Die Mücke mit dem Regenschirm

Mücken, die summen stechen nicht, sagen die Menschen. Auch das ist Quatsch. Uns Mücken kennt eigentlich niemand. Denn wir können nicht summen wie unsere Onkel und Tanten die Bienen, wir fliegen tagein, tagaus über euch — das ist eigentlich alles.

Mir war das immer viel zu langweilig. Wir gehören zwar zur Gattung der Zweiflügler, wenn Sie es genau wissen wollen, der Deckelschlüpfer, die nicht schneller als elf Kilometer pro Stunde fliegen. Aber muss ich mir deshalb alles gefallen lassen?
Ich ernähre mich von tierischen Körperflüssigkeiten oder von Planzensäften, besuche dazu Blüten, Früchte, Lebensmittel, Abfälle, Kadaver, Kot.

Früher wurden wir mit dem Tod und dem Teufel in Verbindung gebracht. Der Fliegen Gott Beelzebub ist der oberste Teufel. Um es für alle Male hier und jetzt deutlich zu sagen: ich bin eine Schnake. Und Schnaken, verdammt noch mal, wir Schnaken können — und wollen auch gar nicht, stechen. Wir saugen einzig und alleine Flüssigkeit oder zerkleinern und verzehren mit unseren kräftigen Oberkiefern verwesendes und frisches Pflanzenmaterial. Viele finden ja unseren Flug unbeholfen, ach was, das liegt nur daran, das wir den Regen hassen. Und ich bin eine Riesen-Schnake — in unserer Familie gibt es 13.000 verschiedene Arten.

Angenehm! Aber darum geht es hier sowieso überhaupt nicht. Denn man nennt mich die »Mücke mit dem Regenschirm«. Haha, werden sie jetzt sagen, eine Mücke mit Regenschirm, wer hat so etwas schon mal gehört — oder gar gesehen? Bevor jetzt Spott und Hohn kommt sollten sie ihre Fliegenklatsche wegstecken und mir einfach nur zuhören!

Geschlüpft bin ich in einem kleinen Auenwald in Süddeutschland.

Fortsetzung folgt




Pinguine

Ich warte auf die Pinguine.
Natürlich werden manche einwenden, kann ich darauf lange warten, auf Pinguine warten.
Aber ich bin mir sicher, die Pinguine werden kommen.
Neulich im Tiergarten hat mir ein Pinguin ein Zettel zugeworfen:
»Lass’ uns am Bahnhof, Bahnsteig 4 treffen«.
Wieder werden manche einwenden, Pinguine können nicht schreiben, aber Pinguine können schreiben — und rechnen übrigens auch.

Ich warte also auf dem Bahnsteig vier und nicke diesem und jenem zu.
Eine junge Frau in Jeans, mit langen braunen Haaren nickt mir zu.
Ich gehe auf sie zu und frage sie »Auf wen warten Sie, junge Frau, auch auf Pinguine?«.
Sie schüttelt mit dem Kopf. Ich warte neben ihr.
Aus den Zügen steigen Menschen, Hunde und Koffer aus. Es ist bereits viertel nach zehn. Die junge Frau neben mir verabschiedet sich.

Fast habe ich es aufgegeben zu warten, sieht mich ein Junge fragend an »Du wartest?«,
»Ja!«, sage ich.
»Auf die Pinguine?«, fragt er.
»Ja!«, sage ich.
»Die kommen heute nicht mehr.«, sagt er.
»Ah, die kommen heute nicht mehr.«, sage ich.
»Nein!«, sagt der Junge und drückt mir einen Zettel in die Hand.
»Lass’ uns am Bahnhof, Bahnsteig vier treffen.«
Der Junge hat recht, die Pinguine kommen heute nicht mehr — vielleicht morgen.




Kafkaesk

»Erklär mir, was ist kafkaesk?«, sagte sie. Und ich erzählte ihr von Kafka, seinem schiefen Hut, den schwarzkristallenen Erzählungen und Romanen. Und ich sah auf ihr Kinn, die feinen Haare, schaute auf ihre langen Beine.

»Kafkaesk, das habe ich schon sooft gehört, erzähl mir mehr!«, sagte sie. Ihre braunen Augen schauten auf mich und dann in die Tiefe der Bar. Und ich sah auf ihren Mund, die kleinen braunen Flecke auf ihren Zähnen. Sie hatte mir von Russland erzählt, das jedes Buch ein Schatz war, das nie, niemals ausgeliehen wurde. Das erzählte sie. Und ich roch ihr blumiges, ja sanftes Parfüm.

Sie sah auf ihre Uhr, »Nicht wegen Dir, meine Tochter, ich muss zu ihr – bald!«. Dann erzählte ich weiter über Kafka, seine Sprache, die schon gar keine Sprache mehr ist, vielmehr Töne, Musik, und den Buchstaben die zu Gestalten geworden waren. Ihre Hände berührten fast meine Knöchel, die sich fest aneinandergebissen hatten. Ihre Hände, diese aristokratischen Hände, die sie in roten Handschuhen versteckt hatte.
Aber ich erzählte ihr nicht, das ich sie liebe und sie sagte, »Jetzt weiss ich endlich was kafkaesk bedeutet!«.




Maria

Ich habe Maria wiedergesehen. Sie ist älter geworden. Zusammen mit einem Sascha sass sie in der Straßenbahn. Maria liebt jetzt Sascha. Und beide sprachen russisch. Früher habe ich nie bemerkt, dass Maria russisch spricht. Erst seit sie Sascha liebt spricht sie russisch. Ich habe mir die beiden genau angesehen. Maria sieht immer noch wie ein Kind aus. Aber sie hat ihre Augenbrauen ausgezupft. Ein kleiner dunkler Strich über ihren Augen ersetzt ihre Augenbrauen. Ihre schmale langen Finger. Sascha tapst auf Marias Fingerkuppen. Dann sieht er wieder aus dem Fenster. Und Maria tapst auf Saschas Knie, als ob er noch einmal, stärker, besitzergreifender ihre Finger­kuppen, ihre Hände, Maria nehmen sollte. Aber Sascha sieht aus dem Fenster, sieht den Beton des U-Bahn-Schachts. Ich habe Maria noch nie so geliebt wie in diesem Moment. Sicherlich stammt Sascha von ukrainischen Bauern ab. Zwar fehlen ihm die dicken Mohrrübenfinger und diese Schweinsäuglein der Landbevölkerung, dafür aber sind seine Hände unruhig, zittrig, wie die eines alten Mannes. Und Sascha ist nicht älter als ich. Sein Gesicht ist noch nicht faltig, aber tiefe Augenfurchen und erste Stirnfalten zeichnen ihn.

