Kein Kredit

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[Bilder: Kerstin Bober]




Kafkaesk

»Erklär mir, was ist kafkaesk?«, sagte sie.
Und ich erzählte ihr von Kafka, seinem schiefen Hut, den schwarzkristallenen Erzählungen und Romanen. Und ich sah auf ihr Kinn, die feinen Haare, schaute auf ihre langen Beine.

»Kafkaesk, das habe ich schon sooft gehört, erzähl mir mehr!«, sagte sie.
Ihre braunen Augen schauten auf mich und dann in die Tiefe der Bar. Und ich sah auf ihren Mund, die kleinen braunen Flecke auf ihren Zähnen. Sie hatte mir von Russland erzählt, das jedes Buch ein Schatz ist, das nie, niemals ausgeliehen wurde. Das erzählte sie. Und ich roch ihr blumiges, ja sanftes Parfüm.

Sie sah auf ihre Uhr, »Nicht wegen Dir, meine Tochter, ich muss zu ihr – bald!«.
Dann erzählte ich weiter über Kafka, seine Sprache, die schon gar keine Sprache mehr ist, vielmehr Töne, Musik, und den Buchstaben die zu Gestalten geworden waren. Ihre Hände berührten fast meine Knöchel, die sich fest aneinandergebissen hatten. Ihre Hände, diese aristokratischen Hände, die sie in roten Handschuhen versteckt hatte.

Aber ich erzählte ihr nicht, das ich sie liebe und sie sagte, »Jetzt weiss ich endlich was kafkaesk bedeutet!«.

Kafkaesk
[Bild: Kerstin Bober]




Ein guter Morgen

Über die Fensterbank gebeugt durchforstet Marianne die Straße. Ihr spärliches Haar weht als Wetterfähnchen von ihrer Kopfhaut. Es ist Sommer, kurz vor der Tagesschau. Eigentlich sollten genügend Menschen auf der Straße sein, straßauf, straßab; stolzierend, in sich versunken, dem Himmel oder der Straße zugewandt.

Marianne wartetet auf die Menschen, die jeden Tag an ihrem Fenster vorbei laufen, Bekannte, Fremde – denen sie zuwinken, zulächeln oder doch wenigstens von ihrem Fensterbrett aus grüßen kann. Die Straße ist leer, menschenleer. Die Straße führt geradlinig über einen kleinen Hügel in das entfernte, nächstgelegene Dorf. Marianne lebt in einer Kleinstadt, nicht mehr als fünftausend Menschen, aber das sollte eigentlich genügen. Sie streicht ihr Haar glatt. Sie hält einen Augenblick den Kopf still und lauscht. Kein Mensch ist zu hören, auch in der Ferne nicht, nicht einmal ein Fahrrad.

Marianne schüttelt missbilligend den Kopf, lehnt sich weit aus dem Fenster und sieht weiterhin nichts als die leere Straße, den Teerbelag ohne Menschen. Ihr schwerer Oberkörper beugt sich in die andere Richtung der Straße, die zur Dorfkirche führt. Erst jetzt vermisst sie das Zwitschern der Vögel, selbst das Rascheln der Blätter ist verstummt. Marianne streicht mit ihren kleinen, dicken Händen über ihr spärliches Haar, drückt es glatt aneinander. Dann staunt sie. So etwas hat sie noch nie gesehen, so etwas noch nie gehört, und wenn sie es sich recht überlegt, so etwas noch nie gerochen: nicht nur keine Menschenseele auf der Straße, nicht einmal das Bellen eines räudigen Hundes, keine Fliege schwirrt, selbst riechen tut sie nichts. Der Sommer roch immer nach etwas, nach saurer Körperhitze oder frischem Gras, heute aber riecht der Sommer nach nichts.

Marianne schließt irritiert das Fenster und setzt sich in ihren Lieblingsstuhl am Fenster. Dann stimmt sie ein Lied an. Nach der letzten Strophe steht sie wieder auf, stellt sich vor ihren großen Spiegel im Flur. Dort streckt sie ihre Zunge heraus und zieht eine Grimasse. Dann steckt sie ihre Nase unter ihre Achsel, die säuerlich riecht.

