es weiter, ein Gemälde im Winter mit drei Hirschen, ich kaufe nur Einzelhirsche.
Die Neffen werden an den Hirschbildern nicht viel verdienen, es sind nur fünf weitere Interessierte bei der Auktion, manche tippen bereits gelangweilt in ihre Handys.

Zuerst sehe ich das richtig geschmolzene Gold auf dem Bild, dann den Himmel in den Pfützen und erinnere mich an den Brief von Susanne:
»Lieber Georg, erinnerst du dich noch an unseren Tag, an das geschmolzene Gold in den Pfützen. Lange ist es her, Du hast dich nie mehr gemeldet. Warum? Dein Hirschlein.«
Es ist aber kein Hirsch auf dem Bild zu sehen. Der Auktionator geht einen Schritt zur Seite, der Hirsch springt fast lächelnd aus dem dunklen Bild heraus. Ich hebe die Hand.

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[Bild: Kerstin Bober]




Aus dem Weg

In der Straßenbahn halte ich mich an einer der Halteschlaufen fest. Ich lasse sie immer wieder los, in der Hoffnung nach hinten geschleudert zu werden, vielleicht auf einen spitzen

Gegenstand. Die Halteschlaufen sind Galgen. Mit der Hand fasse ich sie an: straffes Plastik. Hunderte baumeln zwischen den Fahrgästen. Die Straßenbahn fährt in einen der dunklen Tunnel, die Hinrichtungen werden vorbereitet, unaufhaltsam fischen die Galgen nach den Köpfen der Fahrgäste. Die Straßenbahn bleibt stehen. Die Fahrgäste sind still geworden.

»Eine kleine technische Widrigkeit, es wird … ich hoffe es wird gleich behoben sein«, ruft der Schaffner durch die Lautsprecher. Im schwach beleuchteten Tunnel laufen Kabel entlang, die Telefon- und Elektrizitätsleitungen der Stadt.

Der Beton des Tunnels ist plötzlich voller Regenschlieren. Woher kommt das Wasser? Gleich wird der Schacht vollgelaufen sein. »Durch eine unvorhersehbare technische Panne ertranken einhundertzweiundzwanzig Fahrgäste«, wird morgen in der Lokalpresse zu lesen sein, vielleicht sogar in allen Zeitungen der Republik.

Die Augen schließen, während ich Auto fahre. »Eins, zwei, drei, … vier«, zähle ich, öffne die Augen – und es ist nichts geschehen. Ich hätte auf einen Lastwagen prallen können, eine Straßenlaterne rammen. Bisher zählte ich bis vier, denn ich wollte weder Passanten noch Hunde überfahren. Auf der Autobahn zähle ich bis drei. Zumeist hupen die ersten bereits, wenn ich bis zwei gezählt habe. Einmal streifte ich die Leitplanke, sie war leicht eingedrückt, ebenso meine Fahrertür. Eines Tages werde ich bis sieben oder sogar bis zu meiner Lieblingszahl elf zählen.

Vor einigen Jahren stand ich zwei Stunden lang im Schnee auf einer Brücke, darunter fuhren im Stundentakt Züge. Mich schreckten die Hochspannungsleitungen ab, auch die Schilder »Bitte nicht betreten, Hochspannung, lebensgefährlich«, die ganz in Orange, wie kleine lachende Zuschauer herumstehen.

Ein naher Bekannter stach sich das Messer in die Brust, wollte das Herz treffen und traf nur einen dummen Knochen. Er wollte sich gleich danach, blutend, von einer Brücke stürzen und

brach sich beim Treppensteigen im Hausflur das Bein. Seine Nachbarin schaffte ihn ins Krankenhaus. Wochen danach fuhr er mit einem Bus, der eine Böschung herunterstürzte, er war der einzige Überlebende.