Erst ein Jahr später sah ich Maria wieder in der Straßenbahn. Maria stand kerzengerade in der Straßenbahn, vor ihr ein langer Stock mit rotem Griff, der ihr bis zum Kinn reichte. Ich glaube, es war ein Blindenstock. Woran war Maria erblindet? An ihrer Liebe, vielleicht zu Sascha? Wahrscheinlicher war aber eine Gewalttat des bäurischen Saschas an Maria. Alkoholisiert, wie alle Bauern, nach einigen Jahren in der Großstadt, stach er ihre Augen aus, oder er blendete sie. Sicherlich hat Sascha Maria geblendet, wie seine Vorfahren, machte er ein Eisen glühend heiss und hielt es ihr vor die Augen. Maria ertrug das alles. Maria mir.

Und irgendwann einmal wird Maria wieder in der Straßenbahn sein, diesmal schlafend. Ich werde sie nicht stören. Sie wird träumen, vielleicht auch von mir, während die Straßenbahn ihren Schlaf schaukelnd überwacht. Ich werde mir dann Marias Lippen aus nächster Nähe wieder ansehen können, diese Trapeze. Im Schlaf wird sie lächeln und ich mit ihr.




Der blinde Passagier

»Ich liebe Dich nicht mehr.« Es ist alles korrekt, die Faxnummer ist ihre, es ist ihre Unterschrift: ein wenig in die Länge gezogen, leicht nach unten gebogen das ›t‹. Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis der Morgen anbricht.

Ich habe sie seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht mehr warum. Wahrscheinlich ist meine Arbeit daran schuld.
»Ich werde schreiben. Eine Erzählung!«, hatte ich zu ihr gesagt.
Und sie hatte gelacht.
»Du wirst sehen, ich werde wieder zum Schreiben kommen. Nicht in zwei Tagen, aber sicherlich in zwei, drei Wochen.«
Und dann zog sie sich an und lächelte. «Melde dich! Ich warte nicht sehr lange.« Das hatte sie gesagt. Und ich hatte es vergessen.

»Ich liebe Dich aber!«, schreibe ich, lege das Papier in das Fax, tippe die Nummer ein und schicke es ab. Etwas besseres gelingt mir im Moment nicht. Die ersten Sätze waren schwer gewesen. Damals saß ich wie krank vor dem Schreibtisch, ignorierte jedes Telefonklingeln, und zog die Jalousien weit herunter. Dann aber die ersten Sätze:
»Sicherlich lag es an diesem Sommer. Er war weder heiß noch hell. Immer bedeckte eine Wolkenschicht den Himmel. Aber nicht nur deshalb wollte ich als blinder Passagier das Land verlassen.«

Jetzt nehme ich mir das letzte Kapitel meiner Erzählung vor, die ich vor zwei Monaten begonnen hatte.
»Zitternd stand ich vor dem Kapitän. Blinde Passagiere wirft man hier über Bord, hatte mir der Smutje zugeflüstert. Der Smutje war klein und dünn und roch nach Soljanka mit viel Zwiebeln.«
Diese Sätze waren schnell entstanden, in einigen Minuten. Dafür verbrachte ich für die Vorgeschichte des blinden Passagiers zwei Monate. Jetzt kenne ich den blinden Passagier. Und nun soll ich ihn über Bord werfen?

Ein neues Fax ist eingetroffen. Ein einziges Wort hat sie darauf geschrieben. »Blödkopf«, und nicht einmal unterschrieben. Ich werde ihr erst später antworten. Zunächst muss ich die Sache mit dem blinden Passagier in Ordnung bringen.
»Nun sollte also alles umsonst gewesen sein. Zwei Wochen Überfahrt in dem engen Beiboot, unter Sturm und Regen und magerem Proviant. Übermorgen wäre das Schiff im rettenden Hafen eingetroffen. Wenn sie mich jetzt über Bord würfen, wäre das Land immer noch zu weit. Was wusste ich eigentlich über Haie?»

Natürlich hatte sie mir immer wieder angedroht, meine Tunnelgänge nicht mehr mitzumachen, meine Selbstzweifel und mein mageres Konto. Sicherlich, es war bereits der dritte Anlauf, aber dieses Mal gedeiht eine große Geschichte. Der blinde Passagier muss über Bord geworfen werden!

»Ich wollte Mirjam wieder sehen. Wir hatten uns geschrieben, das wir uns eines Tages wiedersehen. Ich hatte ihr tagtäglich geschrieben, von ihren Küssen, die ich vermisse. Und sie hatte mir geschrieben, von meinen Küssen, die sie vermisse. Acht Monate lang hatten wir uns täglich geschrieben. Und dann schrieb ich ihr, ich käme in drei Wochen zu ihr. Drei Wochen also ohne Briefe, so lange würde die Überfahrt dauern. Ich hatte ihr nicht gesagt, das ich als blinder Passagier fahren wolle. Aber ich würde in drei Wochen vor ihrer Tür stehen. Und in drei Tagen sind die drei Wochen um. Der Smutje sagt, ich habe keine Chance. Der Kapitän steht vor mir wie ein Obelisk. Aus seinen Hosentaschen kramt er einen Schlüsselbund. Ich sehe in seinen Augen das Meer, gleich wird er mich über Bord werfen.«

