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	<title>Texte &#187; &#8211; ERZÄHLUNG</title>
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		<title>Heimat</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Mar 2007 11:26:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gisselbrecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[-- ERZÄHLUNG]]></category>
		<category><![CDATA[Eltern]]></category>
		<category><![CDATA[Heimat]]></category>
		<category><![CDATA[Vergangenheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Heimat finden Einen gelben Postwagen sieht meine Mutter vorüber fahren, als sie die ersten Geburtswehen verspürt. Noch immer weiß sie nicht, ob es gut ist, überhaupt dieses Kind zu wollen &#8212; das fünfte Kind, drei Totgeburten und ein Mädchen. Sie presst die Augen zusammen, bis sie die Kröte sieht &#8212; unhörbar. Später wird mir meine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Heimat finden</strong><br />
Einen gelben Postwagen sieht meine Mutter vorüber fahren, als sie die ersten Geburtswehen verspürt. Noch immer weiß sie nicht, ob es gut ist, überhaupt dieses Kind zu wollen &#8212; das fünfte Kind, drei Totgeburten und ein Mädchen. Sie presst die Augen zusammen, bis sie die Kröte sieht &#8212; unhörbar.</p>
<p>Später wird mir meine Mutter davon erzählen und wie sie einen Tag davor noch ein Federbett gekauft haben für ihr neues Heim.<br />
Stumm ist der Vater, glättet nur das Bett und setzt sich daneben auf den Stuhl.<br />
Und Jahre später wird meine Mutter erzählen, wie ihr damals niemand glauben wollte, dass sie die anderen Kinder auch wollte, obwohl doch alles dagegen sprach, als man sie stumm auf der Treppe beim Putzen in einer Blutlache mit den ersten zwei Kinder fand.<br />
Spätert flüstert der Vater einen Brief «Großvater, es ist leider ein Junge.».</p>
<p>Mutter Natur hilft meiner Mutter und presst das Knäuel aus Blut und Hoffnung aus ihr heraus.<br />
«Jetzt wird meine Mutter mit mir zufrieden sein.», seufzt meine Mutter.<br />
Eine Kröte hüpft in ihren Augen, auf ihrer Haut klettern die Käfer. Nachdem die Nabelschnur durchtrennt ist, erzählt mir meine Mutter über ihre Kröte und ihre Käfer und zwinkert mir dabei verschwörerisch zu.<br />
Meine Mutter legt mich an ihre Brust. Sie wartet auf ein Zeichen von mir. Ich mag die Kröte nicht, ich mag keine Käfer. Ich rieche die gallige Säure und weigere mich diese schale Milch aus den Vorhöfen meiner Mutter zu trinken.<br />
Eine Krankenschwester wird gerufen, «Bürschchen, das haben wir gleich! Du wirst schon trinken!», sagt die Nonne und presst mich wie ein ungehorsames Kätzchen auf die Brustwarze meiner Mutter. Ich kotze.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>Heimat suchen</strong><br />
Manchmal darf ich auf dem neuen Federbett der Eltern liegen. Mein Vater sieht mir gewissenhaft vom Stuhl aus zu, wie ich die Welt entdeckte. Der Rauhfaser-Himmel, die Rosentapeten, das Holzbett, die weißen Gardinen.<br />
»Es ist geschafft«, flüstert meine Vater, »Ich werde mit ihm erst einmal die Wohnung entdecken. Und an den Bodensee zu meiner Mutter fahren wir nächstes Jahr. Der Kleine muss lernen, sich zu gedulden.«Am Wochenende darauf beglückwünschen die Nachbarn meine Eltern. Wurstsalat und ein Glas Sekt gibt es für jeden.<br />
»Viel Arbeit!«, denkt meine Mutter, »Aber jetzt kann ich auch stolz auf mich sein, sagt meine Mutter.« und verabschiedet den letzten Gast: »Ich hoff’, es war recht!«.</p>
<p>An den Wochentagen kommt ab und an der Postbote zu einem Gläschen Schnaps vorbei. Meine Mutter erzählt ihm vom unbändigen Schreien des Säuglings, der unbändigen Gier nach Milch, nur nicht nach ihrer.<br />
Der Postbote nickt, gibt ihr die Postkarte vom Bodensee, trinkt den Schnaps aus und geht weiter zum nächsten Haus. Mit verschränkten Armen steht die Mutter dann am Fenster, sieht ihm nach. Sie hat noch viel im Haushalt zu erledigen.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>Gerd</strong><br />
Ein Tag nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt gebar meine Großmutter meinen Vater Gerd, sieben Tage nach der Abnabelung überfiel Deutschland Polen. Gerd ist auf Platz 17 der beliebtesten Vornamen in diesem Jahr.</p>
<p>Ein Neunmonatskind ist mein Vater nicht, am Rosenmontag im betrunkenen Zustand gezeugt. Gerds Vater: Offizier &#8212;vielleicht&#8212; der später dann von seiner Arbeit nicht wieder kam. Vermisst blieb er bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus. Gerds Vater, so könnte es sein: ein Vergewaltiger und Mörder. Ein Liebender hätte er auch sein können, wenn es seine Zeit gewesen wäre. Zeit genug geblieben wäre, um zu lieben.</p>
<p>Eine Mine explodiert. Die Frau vor ihm zerfetzt es. Das sind Gerds Erinnerung an den Krieg. Fünf oder sechs Jahre alt ist er. Explosionen, Lärm, Weinen &#8212; weiter gehen! Die Bäume blieben stehen als sie durch den Wald gehen, die Blätter des Baums direkt vor ihm sind voller roter Kleider. Seine Mutter gehtvor ihm, seine drei Brüder gehen vor ihm und alle gehen mit gesenktem Kopf und verkusteten Augen weiter.</p>
<p>Sein Vater war ist Vater seiner Brüder, denkt er. Jahre später ist er  auf der Suche nach seinem Vater, liest auf einem Zettel des Jugendamtes drei Namen von Männern, die seine Mutter diktiert hatte. Jeder von ihnen hätte es sein können, hatte die Mutter dem Jugendamt gesagt. Gerd versuchte nicht weiter herauszufinden wer sein Vater war, denn seine Mutter bekam käferweite Augen, wenn er fragte.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>Heike</strong><br />
Bischof von Galen stellt einen Strafantrag wegen der NS-Morde an Geisteskranken und meine Großmutter gebar, am selben Tag, meine Mutter Heike, drei Tage nach der Abnabelung befiehlt Göring »Die Endlösung der Judenfrage.«. Heike ist auf Platz 17 der beliebtesten Vornamen in diesem Jahr.</p>
<p>Ein Neunmonatskind ist Heike, an Allerheiligen beim Soldaten-Urlaub gezeugt. Heikes Vater: Obergefreiter, der später dann von seiner Arbeit nicht wieder kam. Eingesperrt blieb er bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus. Heikes Vater: ein Mörder und Gefangener. Ein Liebender hätte er auch sein können, wenn es seine Zeit gewesen wäre. Zeit genug geblieben wäre, um zu lieben.</p>
<p>Schnell durch den Wald. Flieger brummen und kreisen. Der Bruder hat sie an der Hand, seine Hand ist weich und nass. Die Mutter hetzt über Gestrüpp und Wurzeln, dem Bruder tropft Rotz und Speichel auf ihre Hand. Überall Menschen, mit flachem Atem und verkrusteten Augen. Später wird sie erfahren, das überall im Wald Minen waren und sich ekeln vor der Spucke ihres Bruders.</p>
<p>Ihr Vater ist der Vater ihres Bruders, denkt Heike. Erst sehr viel später erfuhr sie vom älteren Bruder, der früh starb, über den nie gesprochen wurde, der zurück blieb in Schutt und Asche. Ihr Vater steht drei Jahre nach Kriegsende am Bahnsteig, er riecht nach Mottenkugeln und Angst, seine Hände stecken tief in der Tasche, seine Käferaugen schauen auf Heike &#8212; er bleibt stumm.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>Olaf</strong><br />
»Unspektakulär war die Geburt von Olaf.«, sagt Heike ihrer Nachbarin Erika auf der Straße und schaut bittend in den Kinderwagen »Sechs Wochen zu früh kam er auf die Welt. Aber das hat dann auch nichts mehr gemacht.«.<br />
Ein blaues Mützchen schenkt ihr die Nachbarin Erika, ihrem Jüngsten passt sie nicht mehr.<br />
»Ach wie schön. Das wär&#8217; jetzt aber nicht nötig gewesen!«, sagt Heike, legt das Mützchen zweimal zusammen, spielt mit den Kordeln. »Jetzt trinkt Olaf schon in einem Zug die Milch aus der Flasche leer.«<br />
Am nächsten Tag bringt meine Mutter der Nachbarin ein Stück Kuchen vorbei «Für das Mützchen – das passt Olaf so gut!»</p>
<p>Warum heiße ich Olaf? Vater Gerd und Mutter Heike hatten die Namensliste der männlichen Vornamen durchgelesen. Der Mutter gefiel das runde O, der Vater sagte «Ja».  Der Vater meiner Mutter hieß Joseph und der Vater meines Vaters war namenlos, deswegen war meinem Vater jeder männliche Namen recht.</p>
<p>Mit zwei Jahren beginne ich zu zittern, übergebe mich, schreie.<br />
Heike besänftigt meine Großmutter «Es wird schon nicht so schlimm sein. Der Junge wird bald aufhören zu schreien.» und meine Mutter flößt mir mit zittrigen Fingern noch mehr Griesbrei ein. Ich spucke den Brei wieder aus, krampfe, finde die Tränen meiner Mutter auf meinen Wangen und übergebe mich wieder.<br />
Daneben steht mein Vater, in seiner Hand meine Schwester Britta, die zwei Jahre älter ist als ich. Britta hat blonde, gekräuselte Haare, die Finger meines Vaters verfangen sich in ihren Locken.  Britta streckt ihre Hand nach mir aus, ertastet meine Finger &#8212; ein Rest Griesbrei landet auf ihrem Gesicht. Britta weint, schreit. Mutter und Vater schreien. Die Holzfenster werden zugemacht.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt</em></p>
<p class="Absatz">
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		<title>Spazierjahre</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Apr 1997 11:18:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gisselbrecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[-- ERZÄHLUNG]]></category>
		<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
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		<description><![CDATA[I. Es ist Winter. Noch liegt kein Schnee. Ich sitze auf meinen Sofa und warte. Mein Sofa ist braun. Es ist aus Cord, braunem, breitem Cord. Manchmal sitze ich auch in der Küche. Aber in der Küche sitze ich eigentlich nicht oft. Dort stehen zwei blaue Holzstühle. Im Wohnzimmer sitze ich dagegen oft. Ich sitze [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>I.</strong><br />
Es ist Winter. Noch liegt kein Schnee. Ich sitze auf meinen Sofa und warte. Mein Sofa ist braun. Es ist aus Cord, braunem, breitem Cord. Manchmal sitze ich auch in der Küche. Aber in der Küche sitze ich eigentlich nicht oft. Dort stehen zwei blaue Holzstühle. Im Wohnzimmer sitze ich dagegen oft. Ich sitze auf meinem Sofa und denke nach.</p>
<p>Gestern habe ich all meine Bücher in den Keller gestellt. Ich möchte keine Bücher mehr lesen. Die Bücher haben mich gestohlen. Deshalb werde ich erst einmal auf dem Sofa sitzen und nachdenken. Ich denke nach, was zu tun ist. Bisher las ich Bücher. Lange, lange Zeit  las ich Bücher. Denn ich bin eigentlich noch nicht alt. Aber ich habe viel gelesen, wahrscheinlich zu viel. Seitdem weiß ich nicht mehr genau wie alt ich bin. Auch weiß ich nicht mehr welche Geschichte ich mit mir selbst habe.Ein Blatt Papier und Schreibzeug liegt nun auf meinem Sofa. Meine Geschichte möchte ich nicht damit aufschreiben. Denn ich habe schon zuviele Geschichten gelesen. Jetzt werde ich aufschreiben, was ich tun werde. Einkaufen bin ich schon immer gegangen. Das Wort Einkaufen brauche ich deshalb nicht aufschreiben. Was ist zu tun? Ich brauche Bewegung!</p>
<p>Mein Nachbar ist in Bewegung. Jeden Tag geht mein Nachbar spazieren. Ich habe ihn oft schon dafür sehr bewundert. Spazieren gehen schreibe ich auf das Blatt Papier. Von nun ab also werde ich spazieren gehen. Das ist schön. Ich gehe eigentlich gerne spazieren. In den Geschichten, die ich damals las gingen viele spazieren. Manche gingen alleine spazieren. Andere gingen aber auch mit Freunden spazieren. Und nicht nur zum spazieren gehen braucht man wohl Freunde. Schließlich schreibe ich: Freunde treffen. Aber gleich schreibe ich noch ein Fragezeichen dahinter. Ich habe nämlich eigentlich keine Freunde. Die Bücher waren meine Freunde. Nun verstauben meine Freunde im Keller. Es ist eine lustige Vorstellung, das sie da unten verstauben. Das bringt mich zum Lachen. Das Wort Lachen muss ich also nicht auf meine Liste schreiben. Selbst beim Lesen lachte ich. Wahrscheinlich bin ich ein lustiger Mensch. Vielleicht wird mir dies nützlich sein. Vielleicht werde ich dadurch Freunde gewinnen.</p>
<p>Was brauche ich also noch weiter zum Leben? Welche Dinge können mir nützlich sein für meine eigene Geschichte? Für eine Geschichte außerhalb der Bücher. Denn meine Bücher sind im Keller und verstauben. Ich aber sitze auf dem Sofa, warte und denke nach. Nicht mehr lange warte ich und denke nach. Ich werde  alles tun, was mir die Bücher versagten. Zum Beispiel spazieren gehen, Freunde treffen. Was also ist noch nötig?<br />
Es ist anstrengend darüber nachzudenken. Ich stehe also auf und sehe aus dem Wohnzimmerfenster. Es schneit immer noch nicht. Es ist Winter und kein Schnee. Nicht einmal Eisblumen. Flaubert schrieb von Eisblumen. Aber Flaubert verstaubt im Keller. Es ist jetzt Winter, auch ohne Schnee. Ich werde nun spazieren gehen und Freunde finden. Ob man im Winter gut spazieren geht? Ob man im Winter Freunde findet? Ich setze mich wieder auf mein Sofa.</p>
<p>An so vieles muss noch gedacht werden. Inzwischen ist es schon dunkel geworden. Wintertage sind kürzer als Sommertage. Im Winter bleibt man besser Zuhause. Ich aber möchte spazieren gehen lernen. Und ich möchte Freunde finden. Jetzt muss ich es tun. Deshalb stehe ich auf. Ich gehe an das Fenster. Es schneit noch immer nicht. Ich gehe an die Haustür. An der Garderobe hängt ein Mantel. Ich ziehe ihn mir über. Als die Tür hinter mir zufällt bekomme ich angst. Ist es heute ein guter Tag zum spazieren gehen? Wird es nicht schon zu dunkel sein um Freunde zu finden?</p>
<p>Den Bäumen fehlt etwas. An ihren Zweigen sind keine Blätter. Und die Vögel singen nicht. Ich weiß, das auch in der Stadt Vögel singen. Ich habe sie oft schon gehört. Im Sommer am offenen Fenster las ich und hörte Vögel. Jetzt ist alles still. Selbst der Einkaufsladen gegenüber ist dunkel. Ich möchte auch nichts einkaufen. Heute ist nicht Mittwoch. Was für ein Tag ist eigentlich heute? Es ist der erste bücherlose Tag. Es ist mein Tag. Der Tag an dem ich spazieren gehe und Freunde finde.</p>
<p>Diese Stadt ist trübe. Ich glaube diese Stadt war schon immer trübe. Die Menschen sagten früher, so gehört es sich. Sie sagten sogar, sie lieben die Stadt dafür. Das habe ich als kleiner Junge von den Menschen gehört. Wie winzig war ich als kleiner Junge? Heute liebe ich diese Stadt weil sie so grau ist. Heute bin ich ein Mann und kein kleiner Junge mehr. Obwohl ich Zuhause nur las, liebe ich diese dunkelgraue Stadt. Sie riecht nach Moder. Als kleiner Junge ging ich eimal durch den Wald. An einem Frühlingstag roch ich dort das verfaulte Laub. So riecht es hier. Deshalb fehlt an den Bäumen das Laub. Immer muss es hier vermodert riechen. Das gehört zur Stadt. Kein Laub, kein Grün an den Bäumen. Das ist meine Stadt. Aber es ist Winter, vielleicht riecht es im Winter immer so. Ich werde jemanden fragen &#8212; einen Freund.<br />
»Entschuldigen Sie, mein Freund, riecht es hier immer so verfault?«<br />
Mein Freund aber drückt sich an mir vorüber. Er schüttelt mit dem Kopf. Mein Freund hat keine Zeit für mich. Das muss ich wohl noch lernen. Nicht jeder Freund hat Zeit. Ein anderer dagegen bleibt stehen, er sieht mich an.<br />
Er nickt und sagt höflich, aber tonlos. »Immer so hier, immer verfault, immer riechen die Stadt so. Im Winter noch mehr riechen so. Winter ist verfault wie Stadt so &#8212; verstehst!«<br />
Ja, ich verstehe, dankend schüttle ich ihm die breite Hand. Er grinst. Er klopft mir auf die Schulter. Und er geht weiter. Freunde bleiben nicht lange. Sie ziehen weiter. Auch das muss ich noch  lernen. Nun habe ich bereits zwei Freunde. Obwohl: sie blieben nicht lange. Und spazieren gegangen bin ich wohl auch noch nicht? Es ist alles viel schwieriger, anstrengender als gedacht.<br />
Müde bin ich, gehe aber weiter. Ich möchte noch spazieren gehen, ich werde spazieren gehen. Ich überquere die Straße, stolpere, stürze. Mein Fuß hängt in einem Schlagloch fest. Ein spaßig-wütender Gaul hat hier seine Hufen hineingehauen. Das Schlagloch ist sicherlich zwei Hand tief. Spazieren gehen ist sehr schwierig hier. Schließlich ist mir auch sehr kalt. Der Sommermantel schließt nicht, hat nur einen Knopf ganz unten. Ich gehe zurück. Immerhin habe ich zwei Freunde gefunden. Einzig mit dem spazieren gehen hapert es noch ein wenig. Morgen ist auch noch ein Tag.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>II.</strong><br />