Zielstrebig fliegt die Motte auf ihre Sonne zu, ruht aus und verglüht. Eine Biene wirft sich immer wieder genüsslich auf die Glühbirne. Nach nicht einmal zwei Minuten liegt ihr gebogener Leib auf dem Boden. Ihr Stachel hat sie, wie die Gipfelflagge eines Bergsteigers, in ihren eigenen Leib gerammt.

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[Bild: Kerstin Bober]

 




Die Fischersfrau

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Müde, selbst die Fische, das spürte sie, sind müde.
Autos hupen, Ginkgo Blätter rascheln, jetzt fällt auch noch der Besen um. Sie hält den Atem an. Riecht den frischen Fisch.

Sie streicht über die Schuppen der glatten, ungeduldigen Fische.
Heute Nacht hatte sie nicht träumen können, lag wach, obwohl der Vollmond doch von dicken Wolken verdeckt war.

Fischsuppe mit Ingwer, Curry, Zitronengras, Koriander.
Und ihr Mann mit Fischhänden, Stoppelhaar und grauem Schweigen.

Sie war aufgestanden hatte ihre Tagebücher nach draußen gebracht, dann den leeren Bücherschrank. Es war kalt, das Feuer kroch in die Seiten. Der Wind wehte die Asche davon. Den mageren Rest fegte sie zusammen.

»Presst man die Augen stark zusammen sieht man Fische schwimmen.«, sagt sie zu den Fischen und atmet erleichtert wieder aus.

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[Bild: Kerstin Bober]




Rast

Er hatte sich nicht verfahren. Er war sich sicher. Die Autobahnabfahrt war die richtige. Aber er hatte das Gefühl etwas dringendes nicht erledigt zu haben.

»Zwei Stunden überzogen«, dachte er und schlängelte sich in die Einfahrt des Rasthofs ein. Hier fand er eigentlich immer Platz für seinen LKW, der mit seinem Anhänger über zehn Meter lang maß. Ein blauer Porsche blockierte die Einfahrt.

»Affengesicht«, schrie er und hupte zwei Mal. Der Porsche blieb stehen.
»Kamelarsch«, er hupte noch einmal. Der Porsche fuhr weiter.

Er stellt den LKW ab. Nur noch sechs Stunden Schlaf, morgen musste er bereits in Athen sein. Heute lag er zwanzig Kilometer vor München. Ein Unfall auf der B3 warf ihn drei Stunden zurück. Seit zwölf Jahren fuhr er den LKW, seit elf Jahren wohnte er alleine außerhalb von Hannover. Seit fünf Jahren transportierte er Holz, davor Gefahrengut, das gab mehr Geld, aber Holz fuhr er lieber, es roch besser. In Athen wartete eine Ladung Holz auf ihn.

Aber was war es, was er vergessen hatte? Er schaute sich um, sah in den Rückspiegel, seine Hände, auf das Lenkrad, den leeren Sitz neben sich, sah auf die Straße. Er stieg aus, erleichtert. Hunger verspürte er nicht mehr, auch keine Müdigkeit. Er prüfte die Stärke der Straße. Wie viele tausende von Kilometer fuhr er eigentlich schon auf den Straßen? Er schaute auf den schwarzen Teerbelag, stampfte kurz auf. Alles fest und hart. Aber das dürfte keine Schwierigkeiten machen. Hinter dem Rücksitz lag noch das Werkzeug vom Hausbau.

Er schaltete das Handy aus, dann macht er sich an die Arbeit.
Direkt neben seinem LKW fing er an. Die Spitzhacke senkte sich auf die Straße – ein winziges Loch. Er holte aus, der Teerbelag hatte nachgegeben. Endlich. Nach zwanzig Minuten hatte die Spitzhacke ein handballengroßes Loch gehauen. Das musste reichen. Das war es. Er setzte sich neben das Loch und grub jetzt mit den Händen weiter. Sand, Kieselsteine, Erde.
In jede freie Tasche, Hose, Jacke, Hemd, füllte er Erde. Er stand auf, nahm die Spitzhacke, legte sie wieder hinter den Rücksitz.