Marianne geht auf die Straße. Totenstille. Sie späht über die Straße, sieht, hört und riecht niemanden und nichts. Sie sieht zu den Häusern am Ende der Straße, den Nachbarn – nichts. Selbst die Luft riecht und schmeckt nach nichts, nicht einmal nach Luft. So steht Marianne eine geschlagene Stunde auf der Straße. Dann geht sie wieder zurück in ihre Wohnung. Müde ist Marianne geworden, legt sich ins Bett und schläft schnell ein.

Am nächsten Morgen schlüpft sie in ihren blauen Morgenmantel, zögert noch, öffnet dann doch mit einem Ruck das Fenster, beugt ihren schweren Körper über die Fenster Bank, stutzt – lacht, bis sie schließlich Tränen lacht.

Ein guter Morgen
[Bild: Kerstin Bober]




Der Tanz gehört mir

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Nach Feierabend füttere ich meine zwei Katzen. Ich esse ein Brot mit Käse, dazu zwei Tomaten, trinke ein Glas Sekt. Dann ziehe ich die Vorhänge zu. Meine schwarze Bluse ziehe ich aus, meine Jeans, Schuhe und Strümpfe, ziehe meinen weißen Rock an, mit dem ich schon seit zehn Jahren tanze. Ich löse meine Haarspange, ich liebe es, wenn später die Haare über meine Haut gleiten. Jetzt lege ich Musik auf. Keine Musik aus Ballettzeiten, mit Spitze und Zwang. Meine Musik ist die Sonne und das Meer, die Hitze und der Schweiß, die Lust und das Leben. Ich schließe die Augen, atme einmal tief ein und spüre den Rythmus. Meine Fußsohlen spüren das Holz, rauh, das Echo der Musik auf den Holzbohlen, Kälte und Wärme. Meine Hände spüren mich, meine Haare streicheln meine Brust. Ich versinke in den Trommeln und den Bläsern. Wenig später fallen meine ersten Schweißtropfen – Stirn, Achseln, Brust, Bauch. Meine Hände wirbeln durch den Raum, erwärmen die Luft, werden nass von meinem Körper – meine geschlossenen Augen dampfen vor Hitze. Ich denke an nichts. Nach vierzig Minuten ist Schluß.

Der Tanz gehoert mir
[Bild: Kerstin Bober]




Geburtstag

»Darf ich mich zu Ihnen setzen? Ich habe nämlich heute Geburtstag. Ja, ich feiere heute mein 59. Wiegenfest. Ist das nicht irgendwie schön. Ich meine, früher hat man seinen Geburtstag ja noch viel größer gefeiert, nicht?«
»Nein. Was machen Sie da?«
»Ach, nein. Sie möchten lieber alleine sein, nicht wahr. Ja, das verstehe ich auch schon irgendwie. Nur, heute habe ich Geburtstag, da ladet man doch gerne Gäste ein. Wissen Sie, mit mehr Gästen lässt es sich einfach besser feiern«
»Bitte – wir möchten privat miteinander etwas besprechen, da stören Sie.«
»Tja, dann nehme ich mir eben einen Cafe und ein Stück Kuchen. An seinem Geburtstag darf man ja auch mal schlemmen – nicht.«

»Hallo, hier ist mein 58. Geburtstag?«
»Hier ist der Bestellservice. Was können wir für Sie tun?«
»Ich möchte Sie einladen zu meinem Geburtstag.«
»Bitte geben Sie Ihre Kundennummer und dann die Bestellnummer an.«
»Es gibt Kuchen, viel Kuchen, gerade gebacken. Wissen Sie, vorhin gab es nur langweilige Gäste. Aber das lag am Kuchen, am fehlenden Kuchen.«
»Wie bitte? Wie kann ich Ihnen denn weiterhelfen?«
»Wann haben Sie denn Geburtag? Ich meine, feiern Sie nicht auch gerne. In zwei Jahren bin ich nun auch schon … naja, lassen wir das. Also wann kommen Sie endlich, oder mögen Sie keinen gedeckten Apfelkuchen?«
»Sehr nett von Ihnen, aber ich muss leider weiter arbeiten. Haben Sie noch einen schönen Tag. Wiederhören.«