Sicherlich, es ist Winter und ich friere, die Stube ist kaum zu beheizen, aus allen Ritzen kommt die Kälte und ich kann noch so schnell auf und ab gehen, es nutzt alles nichts. Ich bleibe einsam, selbst meine Katzen verstecken sich unter dem Bett. Ich habe zunächst das Radio eingeschaltet, die Nachrichten gehört, auch das Wetter &#8212; es soll auf lange Sicht nicht schneien. Und den Fernseher habe ich danach eingeschaltet, suchte nach Talkshows, fand aber nur Spielfilme. In der Nacht ist jede Frau alleine, habe ich mir dann gedacht und die Kaffeemaschine eingeschaltet, denn das rote Licht daran mag ich sehr. Ich saß einige Zeit in der Küche im Dunkeln, nur das rote Licht der Kaffeemaschine, bis mir die Augen brannten. Jetzt sitze ich am offenen Fenster, spüre die Winterkälte, reibe mir die linke Schulter warm und hauche in die Dunkelheit. Es nutzt nichts, es bleibt alles gleich dumpf und schwer. Spazieren gehen wird helfen, bisher half spazieren gehen immer. Also ziehe ich mir einen Pullover über, schlüpfe in den Wintermantel, schlinge mir den Schal um den Hals. Die Wärme im Winter, die ich mir selbst schaffe beim spazieren gehen, ist die Schönste. Diese klirrende Kälte saust in den Kopf, einzig an Wärme kann ich noch denken, Wärme, Wärm&#8230; Als ob auf einmal alle Gedanken festgefroren wären, tief gefroren. Nämlich drinnen in der einsamen Wärme der Wohnung tauen sie wieder auf und plagen mich. Sie stechen mit ihren kleinen Nadeln, nein sie ritzen mir in die Nervenbahnen ein: tue, lebe, liebe. Niemals kitzeln diese verdammten Plagegeister, so kann ich nicht lachen, manchmal nur weinen, aber immer weniger. Deshalb liebe ich diesen Winter. In den Kühlschrank kann ich schlecht meinen Kopf stecken, immer wieder, den Kopf in das Gefrierfach legen, Eiswürfel von den Gedanken herstellen. Eiswürfelgedanken &#8212; um sie bei Bedarf auftauen oder immer wieder den Ausguß hinunter zu schütten. Ja! Aber wenn es zu kalt ist, ist es auch nicht gut, dann frieren die letzten schönen Gedanken zu und ich kann nicht einmal mehr an Wärme denken.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>III.</strong><br />
Vor dem Haus ist eine Wiese. Heute schneit es noch immer nicht. Sogar die Sonne scheint. Der Kalender vermerkt: 1.Dezember. Also gehe ich auf die Wiese. Es sind Spaziergänger unterwegs, wie ich. Wir grüßen uns. Auf dem Kiesweg treffe ich einen Nachbarn.<br />
»Ich gehe spazieren!«, sage ich stolz zu ihm. »Ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Spaziergänger!«<br />
»Früher habe ich Sie nie gesehen.«, sagt mein Nachbar misstrauisch.<br />
»Erst seit sieben Tagen habe ich das spazieren gehen gelernt.«<br />
»Ja, das ist fein. Es ist ja auch solch ein schöner Tag dafür.«<br />
»Früher las ich Bücher.«<br />
»Ich lese Zeitung.«<br />
»Und ich liebe den Schnee!«, setze ich hinzu.<br />
»Na dann einen schönen Tag noch.«<br />
Und wir gehen weiter spazieren. Ich gehe den Kiesweg weiter entlang. Mein Nachbar schließt bereits die Haustür auf. Der Kiesweg führt zu einer Straße, die Straße führt zu einem Feldweg. Der Feldweg führt in den Wald. Diesen Spaziergang werde ich heute tun. Sicherlich wird es anstrengend sein, aber spazieren gehen ist eben nicht ganz einfach. Entlang dem Kiesweg ist eine Wiese. Entlang der Straße fahren hunderte von Autos. Am Feldweg entlang ist Acker und eine Grasnarbe. Im Wald wachsen Bäume. Es ist ein Mischwald. Dabei haben es die Tannen am schwersten. Sie tragen das ganze Jahr über die Last ihrer Nadeln. Die Laubbäume dagegen dürfen im Winter ruhen. Ihre Blätter sind sie Gott sei gelobt im Winter los. Buschwerk und niedere Gräser wachsen unter den Bäumen.<br />
Ich höre Vögel. Auch am offenen Fenster höre ich Vögel. Hier aber im Wald singen die Vögel lauter. Sie werden dort wohl glücklicher sein. Oder sie schreien vor Verzweiflung. Zwischen den Häusern ist wenig Platz für die Vögel. Zum Fliegen braucht man viel Platz. Zwischen den Büchern habe ich sie manchmal fliegen sehen. Natürlich nur, wenn ich die Augen schloß. Jetzt kann ich die Augen schließen und es ist dunkel. Aber ich höre die Vögel singen. Ein Specht hämmert gegen die Birke einer Tanne. Der Specht singt nicht, er arbeitet. Ich gehe  zurück, den Waldweg entlang, ein fester Weg. Durch die dichte Tannendecke kommt keine Sonne. Es ist mir ein wenig kühl geworden. Auch treffe ich hier keine Menschen an. Es gibt hier keine Spaziergänger. Aber spazieren gehen habe ich nun gelernt. Doch wenig Freunde fand ich bisher. Kann man nur spazieren gehen? Findet man keine Freunde beim spazieren gehen? Wo findet man sie? Und wie?  Vielleicht sollte ich mit meinem Nachbarn Freundschaft schließen. Letztendlich ist auch er ein großartiger Spaziergänger. Früher habe ich ihn schon beneidet und bewundert. Täglich dreht er eine Runde um den Block. Niemals vergißt er das. Mein Nachbar ist ein redlicher Spaziergänger.<br />
Der Waldweg wird zum Feldweg. Am Ausgang des Feldwegs bleibe ich stehen. Ein karierter, weißer Zettel liegt auf der Grasnarbe. Schon der nächste Wind könnte ihn davonwehen. Eigentlich dürfen keine Zettel auf dem Boden liegen. Schon gar nicht auf einer Grasnarbe, zwischen Acker und Feldweg. Zettel sind keine Bücher. Auf Zettel schreibt man wichtige Dinge. Zum Beispiel, was man einkaufen will. Aber auch, was sonst noch zu erledigen ist. Ich schrieb auf einen Zettel: spazieren gehen, Freunde treffen. Aber diesen Zettel habe ich immer bei mir. Deshalb kann dieser Zettel auf dem Boden nicht von mir sein. Jemand muss den Zettel verloren haben. Vielleicht wird mein Nachbar den Zettel verloren haben. Aber mein Nachbar geht hier nicht spazieren.<br />
Der Zettel ist durchweicht vom Ackerboden. Torfige Schlieren überspülen das Karo des Zettels. Auf dem Zettel steht mit roter Schrift geschrieben:<br />
»Ich vermisse Dich. Melde dich! Deine Spaziergängerin.«</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>IV.</strong><br />
Dutzende Eintagsfliegen im Netz meiner Hausspinne, die ihren Lebensabend in der Ecke meines Wohnzimmers eingerichtet hat. Ich lasse sie dort, beobachte sie jeden Morgen, kurz nach dem Aufstehen, es ist wie ein Reinigen von Träumen. Ich zähle die Eintagsfliegen nach, die sie neu gefangen hat, puste in das Netz, bis mir die Spinne mit ihrem schwarzem Grinsen einen schönen guten Morgen wünscht. Das ist mein Sonntagsmorgen.<br />
Von Zimmer zu Zimmer gehen. Die Bücher im Bücherregal durchsehen, dieses und jenes herausnehmen und darin schmökern, ein oder zwei Sätze lang &#8212; sich an das Buch erinnern, an die Erinnerung an das Buch. Und schließlich die lange rote Brockhausreihe, 30 Bände mit Goldschnitt anstarren. Irgend einen Band herausnehmen und die Nase tief in die Seiten stecken. Immer riecht es frisch nach Druckerschwärze, nicht nach irgend einem anderen phantastischem Geruch, nein nach Druckerschwärze. Wenn diese Bände eines Sonntagmorgens nicht mehr nach Druckerschwärze riechen sollten werde ich sie verkaufen. Das ist der Sonntagmittag.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>V.</strong><br />
Ich werde Straßenbahn fahren. Schon als Junge fuhr ich gerne Straßenbahn. Sie ratterte, machte Krach. Deshalb musste ich niemandem zuhören. Meine Mutter saß daneben, redete und redete, und ich hörte einzig das Rattern. Damals wollte ich Straßenbahnschaffner werden. Aufgeregt sah ich die grünen und roten Lampen blinken. Der Straßenbahnschaffner erklärte mir die Lampen. Bei der grünen Lampe fährt die Straßenbahn. Bei der roten Lampe hält die Straßenbahn. Diese Lampen hatten keine wesentliche Funktion. Denn ich hörte die Straßenbahn rattern, wenn sie fuhr. Dabei leuchtete die grüne Lampe &#8212; aber das war auch alles. Sein größtes Geheimnis, an welchem Signal er weiterfuhr, verschwieg er. Der Straßenbahnschaffner wollte mir nicht sagen, was die Signale bedeuten. Die Signale waren an langen Masten angebracht. Davor hielt die Straßenbahn. Einmal ergaben zwei Punkte des Signals eine Schräge. Ein anderes Mal ergaben drei Punkte eine Waagrechte oder Senkrechte. Aber der Straßenbahnschaffner fuhr gleich bei jedem Signal los. Und heute, heute werde ich wieder Straßenbahn fahren. Ich werde meinen Freund, den Straßenbahnschaffner wiedersehen. Schließlich werde ich ihn fragen, was die Signale bedeuten. Danach  werde ich spazieren gehen.</p>
<p>Alles ist wie früher. Die Straßenbahn rattert, quitscht bei jeder Biegung. Es riecht nach dem nassen Staub eines Sommerregens. Aber es ist Winter. Und es schneit noch immer nicht.<br />
»Mein Freund, was bedeuten die Signale am Schienenrand?«<br />
»Die Signale bedeuten nichts! Setzen Sie sich hin! Ich muss in Ruhe Straßenbahn fahren. Für Auskünfte werde ich nicht bezahlt!«<br />
Es ist ganz wie früher. Nichts hat sich verändert. Nur meine Bücher verstauben im Keller und  nichts hat sich  getan. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll. Auch ist es heute schwieriger als gestern Freunde zu finden. Nicht jeder Tag scheint geeignet, Freunde zu finden. Vielleicht aber ist heute der Tag um spazieren zu gehen.<br />
Ich setze mich auf einen freien Platz. Ein Zettelchen liegt auf dem Boden. Er ist kariert. Und er ist zerknüllt. Ob etwas darauf steht? Wie ein Puppenkopf sieht das Zettelchen aus. Hallo Puppenköpfchen! Was hat man dir getan? Kariert bist du und Worte fließen aus deinem Köfpchen. Püppchen, Püppchen, was hat man dir getan? Ich möchte dich nicht anfassen, ich möchte dir nicht wehtun. Worte sind ansteckend. Oder soll ich dir helfen, dich davon zu befreien? Hier oben auf deiner Stirn klebt ein ›U‹. Deine Augen sind das ›E‹. Und der Mund ein breites ›W‹. Soll ich es lesen und dich davon befreien? Weißt du dein Köpfchen kann man auseinanderfalten. Dann hast du ein Leibchen.<br />
»Erwarte Dich am Mittwoch, um 17 Uhr.«<br />
Ja, siehst du, Püppchen, das trug dein Köpfchen. All das und bestimmt noch viel mehr. Was glaubst du, wer erwartet da wen? Du willst wohl nicht mehr meine Freundin sein? Du hast nichts mehr auf deinem karierten Köpfchen stehen. Dann paß auf! Dein Leibchen wird wieder ein Köpfchen. Siehst du!  Das ›U‹ an der Stirn, die Augen das ›E‹ und das ›W‹ der schmollende Mund. Schlafe weiter, mein Püppchen und träume weiter. Vielleicht sieht man sich ja wieder. Ja, mein Püppchen, mein Kopfpüppchen. Vergiss mich nicht.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>VI.</strong><br />
Ich will mir Freundinnen träumen, hier und jetzt in dieser Kälte, in dieser Stadt.<br />
Wir werden ein Feuer entzünden müssen, mitten auf dem Marktplatz. Ein Fremder wird wahscheinlich stehen bleiben und versuchen uns zuzulachen. Die eine Freundin wird um das Feuer tanzen, die andere davor stehen und sich einfach nur wärmen. Meine beste Freundin wird sich lange Zeit durch das dunkle Haar streichen, bis sie eine Locke erwischt und dann vor dem Feuer anfangen zu erzählen, von sich. Das hat sie schon lange nicht mehr getan und ich werde ihr zuhören, manchmal lachen über ihren ängstlichen Starrsinn nicht gemocht zu werden. Zuletzt werden wir uns in den Armen liegen und meine anderen Freundinnen werden sich zu uns stürzen, mit kindlichem Eifer über uns schimpfen, weil wir nicht sie umarmten. Wir werden uns alle zusammen in den Armen halten und dann dem Feuer zusehen wie es langsam niederbrennt, die Flammen kleiner, dünner werden, das Rote, Orangene, Gelbe sich zum Grau der Stadt verwandelt &#8212; aber erst am Morgen. Dann sind wir müde und werden uns in mein großes Bett legen. Nach dem Schlaf werden wir uns die Nacht noch einmal und noch einmal erzählen, uns unserer Freundschaft versichern, zwischen Kaffee und Brötchen. Wir werden nichts vermissen.<br />
Und schließlich träume ich mir einen Mann. Er war der Fremde, der uns versuchte zuzulächeln am Feuer. Aber das werde ich erst viel später von ihm erfahren. Am Anfang steht er nur verloren &#8212; wie alle Männer &#8212; vor einer Ampel, ich neben ihm. Die Ampel ist rot, wir warten, die Ampel wird grün, wir warten, und so geht es noch einige Male. Er wendet sich dann zu mir und fragt, ob ich zuerst über die Ampel gehen wolle. Alleine möchte er nicht mehr über eine Ampel gehen und so wenigstens einem Menschen hinterhersehen können, wenn jemand vor ihm weitergehe, das genüge ihm. Aber ich werde bei ihm bleiben, gemeinsam bei rot über die Straße gehen und dann mit ihm mein großes Bett teilen für diese Nacht. Er wird sich wundern, wie warm das Bett noch ist. Ich werde ihm erzählen von meinen Freundinnen, dem Feuer inmitten dem Marktplatz. Dann  wird er es mir sagen, er sei der Fremde gewesen damals, der versuchte uns zuzulächeln. Damals aber, so wird er sagen, hatte er nur Augen für meine Freundin, die um das Feuer lief und dabei weinte. Wir werden uns die ganze Nacht über lieben. Am nächsten Morgen wird er wieder fahren müssen aber immer wieder, an irgend einem anderen Abend wiederkommen.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>VII.</strong><br />
Ich kann nicht schlafen. Ob meine Bücher schlafen können? Ob ich nicht doch ein, zwei Seiten lesen sollte? Die Gedanken alleine rauben mir den Schlaf. Die Bücher wiegten mich in den Schlaf. Aber ich will sie doch in Ruhe lassen. Will das bücherlose Leben lernen, kennenlernen, leben. Das Bett ist lauwarm. Die Bettflasche ist schon längst kalt geworden. Wie könnte ich es wärmer haben? Welche Methoden gibt es noch? Alleine ich wärme mich nicht. Und schon gar nicht wenn ich wach liege. Die Bettflasche hält nicht lange vor. Ansonsten ist die  Bettflasche heiß, siedend. Obwohl nach Gebrauchsanweisung siedendes Wasser verboten ist. Aber ich brauche ein warmes Bett. Wie machen es die anderen? Wie halten die anderen in der Nacht ihr Bett warm? Manche sind nicht alleine. Sie wärmen sich aneinander, wie Tiere. Selbst Schildkröten &#8212; las ich &#8212; wärmen sich gegenseitig. Unter der Laubdecke liegen sie beieinander bis zum Frühjahr. Eine Nacht würde mir genügen. Eine Nacht nicht frieren. Eine Nacht nicht wachend liegen. Ein Nacht gemeinsam. Dann wäre die nächste Nacht nicht mehr so kalt. Auch wenn ich wieder alleine liegen würde. Wie findet man jemanden, der einem wärmt? Und wird sie auch die richtige Temperatur haben. Wird sie nicht vom Bett herunter plumpsen? Wird sie mitten in der Nacht aufstehen und gehen wollen? Wie wird sie heißen? Wie wird sie mich nennen? Wie werde ich sie nennen? Wie werden wir uns nennen? Werden wir uns lange wärmen können? Und wie finde ich sie eigentlich? Werde ich sie beim spazieren gehen finden? Ist es so, als ob man einen Freund findet? Ist dies schwieriger als einen Freund zu finden? Jetzt werde ich schon gar nicht mehr schlafen können.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>VIII.</strong><br />
Wieder eine Nacht ohne Schlaf. Zurück geblieben ist das kalte Bett. Die Kneipe ist warm.<br />
»Ich bin jemand, der mit gebrochenem Herzen seinen Kummer ersäuft«, sagte der andere auf seinem Barhocker lächelnd.<br />
»Und woran ist Ihr Herz gebrochen?«<br />
»Nein, nein, mein Herz ist nicht gebrochen. Eigentlich bin ich bloß Quartalssäufer.«<br />
»Wegen gebrochenem Herzen?«<br />
»Quatsch, ich trinke kein Alkohol. Ich  bin ein geborener Liebhaber!«<br />
»Haben Sie sich so schnell erholt vom gebrochen Herzen?«<br />
»Ich hatte noch nie ein gebrochenes Herz.«<br />
»Aber wieso trinken Sie dann?«<br />
»Ich sitze immer hier! Nur manchmal denke ich daran Schluß zu machen!«<br />
»Ich sitze hier zum ersten Mal, davor ging ich spazieren. Aber nun lerne ich ja schon wieder einen Freund kennen?«<br />
»Ich habe keine Freunde, es ist nicht gut Freunde zu haben. Einmal hatte ich einen Freund &#8212; einen Schauspieler. Er sagte: auf der Bühne bin ich ich selbst, auf der Bühne verliere ich die angst vor dem Leben. Ja, kurz danach sahen wir uns nicht wieder. Denn ich habe immer und immerzu angst vor dem Leben.«<br />
»Lassen Sie uns Freunde sein.«<br />