»Athen, Griechenland«, dachte er, »Holz, dieser Geruch, fast so gut wie Laub oder Erde.« Dann ging er langsam, mit einem Grinsen zum Rasthof.

Rast
[Bild: Kerstin Bober]




Die Mücke mit dem Regenschirm

Mücken, die summen stechen nicht, sagen die Menschen. Auch das ist Quatsch. Uns Mücken kennt eigentlich niemand. Denn wir können nicht summen wie unsere Onkel und Tanten die Bienen, wir fliegen tagein, tagaus über euch — das ist eigentlich alles.

Mir war das immer viel zu langweilig. Wir gehören zwar zur Gattung der Zweiflügler, wenn Sie es genau wissen wollen, der Deckelschlüpfer, die nicht schneller als elf Kilometer pro Stunde fliegen. Aber muss ich mir deshalb alles gefallen lassen?
Ich ernähre mich von tierischen Körperflüssigkeiten oder von Planzensäften, besuche dazu Blüten, Früchte, Lebensmittel, Abfälle, Kadaver, Kot.

Früher wurden wir mit dem Tod und dem Teufel in Verbindung gebracht. Der Fliegen Gott Beelzebub ist der oberste Teufel. Um es für alle Male hier und jetzt deutlich zu sagen: ich bin eine Schnake. Und Schnaken, verdammt noch mal, wir Schnaken können — und wollen auch gar nicht, stechen. Wir saugen einzig und alleine Flüssigkeit oder zerkleinern und verzehren mit unseren kräftigen Oberkiefern verwesendes und frisches Pflanzenmaterial. Viele finden ja unseren Flug unbeholfen, ach was, das liegt nur daran, das wir den Regen hassen. Und ich bin eine Riesen-Schnake — in unserer Familie gibt es 13.000 verschiedene Arten.

Angenehm! Aber darum geht es hier sowieso überhaupt nicht. Denn man nennt mich die »Mücke mit dem Regenschirm«. Haha, werden sie jetzt sagen, eine Mücke mit Regenschirm, wer hat so etwas schon mal gehört — oder gar gesehen? Bevor jetzt Spott und Hohn kommt sollten sie ihre Fliegenklatsche wegstecken und mir einfach nur zuhören!

Geschlüpft bin ich in einem kleinen Auenwald in Süddeutschland.

Fortsetzung folgt




Pinguine

Ich warte auf die Pinguine.
Natürlich werden manche einwenden, kann ich darauf lange warten, auf Pinguine warten.
Aber ich bin mir sicher, die Pinguine werden kommen.
Neulich im Tiergarten hat mir ein Pinguin ein Zettel zugeworfen:
»Lass‘ uns am Bahnhof, Bahnsteig 4 treffen«.
Wieder werden manche einwenden, Pinguine können nicht schreiben, aber Pinguine können schreiben — und rechnen übrigens auch.

Ich warte also auf dem Bahnsteig vier und nicke diesem und jenem zu.
Eine junge Frau in Jeans, mit langen braunen Haaren nickt mir zu.
Ich gehe auf sie zu und frage sie »Auf wen warten Sie, junge Frau, auch auf Pinguine?«.
Sie schüttelt mit dem Kopf. Ich warte neben ihr.
Aus den Zügen steigen Menschen, Hunde und Koffer aus. Es ist bereits viertel nach zehn. Die junge Frau neben mir verabschiedet sich.

Fast habe ich es aufgegeben zu warten, sieht mich ein Junge fragend an »Du wartest?«,
»Ja!«, sage ich.
»Auf die Pinguine?«, fragt er.
»Ja!«, sage ich.
»Die kommen heute nicht mehr.«, sagt er.
»Ah, die kommen heute nicht mehr.«, sage ich.
»Nein!«, sagt der Junge und drückt mir einen Zettel in die Hand.
»Lass‘ uns am Bahnhof, Bahnsteig vier treffen.«
Der Junge hat recht, die Pinguine kommen heute nicht mehr — vielleicht morgen.