Was soll ich ihr antworten? Auf dem Schreibtisch steht noch ein Tintenfaß. Es ist noch halbvoll. Also öffne ich das Tintenfaß, tunke meinen Zeigefinger hinein, und schmiere die Tinte um meinen Mund, drücke ihn auf ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier. Ich wähle ihre Nummer und sende das Fax. Die Geschichte stagniert. Sie hätte mir noch wenigstens eine Woche geben müssen. Aber so war es immer, immer kam sie dazwischen. Aber so muss ich vielleicht nun auch nicht den blinden Passagier über Bord werfen. Sicherlich wird sie gleich herkommen wollen, und ich werde irgendwann meinen vierten Anlauf starten müssen. Es liegen ein gut dutzend Kurzgeschichten und Erzählungen herum, alle haben kein Ende. Während ich also auf ihr Fax warte, lese ich noch einmal meine Aufzeichnungen des blinden Passagiers, seine Liebesgeschichte, wie er Mirjiam kennenlernte. Und dann die Briefe. Die Briefe sind eigentlich das Wichtigste der Erzählung.

Soll ich ihn wirklich über Bord werfen? Ich stehe vom Schreibtisch auf, gehe an das Fenster, sehe auf den großen Parkplatz. Ein Mann mit roter Krawatte geht müde über den Parkplatz, schließt einen roten BMW auf. Bevor er wegfährt, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. Ihr Fax braucht eine Ewigkeit.

»Den Schlüsselbund hatte der Kapitän zwischen zwei Finger gesteckt, er klapperte damit wie eine Klapperschlange. Dabei sah er mich von oben bis unten an. ›So so‹, sagte er, ›da ist er also, der blinde Passagier. Wir haben schon viel von blinden Passgieren gehört, aber bisher noch nie einen eigenen gehabt. Sie wissen, was man mit blinden Passagieren macht?‹ Der Kapitän nahm einen langen Schlüssel vom Schlüsselbund und machte eine eindeutige Geste vor seinem Hals. Dann klapperte er wieder mit dem Schlüsselbund.«

Wir kennen uns vier Jahre. Sie hat sich nie an meinem Schreiben gestört. An meinem Nichtschreiben auch nicht. Sie hat mir schon immer Faxe geschickt. Und immer wenn es ihr zuviel wurde schrieb sie, sie liebe mich nicht mehr. Dann schickten wir uns die ganze Nacht über Faxe, oft zwei Tage lang, bis sie sich erbarmte an meiner Haustür zu klingeln, und mir mit einem Lächeln über die Haare zu streichen, und ihr »Na, wie geht’s!« zu hauchen.
Sicherlich mit meinem Schreiben kann ich nicht einmal meine Miete bezahlen. Und diese Geschichte ist noch lange nicht fertig. Erst muss der blinde Passagier über Bord geworfen werden. Vielleicht schafft er es doch noch das rettende Ufer zu erreichen? Aber dazu ist er eigentlich zu ausgehungert. Und ein anderes Schiff? Oder Treibholz, ein Ausflugsdampfer — vielleicht eine schöne Frau, die ihn auffischt? Nein, nein. Ihn erst einmal über Bord werfen, das weitere wird sich geben.

»Der Smutje stand immer noch hinter mir, ich roch jetzt auch noch die schlechte Wurst der Soljanka. Eingekeilt zwischen Kapitän und Smutje versuchte ich ein wenig Luft zu holen, indem ich den Kopf nach oben warf. Ausgerechnet Sonnenaufgang, rosa Himmel, Kreischen der Möwen und ein laues Lüftchen. Mirjiam liebt auch das Meer, wohnt sie doch direkt am Meer.«

Der Faxapparat klingelt. Einzig ihre Faxnummer ist vermerkt, ansonsten verfluchtes Papierweiß. Ärgerlich zerknülle ich es, und werfe es zu den anderen Papieren, in die Ecke des Zimmers.

»Jetzt also war es soweit. Sie würden mich in das Meer werfen. Der Smutje und der Kapitän packten mich an der Schulter. Ich hörte das Schlüsselklappern und roch die verdorbene Soljanka. Ich schrie auf, wehrte mich mit Händen und Füßen. Der Kapitän versetzte mir ein Kinnhaken, der Smutje schlug mir in die Magengrube.«

Ein neues Fax. »Na gut. Ich komme.«
Ich habe den Champagner kalt gestellt, den Käse aus dem Kühlschrank genommen und Brot geschnitten. Gläser stehen bereit — der Tisch ist gedeckt. Das Warten wird lang.

»Als ich erwachte lag eine Schlinge um meinen Hals, wie bei einem wilden Tier. Ich dachte wieder an Mirjam. In einem der letzten Briefe hatte sie gefragt, von was ich leben werde. Und ich hatte ihr geantwortet, vom Schreiben, oder ich werde Spüler in einem Hotel oder Nachtportier. Es gab auch Schriftsteller, die werden Totengräber, aus ihnen aber wird nie etwas, schrieb ich ihr. Eher aus denen, die Nachtwächter, Nachtportier, Nachtsänger werden, einfach nur von Gelegenheitsjobs leben. Mirjam hatte mich nie gefragt, was ich schreibe, auch nie wie viel ich schreibe. Vielleicht wäre ich für sie eine einzige Enttäuschung gewesen. Natürlich hätte sie geweint, wenn ich an ihre Tür geklopft hätte; wir hätten einige schöne Nächte verbracht. Aber danach wäre ich wieder vor einem leeren Blatt Papier gesessen und hätte geflucht. Schließlich hätte ich eine Arbeit gefunden als Buchverkäufer oder Blumenhändler. Dazu wäre ich sicherlich zu gebrauchen gewesen.»

Das Warten macht meine Sätze ungelenk. Zuviel ›hätte‹, zuviel Vermutungen und kein vorwärts kommen der Geschichte. Das letzte Mal kam sie erst zwei Tage später. Manchmal kam sie aber auch schon nach einer halben Stunde. Sie ist einfach unberechenbar.