»Vergiss&#8217; es. In einer halben Stunde muss ich auf der Bühne stehen.«<br />
»Welche Bühne?<br />
»Mann, ich bin Schauspieler, ich spiele, ich spiele heute Abend einen Liebhaber, nächsten Monat einen Enttäuschten, nächstes Jahr bereits einen Selbstmörder, dann setze ich für ein, zwei Monate aus und beginne wieder als Liebhaber. Daneben kann ich nichts gebrauchen.«</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>IX.</strong><br />
Noch immer ruhen die Bücher im Keller. Manchmal vermisse ich sie. Manchmal sprechen sie sogar zu mir. Sie rufen. Sie schreien. Manche weinen sogar. Dann gehe ich spazieren. Ich gehe lange, sehr lange spazieren. Mein Nachbar kennt mich jetzt, grüßt. Der Nachbar hört das Rufen meiner Bücher nicht. Selbst im Wald höre ich sie noch flüstern. Manchmal.<br />
Heute ist es wieder so weit. Die Bücher rufen, weinen, schreien &#8212; durcheinander. Im Wald wird es gut sein zu spazieren. Die Wälder sind so dicht wie Buchseiten es nur sein können &#8212; undurchdringlich. Es regnet im Takt. Von den Laubblättern tropft Regen auf die Büsche. Von den Büschen auf die Buschwindrosen. Von den Buschwindrosen auf den Boden. Tropfen auf Tropfen. Ein melancholischer Takt. Ich gehe in diesem Takt weiter, weiche einer Schnecke aus. Die Schnecke geht auch spazieren, zusammen mit ihrem Haus. Tropfen auf Tropfen. Meine Stirn wird nass, die Nase auch, selbst die Wangen. Es ist wie weinen ohne richtig traurig zu sein. Auf dem Kiesboden des Waldes bilden sich erste Pfützen. Laubwälder haben ihre eigene Melodie. Ich bleibe stehen, höre zu. Ein Satz aus einem Buch drängt in meine Ohren. Und renne los. Regenpfützen schlackern um meine Füße, die Beine hoch. Will nichts mehr hören, will keine Sätze, will spazieren gehen. Und bleibe stehen, gehe weiter spazieren. Nichts! Regentropfen. Tropfen auf Tropfen. Regen graviert Zeichen in die Pfützen. Es sind erbärmliche Zeichen, akkupunktierte Buchstaben. Keine Sätze, keinen Sinn, keine Gefahr. Im Regen spazieren zu gehen ist wunderbar. Und dann ein Spaziergänger. Er kommt mir entgegen. Er sieht in die Luft, saugt den Regen ein. Ich gehe ihm entgegen. Von Spaziergänger zu Spaziergänger. Er sieht mich nicht. Ich tippe ihm an die Schulter. Es ist eine Spaziergängerin. Ich sehe es an ihren Brüsten. Der Regen hat ihr T-Shirt durchweicht. Runde nasse Brüste, die sich durch das T-Shirt drücken. ›Schwarzwald‹ steht auf dem T-Shirt. Wir bleiben voreinander stehen. Und sagen nichts.</p>
<p class="Absatz">
<p><em>Fortsetzung folgt</em></p>
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		<title>Springtide</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Aug 1996 11:06:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gisselbrecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[-- ERZÄHLUNG]]></category>
		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Insel]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
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		<description><![CDATA[I. Heute muss SIE kommen. Heute werde ich SIE endlich wieder in die Arme schließen. Es ist Frühling geworden. Ich vermisse Buschwindröschen. Auf dem Sandboden wachsen sie nicht. Ich denke an Madonnenlilien. Am Horizont das Schiff. Gespannt sehe ich aus dem Abteilfenster. Vorangegangen ist das Wasser einen großen Schritt: Flut. Genug Wasser für das Passagierschiff [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>I.</strong><br />
Heute muss SIE kommen. Heute werde ich SIE endlich wieder in die Arme schließen.<br />
Es ist Frühling geworden. Ich vermisse Buschwindröschen. Auf dem Sandboden wachsen sie nicht. Ich denke an Madonnenlilien.<br />
Am Horizont das Schiff. Gespannt sehe ich aus dem Abteilfenster. Vorangegangen ist das Wasser einen großen Schritt: Flut. Genug Wasser für das Passagierschiff ›Rosa‹, um am Inselhafen anzulegen.<br />
Heute muss SIE kommen. Heute muss die ›Rosa‹ mit IHR ankommen.<br />
Züngelnd zerrt das Meer am Bahndamm. Tuckernd, dem Hafen entgegen, fährt die Inselbahn. Der große Teppich Meer wird sich in sechs Stunden wieder zurückgezogen haben.<br />
Weit in das Meer hat man den Hafen gebaut.<br />
»Ein Kranz Stahlspundbohlen ist um den Hafen gelegt, so ist er unverwüstlich geworden!«, hatte Til, der Inselglaser erklärt.<br />
»Unverwüstlich wie die Wüste?«, hatte ich gefragt.</p>
<p>Die Inselbahn liegt mit drei Waggons und mir als einzigem Fahrgast, wie ein gestrandeter Wal am Hafen. Das Passagierschiff ›Rosa‹ wird festgemacht; an der Reling stehen gebannt die ersten Passagiere. Ob SIE müde ist? Wird die dreistündige Seefahrt nicht zuviel für SIE gewesen sein?<br />
Vor der Gangway der ›Rosa‹ stelle ich mich auf; verfolge den kurzen Weg der Menschen, die von der ›Rosa‹ auf die Insel gehen, suche fiebernd nach einem Zeichen: Lippen, Augen und Haaren von IHR. Die meisten Menschen beachten mich nicht, und die, die mir flüchtig in die Augen sehen, kenne ich nicht. Von einer alten Frau werde ich zur Seite geschoben, so wie man einen fremden Koffer beiseite schiebt.<br />
Die meisten Menschen kommen nicht alleine. Ehepaare gehen ruhig über die Landungsbrücke. Kinder springen und hüpfen vereinzelt um sie.<br />
Wenige Frauen gehen alleine auf die Insel. Einige bleiben stehen, sie kümmern sich um ihr Gepäck. Diese sehe ich besonders lange an. Bis sie sich abwenden. Ich sehe auf Lippen, die nicht IHRE Lippen sind, die nicht das Rot von Leuchtreklame haben. Diese Lippen sind blass, zerfurcht, oft zerbissen. Ich sehe in Augen, die nicht IHRE Augen sind, die nicht das Grün von     Absinth haben. Diese Augen bestehen aus Tee, brauner ungezuckerter Tee, oft milchig verschleiert. Diese Haare sind dunkel verweht. Haare wie  Marilyn Monroe haben sie alle nicht. Diese Haare flattern blass im Wind, werden zu verschwommenen Strichen, die nicht IHR Haar in den Himmel malen können.</p>
<p>SIE ist also wieder einmal nicht gekommen. Sicherlich wird SIE morgen oder in den nächsten Tagen kommen &#8212; SIE benötigt noch ein wenig Zeit für alles.<br />
Die Bahntrasse führt vom Hafen über den Deich zur Insel und zieht sich lange Kilometer. Treibeis kann ihr nichts mehr anhaben.<br />
»Vor zwanzig Jahre presste Treibeis den Bahndeich und den alten Hafen zu holzigem Brei. Aber selbst die Bahntrasse«, hatte Til gesagt, »ist jetzt bombensicher!«<br />
Darüber gelacht hatte ich, Til verärgert den Kopf geschüttelt und sich in die ›Pupille‹, der Kneipe mitten im Dorf, einladen lassen. Tage später lud mich Til ein, seine Glaserei anzusehen, und ich besuchte ihn gleich am übernächsten Tag. Til schnitt gerade Fenstergläser zu und zeigte mir wenig später die Werkstatt, all die Fenstergläser– und Rahmen. Überall an den Wänden verstreut hingen Fotografien seiner früh verstorbenen Frau; Til hat ihre kastanienbraunen Haare sehr geliebt.</p>
<p>Röchelnd fährt die Bahn an. Ankommenden tönt das Pfeifen als eiserner Vogel. Und grauer Bahndunst wirbelt mit Meeresluft in jeden Mund. Nachts wache ich oft davon auf, schmecke diese salzgeschwefelte Luft, die in der Rachenhöhle nistet. Und starre  auf die Schattenspiele der Wände: sehe rote Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth, Haare wie  Marilyn Monroe: SIE. Vergrabe mich in das Kissen, Speichel fließt mir aus den Mundwinkeln. Manchmal stehe ich auf, trinke Wein; manchmal schlafe ich auch wieder ein.<br />
Ich schiebe mich langsam durch die Abteile, sehe noch einmal auf die Angekommenen, die Frauen; DIE FRAU, die ich suche ist nicht angekommen.<br />
Wenig später, als ich durch die Abteile gegangen bin, die Bahn unter rostigem Quietschen auf dem winzigen Sackbahnhof hält, habe ich alles getan, was ich tun muss. Ich suche. Suche SIE.</p>
<p>SIE, so tuscheln bereits einige Insulaner argwöhnisch, gibt es nicht, gab es noch nie, niemals. Andere zeigen hinter meinem Rücken auf mich, würden SIE gerne für mich aus dem Meer fischen, vom Festland einfangen, mit einem großen Schmetterlingsnetz. Man munkelt, ich hätte vor einem halben Jahr diesem oder jenem Ankommenden sogar eine Fotografie von IHR gezeigt, die schon drei Tage später vom Wind verweht, vom Meer verschluckt blieb. Dann erst, so meinten jene, hätte ich angefangen mit dieser wunderlichen Beschreibung, EINER FRAU mit roten Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth und Haare wie Marilyn Monroe. Einige Insulaner sahen in die Augen ihrer Frauen, auch wenn diese Grün sind, konnten sie keinen Absinth erkennen; die Lippen ihrer Frauen sind vom Salz und Wind rosa gegerbt; die Haare kurz geschnitten, damit der Sturm sie nicht verknote. Kein Insulaner kann sich DIE FRAU vorstellen, die ich suche.<br />
SIE aber wird sicherlich bald kommen, und die Insulaner werden SIE endlich kennenlernen.<br />
Kein Insulaner kennt meinen wahren Namen. Hier und da tauchte ein Name auf, der aber bald wieder ins Ungewisse verschwand, niemand wollte es auf sich nehmen etwas zu erfinden. Und doch hat mich, irgendwann einmal, irgend ein Spaßvogel Leuchtreklamemann gerufen – und dabei blieb es. In der Pension, in der ich wohne, bei Anna Levin, habe ich auf dem Anmeldebogen für Name, Vorname und Anschrift drei kleine Kreuze gemacht, in der Spalte des Geburtstages drehen sich zwei ineinander verschlungene Kreise, der Ankunftstag ist verkleckst, der Tag der Abreise papierweiß. Seit letztem Sommer bezahle ich das Zimmer pünktlich.<br />
Und ist SIE erst einmal angekommen, werde ich mit IHR zusammen einen neuen Anmeldebogen ausfüllen und IHREN Namen darunter setzen.</p>
<p>Endbahnhof. Die Angekommenen zerstreuen sich in drei Himmelsrichtungen. Meine Unterkunft liegt im Westen der Insel. Ich benutze den geteerten Weg, auf dem einzig Pferdegeschirr und Fahrradklingeln eintönig scheppern. Der Weg ist nicht weit, nicht einmal zwei Viertel einer Stunde werde ich benötigen.<br />
Viertel, vierteln, meine Zeit zu vierteln begann ich schon bald. Ein Viertel Schlaf, das zweite, um den Schlaf zu überwinden. Das dritte und vierte Viertel für Unrast und Erwartung. Der Bruch der Zeit, der echte Bruch. Der Nenner bleibt immer gleich. Aber der Zähler verrutscht wie Geröll auf einem Berg mit leichter Neigung, das immer wieder auf den Berggipfel zu schleppen ist. Jetzt schlafe ich manchmal neun Stunden und der Tag hat mich gebrochen. Das zweite und dritte Viertel muß neu geordnet werden. Geröll türmt sich schwarz in mir auf. Auf der Insel muss ich sogar mit der Zeit von Flut und Ebbe rechnen. Wann kommt das Schiff an? Wann gibt es genug Wasser, damit die Fahrrinne so hoch mit Wasser gefüllt ist, dass das Schiff mit IHR ankommen kann? Jeden zweiten, zuzeiten auch nur jeden dritten oder vierten Tag, kommt das Passagierschiff ›Rosa‹ an. Bei starkem Ostwind ist die Rinne leer, das Wasser weit zurückgetrieben. So bleibt das Schiff oft viermal vier Viertel lang vermißt. Schließlich muss ich die Tage neu ordnen lernen. Wieviel Viertel davon benötigt der Schlaf, und wieviel Viertel das Warten? Und SIE? SIE ist noch immer nicht angekommen. Aber SIE wird kommen. Täglich rechne ich mit IHR.</p>
<p>Die Sonne steht im dritten Viertel des Tages. Nach und nach überholt mich ein Pferdeomnibus und mehrere Einspänner. Straff halten die Kutscher die Zügel. Ein Kutscher knallt gelangweilt seine Peitsche über den Kopf des schnaubenden Pferdes. Fahrradfahrer grüßen kurz.<br />
Pechschwarzer Straßenbelag schluckt meine Bewegungen. Vor der Krümmung der Strasse steht still ein Einspänner. Davor der Kutscher, der sich seine Peitsche über die Finger streicht. Aus dem Fenster des Eckhauses reckt ein Mann seinen Kopf.  Einige Stimmfetzen schwirren über die Straße. Ruhig halte ich die Arme am Körper, das Gesicht unbewegt, nur der Mund zittert. Ist es die Einsamkeit meiner Gedanken, die Lust am fremden Wort, die Hoffnung auf einen Hinweis auf SIE, die mich ohne lange Überlegung auf die Unterhaltung zusteuern läßt?<br />
»Zu mir letztens hat doch einer gesagt«, sagt der Kutscher, »wenn du mit fünfzig noch nicht zum Segeln gekommen bist, hast du etwas verkehrt gemacht!«<br />
Der Mann, der seinen Kopf aus dem Fenster reckt, nickt. Auch der Kutscher schweigt einige Zeit. Dann gleiten die geflochtenen Lederriemen der Peitsche über seinen Handballen.<br />
»Meine Frau wartet mit dem Essen.«, sagte er, wünscht dem anderen noch einen schönen Tag, macht es sich auf dem Kutschbock bequem, schnalzt mit der Zunge und läßt die Peitsche mit einem scharfem Knall über dem Kopf des Pferdes sausen.</p>
<p>Ich gehe weiter westlich. Langsam wächst der helle Punkt zu dem zweistöckigen Haus, in dem ich ein Zimmer bewohne. Anna Levin, meine Wirtin, wird Obst und Gemüse in die Regale ihres Kaufmannsladens einräumen. Und ab und an wird sie ihre braunen Locken aus dem Gesicht streichen. SIE wird Anna Levin sicherlich mögen.<br />
»Wie der Wanderer am Himmel«, sagte sie einmal, »sehen Sie aus!«. Ich nickte. Einmal sah ich Anna Levin sogar auf der Düne. Und ich hatte den Kopf gehoben gegen den Himmel, vielleicht auch mehr gegen das Meer. Lange, länger als eine halbe Stunde stand Anna Levin auf der Düne. Und ich ging weiter, immer weiter, bis Anna Levin ein dunkles Sandkorn am Horizont geworden war. Blau hatte sich der Himmel auf mich ergossen. Am Abend kam ich wieder, aus meinen hohen Schuhen quoll Sand. Und Anna Levin sah mich an wie den Mann vom Mond, beschwerte sich nicht einmal über den Sand auf ihrem blauem Teppichboden.<br />
»Sie sprechen wenig, so wenig, dass viele glauben, sie können einzig jene Worte, die nach ihr fragen, rote Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth und Haare wie Marilyn Monroe; Wortbrocken, die sie auf die Ankommenden werfen.«, sagte sie vorwurfsvoll. Ich aber ging langsam, ohne Antwort, die Wendeltreppe nach oben auf mein Zimmer. »Sie erinnern mich an Gerd, meinen verstorbenen Mann«, murmelte sie mir hinterher.<br />
Schnell schließe ich nun auf. Anna Levin ist nicht Zuhause, sie räumt Obst und Gemüse in die Regale ihres Kaufmannsladens ein. Ich gehe die Treppen nach oben, öffne meine Tür, entledige mich der Kleidung, kippe das Fenster, lasse die Jalousie nach unten fallen, wühle mich in das Federbett.<br />
Einige Stunden döse ich. Am späten Abend besuche ich die ›Pupille‹. Dort trinke ich wenig. Zurück gehe ich am Meeresleuchten entlang. Bis zum nächsten Morgen schlafe ich. Kein Mensch stört mich.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>II.</strong><br />
Ausgeblieben ist das Passagierschiff ›Rosa‹; Motorschaden, sagte man mir gestern und vertröstete mich auf heute.<br />
Irgendwo, hinter dem Horizont, dachte ich, muss SIE sein.</p>
<p>Schleppend ging ich dem Dorf zu. Auf die Steintreppen eines Kaufmannsladens setzte ich mich, sah mir länger als zwei Viertel einer Stunde das Zittern der Zeiger der Kirchturmuhr an, bis die Ladentür, pünktlich mit dem Drei-Uhr-Geläut, geöffnet wurde. Drei Flaschen spanischen Rotwein packte ich an den Hälsen. Zwischen Nachmittag und spätem Abend entkorkte ich sie nach und nach. Ein Rest von rotem Meer schwamm im Grund der letzten Flasche, erinnere ich mich noch, bevor ich einschlief.</p>
<p>In der Nacht träumte ich, was ich nie für möglich hielt. Auf dem Festland habe ich nachts fest geschlafen, nie geträumt. Denn ich habe einen wunderbaren Schlaf, er ist frei von mir. Von einer goldenen Löwin und einem mauloffenen Fisch träumte ich. Ich selbst war der Fisch, der schweigend auf einer hölzernen Krone stand. Unter mir schwarzes Meer. Die Löwin mit goldenem Fell fletschte ihre goldenen Zähne. Und sie hielt eine lange, eine vollkommene Predigt, die ganze Nacht über, jede Silbe zäh in ihrem Rachen wiederholend.<br />
»Solange du an meiner Tafel liegst, gibt deine Narbe ihren Duft. Geliebter, ruhe wie ein Beutel Myrrhe an meiner Brust.«<br />
Auflachen hatte ich müssen, mitten im Traum. Eigenartig, Myrrhe zu riechen, zwischen süßsaurem Geruch von Haut und nackter Lust, die ich schwelend spürte.<br />
»Denn ich bin krank vor Liebe!«<br />