Maria

Ich habe Maria wiedergesehen. Sie ist älter geworden. Zusammen mit einem Sascha sass sie in der Straßenbahn. Maria liebt jetzt Sascha. Und beide sprachen russisch. Früher habe ich nie bemerkt, dass Maria russisch spricht. Erst seit sie Sascha liebt spricht sie russisch. Ich habe mir die beiden genau angesehen. Maria sieht immer noch wie ein Kind aus. Aber sie hat ihre Augenbrauen ausgezupft. Ein kleiner dunkler Strich über ihren Augen ersetzt ihre Augenbrauen. Ihre schmale langen Finger. Sascha tapst auf Marias Fingerkuppen. Dann sieht er wieder aus dem Fenster. Und Maria tapst auf Saschas Knie, als ob er noch einmal, stärker, besitzergreifender ihre Finger­kuppen, ihre Hände, Maria nehmen sollte. Aber Sascha sieht aus dem Fenster, sieht den Beton des U-Bahn-Schachts. Ich habe Maria noch nie so geliebt wie in diesem Moment. Sicherlich stammt Sascha von ukrainischen Bauern ab. Zwar fehlen ihm die dicken Mohrrübenfinger und diese Schweinsäuglein der Landbevölkerung, dafür aber sind seine Hände unruhig, zittrig, wie die eines alten Mannes. Und Sascha ist nicht älter als ich. Sein Gesicht ist noch nicht faltig, aber tiefe Augenfurchen und erste Stirnfalten zeichnen ihn.

Erst ein Jahr später sah ich Maria wieder in der Straßenbahn. Maria stand kerzengerade in der Straßenbahn, vor ihr ein langer Stock mit rotem Griff, der ihr bis zum Kinn reichte. Ich glaube, es war ein Blindenstock. Woran war Maria erblindet? An ihrer Liebe, vielleicht zu Sascha? Wahrscheinlicher war aber eine Gewalttat des bäurischen Saschas an Maria. Alkoholisiert, wie alle Bauern, nach einigen Jahren in der Großstadt, stach er ihre Augen aus, oder er blendete sie. Sicherlich hat Sascha Maria geblendet, wie seine Vorfahren, machte er ein Eisen glühend heiss und hielt es ihr vor die Augen. Maria ertrug das alles. Maria mir.

Und irgendwann einmal wird Maria wieder in der Straßenbahn sein, diesmal schlafend. Ich werde sie nicht stören. Sie wird träumen, vielleicht auch von mir, während die Straßenbahn ihren Schlaf schaukelnd überwacht. Ich werde mir dann Marias Lippen aus nächster Nähe wieder ansehen können, diese Trapeze. Im Schlaf wird sie lächeln und ich mit ihr.




Der blinde Passagier

»Ich liebe Dich nicht mehr.« Es ist alles korrekt, die Faxnummer ist ihre, es ist ihre Unterschrift: ein wenig in die Länge gezogen, leicht nach unten gebogen das ›t‹. Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis der Morgen anbricht.

Ich habe sie seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht mehr warum. Wahrscheinlich ist meine Arbeit daran schuld.
»Ich werde schreiben. Eine Erzählung!«, hatte ich zu ihr gesagt.
Und sie hatte gelacht.
»Du wirst sehen, ich werde wieder zum Schreiben kommen. Nicht in zwei Tagen, aber sicherlich in zwei, drei Wochen.«
Und dann zog sie sich an und lächelte. «Melde dich! Ich warte nicht sehr lange.« Das hatte sie gesagt. Und ich hatte es vergessen.