»Ich hörte den Smutje laut lachen. Er las ihre Briefe, las sie dem Kapitän, der gesammelten Mannschaft laut vor. Wütend wollte ich aufstehen, doch der Strick zog sich fester, war an ein Stück Holz an der Decke des kleinen dunklen Raumes gebunden. So saß ich da, wie ein Selbstmörder, der seinen Strick zu lange gelassen hat.«

Ich bin müde geworden. Am Himmel schweben die ersten Fesselballons. Jeden Morgen machen sie sich auf, vom Stadtrand zur Stadt und wieder zurück. Wahrscheinlich ist sie mit dem Wagen stehen geblieben, ausgestiegen und sieht ihnen zu, wie sie ihr immer näher kommen. Und später wird sie mir ganz genau sagen, welche Reklame auf den Fesselballons steht. Und ich werde ihr interessiert zuhören, während ich ihr den Rock aufknöpfe. Wir werden zusammen lachen, wenn ich ihren Büstenhalter wieder einmal nicht aufbekomme. Und sie wird mir weiter staunend von den Fesselballons berichten, mir vorschlagen auch einmal damit zu fliegen.
»Du wirst auf andere Gedanken kommen!«, wird sie sagen, während ich mich weiter mit ihrem Büstenhalter beschäftige, den ich nun einfach über ihren Kopf gezogen haben werde. Es wird irgendwie unpassend sein, wie immer. Aber das wird nichts machen. Sie wird mich danach fragen, wie weit ich mit dem Schreiben gekommen bin, und mich anlächeln wie eine Sphinx. Und sie wird ihren Mund öffnen, als ob sie mich etwas fragen will. Aber sie wird mich stattdessen küssen.

»Ich spürte weiter den Druck auf meinem Hals, der Strick war eng um meinen Kehlkopf gelegt. Ich schrie. Ein klägliches Würgen und Gurgeln. Schlagartig wurde der kleine Raum hell. Der Smutje stand lachend, sich den Bauch haltend an der Tür. ›Diese Briefe behalten wir hier, du aber wirst jetzt nach guter alter Seemanssitte über Bord geworfen‹, sagte er. Und löste die Schlinge von meinem Hals, löste meine Armfesseln. Mirjams Briefe durften nicht in diesen, von schlechter Soljanka stinkenden Händen, bleiben.»

Die Vögel zwitschern. Heute wird sie nicht mehr kommen. Ich gehe in die Küche, nehme den Champagner aus dem Kühlschrank. Ich werde den Blinden Passagier noch über Bord werfen müssen — heute. Und trinke das zweite Glas aus.




Ein guter Morgen

Über die Fensterbank gebeugt durchforstet sie die Straße. Ihr spärli­ches Haar weht als Wetterfähnchen von ihrer Kopfhaut. Es ist früher Abend. Eigentlich sollten nun genügend Men­schen auf der Straße sein, straßauf, straßab; stolzierend, in sich versunken, dem Himmel oder der Straße zuge­wandt. Dabei wäre sicherlich jemand dabei gewesen, den sie gekannt hätte, um ihm zuwinken, zulächeln oder doch wenigstens von ihrem Fensterbrett aus grüßen zu können. Doch die Straße ist leer, menschenleer.

Die Straße führt geradlinig über einen kleinen Hügel in das entfernte, nächst gelegene Dorf. Sie lebt in einer Kleinstadt, nicht mehr als fünftausend Menschen, aber das sollte eigentlich genügen. Die Frau am Fenster streicht ihr Haar glatt. Dann hält sie einen Augenblick den Kopf still und lauscht. Kein Mensch ist zu hören, auch in der Ferne nicht, nicht einmal ein Fahr­rad. Die Frau am Fen­ster schüttelt den Kopf, lehnt sich weit aus dem Fen­ster und sieht weiterhin nichts als eine leere Straße, den Teerbelag der Straße. Ihr schwerer Oberkörper beugt sich in die andere Richtung der Straße, die zur Dorfkirche führt. Erst jetzt ver­misst sie das Zwitschern der Vögel, hört angestrengt nach ihnen, aber selbst das Rascheln der Blätter scheint ver­stummt zu sein. Die Frau am Fenster streicht mit ihren klei­nen, dicken Händen über ihr spär­liches Haar, drückt es glatt aneinander. Dann staunt sie. So etwas hat sie noch nie gese­hen, so etwas noch nie gehört, und wenn sie es sich recht überlegt, so etwas noch nie gerochen: nicht nur keine Men­schenseele auf der Straße, nicht einmal das Bellen eines räu­di­gen Hundes, keine Fliege schwirrt, selbst riechen tut sie nichts. Der Sommer roch immer nach etwas, nach saurer Körperhitze oder frischem Gras, heute aber riecht der Sommer nach nichts.

Die Frau am Fenster schließt irritiert das Fenster und setzt sich in ihren Lieblingsstuhl am Fenster. Dann stimmt sie ein Lied an. Und steht wieder auf, stellt sich vor ihren großen Spiegel im Flur. Dort streckt sie ihre Zunge heraus und zieht eine Grimasse. Dann steckt sie ihre Nase unter ihre Achsel, die säuerlich riecht. Die Frau lacht hart.

Schließ­lich geht sie auf die Straße. Totenstille. Sie späht über die Straße, sieht, hört und riecht niemanden und nichts. Sie sieht zu den Häu­sern am Ende der Straße, den Nachbarn — nichts. Selbst die Luft riecht und schmeckt nach nichts, nicht einmal nach Luft. So steht die dicke Frau eine geschla­gene Stunde auf der Straße. Dann geht sie wieder zurück in ihre Wohnung. Dort legt sie sich müde in ihr Bett und schläft mit einem Achsel­zucken ein.

Am nächsten Morgen schlüpft sie schnell in ihren blauen Morgenmantel, zögert noch, öffnet dann doch mit einem Ruck das Fenster, beugt ihren schweren Körper über die Fenster­bank, stutzt — lacht, bis sie schließlich Tränen lacht.