Lange suchte ich im Traum, woher die Predigt kam, suchte in Kindheitserinnerungen, in Sonntagen, an denen ich fahl und traummüde die moderige Kirche frühmorgens hatte besuchen müssen. Umdrehen durfte man sich auf keinen Fall, auch wenn die Orgel noch so schön spielte, hinter mir gekichert wurde. Umdrehen durfte um Gottes Willen nicht sein.<br />
Was hatte ich geträumt?<br />
»Eine Lilie unter Rosen ist meine Freundin unter den Mädchen.«, erinnere ich mich.<br />
Lilien, Madonnenlilien verteilte ich in zwei hohen Vasen, hatte SIE sich angekündigt. Einst auf dem Festland.<br />
Möwen fangen sollte ich, träumte ich. Ich weiß nur etwas von Pferde stehlen. In meinen Kindertagen stahl ich außer Süßigkeiten nichts.<br />
»Deine Brüste sind &#8230;«, hier stocke ich, weiß nicht mehr weiter, habe den Rest vergessen.</p>
<p>Von lautem Reden wachte ich heute auf, das durch das offene Fenster dröhnte. Til stand eng mit Anna Levin beisammen, vor ihrem noch verschlossenen Kaufmannsladen.<br />
»Wie ist es mit dem Fensterglas, soll ich es dir morgen einsetzen? Für dich würde ich das Glas ja sofort einbauen, das weißt du, doch morgen bekomme ich erst wieder neues Fensterglas geliefert!«, habe ich Tils knöcherne Stimme noch im Ohr.<br />
Vor Anna Levins Antwort verschloß ich das Doppelfenster, starrte auf ihre langsam sich öffnenden und schließenden, rotflammigen Lippen. Langsam zog ich mich an, versuchte die Sätze des Traums, dieser sonderbaren Predigt einer Löwin, wiederzufinden und laut vor mich hinzusprechen.<br />
»Trauben am Weinstock seien mir deine Brüste.«, fällt mir beim Überziehen der Socken ein.<br />
Mein Mund ist trocken, auf den Lippen hat sich eine rote Kruste eingebrannt.<br />
Der Morgen hat erst begonnen. Ein Adler aus grauen Wolken schwirrt über dem Himmel. Der Weg zum Strand ist nass vom Nachtregen. Eine weiße Wolke mit schwarzem Absatz senkt sich in das Meer.<br />
»Träfe ich DICH dann draußen, ich würde DICH küssen!«, flüstere ich.<br />
Sand klebt an den Sohlen, das Gehen ist beschwerlich. Eine Silbermöwe fliegt mit festen, schnellen Flügelschlägen nach Osten.<br />
»Fort mein Geliebter, der Gazelle gleich.«, höre ich vom Meer her meine Traumerinnerung branden.<br />
Es ärgert mich, nicht mehr zu wissen, was ich träumte, woher die Worte kamen, aus welchen Ruinen. Weiter staple ich Klötze aus Silben, bis das Wortgebäude in sich zusammenbricht. Ich kenne dessen Sinn nicht mehr. Ich versuche dagegen anzugehen, anzurennen. Gackernd fliegt ein Schwarm Möwen vom seichten Wasser auf.<br />
Weiter laufe ich am Saum des Meeres. Glänzend erhebt sich der kurze Rücken einer Muschel aus dem nassen Sand. Vorsichtig nehme ich sie auf, reibe sie trocken. Die matt gewordene Muschel zerdrücke ich zwischen den Fingern; eine Bö bläst die Kalkschalen ins Meer. Möwen segeln vom grauäugigen Himmel. In den Prielen picken sie nachlässig nach kleinen Fischen.</p>
<p>Und dann: schlackende Traurigkeit. In der Stadt verwandelt sich der Teerbelag aller Gassen, Wege und Straßen zu samtweicher Watte, in die ich einsank, die mich zu umhüllen drohte, wie der Kokon einer Spinne. Hier am Strand, Sand unter den Füßen, der körnig knirscht, habe ich Angst, als Körnchen, als eines der unzähligen Körnchen in die große Sanduhr zu fallen.<br />
Ich renne, scheuche den Schwarm Möwen auf. Zwischen den Zähnen scheuert Sand. Klatschend fallen die Wellen übereinander. Auf meinem Rücken tanzt lauwarm die schläfrige Sonne.<br />
Mutlos haste ich weiter. Mein Denken zerfällt, zerbröselt und stolpert plötzlich über das Wort ›Sandkuchen‹ und stürzt in Kindheitserinnerungen.<br />
Große Hoffnungen hatte man nie in mich gesetzt.<br />
»Fetter als ein Mops bist du, später wirst du platzen!«, sagten sie, als ich alt genug war zuzuhören.<br />
»Du schlingst alles in dich hinein, bis der Spinat aus den Ohren tropft, aus dir wird wohl nie etwas werden!«<br />
Zwei Armlängen des Siebenjährigen maß die Reihe der Bücher im furnierten Wohnzimmerschrank. Verwundert und ernst blätterte ich mit zehn in einem Buch über die guten Sitten. Mit grummelndem Bauch las ich mit elf über die Sittsamkeit der Frauen, auch über die Freuden der Ehe. Mit dreizehn schnitt ich dem Buch den Bauch auf und bekam für eine Woche Hausarrest.<br />
Nicht groß war die Stadt, in der ich die Nachwehen der Geburt bis vor wenigen Monaten verspürte. Manchmal pocht diese Nabelschnur im Kopf, die ich ebenso wenig abklemmen kann, wie diese Stadt ihre stickige Langsamkeit. Verschwiegen liegt sie in einer Senke, in der sich die Dünste der Raffinerien und Menschen verdichten. Unter dieser nie abgeregneten Wolke durchfuhr ich gleichmäßig, mit dem Takt eines Otto-Motors &#8212; der unweit erfunden wurde &#8212; Kindheit, Jugend, Schule, Studium. Sogar als Arzt blieb ich in dieser übermüdeten Stadt.<br />
Und plötzlich ist SIE nicht mehr erschienen, Lilien verblühten in der Vase, konnten ihren brennenden Duft nicht mehr auf IHRE hohe Wangen legen. Eiserner Lilienduft hämmert seitdem in meinem Kopf ein schmiedernes Tor, das ächzt und stöhnt. Bald, Tage danach, nachdem das Zimmer einzig und alleine den Lilien überlassen wurde, zerschlug ich auch die Vasen.<br />
Ein Arzt im kleinen Klinikum der Stadt. Eine Stadt auf der rechten Niederterrasse des Oberrheins &#8212; mehr nicht.</p>
<p>Spät ist es geworden, lange bin ich am Strand gewesen. Am Nachmittag wird das Schiff anlegen, wahrscheinlich mit IHR. Ich will IHR zur Ankunft eine Lilie schenken und gehe mit festen Schritten dem Dorf zu.<br />
Das einzige Blumengeschäft auf der Insel führt keine Lilien.<br />
»Rosen!«, sagt mir die Blumenverkäuferin, »Sie wird sich bestimmt auch über Rosen freuen!«, und lächelt mir geschwisterlich zu.<br />
Ich hasse Rosen. SIE hat mir einmal eine schwarze Rose geschenkt. Bereits am nächsten Tag ist sie verblüht. Das hasse ich an Rosen. Madonnenlilien, diese hatte ich für SIE gekauft &#8212; immer. Und Rosen, Rosen jetzt, jetzt Rosen zu kaufen, wäre ein Verbrechen. Ich würde mich selbst mit einer Essigrose begnügen, aber IHR eine Rose zu schenken&#8230;<br />
Oft spazierten wir in Wäldern, die dicht und schwarz sind, undurchdringlich. Dort pflückten wir Buschwindröschen. IHRE weiche Haut&#8230; Ich vermisse die Buschwindröschen. Auf dem Sandboden wachsen sie nicht.<br />
»Es ist bedauerlich,«, sage ich zur Blumenverkäuferin, »aber Rosen mag SIE nicht, verstehen Sie mich nicht falsch, aber SIE mag Rosen nicht. Ja, SIE mag Rosen nicht. Nein, ich kann keine Rosen für SIE kaufen.«<br />
Die Blumenverkäuferin fasst mich an die Schulter.<br />
»Nehmen Sie!«, sagt sie, »Eine weiße Rose für Sie. Eine rosa alba für Sie!«, lächelt mich an, geschwisterlich.<br />
Mein Kopf ist voller weißer Blüten. Ich rieche an der noch verschlossenen weißen Rose.<br />
Hurtig laufe ich zur Pension, in mein Zimmer; nehme ein leeres Glas, fülle es halbvoll mit Wasser und stelle die weiße Rose, nicht ohne sie etwas gekürzt zu haben, hinein. Bald wird das Schiff anlegen, ich muß mich sputen.<br />
Ich renne, um das Schiff noch rechtzeitig zu erreichen. Ein Pferd wiehert, ein Fahrradfahrer sieht mir nach. Die Inselbahn steht bereits unter Dampf, als ich am Bahnhof ankomme. Außer Atem setze ich mich in ein leeres Abteil und ordne meine Haare.</p>
<p>Am Hafen wird das Passagierschiff vertäut. Nach einigen Minuten betreten die ersten Passagiere die Insel.<br />
»Eine FRAU mit Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth, Haare wie  Marilyn Monroe.«, sage ich halblaut zu den Ankommenden.<br />
Mit dem linken Ringfinger rückt ein Mann seine graue Hornbrille zurecht, legt den Finger über die Lippen. Kopfschüttelnd sieht er mir in das Gesicht und wendet sich schließlich der wartenden Bahn zu.<br />
Eine Frau, weit über vierzig, kommt mit glänzenden Augen auf mich zu.<br />
»Sie sagten einen roten Leuchtreklamemund!«, flüstert sie, wie eine Erkennungsformel flüstert sie es.<br />
Ich höre sie nicht an, blicke weiter suchend in die Menge.<br />
»Sie sagten einen roten Leuchtreklamemund, nicht wahr?«<br />
Sie flüstert noch leiser, weil man wohl zu kranken Kindern nicht laut reden darf.<br />
»Sie sagten&#8230;«, setzt sie ein drittes Mal an.<br />
Ich wende mich zu ihr.<br />
»Ja, rote Leuchtreklame«, stottere ich, »und Absinth IHRE Augen.«, setze ich leise hinzu.<br />
Sie kann nicht DIE FRAU sein, die ich finden will, DIE FRAU mit roten Leuchtreklamelippen. Ihre liegen schmal aufeinander, im sandblassen Gesicht.<br />
»Absinth ihre Augen?«, fragt sie, nimmt verwundert die Brille ab und setzt sie schnell wieder auf.<br />
Ihre Augen liegen hinter einer dickglasigen Brille als brauner Sumpf begraben.<br />
»Nein!«, sagt sie, »Sie müssen mich verwechseln, lieber Mann. Was haben Sie denn für Sorgen?«, fragt sie. Und setzt nach einer kurzen Pause ein ›Lieber‹ als Schlusspunkt. Damit sieht sie mich unverwandt an, wartet aber vergeblich auf Antwort.<br />
»Sehen Sie doch!«, sagt sie Minuten später, als ich stumm bleibe, und zieht an meiner linken Hand, die sie wie ein Handtuch gegriffen hat.<br />
»Sehen Sie doch, wie schön die Sonne heute scheint!«, lächelt, wringt weiter meine Hand.<br />
»Lassen Sie das!«, erwidere ich barsch und befreie mich aus ihrem Haltegriff.<br />
»Mögen Sie Rosen?«, frage ich sie, »Sicherlich!«, sage ich, »Sie mögen Rosen nicht wahr?«<br />
Die Antwort schuldig bleibend geht sie geraden Wegs an mir vorüber. Dann gehe auch ich zur Inselbahn. Nichts hat sich ergeben. Ich verzichte, durch die Gänge zu gehen, sitze mit zwei alten Männern, die kindisch lächelnd aus dem Fenster sehen, in einem Abteil und denke an übermorgen, an IHRE Ankunft.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>III.</strong><br />
Früher Morgen, schon bin ich wieder zurück vom Hafen &#8212; SIE ist noch nicht angekommen &#8212; und höre meiner Wirtin freundlich zu. Um ihren Hals schlängelt sich ein buntes Seidentuch, ihre Stimme klingt weich.<br />
»Fünf Sommergäste sind im vergangenen Jahr im Meer ertrunken. Aber so hat es kommen müssen, denn zuerst essen die zum Frühstück reichlich, am Mittag noch zwei Happen mehr, dann liegen die mit dicken Adern und blutleerem Kopf angeschwemmt im Sand.«, sagt  Anna Levin.<br />
Ich versuche ein Lächeln, denke an die Buschwindröschen, die im Wald wachsen, die hier auf die Kissen gestickt sind, und als Intarsie auf der Kleiderschranktür meines Zimmers violett schimmern.<br />
»Leisten Sie mir doch ein wenig Gesellschaft.«, bittet sie mich. »Bis es Zeit ist, den Kaufmannsladen zu öffnen, mache ich hier in den Zimmern und bei Ihnen noch ein wenig Ordnung. Bleiben Sie ruhig noch ein Weilchen!«<br />
Anna Levin legt die schmutzige Bettwäsche auf ein bereits abgezogenes Leintuch, mit dem sie alles umschlingt und mit einem dicken Knoten verschließt.<br />
Sie bückt sich, gleichzeitig sehe ich verwirrt zur Seite. Und doch ist es einen Augenblick zu spät, schimmerte durch ihre weiße Hose das letzte Kleidungsstück das bleibt, bis die Haut vor Nacktheit friert. Gewohnte Gier kriecht über meine Lenden, auch noch als ich durch das geöffnete Fenster sehe und die aufscheinende Sonne mich streift wie ein Wangenschlag.<br />
Sie sieht auf, wendet sich zu mir. Ihr Lächeln, das sie nie verliert, das ich täglich sehe, das sie mir mit dem Frühstück auf mein Zimmer serviert, es blitzt weit aus ihrem Bauch. Geblendet von der Sonne schließt sie für einen langen Moment die Augen. Auf ihrem Lid: eine dunkle Warze. Ich erinnere mich, daß SIE während der Liebe die Augen schloß.<br />
Auf Anna Levins Lidern hüpft ungeduldig die Sonne.<br />
»Ein Junge starb vorletzten Sommer.«, sagt sie, öffnet die Augen, »Er grub einen Tunnel, von Strandkorb zu Strandkorb. Vor dem Ausgang zum Strandkorb seiner schlafenden Eltern ist er erstickt.«<br />
»Das ist schlimm!«, sage ich.<br />
Mein Kopf schwimmt im Sonnennebel.<br />
»Sie haben die braunen Augen von Gerd.«, sagt Anna Levin plötzlich. »Auf der Insel hat man sich immer gewundert über diese Augen, ob ihn sein Vater beim Torfabbau gemacht habe, fragte man ihn einmal. Er hat nicht antworten wollen. Ich habe diese dunkeltraurigbraunen Augen geliebt. Er hat gesoffen aus Spaß, tröstete man mich später. Geholfen hat es nicht.«<br />
Warum versinkt jetzt ihr Lächeln? Auf ihrem langen, braunen Haar schläft die Sonne. Trotzdem sind es die falschen Haare.<br />
»Ein Diakon war auch einmal hier.«, sagt Anna Levin. »Fragt mich, wo hier die Evangelische Kirche ist. Aber ich geh‘ nie zur Kirche, ich hab‘ keine Zeit dafür. Und schliesslich bin ich katholisch, und war damals erst kurze Zeit auf der Insel. Deshalb konnte ich ihm auch nicht sagen, wo sie ist. Aber, dass er ein Diakon ist, hätt‘ ich nicht gedacht. Nie hat er einem in die Augen gesehen, hat den Kopf zur Seite geschoben und nach unten gesehen. Die Tituskirche hat er natürlich auch so gefunden. Der Apotheker hat ihn oft von dort heraushuschen sehen. Und beim Gottesdienst war er sowieso immer dort. Für einen Diakon hätt‘ ich den aber niemals gehalten.«<br />
Damit wendet sie sich von mir ab, schüttelt die Kissen auf, bückt sich, streicht das frische Bettlaken glatt. Mit kurzen, schnellen Schritten gehe ich aus dem Haus.<br />
Die Sonne hat sich am späten Morgen bereits verkrochen, der Himmel sich weit und regennass geöffnet. Der Sommer will sich einfach nicht einfinden.</p>
<p>Gemächlich gehe ich dem Dorf zu. Laternenlicht spiegelt sich in den Pfützen der schmalen Straße. Der Weg über den Strand wäre zu beschwerlich, Sand würde nass an den Schuhen haften, so nehme ich den geteerten Dorfweg. Der erste Streifen Licht wandert vom Leuchtturm her auf die Salzwiesen. Entlang der Promenade gehe ich dem Dorf zu. Hinter dem Deichhügel flammt Leuchtturmlicht auf. Lichtkegel flattern über dem Meer, leise und immer wieder. Es beginnt zu nieseln. Von irgendwoher  lautes Reden, ein Fröhlichsein. Woher  kommt es? Ich gehe den Worten entgegen, einen Nebenweg einschlagend, der zu einem mir unbekanntem Hotel führt. Grelles Licht flutet hinter den Scheiben, eine bunte Hochzeitsgesellschaft feiert. Die Wirtin hat es mir erzählt &#8212; vor Tagen. Sommergäste von weit her, von den Bergen, wollen hier unbedingt heiraten, obwohl es auf der Insel oft regnet. Dass heute diese Hochzeit ist, habe ich vergessen. Kurz sehe ich noch auf das kräuselnde Weiß dieser Hochzeit, verlasse, wie ich gekommen bin, den Weg zum Hotel und gehe auf einem engen Sandweg wieder dem Dorf zu.<br />
Durchatmen, Muschelaugen, frische Fußspuren hinterlassen: platsche in ein Pfütze. Wieder einmal fährt diese silberne Traurigkeit in mich ein: ein Vorortzug, der auf jeder, noch so kleinen Station Menschen einsaugt.<br />
Auf meiner langen Fahrt vom Landesinnern zur Küste auf die Insel, sass mir im Zugabteil ein kleiner Junge gegenüber. Gesungen hatte der kleine Junge ein Lied, das es  einzig für den Jungen gab &#8212; das erschreckte mich. Einen Kreis hatte das Lied gezogen, vom Mund des Jungen zur Zugscheibe, wo es zerplatzte. Ich hatte versucht das zerplatzende Lied aufzufangen, es zu behalten, wiederholte es im Stillen, selbst noch, als der Junge mit seiner dicken Großmutter ausgestiegen war. Schliesslich hatte ich mich in dieser silbernen Traurigkeit eines Vorortzuges wieder eingefunden und das Lied des Jungen vollständig vergessen.</p>
<p>Ich verlasse den direkten Weg zum Dorf, jetzt will ich den Strand wiedersehen. Weiter wandert das Leuchtturmlicht. Mit dem Sand der Düne, bis auf den schwarzen Feuersteinschnabel verdeckt: eine Möwe. Ich sollte hier nicht mit IHR spazieren gehen. Gleich nach IHRER Ankunft werde ich IHRE Hand nehmen, für immer fortgehen mit IHR. Wie lange wird SIE noch brauchen?<br />
Endlich wieder Atmendes gegen den Vorortzug in mir: ein Schnattern, Gurren, Klagen, Zirpen, Rasseln, Klackern der Vögel  im Irgendwo der Meeresnacht.<br />
Meine Einsamkeit bleibt stumm. Als Arzt hatte ich begonnen gegen die Einsamkeit anzureden, mit den Patienten, den Kollegen, doch die Einsamkeit blieb. Einzig mit IHR kam die Einsamkeit in Bewegung. Bleierne Einsamkeit schmolz in mir, zuckte und brodelte aus meinem Inneren, in ein noch tieferes Inneres, aus dem ich meine Liebe gegossen hatte. Du bist zu schwer, hatte SIE mir einmal zugeraunt. Und einige Zeit später verschwand SIE, kam nicht mehr wieder &#8212; bis jetzt. So goss ich Worte, wie Zinn, die in einsamen Briefen erkalteten, die einsam blieben, ohne Antwort.<br />