»Ich liebe Dich aber!«, schreibe ich, lege das Papier in das Fax, tippe die Nummer ein und schicke es ab. Etwas besseres gelingt mir im Moment nicht. Die ersten Sätze waren schwer gewesen. Damals saß ich wie krank vor dem Schreibtisch, ignorierte jedes Telefonklingeln, und zog die Jalousien weit herunter. Dann aber die ersten Sätze:
»Sicherlich lag es an diesem Sommer. Er war weder heiß noch hell. Immer bedeckte eine Wolkenschicht den Himmel. Aber nicht nur deshalb wollte ich als blinder Passagier das Land verlassen.«

Jetzt nehme ich mir das letzte Kapitel meiner Erzählung vor, die ich vor zwei Monaten begonnen hatte.
»Zitternd stand ich vor dem Kapitän. Blinde Passagiere wirft man hier über Bord, hatte mir der Smutje zugeflüstert. Der Smutje war klein und dünn und roch nach Soljanka mit viel Zwiebeln.«
Diese Sätze waren schnell entstanden, in einigen Minuten. Dafür verbrachte ich für die Vorgeschichte des blinden Passagiers zwei Monate. Jetzt kenne ich den blinden Passagier. Und nun soll ich ihn über Bord werfen?

Ein neues Fax ist eingetroffen. Ein einziges Wort hat sie darauf geschrieben. »Blödkopf«, und nicht einmal unterschrieben. Ich werde ihr erst später antworten. Zunächst muss ich die Sache mit dem blinden Passagier in Ordnung bringen.
»Nun sollte also alles umsonst gewesen sein. Zwei Wochen Überfahrt in dem engen Beiboot, unter Sturm und Regen und magerem Proviant. Übermorgen wäre das Schiff im rettenden Hafen eingetroffen. Wenn sie mich jetzt über Bord würfen, wäre das Land immer noch zu weit. Was wusste ich eigentlich über Haie?»

Natürlich hatte sie mir immer wieder angedroht, meine Tunnelgänge nicht mehr mitzumachen, meine Selbstzweifel und mein mageres Konto. Sicherlich, es war bereits der dritte Anlauf, aber dieses Mal gedeiht eine große Geschichte. Der blinde Passagier muss über Bord geworfen werden!

»Ich wollte Mirjam wieder sehen. Wir hatten uns geschrieben, das wir uns eines Tages wiedersehen. Ich hatte ihr tagtäglich geschrieben, von ihren Küssen, die ich vermisse. Und sie hatte mir geschrieben, von meinen Küssen, die sie vermisse. Acht Monate lang hatten wir uns täglich geschrieben. Und dann schrieb ich ihr, ich käme in drei Wochen zu ihr. Drei Wochen also ohne Briefe, so lange würde die Überfahrt dauern. Ich hatte ihr nicht gesagt, das ich als blinder Passagier fahren wolle. Aber ich würde in drei Wochen vor ihrer Tür stehen. Und in drei Tagen sind die drei Wochen um. Der Smutje sagt, ich habe keine Chance. Der Kapitän steht vor mir wie ein Obelisk. Aus seinen Hosentaschen kramt er einen Schlüsselbund. Ich sehe in seinen Augen das Meer, gleich wird er mich über Bord werfen.«

Was soll ich ihr antworten? Auf dem Schreibtisch steht noch ein Tintenfaß. Es ist noch halbvoll. Also öffne ich das Tintenfaß, tunke meinen Zeigefinger hinein, und schmiere die Tinte um meinen Mund, drücke ihn auf ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier. Ich wähle ihre Nummer und sende das Fax. Die Geschichte stagniert. Sie hätte mir noch wenigstens eine Woche geben müssen. Aber so war es immer, immer kam sie dazwischen. Aber so muss ich vielleicht nun auch nicht den blinden Passagier über Bord werfen. Sicherlich wird sie gleich herkommen wollen, und ich werde irgendwann meinen vierten Anlauf starten müssen. Es liegen ein gut dutzend Kurzgeschichten und Erzählungen herum, alle haben kein Ende. Während ich also auf ihr Fax warte, lese ich noch einmal meine Aufzeichnungen des blinden Passagiers, seine Liebesgeschichte, wie er Mirjiam kennenlernte. Und dann die Briefe. Die Briefe sind eigentlich das Wichtigste der Erzählung.