Sieben auf einen Streich

Sieben Eintagsfliegen kleben an meinem Nasenbein, im Winkel mei­ner Augenlider. Seit sechs Tagen kommt jeden Morgen eine neue Ein­tagsfliege hinzu. Ich kann wach liegen und meine Hände über Nase und Augen halten, sie mit Pflaster, Verbände und Cremes schützen: an jedem Morgen eine neue Fliege. Mit dem Fingernagel kann ich sie nicht abkratzen, nein, ich pralle sogar vom Widerstand ihrer gehärte­ten Flügel zurück. Jeden Morgen, seit sieben Tagen.

Ich sehe in den Spiegel. Rechts und links, entlang des Nasenflügels, entlang der Wände zu den Augen drücken sich leblos Fliegenleiber, rechts vier, links drei. Regungslos baumeln die Beinchen herab.
Ich nehme die Pinzette aus dem Kästchen des Spiegelschranks in der Küche. Leicht presse ich die Pinzette, bis sich die Zangenenden auf ein, zwei Millimeter Breite schließen. Rücke sie näher an das rechte Auge, wage mich an einen der Fliegenkörper. Doch dann blinzle ich und alles ist wieder verloren.

Heute muss es aber in Ordnung gebracht werden. Ich zerre mit der Pinzette an den seidenen Fliegenbeinchen. Einzig die Haut zwischen Jochbein und Nasenflügel wölbt sich nervös nach vorne und springt sofort wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Jetzt klebt die Pin­zette an den Beinchen, läßt sich weder durch Zerren noch Zurren lösen. Ich schließe die Augen. Weiße Punkte, die zu hellen Sternen werden, tanzen, taumeln und irren durch die Nacht meiner Augen. Ich unter­drücke einen ärgerlichen Aufschrei. Reiße die Augen auf, die Pinzette baumelt an den Beinchen.

Gestern Abend bereitete ich die Tinktur vor. Ich hatte Vorahnungen. Träufle jetzt die Tinktur auf den Waschlappen. Lege meinen Kopf zurück und den Waschlappen auf den Nasenflügel, auf die Augen, auf die Pinzette und damit auf die sieben Eintagsfliegen.
Vorsichtig, gleichmäßig und ruhig. So wie ich schon oft alte Farbe von antiken Möbeln entfernte, reibe ich den Waschlappen über die Ein­tagsfliegen. Sie sind steinhart. Ich träufle die Tinktur auf den Waschlappen, presse ihn tief auf mein Gesicht, die Augäpfel. Ich spüre das grobe Gewebe des Waschlappens und die leichte Erhebung der Fliegenleiber. Ich scheure den Waschlappen über sie. Das Atmen wird schwer. Die Lungenflügel arbeiten gut, bis ich keu­chen, husten, von den Fliegen ablassen muss. Nehme den Waschlap­pen von den Augen. Speie weißen, breiigen Speichel in das Wasch­becken. Trinke einen Schluck Wasser, dann ein Gläschen Schnaps.

Ich rücke einen Stuhl an das Waschbecken, nehme den Rasierspiegel und setze mich. Ich fahre nicht mit den Fingern über die Nasenflügel, sondern halte den Rasierspiegel vor die Augen: sieben Eintagsfliegen, keine weniger, die Beinchen, die Pinzette bau­meln weiter herab. Lege meinen Kopf zurück in den Nacken. Nehme in die rechte Hand die Tinktur, in die linke den Waschlappen. Lege den Waschlappen auf die Fliegen. Sprenkle die Tinktur auf den Waschlappen, reibe und reibe und reibe.

Nehme die Zahnbürste aus dem Spiegelschrank; sprenkle die Tinktur über die schwarzen Erhebungen. Die Tinktur fließt um das Nasen­bein, damit muss es auch in die Eintagsfliegen dringen. Ich kratze mit der Zahnbürste über sie. Ich schließe die Augen, die Tinktur fließt um die Augenbrauen.

Minute um Minute wirkt die Tinktur ein. Gieße Tinktur nach, damit der Pegel gehalten wird, die Leiber immer wieder damit attackiert werden. Gleichmäßig atme ich ein und aus. Die Pinzette löst sich von den Beinchen, rutscht an meiner rechten Nasenwand entlang, berührt meine Lippen und schlägt hell auf die Steinplatten auf. Die erste Etappe ist gewonnen. Nehme den Waschlappen vom Gesicht, öffne die Augen, ein Brennen von tausenden Stichen. Ich will nach einem Handtuch greifen, finde es nicht, stolpere, schlage auf den Fußboden auf.

Beim Aufwachen taste ich sofort nach den sieben Eintagsfliegen. Keine fehlt. Die Tinktur hat nicht geholfen. Ich öffne die Augen, Atmen ist schwer. Der Raum liegt im Dunkeln, tiefe Nacht. Mein Mund leckt Blut, süß und naß. Ich versuche aufzustehen. Ein neu­geborenes Fohlen könnte es nicht besser machen. Ich falle wie­der. Ich verschnaufe, taste nach dem Waschbecken, ziehe mich an ihm hoch. Lehne mich erschöpft an die Wand. Kleine weiße Punkte vor Augen, die heller, größer, zu Sterne werden, die tanzen, taumeln. Graue, dicke Punkte flattern um die Sterne. Die Punkte werden schnell größer: fette Schmeißfliegen, die immer größer und größer werden, so groß wie Spatzen. Sie kommen immer näher und näher. Ich will nach ihnen greifen, bekomme sie nicht zu fassen.

Ein Werkzeug, ein Verteidigungsmittel suchen! Ich ziehe wahllos eine Schublade auf, taste im Dunkeln: ein Messer, ein Fleischermesser, schwer und ruhig in meiner Hand. Ich warte auf sie. Die Messer­spitze richte ich auf die Ungeziefer aus, die grau und summend um mich schwirren, die sich meinen Augen nähern. Die mächtigste der Schmeißfliegen verfolge ich mit festen Blicken. Sie ist fast so groß wie eine Rabenkrähe, also nicht zu verfehlen. Ruhig und gefasst nähere ich mich der Schmeißfliege. Sie weicht aus. Meine Nasenflügel juc­ken, schmerzen: die sieben Eintagsfliegen. Sie fliegen auf und davon, mein Nasenbein ist wieder frei. Die Schmeißfliege empfängt sie mit offenem Maul. Meter um Meter nähere ich mich ihr. Meine Eintags­fliegen sind in ihr verschwunden. Geschwächt vom Fraß meiner Ein­tagsfliegen flattert die Schmeißflliege unsicher auf mich zu. Aus vollen Leibeskräften, die ich nun ganz in meine Hand, in das Flei­schermesser lege, durch­bohre ich den hornigen, aber unwahrschein­lich glatten Leib.