Das Dorf liegt jetzt vor mir, kleine Rechtecke erhellter Fenster glotzen mich an.<br />
›Pupille‹, das schmale Neonschild ist mir sehr vertraut geworden. Ich  öffne die Tür, verlebte Luft sauge ich gierig in mich ein. Ich setze mich. Überall Männer. Die Kneipe ist beladen mit maskulinen Einaktern. An den Tischen sitzt man entweder schweigend oder spielend beieinander. Der Kellner stellt sich gewichtig vor mich und bäumt sich nach meiner Bestellung kurz auf.<br />
Niemand sonst nimmt Notiz von mir, das Telefon läutet kurz einmal, um dann mit Nachdruck zu schweigen.<br />
Mit nassen, weißen Ärmeln stellt der Kellner das Bier auf den Tisch, macht einen Strich auf dem Bierdeckel.<br />
Es ist mir wohl dabei, unter bierbeladenen Männern zu sein &#8212; ganz unter sich, Hier kann ich mich ausruhen. An vier Tischen spielt man Skat, an anderen wird getrunken und wenig gesprochen und an einem lediglich geschwiegen. Dort sehe ich hin. Til und ein mir unbekannter Mann schweigen, und blicken weiter ruhelos umher. Wissen sie, worum sie schwiegen? Wann werden sie das Schweigen brechen? Jene sehen sich musternd an. Plötzlich starrt mich einer der Schweiger unverwandt an, um kurz darauf mit dem anderen ihr Schweigen zu brechen.<br />
Bis zum Grund trinke ich das Bier aus.<br />
Wie mit einem Rohrstock schlägt der Kellner mit dem Kugelschreiber auf die Tischkanten, sieht zufrieden auf die leeren Biergläser, schnappt sie, stolz über seine Dressur.<br />
Alleine sitzt ein junger Mann, mit dem Hintern eines Nilpferds, leise sagte er ein, zwei Worte auf und lacht glucksend, trinkt dabei, ein Schluck größer als der andere, ein Bier nach dem anderen aus.<br />
Hinter der Theke schreit der Wirt unverständlich einen Namen. Für einen Moment zucken die Hände des Kellners; dann macht er zufrieden den zweiten Strich auf meinem Bierdeckel.<br />
»Til, du wirst am Telefon verlangt!«, schreit der Wirt.<br />
Doch niemand bewegt sich, einzig der junge Mann hebt seinen Nilpferdhintern an, grunzt kurz zu mir hinüber.<br />
»Til, du Drecksohr, steh auf!«, schreit der Wirt.,<br />
Murrend steigt Til aus seinem Stuhl, schlendert zur Theke. Still horcht er in die Muschel, murmelt. Als das Gespräch zu Ende ist, mustert er den Hörer wie ein fremdes Gesicht. Jetzt bestellt Til drei Bier beim Wirt. Langsam, fast kriechend, kommt Til an meinen Tisch.<br />
»Wir spielen Skat!«, sagt Til &#8212; ich folge ihm.<br />
Der Kellner bringt die drei Bier, kritzelt weitere Striche auf Tils Bierdeckel und schlägt mit dem Kugelschreiber auf mein Bierglas.</p>
<p>Vier Striche und einige Partien Skat später habe ich genug. Die  zwei Spieler schweigen wieder. Ausser Skatworten reden sie nicht, zufriedenes Schweigen in der Runde.<br />
Nach den Skatspielen spiele ich mein Spiel. Acht Karten: Damen und Buben. Als Paare lege ich sie übereinander, alle vier Paare nacheinander. Unter dem Karobuben liegt die Karodame, und so weiter und so fort. Ich mische die acht Karten, bedächtig und ohne ihnen weh zu tun. Mische sie von oben nach unten, nehme drei Karten ab, mische wieder alle miteinander, nehme fünf ab und so weiter und so fort. Nach langer Vorbereitung ziehe ich die erste, stecke sie nach unten, nehme die oberste, verharre, bis ich sie zwischen eine der restlichen sieben stecke. Nehme Karten ab, lege die unteren auf die abgenommenen, wiederhole es. Mische sie. Die Schweigenden sehen mir interessiert zu. Sie warten auf ein Ergebnis. Vielleicht auch auf ein Zauberkunststück. Vorsichtig decke ich die Karten auf. Nach und nach, von oben nach unten, jede Karte einzeln; sehe jede Karte lange an. Was wollen sie mir sagen? Sehe in die blauen Augen der Damen und Buben, sie bewegen sich nicht. Ich lege zwei Karten zu einem Paar nebeneinander, neben der aufgedeckten Kreuzdame liegt der Pikbube; die Pikdame neben dem Herzbube; die Herzdame neben der Karodame und der Karobube neben dem Kreuzbube. Die Paare passen nicht zueinander. Die Farben stimmen nicht. Das Geschlecht stimmt auch nicht &#8212; manchmal. Es verwundert mich nicht, gerade dies habe ich eigentlich erwartet.<br />
»Und jetzt?«, fragt Til.<br />
»Weiter, noch einmal!«, sage ich, mische die Karten. Wieder decke ich, von oben beginnend, Karte für Karte auf. Kreuzdame über Herzdame; Pikdame über Karobube; Pikbube unter Kreuzbube; Karodame unter Herzbube.<br />
»Ja und jetzt?«, fragt Til.<br />
»Weiter!«, antworte ich.<br />
Nach fünfzehn weiteren Spielen liegen Herzdame und Herzbube weit auseinander, so wie die anderen Paare. Nie finden sie als gemeinsames Paar zusammen. So ist die zweite Karte im ersten Paar die Herzdame, und die erste Karte im zweiten Paar der Herzbube. Natürlich darf das nicht sein. Und ich hasse Rosen, ich trenne sie: die Herzdame von ihrer Rose, dem Geschmeide am Hals und den Rosen im wallenden Haar; den Herzbuben von seiner klingenden Narrenkappe, breche ihm den ausgestreckt weisenden Finger und drücke ihm die Halskrause zu.<br />
Fluchend bringt der Kellner ein neues Spiel Karten und macht einen weiteren Strich auf dem Bierdeckel.<br />
In den weiteren Spielen bis zur Sperrstunde finden sich keine passenden Paare ein. Endlich haben sich sämtliche Paare von ihren sinnlosen Versuchen, zueinander zu finden, verabschiedet, reichen sich in drei Spielen vom unteren und oberen Ende der Karten höchstens flehend die Hände.<br />
Schließlich vertreibt uns der Wirt eine Stunde nach Sperrstunde aus der Kneipe. Til bringt mich nach Hause. Auf halber Wegstrecke müssen wir uns beide übergeben.</p>
<p>Es ist wieder Morgen: mit dickem Kopf, zerfleddertem Kartenspiel und zerknitterter Kleidung liege ich auf meinem Bett. Ich dusche, gehe zum Hafen, erwarte das Schiff, das ohne SIE anlegt, gehe zurück in die Pension, schreibe IHR einige Briefe, verwerfe sie nacheinander.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>IV.</strong><br />
Das Passagierschiff ›Rosa‹ läuft mit zwei Stunden Verspätung in den Hafen ein. Aus der schwimmenden Zuckertüte schwappen Menschen, manche mit langen, weit ausholenden Schritten, andere tasten mit ihren Augen vorsichtig die Insel ab, bevor sie den ersten Schritt von Bord wagen.<br />
Ich fixiere die Ankommenden, übergehe schnell die dunkelhaarigen, rosalippigen und blau-, braun-, grau-, schwarzäugigen Frauen.<br />
»Du, ich helf‘ dir!«, sagt ein kleiner Junge, der vom Magen des Dorfes gekommen scheint, nach verdorbenem Fisch riecht; seine Nase: krebsrot, und die Hände kleben voller Sand.<br />
»Wie bitte?«<br />
Der Junge zieht die Zähne über die Unterlippe, seine Augen flackernde Kerzen.<br />
»Du suchst doch ne Frau, ne Frau mit so komischen Lippen und tollen Haaren, nicht wahr?«<br />
»Rote Lippen wie Leuchtreklame, Augen von Absinth, Haare wie  Marilyn Monroe. Ja, die suche ich. Und du mein Junge?«, frage ich, streiche mir mit dem kleinen Finger eine dunkle Strähne aus den Augen.<br />
»Ich helf‘ dir dabei. Die ›Rosa‹ hat ja so ganz viele Leute drauf, die kannst du doch schon alle gar nicht mehr richtig sehen!«<br />
»Ja, das ist wahr, mein Junge, sie gleichen sich, von Tag zu Tag gleichen sie sich mehr. Und du willst mir dabei helfen?«<br />
»Ja, heute helf‘ ich dir, morgen muss ich dann wieder zur Schule.«, erklärt der Junge und reicht mir seine geöffnete Hand.<br />
Hand in Hand stehen wir nebeneinander und sehen auf die Ankommenden. Der Junge winkt einem Hafenarbeiter zu, der Lebensmittelkisten aus dem Schiff entlädt. Eine Frau mit grünem Hut winkt von der Landungsbrücke aus zurück. Freundlich grüßen uns die Ankommenden. Alle kommen an. Wo bleibt SIE?<br />
»Ist Ihre Frau nicht auf dem Schiff gewesen?«, fragt die alte Dame, deren grüner Hut im Wind gefährlich schwankt.<br />
»IHRE Lippen so rot wie Leuchtreklame.«, versuche ich zu erklären.<br />
»Nein, tut mir leid, lieber Mann. Eine Frau mit solchen Lippen wäre mir aufgefallen, tut mir leid, auch für Ihren Kleinen.«, und wendet sich zu dem Jungen, »Sei nicht traurig, sie wird bald kommen!«<br />
»Nein, ich helfe ja nur.«<br />
»Das ist schön mein Junge, das ist sehr schön, das ist &#8230;«, wispert sie und setzt mit den Worten aus, die sie nicht wieder aufnimmt. Langsam läuft sie zur Inselbahn, ihr grüner Hut schwankt ein letztes Mal, bevor er zu Boden fällt und fröhlich in das Meer treibt. Verblüfft sieht ihm die rachitische Dame noch nach, erstarrt kurz und steigt mit bedauerndem Kopfschütteln in die Bahn ein.<br />
»Wieder nichts!«, ich streiche gedankenverloren über die lockigen Haare des Jungen.<br />
»Kaufst du mir jetzt ein Eis?«, fragt der Junge.<br />
Schweigend steigen wir in die Inselbahn mit ein.</p>
<p>In der einzigen Eisdiele im Dorf kaufe ich dem Jungen Erdbeer- und Pistazieneis, obwohl dieser Schokoladeneis lieber gegessen hätte.<br />
»Sag den Leuten, ich werd‘ nicht mehr in die ›Pupille‹ kommen, sag‘s ihnen, ja. Sag‘ ihnen, ich bin am Hafen in den Zeiten des Schiffes, doch das wissen die Leute ja schon; sag‘ ihnen, ansonsten laufe ich den Strand entlang; wenn es stürmt werd‘ ich morgen die Arme ausbreiten und gehen. Nein, sag‘ das ihnen nicht, sag‘ den Leuten bitte, dass ich heute nicht in der ›Pupille‹ bin, vielleicht morgen; ja, sag‘ ihnen das, ja!«, und verlasse schnell die Eisdiele.<br />
Der Junge sieht mir nicht nach, hat sich zu einem alten Mann gebeugt, der auf ihn einschwatzt und ihm wahrscheinlich ein Schokoladeneis verspricht.<br />
Es ist nicht einmal Mittag. Wie jeden Tag sitze ich im Gasthaus ›Zum Tor‹, das am Dorfrand erhöht auf einer Düne steht. Ich esse gebackene Scholle, das Bier steht glänzend gelb daneben, mit einer Krone aus Schaum.</p>
<p>Obwohl heute kein Schiff mehr ankommen wird, erst wieder in drei Tagen, will ich zum Hafen.<br />
Kräftiges Sonnenlicht wirft kurze Schatten auf die Gleise. Auf dem Schienenkopf balanciere ich einen Atemzug lang, bis ich abrutsche, auf der Holzschwelle stehe und mich dort nach Menschen umsehe. Der Horizont bleibt blau, das Land braun und mattgrün, Menschen bleiben aus. Kleine Wolkengesichter auf dem Rostrot der Gleise.<br />
»Früher zogen Pferde bei Ebbe die Waggons über die Gleise. Trottend, ihre Kraft über das Geschirr an die Räder der Waggons weiterleitend, fuhren die Pferde all die Ankommenden und Abfahrenden sicher auf die Insel und von ihr fort.« Dietrich, der manchmal Pferdefuhrwerke lenkte, früher Hafenarbeiter war, sprach schon oft traurig darüber, wie andere von ihren zu früh verstorbenen Kindern.<br />
Rostrote Gleise, auf denen glühend die Sonne sitzt. Schwelle für Schwelle gehe ich weiter. Wenn ich dann am Hafen ankomme, die Stille wie ein Stein wiegen wird, werde ich am Stahlseil ziehen, das vom Himmel auf die Erde reicht, bis der Himmel einbricht und alles mit sich reißen wird.<br />
Eis, kristallines Salzwasser kann ich nicht herbeizaubern, das alles zum Bersten bringt. Selbst Krieg hat hier seine Krallen schon längst nicht mehr hineingetrieben. Einzig auf Sturm hoffe ich noch, der heute nicht kommen wird, es ist nicht seine Zeit.<br />
Dann will ich wissen, wie es ist, auf den Schienen zu liegen, den Herzschlag des gewalzten Eisens hören. Es pocht nicht, es ist ruhig, es ist tot. Ich stehe auf, sehe auf das warme Rot des Eisens, gehe noch ein wenig die Schienen entlang, bis diese wieder zweigleisig werden, kniee nieder und lege meine Wange auf das Herzstück. Stechend zieht die Hitze einen Kreis von der Wange über die Nasenspitze.<br />
Weit ziehen sich die endlichen Bahngleise. Große Schottersteine sichern ihr Bett. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt jede Schiene nach irgendwo, überall.<br />
Nirgendwo ist mein Platz! Fixiere die Zunge der Weiche vor mir. Ich sehe die losen, aufgeschichteten Schottersteine, die etwas verbergen wollen, das sich noch nie bergen ließ; die etwas begraben wollen, was noch nie gewesen ist.<br />
Müde setze ich mich auf einen Prellbock.<br />
Nun am Ende der Schienen angekommen, wo der Hafen vor Stille und Sehnsucht schreit, ziehe ich am unsichtbaren Stahlseil und warte auf das Einstürzen des Himmels oder irgend ein anderes Ende.</p>
<p>Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne &#8212; länger will ich nicht mehr bleiben. Balanciere auf den Schienen den Weg zurück.<br />
Verschwitzt und gelangweilt sass ich vor einigen Jahren, zusammen mit einer Mutter und ihren Kindern in einem Zugabteil. Als der Zug auf offener Strecke hielt, streckte der Junge neugierig seinen Kopf aus dem Fenster.<br />
»Wie heißen denn die Steine, die zwischen den Steinen liegen, Mama?«, fragte der kleine Junge.<br />
»Einfach Steine!«, sagte die lesende, etwas größer gewachsene Schwester.</p>
<p>Hinter mir gelassen habe ich den Deich, auf dem die Schienen liegen, und so schlage ich nun den Weg zur ›Pupille‹ ein. Die Kneipe ist geschlossen, was ich hätte wissen müssen. So gehe ich langsam den nächtlich gewohnten Weg, obwohl der Nachmittag noch glüht. Meine Füße brennen auf dem sonnenaufgeladenen Teer. Die enge Straße ist leer, weder Fahrradfahrer noch Pferdekutschen. Ich gehe viele Häuser weiter, über das Haus hinaus, in dem ich ein Zimmer bewohne.<br />
Vor dem niedersten Haus bleibe ich stehen, beäuge den Vorgarten, in dem weiße und rote Blumen ihre blassen Blütenköpfe senken.<br />
Dietrich, der Pferdekutscher, streckt seinen Kopf aus dem Fenster des niederen Hauses.<br />
»Komm!«, sagt er, »Trink mit mir eine Karaffe Tee.«<br />
Der Tee ist bronzen und bitterheiss. Braunrandige Fotografien von Fischerkähnen und ernstbärtigen Männern hängen an den Wänden. Erst als ich geraume Zeit sitze, bemerke ich, wie winzig der Raum ist.<br />
Lächelnd beobachtet Dietrich meine wandernden Augen; schenkt mir Tee nach, beginnt zu erzählen.<br />
»Man erzählt sich hier auf der Insel folgende Geschichte, die mein Großvater bereits von seinem Großvater erzählt bekam. Ich aber habe keine Kinder. Deswegen erzähle ich sie dir, du könntest mein Sohn sein, und bist mein Saufkumpan geworden. Es ist eine zauberhafte Liebesgeschichte, die ich dir erzählen möchte.«, sagt er freundlich, und nippt zwischen den Sätzen an der dünnen Porzellantasse.</p>
<p>»Vor vielen Jahren lebte hier, genau hier, in diesem Haus, die Witwe Stradow, zusammen mit ihrem Sohn Friedhelm, der bereits seit seinem zwölften Jahr auf Heringskuttern fuhr. Der Mann war ihr schon früh vom Meer gestohlen worden. Friedhelm, so erwartete die Mutter, müsste doch auch bald eine schöne Frau nach Hause führen. Denn inzwischen fischte er soviel, dass es für vier Familien ausgereicht hätte. Bei Flut segelte er weit über das Watt, um Schollen zu fangen. Er trocknete sie an Drähten und jeden Monat brachte er sie auf das nahegelegene Festland. Und dort sah er sie: Helena, deren Haar goldener war als Gold, ihre Haut weicher als Samt und Seide. Schon eine Woche später, als sie am Kai wieder Honigkuchen und Branntwein verkaufte, sprach er mit ihr und fragte sie ohne Umschweife, ob sie seine Frau werden wolle. Eine schreckliche Sekunde lang schwieg sie, dann sagte sie ja, ja sie wolle liebend gerne seine Frau werden. Wehmütig, doch von inniger Liebe gestärkt, stimmte sie auch ein, fortan mit ihm auf der Insel zu leben.«<br />
Kurz nippt Dietrich am warmen Tee und fährt fort, »Hier also, in dieses kleine Fischerhaus zogen sie ein und wurden nach neun Nächten und acht Tagen zu Mann und Frau. Bereits der Herbst war schneidend kalt, und der Winter legte seine eisigen Hände hart auf die Insel, Eis umklammerte die Fischerboote, und manche Fischer hatten gar bald kein Auskommen mehr. Es war eine schwere, aber auch glückliche erste Zeit für Helena und Friedhelm. Doch der Frühling drückte Heimweh auf Helenas Gemüt, nach ihrer Mutter, dem Vater und ihren Geschwistern. Friedhelm sah in ihre vor Wehmut geröteten Augen, umarmte sie noch einmal kräftig und segelte mit ihr zum Festland, zu Helenas Heimat. Eine Woche, sagte Friedhelm, eine Woche lang kann ich es aushalten ohne dich, ohne zu sterben. Sie besänftigte seine Schwermut mit einem innigen Kuß, und er segelte wieder zu seinem Fischerhaus.<br />