Soll ich ihn wirklich über Bord werfen? Ich stehe vom Schreibtisch auf, gehe an das Fenster, sehe auf den großen Parkplatz. Ein Mann mit roter Krawatte geht müde über den Parkplatz, schließt einen roten BMW auf. Bevor er wegfährt, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. Ihr Fax braucht eine Ewigkeit.

»Den Schlüsselbund hatte der Kapitän zwischen zwei Finger gesteckt, er klapperte damit wie eine Klapperschlange. Dabei sah er mich von oben bis unten an. ›So so‹, sagte er, ›da ist er also, der blinde Passagier. Wir haben schon viel von blinden Passgieren gehört, aber bisher noch nie einen eigenen gehabt. Sie wissen, was man mit blinden Passagieren macht?‹ Der Kapitän nahm einen langen Schlüssel vom Schlüsselbund und machte eine eindeutige Geste vor seinem Hals. Dann klapperte er wieder mit dem Schlüsselbund.«

Wir kennen uns vier Jahre. Sie hat sich nie an meinem Schreiben gestört. An meinem Nichtschreiben auch nicht. Sie hat mir schon immer Faxe geschickt. Und immer wenn es ihr zuviel wurde schrieb sie, sie liebe mich nicht mehr. Dann schickten wir uns die ganze Nacht über Faxe, oft zwei Tage lang, bis sie sich erbarmte an meiner Haustür zu klingeln, und mir mit einem Lächeln über die Haare zu streichen, und ihr »Na, wie geht’s!« zu hauchen.
Sicherlich mit meinem Schreiben kann ich nicht einmal meine Miete bezahlen. Und diese Geschichte ist noch lange nicht fertig. Erst muss der blinde Passagier über Bord geworfen werden. Vielleicht schafft er es doch noch das rettende Ufer zu erreichen? Aber dazu ist er eigentlich zu ausgehungert. Und ein anderes Schiff? Oder Treibholz, ein Ausflugsdampfer — vielleicht eine schöne Frau, die ihn auffischt? Nein, nein. Ihn erst einmal über Bord werfen, das weitere wird sich geben.

»Der Smutje stand immer noch hinter mir, ich roch jetzt auch noch die schlechte Wurst der Soljanka. Eingekeilt zwischen Kapitän und Smutje versuchte ich ein wenig Luft zu holen, indem ich den Kopf nach oben warf. Ausgerechnet Sonnenaufgang, rosa Himmel, Kreischen der Möwen und ein laues Lüftchen. Mirjiam liebt auch das Meer, wohnt sie doch direkt am Meer.«

Der Faxapparat klingelt. Einzig ihre Faxnummer ist vermerkt, ansonsten verfluchtes Papierweiß. Ärgerlich zerknülle ich es, und werfe es zu den anderen Papieren, in die Ecke des Zimmers.

»Jetzt also war es soweit. Sie würden mich in das Meer werfen. Der Smutje und der Kapitän packten mich an der Schulter. Ich hörte das Schlüsselklappern und roch die verdorbene Soljanka. Ich schrie auf, wehrte mich mit Händen und Füßen. Der Kapitän versetzte mir ein Kinnhaken, der Smutje schlug mir in die Magengrube.«

Ein neues Fax. »Na gut. Ich komme.«
Ich habe den Champagner kalt gestellt, den Käse aus dem Kühlschrank genommen und Brot geschnitten. Gläser stehen bereit — der Tisch ist gedeckt. Das Warten wird lang.