Ketten

Ich bin nicht feige. Betriebselektriker bin ich, bin zuständig in unse­rer Firma — ich sage Firma, obwohl es ein Kaufhaus ist — für alle elek­trischen Anlagen: Stromversorgung für die Kassen, Licht, Klimaan­lage, Videoüberwachung, Rolltreppen und was nicht alles noch. Ich bin der dienstälteste, seit neunundzwanzig Jahren in der Firma.

Friedrich Schmalz, den Chef kenne ich gut. Fünf Etagen hat das Kaufhaus. »Wir haben hier alles!«, sagt der Schmalz »Von der Butter bis zum Computer.« Jawohl wir haben alles da. Gestern noch hat mir der Schmalz auf die Schulter geklopft »In einem Monat ist es soweit Herbert« — er sagt immer Herbert zu mir. Dann bin ich nämlich dreißig Jahre in unserer Firma. Ich soll so bleiben wie ich bin, hat der Schmalz gesagt, das hat mir schon gut gefallen.

Und einmal hat mich Direktor Schmalz zu sich gerufen. »Herbert!«, hat er gesagt, »Herbert, du weißt doch so gut Bescheid über Schlös­ser, sag‘ mir welches kannst du mir empfehlen?« Und ich hab ihm das 40 mm Zylinderschloß empfohlen, ›Tradition‹, mit besonders gehärtetem Stahl und dazu eine Rundstahlkette, die nehm‘ ich schließlich selbst. Und der Schmalz hat sich gefreut und mir einen Schnaps ausgegeben.

Ja in der Firma kenn‘ ich mich gut aus, und über Vorhängeschlösser weiß keiner so gut Bescheid wie ich, deshalb hat mich ja auch der Schmalz zu sich gerufen. Zylinderschlösser aus Messing empfehle ich, und immer ›Tradition‹, mit 15, 20, 25, 30, 40, 50 mm, die Zah­len­schlösser sind nichts, hab‘ ich auch schon probiert, denn die Zahlenkombination kann schon einmal nicht klappen und dann … dann bleibt man daran hängen!

Nach Feierabend setze ich mich in die Küche an das Hei­zungsrohr, stell‘ zwei drei Biere auf den Tisch, nehme die Rundstahl­kette, schlinge sie um das Heizungsrohr, wickle sie dann um meine Hand­gelenke und schließe sie dann mit einem ›Tradition‹ 40 mm Vor­hängeschloß ab. Zwei Stunden lang sitz‘ ich am Küchentisch, reiße an den Ket­ten, nehme mit den verketteten Händen die Bier­flasche und trinke einen kräftigen Schluck. Niemals reiße ich so fest an der Kette, dass sie meine Handgelenke wund scheuert.

Entdeckt habe ich meine Passion im Krankenhaus. Mit Gehirnerschüt­terung und Oberschenkelbruch lag ich zwölf Wochen lang. Und dort habe ich es zum ersten Mal gese­hen: mein Bettnachbar, ein verwirr­ter alter Kopf, der immer noch nach Hause gehen wollte, wo doch seine Frau seit Jahren begraben ist, knallte regelmäßig mit dem Kopf auf den Fußboden, bei seinem Versuch schnell nach Hause zu ren­nen. Daraufhin hat die stämmige Krankenschwester Anne — ja so hieß sie, wie meine Großtante — ihn mit oberster Genehmigung ange­bun­den.
»Fixieren heißt das!«, hat die Anne mir später gesagt, »Zu seiner eigenen Sicherheit!« Seine Hand-und Fußgelenke lagen ruhig und gesichert auf dem Laken, zwischen Lederriemen und Haut hätte viel­leicht noch eine Ameise Platz gefunden aber kein Weberknecht. Mein Bett­nachbar hatte daran großen Spaß, zerrte und riß an den Leder­riemen bis seine Kraft endlich erlahmte und erschöpft einschlafen konnte. »Bodybuilding für Verrückkte«, scherzte die Anne später mit dem diensthabenden Arzt. Das gefiel mir.

Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde — das war vor vier Jah­ren: Kinder wie die Zeit vergeht — hab‘ ich es erst einmal selbst ver­sucht. Mit einem alten Ledergürtel hab‘ ich meine linke Hand an das Heizungsrohr in der Küche gebunden. Ja, es ist auch heute noch das selbe Heizungs­rohr wie damals, nur die Technik habe ich verfeinert. Das Heizungsrohr in der Küche ist ideal, es verläuft genau am Küchentisch vorüber und so kann ich daneben sitzen, mit einer Fla­sche Bier und daran zerren und zerren, wie es mir gefällt, so lange ich will. Damals, mit dem Lederriemen, das war was: aus Spaß hab‘ ich doch ein Bier über den Leder­riemen geschüttet, war aber nicht gut, denn der wurde immer enger, konnte den Riemen nicht mehr abschnallen. Ich nicht faul und dumm, zerschlag meine leergetrun­kene Bierflasche und schneide mit der schärfsten Scherbe den Leder­riemen auseinander — ja, wie beim Film.