Mit klopfendem Herzen trat Helena in die elterliche Stube ein. Die Freude in ihrer Familie war groß, weinend vor Freude umarmten und herzten sie sich. Lange, bis weit nach Mitternacht redeten und scherzten sie miteinander. Müde krochen sie alle zu sehr später Stunde in ihre Betten.«<br />
Dietrich schenkt uns Tee nach. »Doch mit Helenas Schlaf war es nicht weit. Von einer Seite zur anderen wälzte sie sich, bis sie wieder in ihr weißes Kleid schlüpfte, wehmütig zum Deich lief, auf dem Vollmondlicht lag. Weit hinaus aufs Meer, wo die Insel lag, sah sie starr und voller Sehnsucht. Zurück, hämmerte es in ihrem Kopf, zurück zu ihm; zurück zur Insel. Schnell ging sie wieder in das Haus zurück, weckte Eltern und Geschwister. Sie schüttelten fassungslos ihre Köpfe. Helena war nicht davon abzubringen. Es ist jetzt Ebbe, alles liegt frei, ich gehe barfuß über das Watt, sagte Helena. Es hatte keinen Sinn, Helena umzustimmen, Helenas Entschluß war brandungsfest. Ihre Mutter nahm das Kruzifix von der Brust und gab es Helena. Und ihre Schwester tat es der Mutter gleich, nahm das Kruzifix von der Brust und gab es Helena. Erst dann ließen sie Helena ziehen. Helles Mondlicht begleitete Helenas Weg. Doch kam sie nicht recht voran, Muschelspitzen stachen in ihre nackten Füße. Ohne lange zu überlegen, nahm sie die Kruzifixe vom Hals und schnallte sie sich unter die Füße. Schon nach den ersten Schritten bemerkte sie, dass sie fast dahinglitt. Schnell kam sie voran, das Wasser, die heranrückende Flut konnte sie nicht mehr überholen. Erst an einem tiefen Pril mußte sie stehen bleiben. Ohne Angst, voller Vertrauen auf Gott und die Liebe ging sie, ja wandelte sie auf dem Pril, und kam am frühen Morgen, mit der ersten Teezeit wieder zu diesem kleinen Fischerhaus. Friedhelm schloß sie fest in seine Arme und blieb an diesem Freudentag Zuhause. Die Kruzifixe sind heute auf unserer Insel, unter dem großen, kupfernen Kreuz unserer Kirche zu sehen. Und Friedhelm und Helena«, schließt Dietrich, »wurden zusammen glücklich uralt.«<br />
Ich öffne meine Augen, lasse den lauwarmen Tee in meiner Tasse stehen, gebe Dietrich schweigend die Hand, gehe aus dem Fischerhaus.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>V.</strong><br />
Sommer, das ist Schleim, Schmutz und die Qual der Sonne, das ist das strandige Geschwätz und Geschwitze der Sommergäste. Darauf kann ich verzichten. So umgehe ich die Tage und suche die Nächte auf. Zwischen dem zweiten und dritten Viertel des Tages schlafe ich, esse und trinke, und wache in den restlichen Vierteln. Einzig zu den Ankunftszeiten der ›Rosa‹ stelle ich den Wecker.<br />
Kurz nach dem Morgengrauen, drei Stunden bevor ich schlafen gehe, verabschiede ich Venus am Himmel und gehe in den Dünen spazieren. Dort ist alles Gesträuch mit silbergrauem bis bläulichem Tau überzogen. Im Sand suche ich immer wieder nach Strandweizenbüscheln. Anna Levin sagte mir, sie bilden den Anfang der Düne, und einen Anfang würde ich gerne sehen, gerade jetzt am frühen Morgen, vor dem Schlafengehen. Was ich entdecke, ist das flammende Orange von Beeren an stacheligen Zweigen. Zwischen den Fingern zerreibe ich die Beeren, rieche an ihnen, und lasse sie von der nächsten Böe aus meinem Handteller treiben.<br />
Ich suche den Strand ab und weiß nicht einmal mehr, wie Strandweizenbüschel aussehen. Was ich finde am schmutzigen Mund des Meeres sind Quallen. Das ist himmelblau durchsichtiges Gelee, am Strand angeschwemmt und ab und an von einer gelangweilten Welle überspült.<br />
»Menschen wurden früher angeschwemmt!«, erzählte Til gestern in der ›Pupille‹, als ich mein abendliches Bube-Dame-Spiel begann. Sommer ist die Zeit der Geschichten. Über Tils Frau wollte ich nie wieder etwas hören, und besuchte ihn seitdem auch nicht wieder.<br />
»Im Krieg«, sagte Til, »wurden zwei, drei, einmal sogar vierzig Leichen, dazu Konserven mit Butter und Fleisch und gutes Brennholz angeschwemmt. Fische, Delphine, ein toter Wal; Schnittholz aller Art, Balken und Bretter; Apfelsinen, Bananen; Wein-und Schnapsfässer. Und heute findet man am Strand nur noch Quallen und leere Ölkanister!«<br />
Ich stochere mit einem langen Draht im Quallengelee herum, bis es in viele kleine Teile zerschnitten ist und von der nächsten Welle weggetragen wird.</p>
<p>Stundenlang gehe ich am Strand spazieren, immer westlicher, die aufsteigende Sonne im Rücken. Ein altes Fischerboot mit zerborstenen Planken ankert, noch nass vom Meer, am Strand. Ich setze mich auf die nassen Bootsplanken. Das Fischerboot habe ich noch nie gesehen, wahrscheinlich fährt es am Mittag wieder raus auf See. Einige Gräten hat es sich gebrochen. Neben dem Fischerboot, im lauen Sand, schlafe ich bald nach Sonnenaufgang ein.<br />
Ich träume: weiße Wolken beugen sich über das flache Land. Bäume stehen vor dem Meer Spalier. Wellen brechen sich an Felsen. Die Wellen stürzen von großer Höhe herab und brechen, und stürzen trotzdem weiter. Ich bin vielleicht sieben Jahre alt, stehe vor dem Meer. Ich steige auf einen hohen Baum, um besser zu sehen; stürze und klettere trotzdem immer wieder ins hohe Geäst, falle und breche mir immer wieder den Arm. Zuhause sieht man sprachlos auf meinen gebrochenen Arm, verspricht sich von ihm aber die größte Ruhe. Ich will so sein wie die Wellen, denke ich. Und ohne es zu bemerken, legt man Gips um meinen gebrochenen Arm und über meine eingefallene Brust. Währenddessen stürzt neben mir Welle für Welle weiter und weiter und geht nie zu Bruch.<br />
Lärmende Kinder wecken mich. Sie lachen, als ich sie frage, ob sie sich etwas gebrochen haben.</p>
<p>Und an den anderen Morgen, kurz vor und nach Sonnenaufgang, an denen ich am Strand entlang gehe, mache ich auch manchmal Rast in einem der Strandkörbe, deren Holzbänke entweder zugeklappt oder sogar abgeschlossen sind. Dort verbringe ich Stunden, beobachte die Regungen der Wellen, die windend blauen Körper, die aneinander halten und sich atemlos überschlagen. Wundere mich über die unsinnige Kletterei des roten Balls, der auf dem Meer zu hüpfen beginnt, und den Rest des Tages eingezwängt am Himmel bleibt, neben ihm nur ab und an Wolken, Flugzeuge und Vögel. Bevor Frühaufsteher die Strandkörbe bevölkern, bin ich schon längst in meinem Bett verschwunden.<br />
Auf meinen Spaziergängen am späten Abend oder frühen Morgen treffe ich kaum Menschen an. Einmal erspähte ich im Zwielicht zwei sich wälzende Körper, die sich am Meeresrand lautlos liebten. Ich hatte zunächst einen großen Bogen um sie gemacht, schlüpfte dann doch in einen der Strandkörbe und sah wie Hände einen hellrunden Leib liebkosten. Zugleich fragte ich mich, ob IHRE Brüste auch so glänzen würden &#8212; jetzt. Bald darauf ging ich wieder zurück zur Pension, hatte einen leichten Schlaf und begegnete dem Paar nie wieder.</p>
<p>Damals, auf dem Festland, lief ich am gelben Rapsrand der Stadt, sah das Grau am Horizont und entschloss mich zu gehen. Da war SIE bereits seit zwei Wochen verschwunden. Täglich schrieb ich IHR, täglich blieb ich ohne Antwort. Eine Woche vor meiner Abreise machte ich meine Haushaltsauflösung. Auf die Frage einer älteren Frau, wer hier gewohnt habe, antwortete ich, mein verstorbener Bruder. Die Frau kaufte mir die halbe Einrichtung ab. Den Rest kippte ich nach und nach in die Mülltonnen.<br />
Zwei Tage vor meiner Abreise besuchte ich Freunde. Sie lachten, in zwei Wochen käme ich bestimmt wieder, klopften mir auf die Schulter und wollten mich besuchen kommen. Ich gab ihnen die falsche Adresse. Einen schönen Urlaub wünschte mir jeder zum Abschied und ich drückte jedem leicht die Hand. Gleich bei der Überfahrt zur Insel warf ich all ihre Fotografien und Adressen  über die Reling, sie schwammen wie hilflose Käfer auf dem Meer. Aber schnell wurden sie in die Tiefe gerissen. Erleichtert fand ich auf der Insel schnell eine Pension.</p>
<p>»Ab morgen halte ich meinen Sommerschlaf!«, sagte ich am Sommeranfang zu Anna Levin.<br />
»Sie tun sich nichts Gutes damit an. Der Schlaf in der Nacht ist der Beste!«, sagte Anna Levin und protestierte, »Und wann soll ich das Frühstück bringen, das Bett machen, wie stellen Sie sich das eigentlich vor?«<br />
»Der Sommer ist etwas für fleißige Bienen, Verliebte und Eisverkäufer, aber nichts für mich!«<br />
»Bären halten einen Winterschlaf, sicherlich,«, entgegnete sie, »aber es ist Sommer und es gibt keine Bären auf der Insel.«<br />
»Tropische Frösche halten einen Sommerschlaf. Denn die Trockenzeit muß überwunden werden. Die Trockenzeit muß irgendwann einmal überwunden, oder die Flut herbeigeholt werden.«<br />
»Und an mich denken Sie wohl gar nicht, die viele Arbeit, die ich damit haben werde!«, sagte sie tonlos und sah mir flehend in die Augen.<br />
»Ich grabe mich immerhin nicht ein, keine Angst, auch die schützende Hülle«, sagte ich scherzend, »fehlt ganz!«<br />
Sie knallte die Tür hinter sich zu.</p>
<p>Der Bruch, so hatte ich eines Morgens, kurz vor dem Einschlafen gedacht, kam an einem heißen Tag.<br />
»Buschwindröschen sind verteufelte Blumen,«, hatte SIE plötzlich gesagt, »sie wachsen im dunklen Wald einzig um Herzen und nackte Haut näher zu bringen, und das will ich nicht. Eigentlich sind Gänseblümchen meine Lieblingsblumen.«, hatte SIE geraunt und rannte aus dem Wald.<br />
Obwohl wir uns lange Jahre am liebsten zur Buschwindröschenblüte liebten, fand ich SIE nicht mehr wieder.</p>
<p>Am nächsten Morgen, die Sonne hitzte, ich schlief nackt, träumte ich von IHR. Auf dem Kopf trug SIE einen geflochtenen Kranz aus Gänseblümchen, vor Blüten quoll IHR Mund fast über.<br />
»Ich liebe die Menschen. Aber als Freunde liebe ich nur wenige. Und wenn ich liebe, werde ich so ausschließlich, daß ich nur noch einen einzigen Gedanken im Kopf habe.«, höre ich SIE  murmeln.<br />
Ich erinnere mich nicht mehr, wann SIE das sagte, dass SIE es gesagt hat weiß ich.<br />
Das Leben ist trotz alledem nicht ohne Hoffnung, denke ich dann noch und weiß, es ist ein Satz von IHR.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>VI.</strong><br />
»LIEBES,<br />
nun verspreche ich DIR, nicht mehr unausgeschlafen und müde am Hafen zu stehen, denn der Sommer ist in sein Winterquartier geflogen, und ich erwarte DICH wieder frisch rasiert und ausgeschlafen.<br />
Selbst meine Wirtin, Anna Levin &#8212; ich habe DIR ja schon manches über sie berichtet &#8212; ist froh, dass der Sommer vorbei ist, so hat sie mich endlich wieder, sagte sie gestern &#8212; wohl mehr im Scherz. Und endlich kann sie die Betten wieder wie gewohnt am späten Morgen machen, sagte sie dann noch. Eine sonderbare Person, findest DU nicht auch?<br />
Viele fragen hier nach DIR, obwohl sie DICH nicht kennen, ist das nicht wunderbar! DU wirst sie auch mögen.<br />
Ich freue mich auf DEIN Kommen, erwarte DICH mit dem nächsten Passagierschiff.<br />
für immer Dein &#8230;«<br />
Mit diesem Brief verlasse ich die Pension in Richtung Strand, gehe Richtung Osten, entlang der Salzwiesen. Eine schmale Holzbrücke führt über die Salzwiesen, direkt an einen breiten Bootssteg. Dicke Taue dienen als Geländer. Ich laufe mit verschränkten Armen zum Ende des Bootsstegs, suche den Horizont lange nach der ›Rosa‹ ab. Den Brief werfe ich ein, er wird SIE sicherlich erreichen.<br />
Am Meer entlang spaziere ich weiter östlich.<br />
Sperlinggroße Strandläufer tummeln sich in großen Scharen am Ufer. Nordwestwind hat Hölzer, unförmige, kleine, große, mit Muscheln besetzte, von Salz zerfressene, an Land gespült. Hunderte Herzseeigelskelette stapeln sich am Strand, als lose knöcherne Ringe. Ein altes Fischernetz umschlingt Algen, Muscheln und Unrat, und liegt nun selbst, vom Sand gefangen, am Strand.<br />
Ich kehre um. Sand peitscht mir in das Gesicht. Eine Regenflut prasselt auf  mich nieder.<br />
Zwei Stunden später dreht der Wind urplötzlich auf Ost. Das Passagierschiff ›Rosa‹ kann am späten Mittag nicht einlaufen, aus dem Hafen hat der Wind zuviel Wasser hinausgetrieben.<br />
Vor meinem Fenster zittern halsstarke Fichtenäste. Vielleicht legt sich der Wind schon morgen.</p>
<p>Seit siebzehn Tagen kommt kein Mensch mehr vom Festland auf die Insel. Kräftiger Ostwind bläst das Wasser aus dem Watt, bedeutet weiter unpassierbare Untiefen für die ›Rosa‹.<br />
Nach vier Tagen habe ich aufgehört die Vögel im Sand zu bedauern: rote Schnäbel, an denen nasse schwarze Federn kleben; gelbe Krallen, die sich im Gefieder verquert wiederfinden; Augen, die ins Leere starren. Davor bewunderte ich die Vögel, die eine Schwanzbreite über dem Meer fliegen und niemals tiefer sinken.<br />
Täglich peitschen starke Böen mit spitzen Lederschlägen auf die Insel. Morsche Äste brechen zuerst von den Bäumen ab, später auch gesunde Zweige und Äste; von den Häusern kullern regelmäßig Dachziegel.<br />
Täglich gehen Fenster zu Bruch. Til, der Inselglaser, kommt mit der Arbeit nicht mehr nach, und einige Zimmer sind dem Regen schutzlos ausgeliefert. Bis jetzt blieben in der Pension von Anna Levin, selbst in ihrem Kaufmannsladen, die Fenster heil und Regen hämmert weiter gegen die Gläser, stürzt in dicken Tropfen und  Rinnsalen von den Fenstergläsern auf die Erde.<br />
In der ›Pupille‹ spiele ich, wie jeden Abend, mit Dietrich und Til Skat. Nach etwa zwei Stunden nehme ich die Buben und Damen aus dem Spiel, mische die acht Karten und suche erneut nach passenden Paaren.<br />
Til notiert emsig Zahlen auf ein Blatt Papier. Dietrich hört auf den Regen, der gegen die Fensterfront schlägt und sieht dabei auf eine Pferdefotografie an der Wand. Ich mische die Buben- und Damenkarten neu. Hinter der Theke klirren Gläser.<br />
Einen Moment lang lege ich die Karten beiseite. Til streicht sich mit dem kleinen Finger immer wieder über die Pastorennase, sieht vom Notizblock auf, fährt mit der Handfläche durch sein fettglänzend schwarzes Haar.<br />
»Trinkt!«, hebt Til an, »Das wird das Geschäft des Jahres!«, gibt eine Runde Bier nach der anderen aus. »Auf den Wettergott und dass die Insel nie untergeht.«<br />
Nach der vierten Runde verspricht Til, »Ihr alle, jawohl, ihr alle zusammen bekommt Rabatt, jawohl Rabatt auf jedes dritte Fenster, das der Sturm, der liebe, liebe Sturm, mein Bruderherz, bei Euch kaputt macht. Jawohl, und jetzt lasst uns trinken! Prost!«<br />
»Austernfischer«, beginnt Dietrich, »stürzen sich zuschanden in der Gier ihres nie endenden Hungers. Möwen dagegen«, murmelt Dietrich weiter, »Möwen lassen sich treiben und treiben bis sie müde sind, um dann auf dem Sand das marmorierte Fleisch aus den Muscheln zu picken.«<br />
Til runzelt die Stirn, beklopft seine Nase und kritzelt weitere Zahlenreihen ungeordnet in seinen Notizblock. Ich mische die Karten, lege sie neu, nehme die Karten wortlos wieder auf, mische.<br />
Dietrich spricht mit fester Stimme weiter. »Besonders die Strandläufer, diese witzigen, wuseligen Vögel, die mit ihren stecknadeldünnen Beinchen wie Windmühlenräder über das seichte Wasser rasen, haben es jetzt schwer. Entweder sie lassen sich ungewiss vom Wind treiben, oder sie stehen im seichten Meerwasser, im Windschatten der Möwen.«<br />
»Das ist nicht wahr!«, protestiert Til, »Die Viecher mögen den Sturm, wie ich, die saufen den Wind, wie ich das Bier. Trinkt, und redet nicht soviel, sonst gibt‘s keinen Rabatt mehr. Prost!« Und ritzt mit einem Glasschneider, den er aus seiner Brusttasche genommen hat, senkrecht ein Bierglas an, klopft leicht gegen das dünne Glas. Eine Flut Bier schwappt auf den Tisch. Die Männer lachen. Til bestellt eine weitere Runde.<br />
Ein starker Ast fällt auf ein Fenster, das standhält. Ich nehme alle Karten auf und schiebe sie in die Jackentasche. Die Männer schweigen.</p>
<p>Der Wettergott hat starke Blähungen. Die Insel biegt sich unter den brausenden Schlägen des Sturms. An die Ankunft der ›Rosa‹ ist nicht im entferntesten zu denken.<br />