»Ich hab Geburtstag. Hallo, verstehen Sie, hier ist der Geburstag, der 57.«
»Polizeinotruf. Bitte geben Sie Ihren Namen an«
»Beate, Beate bin ich«
»Und weiter – bitte.«
»Beate siebenundfünfzig«
»Schildern Sie mir bitte kurz was passiert ist, was Sie melden möchten«
»Ich möchte mich melden, ich möchte mein Leben, meine ganzes ganzes Leben melden«
»Sie wissen, Sie machen sich strafbar, wenn Sie hier einfach anrufen?«
»Sie machen sich strafbar, wenn Sie nicht von meinem Apfelkuchen essen, Sie können auch Sahne dazu haben.«
»Ich muss Sie noch einmal darauf hinweisen …«
»Ich hab Geburtstag, aber Sie lade ich jetzt doch nicht mehr ein.«

»Happy Birthday to me, happy birthday to me liebe Beate«
»Wo ist ihr Aufzug denn stecken geblieben?«
»Ich bin im 56. Geburtstag«
»Hallo, ich verstehe Sie nicht richtig«
»Doch, doch, lassen Sie uns feiern, der Kuchen steht in meiner Wohnung, der Sekt ist kalt gestelt, wir feiern, feiern …«
»Funktioniert der Aufzug?«
»Der Aufzug ja«
»Und Sie haben heute wirklich Geburtstag?«
»Ja«
»Dann wünsche ich Ihnen alles Gute«
»Guten Appetit«
»Ja, lassen Sie sich feiern«
»Nein, jetzt hab‘ ich genug Geburtstag gehabt«

Geburstag
[Bild: Kerstin Bober]




Nightmare

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Die Krallen der Katze bohren sich in mein Gehirn. Die Augen kann ich nicht schließen, das Blut tropft über meine Wimpern, es schmeckt nach Pfefferminzschokolade.
Ich konnte nicht einschlafen, wie seit neun Nächten, ich dachte an Flugzeuge und hörte das schwere Tackern der S-Bahn-Züge. Wohin die Güterzüge fahren, wo ich wohl ankommen werde – Australien, Kenia, China, Japan, Bonsai, denke ich noch, als ich einschlafe, träume von Bäumen, von Blättern, die herabfallen, von Zwergen, die sich unter den Blättern versteckt halten, die sich tagelang erbitterte Kämpfe liefern um ein Haus, nicht größer als eine Fingerspitze, in das nicht einmal die Zwerge passen. »Moment mal«, möchte ich den Zwergen zurufen, aber sie sind schon alle tot. »Nichtsnutz«, ruft ein Bariton, eine tiefdunkelnasse Wolke, so lang wie ein LKW, die sich den toten Zwergen nähert, »Mahlzeit« ruft und alle toten Zwerge auffrisst.
Schweißgebadet stehe ich senkrecht im Bett, spüre die Katze auf meinem Kopf, die Krallen in meinem Gehirn. »Mäuse gibt es im Garten«, versuche ich es – die Katze schnurrt. Die Katze bohrt mit ihren Vorderpfoten rhythmisch in mein Scheitelbein.
Ich schreie, versuche das Rot aus meinen Augen zu wischen, die Ohren zu verschließen, dieses Schnurren aus der Welt zu schaffen. Meine Hände gehorchen mir nicht, ich halte den Atem an, versinke in dem Rot, in einem Blitzlichtgewitter.
Wie soll ich die Katze nennen »Nicholas« oder »Lucca«? Nenn‘ sie »Tekla«, ruft mir eine Tenorstimme zu, es ist also eine Katze, kein Kater, das hätte ich vorher wissen müssen. Aber jetzt scheint es doch zu spät dafür.