Seitdem sitze ich Tag für Tag am Abend nach Feierabend, am Wochenende bereits am Mit­tag in der Küche und treibe meine Passion, verfeinere es von Tag zu Tag. Am Hei­zungsrohr mit der linken Hand angekettet, saß ich erst immer so eine Bier­länge, länger hat mir am Anfang nicht gefallen. Ich hab‘ am Riemen ein wenig gezogen. Schön war es, sich nach einer Bierlänge, später dann auch zwei, drei abzuschnal­len. Hat mir aber nach vier Wochen nicht mehr gefallen, erst einmal dauert das ja, bis man die Schnalle vom Lederriemen lösen kann und dann hat das auch noch so etwas vorläufiges, unkonkretes, ja improvisiertes. Nein, nein, ich wollte es professionell machen, mach ich doch auch bei der Arbeit. Da bin ich an meinem Urlaub sogar in die Firma gegangen, dritter Stock, Haushaltswaren, hab‘ noch mit dem Döllner geredete, der all das Zeug verkauft — aber keine Ahnung hat — und mein erstes Vor­hängeschloß, 25 mm, gekauft und im Cam­pingbedarf die Glieder­kette.
Zuhause legte ich mir die Gliederkette um mein Handgelenk, dann einmal um das Heizungsrohr und schloß schließlich mit dem neuen Vor­hängeschloß ab. Ich zog und riß daran, eine Bierlänge nach der anderen, es tat kräftig gut. Gleich am nächsten Tag habe ich mir eine zweite Gliederkette gekauft und ein zwei­tes Vorhänge­schloß, 25 mm. Den linken Fuß habe ich an das Heizungsrohr gebunden. Ich zog und zog mit dem linken Fuß, anschließend mit der angeketteten Hand. Und einmal riß ich so sehr an den Ketten, daß das Heizungsrohr jäm­merlich knarrte.

Zwei Monate später hatte ich alle Vorhängeschlösser, von 15-50 mm aus­probiert. Auch alle Ketten, und es gibt soviele Ketten, aber die mei­sten kann man doch nicht gebrauchen. Die Zierkette reißt nach zwei kräftigen Rucken, die Patentkette mit ihren vielen kleinen Metallbäll­chen ist für die Katz und die Uhrkette muss man nur einmal scharf ansehen, schon fällt sie auseinander. Da ist einzig die Rundstahl­kette von zuverlässiger Härte und Qualität, wie ich sie brauchen kann. Siebzehn Vorhängeschlös­ser, 51 Schlüssel und fünfzehn Ketten habe ich in meinem Küchen­schrank gesammelt.
Im Winter aber wird das Heizungsrohr kochend heiß. So musste ich etwas anderes finden, woran ich mich ketten kann. Drei Tage lang suchte ich in meiner Wohnung nach einer Lösung, zuviel Holz überall, kaum Metall, oder gar Rohre an die ich mich hätte ketten können. Täglich verbrannte ich mich an dem Heizungs­rohr. In der Firma ging ich, mit dem Vorwand alle Lampen kurz vor Weihnachten kontrollieren zu müssen, durch unser fünfge­schössiges Kauf­haus. Erst im dritten Stock, Möbel, fand ich etwas passendes. Ein schweres Bettgestell aus Metallroh­ren. »Sonderangebot«, sagte mir meine Kollegin und »Prozente« für Mitarbeiter. Ich hab‘ es gleich gekauft und mir am näch­sten Tag ausliefern lassen.

Die Kollegen machen sich dann und wann schon einmal darüber lustig, wie viele Ketten und Vorhängeschlösser ich kaufe. »Du musst ja Angst vor Dieben haben«, sagen die, aber die wissen ja nichts. Denn ich habe keine Angst vor Dieben, nein. Ich bin mein eigener Herr, schließe mich an das Heizungsrohr oder an mein Bett, wann ich will, schließe mich davon ab, wann ich will — wer kann das schon?

Das Allergrößte ist es, mich an mein Bett zu ketten, sicher an Händen und Füßen am großen Stahlbogen des Bettes. Ich kann reißen und zerren, aber das hält, das verdammte Ding hält alles aus. Dabei kann ich die Kette, die am Fuß — und Kopfende jeweils am lin­ken Fuß und der linken Hand gekettet ist, noch beliebig bewegen, im Rahmen der Kette natürlich. So ziehe ich die angekettete linke Hand an die äußerste linke Seite des Bettgestells und mit dem linken Fuß — den ich dafür quer über den rechten Fuß ziehe — an die äußerste rechte Seite des Metallgestells am Fußende. Nach etwa ein bis ein­einhalb Stunden schließe ich die Vorhängeschlösser wieder auf, an der Hand zuerst, dann am Fuß. Wenn ich mich zu sehr gescheuert habe, streiche ich eine Jodlösung über die Wunden, und mache ein Pflaster darauf, ziehe einen langärmligen Pullover über die Arme und dicke Socken über die Füße.

Wenn man so etwas professionell, wie ich, betreibt interessiert man sich natürlich früher oder später für die Technik. Ich habe vorher nichts gewußt. Aber es gibt soviele verschiedenartige Schlösser und Gliederketten. Nicht bloß Vorhängeschlösser in allen Farben, auch in jeder Größe und Stärke und selbst die Technik eines jeden Schlosses unterscheidet sich, manche lassen sich wie geschmiert öffnen, an anderen muss man wild reißen und zerren bis sie ihr Maul aufmachen. Und die Schlüssel, ja die Schlüssel unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Einfache Schlüssel mit gezacktem Bart, Zylinderschlüssel bis hin zum kompli­zierten Sicherheitsschloß mit Magnetverrieglung. Ja auf der Welt gibt es noch etwas zu entdecken.