Anna Levin bringt mir das Frühstück. Seit drei Tagen bleibe ich im Zimmer. Täglich macht sie mir das Bett, glättet die Leinenfalten und schüttelt die Kissen auf, alle acht Tage wechselt sie mir die Bettwäsche, einmal in der Woche putzt sie das Waschbecken, saugt das Zimmer. Hat sie Waren in die Regale ihres Kaufmannsladens sortiert, klopft sie oft ein zweites Mal an meine Zimmertür, entschuldigt ihr Kommen mit Staub wischen. Dabei sehe ich ihr schweigend zu.<br />
In diesen nie enden wollenden, scharfkantigen Winden sehe ich Anna Levin viele Male die Treppen unruhig auf und ab gehen. Und einmal begegne ich ihr sogar auf halber Höhe der Wendeltreppe. Am siebten Tag, als das Passagierschiff ausbleibt, lädt sie mich zum Mittagessen ein. Die bisher stillschweigende Abmachung war, mich allein und in Ruhe Essen zu lassen &#8212; dann aber sage ich doch zu.</p>
<p>Ein billiger Kunstdruck eines Sonnenuntergangs mit Segelbooten, die sich in der Steppe des Meeres verlieren, hängt über der Küchentür. Und eine getrocknete weiße Rose steckt am Bilderrahmen. Warum nur hängen sich Menschen, die am Meer wohnen, Bilder mit Meeresstimmung auf und Menschen, die an Bergen wohnen, Bilder mit Bergesstimmung?<br />
Wie immer ist ihre Hose weiß, weiß geblieben, weiß auch im letzten, schmutzigen Winter, im matschigen Schnee und nun selbst im Sturmregen. Ein buntes Seidentuch umschlingt ihren Hals, den ich noch nie gesehen habe, vermute aber, dass dieser ebenso schlank und sehnig ist wie sie. In der kalten Jahreszeit trägt sie einen kornblumenblauen Pullover, darunter wie immer ein Seidenhemd, einmal in grün, blau, dann lila. Ich habe mich in den langen Monaten an dieses Bild gewöhnt, ihr Lächeln wird nicht zarter bei meiner pünktlichen Bezahlung des Pensionsgeldes. Damit hat sie mich gewonnen als Gast, obgleich ich eigentlich von Monat zu Monat eine andere Unterkunft hatte wählen wollen. So bleibe ich eben bei Anna Levin, wenn auch mit dem Gefühl, die Pension liege doch ein wenig zu weit von der Inselbahn entfernt, und ein anderes Zimmer böte vielleicht ein wenig mehr Komfort.<br />
Mandelforellen, Butterkartoffeln, grüner Salat und Karamelpudding.<br />
Anna Levin schenkt mir Wein ein. »Sind Sie eigentlich schon einmal im Meer geschwommen?«<br />
»Nein!«, antworte ich und trinke, mit dem portugiesischen Weißwein &#8212; aus Rotweingläsern &#8212; auf ihr Wohl.<br />
»Wissen Sie,«, sagt sie, »ich kann auch nicht schwimmen!«<br />
»Aber ich kann schwimmen, bloß ich mag dieses Salz auf der Haut nicht!«<br />
»Ach ja.«, sagt sie.<br />
Schweigend essen wir weiter.<br />
Wieviele Stunden trennen mich noch von IHR? Erst einmal muss sich der Sturm legen, beruhige ich mich.<br />
»Ist SIE schön?«, fragte mich Anna Levin leise, »Ich meine, lieben Sie SIE sehr?«<br />
Mein Löffel sinkt in den süßen Pudding ein.<br />
»Oder möchten Sie darüber nicht sprechen?«<br />
Auf Anna Levins Halstuch bilden sich, wie ich staunend bemerke, rötliche Flecken, die sich schlängelnd vorwärts bewegen und sich als eine ausgewachsene Pythonschlange von ihrem Hals lösen.<br />
»Möchten Sie noch ein wenig Pudding?«<br />
Stetig, aber in Zeitlupe, windet sich die Pythonschlange auf dem Küchenboden, verliert sich schließlich in einem Spalt zwischen Herd und Spüle. Ängstlich sehe ich ihr nach. Dann stehe ich auf &#8212; wortlos.<br />
Verwundert sehe ich auf Anna Levin, auf ein Haar, das wie meine Schwermut leuchtet; in Augen, die grün glänzen wie Kristall und volle Lippen.<br />
»Entschuldigen Sie bitte, aber ich glaube, ich bin nun doch sehr müde. Wissen Sie, auf den Mittagsschlaf kann ich wirklich nicht verzichten, entschuldigen Sie. Ja, und noch vielen Dank, nicht wahr, für das Essen. Es war wirklich gut, vielleicht ein wenig zuviel. Entschuldigen Sie mich jetzt!«<br />
Geräuschlos schließe ich hinter mir die Tür. Wie lange wird der Sturm denn noch anhalten?</p>
<p>Am Abend gehe ich vor das Haus und  stelle meinen Körper gegen den Wind. Regen perlt von den Haaren, er schmeckt salzig; triefende Hose, triefender Pullover, ein einziges triefendes Ich. Sinnlos suche ich nach dem Vollmond hinter dem schwarzen Nebel. Zuletzt finde ich das flackernde Licht einer defekten Straßenlampe. Vom Regen lasse ich mich weiter aufweichen bis ich friere. Ich beginne die Straße auf und ab zu rennen.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>VII.</strong><br />
Vergeblich warte ich auf mein Frühstück. Einige Male ziehe ich die Jalousie hoch und herunter. Schlüpfe wieder in mein Bett. Schließlich stehe ich auf, öffne die Tür, trete gleichzeitig in das Honigbrot und auf die Kaffeetasse. Gefangenen stellt man das Essen vor die Tür.<br />
Kein Wort mehr werde ich mit Anna Levin reden. Nicht nur ihre Behandlung missfällt mir, auch ist das Zimmer einfach zu hell; der Komfort miserabel, weder gibt es ein vernünftiges Kopfkissen, noch einen gepolsterten Stuhl, geschweige eine Schreibtischlampe. Es ist eine Überlegung wert, vielleicht sogar notwendig geworden, die Pension zu wechseln, es wird ja nicht schaden, ein freundlicheres Zimmer zu nehmen, das ein wenig näher am Inselbahnhof liegt.<br />
Den Honig wasche ich von meinen Zehennägeln ab, lasse die Scherben vor der Tür liegen, ziehe mich an und gehe aus dem Haus. Im Gasthaus ›Zum Tor‹ werde ich gleich zu Mittag essen, Scholle, dazu ein schönes Bier mit hoher Schaumkrone. Am Abend werde ich in die ›Pupille‹ gehen &#8212; unter sich sein!</p>
<p>Anna Levin steht plötzlich vor mir. Grell sticht das Kneipenlicht in meine Augen. Seit einigen Stunden singt es in meinem Kopf  &#8212; Schubert. Der Wirt deutet auf mich. Ich bleibe sitzen, mein Kopf ist schwer, aber ich höre es mächtig singen und musizieren, und halte mir die Ohren zu &#8212; es nützt nichts.<br />
»Ich kenne das alles zu gut. Gerd habe ich immer wieder aus der ›Pupille‹ schlepppen müssen.«, sagt Anna Levin.<br />
»Manchmal frage ich mich«, jammert Til neben mir, »was das Leben bedeutet, bedeutet es ein Glas zu leeren oder zu füllen?«<br />
Der Wirt und Anna Levin begleiten mich nach draußen, setzen mich in den Fahrradanhänger.<br />
»Ein Glas zu leeren ist schöner!«, lallt Til  neben mir und hält sich an der Fahrradstange fest.<br />
»Anna, kann ich dir noch irgendwie behilflich sein?«, fragt der Wirt zögernd.<br />
»Gib mir noch etwas zu trinken, Wirt, und mach die Musik leiser, sie dröhnt in meinem Kopf!«, sage ich.<br />
»Lass gut sein. Es ist nichts. Ich bin es gewohnt. Schließ‘ die ›‘Pupille‹. Geh‘ nach Hause!«, sagt Anna Levin.<br />
Während der Wirt die Lichter in der ›Pupille‹ löscht, fährt Anna Levin los, der Fahrradanhänger schwankt, die Musik in meinem Kopf verliert sich nicht, immer wieder der erste Satz aus irgend einem Streichquartett von Schubert.<br />
Anna Levin redet und redet, Ostwind treibt ihre Lebensgeschichte direkt zu mir.<br />
»Als Gerds Tod vor dreieinhalb Jahren eingetreten, in ihm alles erloschen war, kehrte ich in meine Geburtsstadt zurück. Doch dort flüsterte der Wind viel zu leise, und Seevögel gibt es außer Möwen, die sich manchmal verirren, kaum. Und es gibt kein Meeresleuchten. Ohne auszusetzen, pustet meine Geburtsstadt Licht in den Himmel und ist viel zu weit in das Land hinein gebaut. Zwei Monate später kehrte ich wieder zurück und sonnte mich zum ersten Mal in meinem Leben nackt am Sandstrand.«<br />
Mit aller Kraft tritt Anna Levin in die Pedale.<br />
»Gerd hat sich, in unbändiger Angst vor sich selbst, erst ertränkt durch den Alkohol, dann durch das Meer, aus dem Weg geräumt. In unbändiger Sehnsucht habe ich Gerd geliebt. In der ›Pupille‹ hatte ich Gerd kennengelernt, vor zehn Jahren. Urlaub hatte ich machen wollen &#8212; damals. Ich hatte etwas trinken wollen, nach dem fünfstündigen Spaziergang zwischen Ost-und Westspitze der Insel, war entlang des Süßwassersees gegangen, über die Dünen und am Strand. Rast hatte ich nur kurz machen wollen in der ›Pupille‹. Die Männer saßen schon damals an runden Tischen, hatten  gespielt und geschwiegen. Gerd hatte mit Til und einem älteren Mann Skat gespielt. Die Männer hatten mich starr angesehen, warteten auf meine Verwandlung zur Nixe oder zum Klabautermann. Hastig hatte ich dann ausgetrunken. Am nächsten Morgen hatte ich zufällig Gerd am Bootssteg erkannt, der mich einlud, mit dem Fischerboot weit nach draußen zu fahren, vielleicht Seehunde sehen, hatte er gesagt. Seehunde hatten wir keine gesehen, erst viel später. Einige Jahre später ist er dann den Bootssteg weitergegangen. Es ist so einfach, weiterzugehen. Lange haben sie nach ihm gesucht, eine Woche. Er war aufgedunsen wie ein Hefeteig und verströmte einen ekelerregenden Fischgestank. In drei Tücher hat man ihn wickeln müssen und den Sarg gut abgedichtet.«</p>
<p>Durstig erwache ich. Hemd und Hose sind zerknautscht. Und der Fahrradanhänger, und Anna Levin, und die drückende Nacht. Grelles Mittagslicht stürzt durch die Lamellen der Jalousie auf meinen schweren Kopf. Noch nie habe ich soviel getrunken, mich noch nie so leer gefühlt. Wärmend legt sich Licht auf meine blanken Arme. Nach Wasser dürstend leckt die Zunge über die Lippen. Trockendock.<br />
Ich schließe die Augen, ein wimmerndes Kinderkarussell fährt an, wird schneller, immer schneller. Farben und Formen purzeln wild durcheinander. Musik rauscht, wimmert, kreischt und heult in meinen Ohren.<br />
Ich sehe SIE! SIE liegt auf der Seite, mit dem nackten Rücken zu mir. Die Hände strecke ich aus, die Finger mache ich lang, um die Spitzen IHRER Haare zu erreichen. Das Karussell dreht sich. Ich fühle IHRE Haare. Ich höre IHRE leise Stimme. Durch IHRE Haare fahren will ich und finde meine Hände in meinem Haar. Ich öffne die Augen. Sonne blendet durch die Ritzen der Jalousie. Ich wage nicht mehr, die Augen zu schließen, lege die Hände unter den Rücken.<br />
Zum Glück läuft heute die ›Rosa‹ nicht ein. Ich lege mich auf den Bauch: weißes Leinentuch. Eine Zeit lang liege ich so, döse ein wenig. Dann lege ich mich wieder auf den Rücken, starre auf die weiße, körperlose Wand und schließe die Augen.<br />
Ein von Algen überfallener See waren IHRE Augen. Wenn SIE schlief, zuckten IHRE Augenbrauen. IHR Mund: eine weit entfernte Insel, auf der einladend die rote Sonne schien. IHR Gesicht nahm oft die Farbe des dämmernden Himmels an. SIE roch nach Mandelseife. Stufenloser Aufgang zu IHREM Gesicht: die Haare, deren Spitzen stachen wie kleine silberne Nadeln.<br />
Aus den Augenwinkeln kratze ich harten Schlaf. Hinter den Quellwolken verschwindet IHR Bild. Endlich stehe ich auf, ziehe die Jalousie nach oben. Draußen ist alles grau geworden. Ich kippe das Fenster, die Luft fließt über den Rahmen, die Hand, den Arm, über die Schultern, direkt in meine Nasenlöcher. Dort kitzelt sie mich so lange, bis ich niesen muss.<br />
Schließlich öffne ich das Fenster himmelweit und strecke den Arm wie einen Pfeil in den Mittag. Ich bedauere nicht, dass der Arm an meinem Körper angewachsen bleibt, eher, dass ich überhaupt einen Körper habe.<br />
Schnell schlüpfe ich in das Bett. Als ich wieder aufwache, drehen sich die Träume noch in mir weiter. Aus Sternen wachsen Münder, der Mond wird zur prallen Brust. Im Fahrradanhänger hat die Wirtin mich aus der Nacht gezogen. Ich öffne die Augen.</p>
<p>Gewohnt ist es Til  zu saufen, zu arbeiten, zu saufen. Seine Nase verliert nie den frischen Sonnenbrand. Einmal habe ich ihn gefragt, warum man hier säuft. Til hat die Lippen rasch bewegt, ohne zu antworten. Am gleichen Tag, auf dem Weg zum Hafen, habe ich ihn wieder getroffen.<br />
»Als ob wir auf den Grund des Meeres sehen wollen, saufen wir, um zu sehen, was dort ist. Du kannst das nicht verstehen, vom Festland kommt man wie ein Affe vom Baum, nicht wie ein Fisch vom Meer, wie wir. Warte ab, irgendwann einmal wachsen uns noch Kiemen, dann wirst du sehen, was wir damit meinen.«<br />
»Was seht ihr denn auf dem Grund des Glases?«<br />
Til schwieg lange, seine Lippen zitterten ein wenig. »Wir schenken uns nach, weißt du, das Meer ist dann in uns, das ist gut. Das kannst du nicht verstehen, du kommst wie ein Affe vom Baum, du verstehst uns nicht!«<br />
Deswegen soff ich einfach mit. Und dann sah ich nicht einmal mehr den Grund des Glases.<br />
Ich drehe mich auf den Rücken.</p>
<p>Ich entschließe mich, ein wenig aufzustehen. Ich stehe am offenen Fenster. Zwei Ameisen spazieren die Fensterbrüstung entlang, ich schnalze sie mit dem Daumen in den Nachmittag. Es ist so still, dass mir die Ohren klirren. Wieder lasse ich die Jalousie vor das geöffnete Fenster herunter, drehe die Lamellen so weit, bis sie sich kampferprobt gegen das Licht werfen. Ich drehe  den Wasserhahn auf, bis ein Wasserstrahl beruhigend über das Porzellan des Waschbeckens rauscht. Das Zimmer ist kühl. Ich will mich für einige Augenblicke im Bett aufwärmen.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>VIII.</strong><br />
Im langsamen vierviertel Takt klopft Regen an die Fenster. An einigen Tagen regnet es, wieder an anderen kleben die Schatten der Sonne auf den gepflasterten Wegen. Ich ziehe die Jalousien nach oben. Nach und nach werden die Zellen des Himmels mit roten Schlüsseln verriegelt und bald, in der Nacht, aufspringen und Träume gebären.<br />
Leblos hängen die Vorhänge an den Seiten der Fenster. Die Gardinen ziehe ich zu, langsam wie einen Reißverschluss an einem Abendkleid. Die Übergardinen ziehe ich darüber. Dann schlüpfe ich in Lederjacke und Gummistiefel.<br />
Froh, den Weg zu wissen, ohne lange sich für diesen oder jenen entscheiden zu müssen, gehe ich über schmale Straßen, den mit feinem Sand überschwemmten Dünenweg, zum Meer. Bevor ich sie sehe, höre ich die ruhige See. Sie rauscht. Das Atmen wird leicht. Ein trägdunkles Blau ist plötzlich auf den Himmel tapeziert. Nirgends finden sich Menschen, nicht einmal Schuhabdrücke im Sand.<br />
Bevor die Sonne hinter dem Meer verschwindet, will ich zu dem lackneuen Fischerboot, das ich vor Tagen entdeckt habe. Es lag dort wie eine Leiche aus Holz, wie Pinocchio. Lange starrte ich auf das Meer, suchte nach dem Wal, der Pinocchio ausgespien hatte; und kein Wal war aufgetaucht, keine Schwanzflosse ragte aus dem weiten Meer. Doch eine lange Planke war senkrecht aus dem Fischerboot gestanden. Die Nase des armen Pinocchio. Jetzt will ich zu Pinocchio gehen und ihm meine Geschichte erzählen.<br />
Ein gestrandeter Fisch liegt mit einem Lächeln am Strand. Trugbilder kenne ich nicht, habe ich mir niemals erlauben dürfen. Und jetzt lächelt dieser Fisch und sieht mich fast mitleidsvoll an, obwohl er aufgeplatzt und von der Sonne ausgedörrt im Sand liegt. Von eingetrocknetem Blut verschleierte Augen, die im Gedärm schwimmen, von dünnspitzigen Messern durchbohrt, die mich anstarren. Ich schüttle heftig den Kopf, kleine Käfer bewegen sich aus den Fischaugen.<br />
Ich schließe die Augen, so wie ich sie manchmal neben IHR geschlossen habe. Ich sollte IHR davon nichts erzählen.</p>
<p>Das alte Holzboot interessierte mich. Ertrunken wäre ich beinahe als Kind. Den See hatte ich durchschwimmen wollen, der so lang wie ein Fußballstadion war. Auf der Mittellinie rang ich nach Luft, die Arme und Beine bleischwer. Ein Angler hatte mich aufgefischt, rettete mich mit einem wuchtigen Griff auf sein Boot.<br />
»Wenn der Tote weint, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er nicht gerne stirbt.«, hatte der Angler freundlich gesagt.<br />
Und ohne zu sterben, mit einem Bach aus Tränen zwischen Augen und Kinn, hatte ich auf den nassen Planken nach Luft gerungen wie ein Fisch.<br />
Wochen später hatte ich den Angler wieder am Ufer angetroffen, er hatte bereits die Angeln ausgeworfen und nichts biß an. Der Angler saß auf einem Schemel und sah gebannt auf die Leinwand des kleinen Sees. Neben den Angler hatte ich mich gestellt und gewartet. Auf einmal sah mich der Angler lange an, legte seinen Arm um meine Schultern und erzählte mir die Geschichte von Pinocchio. Wie Pinocchios Füße zu Asche verbrannten, er fünf Goldstücke aus eigener Dummheit sich stehlen ließ. Beim Tod des schönen Mädchen mit dem türkisblauen Haar hatte der Angler dreimal schlucken und einen kräftigen Zug aus seiner silbernen Flasche nehmen müssen. Und der Angler versprach, mit den Abenteuern Pinocchios am nächsten Tag fortzufahren, und am nächsten Tag fand ich den Angler nicht mehr, und auch das Boot blieb wie vom See verschluckt, ein Paddel aber fand ich später versteckt im Ufergrün.<br />