201202-Nigthmare
[Bild: Kerstin Bober]




Gestern

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Ich kann das Meer nicht reparieren, es leuchtet einfach – mich stört es eigentlich nicht. Manchmal ist es blau, dann grün. Ist Flut, fliege ich mit blauen Flügeln über die Düne, schaue mir die Tänze im Meer an, denke an die Meerjungfrau. Gerne wäre ich ein Wassertreter, aber die gibt es hier nicht. Das Weibchen balzt bei dieser Vogelart und sie muss das Revier verteidigen. Ich lande wieder auf der Erde, die Flügel tupfe ich mit ihrer Bettdecke trocken. Ich höre Musik. Die Geige streichelt mich, das Klavier nimmt meine Hand, das Cello küsst und die Pauken … Es ist spät geworden, jetzt kämpfen die Priele um das Wasser. Heringsmöwen und Sturmmöwen am nassen Himmel, in einem Priel der verirrte Trauererpel. Ich sammle täglich Meerwasserläufer, sie legen ihre Eier auf Treibgut. Gestern fand ich ihren blauen Koffer wieder. Er schmeckt nach Salzwasser, ich finde, er passt gut zu mir. Und es macht eben viel mehr Freude alleine Musik zu hören, es ist doch so viel besser alleine auf das Meer zu schauen.

Kerstin-Molldur
[Bild: Kerstin Bober]




Gekrümmtes Herz

Versprochen hatte sie niemandem etwas. Nicht einmal sich selbst. Deshalb findet es kein Mensch sonderbar als man von Mord spricht.

»Mord, wie sich das schon anhört!«, sagt Rainer und spielt eine der weißen Tasten des Klaviers an.

»Ihr Haar war hochgesteckt als man sie fand. Das Haar hatte sie einzig bei der Liebe offen getragen.«, sagt Rainer und schlägt eine weitere weiße Taste an.

»Ein Wunder, mit einem gekrümmten Herz überhaupt leben zu können.«, sagt der Notarzt.

gekruemmtes-herz
[Bild: Kerstin Bober]




Einen hab ich noch …

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

»Ein Pinguin auf Weltreise trifft auf ein Flusspferd. ‚Warum hast Du so kleine Ohren?‘, fragt der Pinguin. Der Pinguin wartet zwei, drei, fünf Stunden auf eine Antwort. Das Flusspferd verharrt regungslos im Wasser. Der Pinguin gibt nach acht Stunden auf. Als der Pinguin außer Hörweite ist, murmelt das Flusspferd ‚Pinguine …‘.«

»Hör auf, mir Witze zu erzählen, während ich Dich küsse«, sagt Rosalie.

»Treffen sich zwei Nashörner in der Savanne. Sagt das eine ‚Na, wie gehts Deinem Horn‘, fragt das andere ‚Was für ein Horn?’«

»Letzte Woche, weisst Du noch, Norbert, da mochte ich, wenn Du mir einen Witz am Abend erzählt hast. Aber jetzt kenne ich schon all Deine Witze auswendig.«

»Wirklich?«, fragt Norbert, auch den »Was ist der Unterschied zwischen einem Flusspferd und einem Leoparden?«

»Erinnerst Du dich noch, wie wir uns vor einer Woche kennen gelernt haben?«, fragt Rosalie.
»Ähm, aber den kennst Du noch nicht: Kommt ein Krokodil angeschwommen …«
»Norbert …«
»Ich hab gerade meine Lieblingsfrucht des Leberwurstbaumes gefressen, da kamst Du vorbei und hast mir ins Ohr gebissen«
»Nein, Du hast wie immer in der Gruppe einen Witz erzählt, während ich die Grüne Wasserrose fraß. Aber niemand in der Gruppe lachte über Deinen Witz, zum ersten Mal lachte niemand über Deinen Witz. Da hab ich aufgesehen und Deine Ohren gesehen und … naja, da konnte ich nicht anders als Dich zu küssen«

Nilpferde
[Bild: Kerstin Bober]




Auf dem Weg

Jeden Morgen
begegnete Jesus mir.
Am Wochenende nie.

Fahrrad fuhr er — wie ich.
Unter seinem Silberbart begann das Lächeln.
In umgekehrter Richtung hatte er den gleichen Weg.
Deswegen verstanden wir uns.

Sein Lächeln fuhr leise über unsere gekreuzten Wege.
Müde und ängstlich erwiderte ich nichts.
Wagenkolonnen, die über uns fuhren, sahen uns nicht.
Das rettete uns, jedes Mal.

Ich wusste nichts — aber er.
Alt und grau das Fahrrad, die Augen jung, von gestern noch.

Auf der Arbeit stahl man alles uns.

auf-dem-Weg
[Bild: Kerstin Bober]