Vor einem Jahr bin ich dazu übergegangen, mich an den Wochenen­den von zwölf Uhr Mittag bis siebzehn Uhr anzuketten. Im Bett ket­tete ich mich überall an: zunächst wie immer am linken Fuß, dann aber auch noch am rechten Fuß, schließlich die linke Hand wie gewohnt und die rechte als Höhepunkt, den Schlüssel zwi­schen die Zähne geklemmt. Erst vor einem halben Jahr bin ich auf die schöne Idee gekommen auch um den Hals eine Kette zu legen. So also liege ich beruhigt und mit gelegentlichem Zerren, Rucken und Ziehen auf meinem großartigen Bett und träume von dem Tag überall in Ketten gelegt zu sein, um jeden Knochen, um jede Sehne. Telefon­läuten, Türklingel- und klopfen ignoriere ich am Wochenende bis nach siebzehn Uhr. Bald hatten es ja auch alle einmütig eingese­hen, ich bin eben zu dieser Zeit zu beschäftigt, nicht zu sprechen, obwohl sie natürlich nicht wissen, nicht wissen können, was ich treibe. Hätte ich es ihnen doch einmal sagen können, hätten sie mir viel­leicht nur auf die Schulter geklopft, nein sogar um den Hals gefallen wären sie mir, welcher Einfallsreichtum, hätten sie gesagt. Dann hätte ich alle beraten können, ihnen alles über Schlösser, Ketten und die Arten des Ankettens verraten können. Sie haben nicht gefragt.

Heute liege ich müde im Bett, die Schlüssel für die Schlösser sind verschwunden. Ich werde sie verschluckt haben. Ja, ich habe sie verschluckt, mit voller Absicht verschluckt. Ansonsten lagen sie immer neben mir, meine fünf Geschwister, der Schlüssel für den linken, der Schlüssel für den rechten Fuß, der Schlüssel für den Hals, der Schlüssel für die linke und der Schlüssel für die rechte Hand. Ich weiß nicht genau, wie es gekommen ist. Nachdem mir Schmalz, mein Chef, wieder auf die Schulter geklopft hatte, dachte ich, es wäre jetzt Zeit alles auf eine Karte zu setzen.

Nach Feierabend habe ich mir wieder eine neue Kollektion an Vorhängeschlösser in die Tasche gesteckt, eilte nach Hause, zog mich aus und kettete mich wie immer nach Feierabend an Füßen, Hals und Händen an. Spät ist es heute erst dunkel geworden, und ich habe lange die Schlüssel noch neben mir gesehen, ich habe wie immer ein gutes dutzend Mal an meinen Ketten gerissen, so dass es mir an Füßen, Händen und Hals ein wenig süßlich schmerzte. Wahrscheinlich habe ich den Entschluss dazu schon gestern getrof­fen, vielleicht dann doch ohne nachzuden­ken im Halbdunkel die fünf Schlüssel genommen, sie mir nach und nach in den Mund gesteckt, geschluckt und mit Bier nachgespült. So wird es gewesen sein. Mir ist jetzt noch bitter im Mund.

Es ist Mittag geworden. Ich habe Hunger. Geschlafen werde ich wohl haben. Das Metallgestell des Bettes ist sehr stabil, die Anschaffung hat sich ausgezahlt. Ich kann an den Ketten so wild reißen wie ich will, mich gegen sie stemmen und kein Glied springt aus der Kette, die Schlösser halten, Präzisionsarbeit wohin ich sehe. Erst morgen vielleicht werden sie mich auf der Arbeit vermissen. Ich werde nicht mehr da sein. Ich werde sie eigentlich nicht groß vermissen.

Es ist Abend geworden. Jetzt habe ich Durst. Wie lange das noch dauern wird? Die Kraft aushöhlen und müde werden muss ich, so werde ich wieder an meinen Ketten reißen und zerren, selbst wenn die Wunden weiter aufreißen.

Autos werden angelassen, meine Nachbarin verschließt ihre Tür, Auf­stehenszeit, Arbeitsbeginn, Werktag und ich liege im Bett. Ich presse meinen Bauch zusammen, drücke den Steiß auseinander, kein Stuhlgang, Verstopfung, die Schlüssel stecken wohl irgendwo in mir fest. Mit den Füßen zapple ich, das Metallgestell des Bettes ist unnachgiebig.
Mit den Händen zerre ich: gut gehärtetes Eisenrohr. Mein Hals schmerzt, die Rundstahlkette scheuert an meinem Adamsapfel.

Ob bereits drei oder auch vier Tage vergangen sind? Nichts ist geschehen, mein Bauch ist dick und fest wie Beton geworden, die Lippen aufgesprungen, die Wunden an den Händen und Füßen, am Hals brennen. Manchmal glaube ich die Spitzen der Schlüssel durch die Bauchwand zu spüren, ich rede jetzt sogar mit ihnen, sie sollen vernünftig sein, den Weg alleine nach draußen finden. Ihr Geschwi­ster hört mich an, kommt herbei und schließt die Schlösser auf.

Gut, ihr wollt es nicht anders, ihr Feiglinge. Ich werde euch langsam ersticken. Jetzt rolle ich meine Zunge langsam ein, spürt ihr es, sie verstopft die Luftröhre, ihr werdet nicht mehr lange atmen können. Ich aber atme tief aus. Und ein letztes Mal reiße ich an den Ketten — ich aber bin nicht feige.




Tatjana

Ich hatte den Auftrag Tatjana ausfindig zu machen.

Der Zug aus dem Süden fuhr ein, die Fahrgäste standen bereits ungeduldig vor den noch verschlossenen Türen — unter ihnen sollte Tatjana sein. Ich winkte, obwohl ich wusste, sie würde es nicht sehen. Ich ging, ohne Tatjana gesehen zu haben.

Ich rannte weiter zum Busbahnhof und wartete auf den Fernbus aus dem Osten. Vielleicht wartete ich schon zu lange, so ging ich auch von dort, ohne Tatjana gesehen zu haben.

Mit dem Taxi fuhr ich zum Flughafen, über mir flog gerade ein Flugzeug aus dem Westen in die Einflugsschneise. Ich freute mich, bald würde ich Tatjana sehen.

Im Taxi wartete ich auf sie; bald startete das Taxi und fuhr nach Norden.




Zwei Geschichten

Ein Frau stand im Supermarkt und wusste nicht mehr weiter.
Ein Mann stand im Supermarkt und wusste nicht mehr weiter.

Eine Frau stand im Supermarkt und sah auf ihre Einkaufsliste.
Ein Mann stand im Supermarkt und sah auf seine Einkaufsliste.

Beide begegneten sich nicht.
Beide kauften ein viertel Pfund Butter und einen Liter Milch.