»Als ich erwachte lag eine Schlinge um meinen Hals, wie bei einem wilden Tier. Ich dachte wieder an Mirjam. In einem der letzten Briefe hatte sie gefragt, von was ich leben werde. Und ich hatte ihr geantwortet, vom Schreiben, oder ich werde Spüler in einem Hotel oder Nachtportier. Es gab auch Schriftsteller, die werden Totengräber, aus ihnen aber wird nie etwas, schrieb ich ihr. Eher aus denen, die Nachtwächter, Nachtportier, Nachtsänger werden, einfach nur von Gelegenheitsjobs leben. Mirjam hatte mich nie gefragt, was ich schreibe, auch nie wie viel ich schreibe. Vielleicht wäre ich für sie eine einzige Enttäuschung gewesen. Natürlich hätte sie geweint, wenn ich an ihre Tür geklopft hätte; wir hätten einige schöne Nächte verbracht. Aber danach wäre ich wieder vor einem leeren Blatt Papier gesessen und hätte geflucht. Schließlich hätte ich eine Arbeit gefunden als Buchverkäufer oder Blumenhändler. Dazu wäre ich sicherlich zu gebrauchen gewesen.»

Das Warten macht meine Sätze ungelenk. Zuviel ›hätte‹, zuviel Vermutungen und kein vorwärts kommen der Geschichte. Das letzte Mal kam sie erst zwei Tage später. Manchmal kam sie aber auch schon nach einer halben Stunde. Sie ist einfach unberechenbar.

»Ich hörte den Smutje laut lachen. Er las ihre Briefe, las sie dem Kapitän, der gesammelten Mannschaft laut vor. Wütend wollte ich aufstehen, doch der Strick zog sich fester, war an ein Stück Holz an der Decke des kleinen dunklen Raumes gebunden. So saß ich da, wie ein Selbstmörder, der seinen Strick zu lange gelassen hat.«

Ich bin müde geworden. Am Himmel schweben die ersten Fesselballons. Jeden Morgen machen sie sich auf, vom Stadtrand zur Stadt und wieder zurück. Wahrscheinlich ist sie mit dem Wagen stehen geblieben, ausgestiegen und sieht ihnen zu, wie sie ihr immer näher kommen. Und später wird sie mir ganz genau sagen, welche Reklame auf den Fesselballons steht. Und ich werde ihr interessiert zuhören, während ich ihr den Rock aufknöpfe. Wir werden zusammen lachen, wenn ich ihren Büstenhalter wieder einmal nicht aufbekomme. Und sie wird mir weiter staunend von den Fesselballons berichten, mir vorschlagen auch einmal damit zu fliegen.
»Du wirst auf andere Gedanken kommen!«, wird sie sagen, während ich mich weiter mit ihrem Büstenhalter beschäftige, den ich nun einfach über ihren Kopf gezogen haben werde. Es wird irgendwie unpassend sein, wie immer. Aber das wird nichts machen. Sie wird mich danach fragen, wie weit ich mit dem Schreiben gekommen bin, und mich anlächeln wie eine Sphinx. Und sie wird ihren Mund öffnen, als ob sie mich etwas fragen will. Aber sie wird mich stattdessen küssen.

»Ich spürte weiter den Druck auf meinem Hals, der Strick war eng um meinen Kehlkopf gelegt. Ich schrie. Ein klägliches Würgen und Gurgeln. Schlagartig wurde der kleine Raum hell. Der Smutje stand lachend, sich den Bauch haltend an der Tür. ›Diese Briefe behalten wir hier, du aber wirst jetzt nach guter alter Seemanssitte über Bord geworfen‹, sagte er. Und löste die Schlinge von meinem Hals, löste meine Armfesseln. Mirjams Briefe durften nicht in diesen, von schlechter Soljanka stinkenden Händen, bleiben.»

Die Vögel zwitschern. Heute wird sie nicht mehr kommen. Ich gehe in die Küche, nehme den Champagner aus dem Kühlschrank. Ich werde den Blinden Passagier noch über Bord werfen müssen — heute. Und trinke das zweite Glas aus.