Pinocchio ist verschwunden. Die Flut hat ihn wieder mitgenommen. Lange versuche ich, ihn noch irgendwo am Horizont auszumachen. Wahrscheinlich hat ihn die See mitgenommen und er ist ertrunken.<br />
Viele Jahre später, nachdem mir der Angler den Anfang von Pinocchios Abenteuer erzählt hatte, las ich selbst das Buch und schrieb dem Mädchen mit dem türkisblauen Haare einen Brief, meinen ersten Liebesbrief.<br />
Das Meer schläft. Ich setze mich auf ein verrostetes Metallskelett.<br />
Jetzt mit IHR träumen. Jetzt in IHRE Augen sehen, durch IHRE Haare fahren, und in IHREN Lippen versinken.<br />
Säuglingsschreie der Lachmöwen schrecken mich auf. Doch am Horizont sehe ich sie nicht. Der Himmel verschließt sich unter dunklen Tränen. Die mächtigen Metallschrauben drücken auf die Wirbelsäule. Ich stehe auf, gehe einige Schritte dem Meer entgegen. Leckend benetzt Salzwasser meine Schuhe.</p>
<p>Es riecht nach Regen. Auf dem Meer bilden sich erste Nachtschatten. Über die Spitzen der Dünen fließt das Licht des Dorfes.<br />
Bald erkenne ich die blassgelben Uferlaternen. Nass glänzen die Planken der Holzbrücke, die über die Salzwiese, auf den breiten Bootssteg führt. Samtschwarz liegt er noch in der Ferne. Die heranrückende Flut hämmert die Nachen rhythmisch an die Pflöcke.<br />
Wasser zittert auf den Planken. Ich laufe zum Ende des Bootsstegs und sehe auf die ruhige See. Nordwestwind hat sich seit dem späten Mittag zur Ruhe gelegt, müde springen die Wellen. Treibholz schaukelt weit draußen auf dem Meer.<br />
Tapsende Schritte nähern sich dem Bootssteg, setzen aus und wieder ein. Erste Regentropfen fallen.<br />
»Hallo!«, rufe ich leise, höre in die Dunkelheit.<br />
Nieselregen. Die Schritte haben ausgesetzt, gespannt warte ich. Durch den grauen Regendunst schimmert IHR Haar, ich hatte es ein wenig länger und heller in Erinnerung.<br />
»Bist DU es?«, flüstere ich, wie konnte ich SIE verpassen &#8212; ob vielleicht ein Zusatzschiff?<br />
SIE kommt näher und näher, so nah, das ich IHREN Atem rieche.<br />
IHRE Finger bohren sich direkt in meine Stirn, und vibrierend vor Liebeshunger umschlinge ich IHREN Körper.<br />
»Liebe mich!«, flüstert SIE.<br />
»Bist DU es?«, flüsterte ich und versuche in ihre ausweichenden Augen zu sehen.<br />
Laut regnet es weiter in die Dunkelheit. Rabenschwarz glänzen die Pflöcke und Planken am Bootssteg. Stumm ruhen die Nachen. Liebesschwer atmen wir &#8212; das nächtliche Paar. Wolken verdichten sich vor dem zunehmenden und unsichtbar werdenden Mond, den Sternen. Dünner Wind treibt dichten Regen auf unsere nackten Körper. Bald ist alles vorüber, einzig der Regen rieselt weiter. Dann ein Klatschen wie auf einen nackten Hintern: der Himmel öffnet sich zu einem tobenden Wasserfall, der sich ergießt aus tausend verschlossenen Toren. Wir, das nächtliche Paar, stieben auseinander wie Kämpfende, über die ein Eimer Wasser gegossen wird, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen. Und unsichtbar stehen wir voreinander; engmaschig, Tropfen an Tropfen, als dichtes Wassergewebe, hat der Regen und die wolkenverhangene Nacht einen Riegel vor uns geschoben. Ich suche nach IHR, taste nach IHR, rufe nach IHR.<br />
Auf den glitschigen Planken rutsche ich aus und falle ins Meer. Lange finde ich keinen Halt, kann mich nicht auf den Bootssteg ziehen. Das Holz rutscht mir unter den klammen Fingern weg.<br />
Wenige Schwimmstöße, und ich erreiche wieder festes Land. Auf Zehenspitzen weiche ich den ausgehöhlten Seeigeln und zersplitterten Muscheln aus und kehre zurück zum Bootssteg.<br />
Lange sehe ich in die Dunkelheit, ob SIE sich weiß abheben wird &#8212; irgendwo. Als schließlich nichts mehr geschieht, ich fröstelnd, bald frierend und immer noch nackt in die Nacht horche, ziehe ich erschöpft die triefende Kleidung über.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>IX.</strong><br />
Ich friere &#8212; die ganze Nacht über fror ich. Jeder Wassertropfen ist in mich gedrungen und zwischen Haut und Fleisch gefroren. Selbst Decken, die ich aus den leeren Gästezimmern genommen habe, über meinen gefrorenen Leib legte, nutzen nichts, ich zittere vor Kälte weiter.<br />
Es klopft an der Tür &#8212; die Wirtin, Anna Levin.<br />
»Wie war die Nacht?«, fragt sie zögernd, »Kann ich etwas tun für &#8230;«<br />
»Ich bin in‘s Meer geplumpst, komplett. Aber warum sehen Sie mich so an? Wissen Sie, ob SIE angekommen ist, ich konnte heute morgen nicht gehen, wissen Sie es? Oder war SIE gestern schon da, am Abend meine ich, gestern in der frühen Nacht? Bitte sagen Sie es mir, sagen Sie mir, was Sie wissen!«, flehe ich mit heiserer Stimme, zappele mit den Armen unter den Decken so sehr, dass der ganze Berg ins Rutschen gerät; mit jämmerlichen Ruderbewegungen versuche ich noch, die unterste Decke zurückzuhalten, die aber gleichfalls auf den Fußboden rutscht.<br />
Anna Levin schichtet die Decken wieder auf mich, setzt sich auf die Bettkante.<br />
»Ich werde später wenigstens noch einen heißen Tee bringen. Vielleicht erinnerst &#8230; erinnern Sie sich ja noch. Jetzt aber öffne ich erst einmal den Kaufmannsladen!«<br />
»Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern,«, sage ich zu Anna Levin, ich verpasse das nächste Schiff nicht, ich gehe zu IHRER Ankunft, sicherlich, niemals werde ich SIE verpassen. Aber ich glaube, ich habe SIE gestern schon gesehen. Ist SIE nicht schon hier?«<br />
Anna Levin antwortet mir nicht, sieht mich nicht an, sie verläßt mein Zimmer &#8212; traurig schweigend. Sie wird zu viel zu tun haben, um sich auch noch um SIE zu kümmern. SIE wird sie mögen.</p>
<p>Ich verteile die Decken wieder gleichmäßig auf die ungenutzten Betten der Gästezimmer. Nach der Katzenwäsche, noch ein wenig schwach auf den Beinen, öffne ich das Fenster himmelweit. Vielleicht war das falsch, etwas rammt sich in mich ein, etwas, das aus dem Eis gekommen und nun aufgetaut ist. Etwas reibt zwischen Haut und Fleisch und kratzt an leidigen Narben.<br />
Unruhe. Ich trage wieder jene Unruhe in mir, die nicht spricht, die nicht mit mir sprechen will. Wie ein trotziges Kind hat sie sich unter die dicke Decke der Verschwiegenheit versteckt.<br />
Ich gehe die Wendeltreppe herunter, gehe aus dem Haus, laufe quersandein über die Dünen, bald bin ich am Strand. Ich zwinge mich langsamer, viel langsamer zu gehen. Erschrocken sehen mich die Möwen an, wissen nicht mehr, ob sie auffliegen, mißtrauisch verharren oder im flachen Wasser einfach weiter nach beliebig Verdaubarem suchen sollen.<br />
Ich versuche zu rennen, Silbermöwen spritzen in den Himmel. Ich bin nicht schnell, jeder Greis kann es mit mir aufnehmen. Eine kreiselnde Unruhe, die wie ein Wackerstein schwer trägt und mich kaum vorwärts kommen läßt. Gegen einen Sturm anzurennen, den es nicht gibt; auf einsinkender Watte zu stehen, die es nicht gibt. Ein Zwergstrandläufer kreuzt meinen Weg und blickt mich höhnisch an, eine Möwe schüttelt ihren schokoladenbraunen Kopf.</p>
<p>Auf dem Festland hatte ich die Unruhe mit meiner Arbeit narkotisiert und sie darüber fast vergessen. Allein in der Dämmerung, im kalten Liebesspiel von Tag und Nacht, zirkulierte ein wimmernder Kinderkreisel in Brust und Kopf. Ich hatte versucht, diese Unruhe zu vergessen. Manchmal hatte ich sie vergraben, oftmals in den Bauch eines Patienten. Während der Operation hatte ich meine strudelnde Unruhe mittels Augen und Händen in den Bauch des Operierten gelegt, und endlich &#8212; wenn auch nur für kurze Zeit &#8212; verloren. Mit festen, kleinen Stichen hatte ich dann die Bauchdecke des Patienten zugenäht. Und wenn es die Patienten merken, dachte ich danach. Doch diese wußten es nie. Mitunter, an sehr schlechten Tagen, fragte ich den Operierten, wie er sich fühle, ob er eine Unruhe in sich trage. Immer wieder verneinten diese und schüttelten gewissenhaft ihren Kopf. Dann untersuchte ich die frische Naht, klopfte sie mit ruhigen Händen ab, die in ihren innersten Adern zitterten. Bauchtücher, die rings um den Schnitt lagen, waren bei meinen Operationen niemals verschwunden. Aber meine Unruhe. Und ich hatte Angst, nachdem die zitternden Finger mit dem Beginn der Operation ruhiger wurden, hatte ich Angst, diese Unruhe in den Bauch des Operierten als Lunte hineingelegt zu haben. Davon wußte niemand. Deswegen fühlte ich mich später schuldig für den Tod einer Patientin, deren Augen selbst nach dem Tod unruhig funkelten. Hastig hatte ich ihre Augen zugedrückt. Ich  hatte ihre Bauchhöhle durch einen Rippenbogenrandschnitt eröffnet, dann einen gutartigen Tumor entfernt, und meine Unruhe dafür in sie gelegt, diese Lunte hatte in ihr schließlich das Dynamit zur Explosion gebracht, und sie starb, wenige Minuten nachdem ich ihre Bauchdecke wieder zugenäht hatte.</p>
<p>Es ist ein Mahlstein, kein Wackerstein, der sich inwendig dreht. Bald muss SIE doch kommen. Und dann: mit IHR zusammen sein, einfach so, ohne Worte, nicht viel Worte, Worte später, vielleicht später, viel später, in jedem Fall aber mit IHR, mit IHR sein, zusammen sein.<br />
Ich setze mich in den Sand. Locker und leicht ist der Strandsand, ich grabe tiefer, dort wo er nass zusammenklebt, ein wenig fester wird. Eine Haarspange, ganz verrostet, einst musste sie rosa gewesen sein. Ich versuche, sie in meinem Haar zu befestigen. Sand rieselt durch die Haare.</p>
<p>Nicht erst, seit die alte Bäckerin mich fragte, ob ich eigentlich katholisch bin, will ich wieder einmal, nach acht Jahren &#8212; seit der Hochzeit meiner Schwester &#8212; eine wirkliche Predigt hören. Stätte letzter Zuflucht für Geschichten, hat einmal ein Freund gesagt.<br />
Gute Nachrichten und schöne Geschichten will ich gerne hören, selbst die Kommunion entgegennehmen, ohne gebeichtet zu haben. Das Katzengold auf dem Talar wiedersehen, dem Pastor zuhören, wie er von etwas sprechen wird, das man auch nicht fühlen kann.<br />
Wie aus einem anderen Jahrhundert liegt die Begegnung am Bootssteg zurück. SIE war hier, ist wieder gegangen, also wird SIE auch wieder kommen. Das Passagierschiff ›Rosa‹ gibt es, zumindest immer wieder, und meine Hoffnung auf IHRE Ankunft, eine neue Ankunft.<br />
Also in die Abendpredigt.<br />
Ich schüttele den Sand aus Haaren und Kleidung und gehe über die Dünen auf das Dorf zu.</p>
<p>Schmucklos empfängt mich die Kirche. Ein aus der Kindheit vertrauter Geruch nach nassem Staub und Wänden. Es ist leiser als am Meer. Eine Handvoll Menschen sitzt auf Korbstühlen. Einige Insulaner halten dabei ihre Köpfe gesenkt, die Hände gefaltet. Ich setze mich, zwei Stuhlreihen vor dem Altar, auf einen der Stühle.<br />
Einige Holzschiffe stehen um die Kanzel; Einmaster und Dreimaster, die Segel bräunlich verstaubt, des Dreimasters Großmast eingeknickt. Und wie zufällig angeschwommen steht auch ein einzelnes Fischerboot dabei. Jedes  Boot ist nicht größer als ein Herz.<br />
Ich sehe nach hinten, auf der Empore steht eine silberne Orgel mit Pfeifen wie überlange Schnäbel. Ein Mann bleibt im Mittelgang unentschlossen stehen, knickt die Beine ein und setzt sich schüchtern auf einen der Korbstühle.<br />
Wenig Sonne durchleuchtet das Mosaik des Kirchenfensters. Jesu steht aufrecht in einem Fischerboot, sein Boot schwankt nicht, seine Jünger liegen ihm zu Füßen. Wellen aus Palmwedeln; der Himmel rechteckig blau, zu dem Jesu seine Handinnenseite streckt.<br />
»Christ Kyrie. Komm zu uns auf die See!«, lese ich auf dem Mosaik.<br />
Das ist der falsche Glaube.<br />
Zwei weiße Kerzen vor dem Altar strecken demütig ihre weißen Dochte.<br />
Eine rothaarige Frau steht plötzlich, mit dem Rücken zur Gemeinde, vor dem Altar. Das ist die falsche Kirche. Andächtig steht die Predigerin vor dem Altarbild, die schnäbelnden Pfeifen der Orgel stimmen ein Lied an. Die Gemeinde singt mit, ich bleibe stumm. Ein Bienensummen in den Ohren. Auf grünem Grund ist ein goldenes Kreuz auf den Talar der Predigerin gestickt.<br />
»Es ist gut, dass Sie an einem solchen Tag gekommen sind!«, sagt die Predigerin, deren Lippen blass aufeinanderschlagen<br />
Nach und nach verändert sich etwas, geschieht etwas unerwartetes, unergründlich ambrosisches. Hinter dem Rücken der Predigerin verwandelt sich der an ein Kreuz geschmiedete Jesu. Seine kupferne Haut wird braun, die Augäpfel treten leicht hervor. Ich kann es nicht glauben. Aus der Bronzebrust Jesu quillt flüssiges Metall, das sich prallrund zu Brüsten erhärtet, rosamarmorierte Warzen, die sich in die Höhe recken. Unablässig starre ich darauf; aufgewühlt warte ich auf das Fallen des Lendentuchs.<br />
Die Predigerin wendet sich von ihrer Gemeinde ab und sieht furchtsam auf mich, in der zweiten Reihe. Ich keuche vor Aufregung. Erst bei den Fürbitten verstumme ich.<br />
Die Gemeinde singt »&#8230; dass ich dir mög vertrauen und nicht bauen auf all mein eigen Tun, sonst wird‘s mich ewig reuen &#8230;«<br />
Im Zwielicht haben sich scheu Jesu Brüste mit ihren erstarrten Warzen in die Bronzebrust zurückgezogen, zur göttlichen, flachen Brust. Ist er prüde? Die Brüste der Predigerin bleiben dagegen die ganze Zeit über im Verborgenen.<br />
»Herr erbarme dich!«, ruft die Gemeinde.<br />
In der Kirche ist es verboten, sich nach hinten zu wenden, sich umzudrehen, nach dem lachenden Gesicht meiner Schwester auf der anderen Seite, der Mädchenseite, zu sehen, bleute man mir ein. Erschöpft, wie im Gebet versunken, drehe ich mich zur hinteren Empore. Einige senken ihren Blick noch tiefer in ihr Gesangbuch, ein Mann sieht mir trotzdem in die Augen, den ich einmal flüchtig am Strand getroffen habe. Der Mann schüttelt böse den Kopf. Vier Bänke dahinter sitzt eine Frau, die ich kenne. Anna Levins Gesicht ist rot.<br />
Eine Minute später ruft die Predigerin »Gehet hin in Frieden!«<br />
Sie hat Hamsterbacken, Worte, die sie behalten möchte speichert sie einfach in ihren Wangen. In der Höhle der Kirche hat sie ihren Bau gelegt. Kinder ersticken schon, wenn sie einen Tunnel graben wollen.<br />
Die Predigerin durchschreitet die lichten Stuhlreihen und durchmisst die Zahl der Gläubigen. Am Ausgang wartet sie auf jeden, gibt, vor Wehmut jünger geworden, einem jeden die Hand; scheu nehme ich diese und gebe sie ihr schnell wieder zurück.<br />
Vor den Treppenstufen der Tituskirche weint verhalten Anna Levin. Ich streife sie beim Vorübergehen an der Schulter. Einen Augenblick lang verliert Anna Levin das Gleichgewicht. Ich fasse sie kurz am Arm.<br />
»Mein Vater ist tot,«, sagt sie, und Tränen laufen ihr über die roten Wangen, »mein Bruder rief an; der Vater ist tot, und ich habe ihm nicht einmal Adieu gesagt.«<br />
»Mein Beileid.«, sage ich, und weiß eigentlich nicht mehr, was ich jetzt noch sagen soll.<br />
»Ich musste in die Kirche gehen. Es war kein Mensch im Haus. Aber zu seiner Beerdigung werde ich gehen. Morgen fahre ich auf‘s Festland, aber in zwei Tagen komme ich wieder. Dann werden wir uns ja am Hafen sehen &#8212; nicht wahr. Mein armer Vater &#8212; und ich habe ihm nicht einmal Adieu sagen können.«<br />
»Ja, das ist schön.«, sage ich, noch in Gedanken an Jesu Brüste. Anna Levin schlägt den Weg zur Pension ein. Mit schweren, kurzen Schritten folge ich ihr, sehe auf ihre schmalen Fesseln.<br />
Abrupt bleibe ich stehen, schlage fest entschlossen den Weg zum Strand ein. Das Dreivierteldunkel des Inselabends und das Meeresleuchten begleiten meinen Weg. Weiter gehen will ich, immer weiter, dann über das Meer schauen und von IHR träumen. Die Strandkörbe sind verschwunden, eine Kraterlandschaft aus Sand und Muscheln hat sich dafür breit gemacht. Mondlicht. Das Meer schaukelt und wiegt meine Blicke müde.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>X.</strong><br />
Es ist soweit. Ein Brief! SIE hat geschrieben, zwei unendlich lange Sätze. SIE wird kommen. SIE wird ankommen. Ich werde SIE vom Schiff abholen. SIE also ist auf dem Weg.<br />
Ich lag wach, die ganze Nacht; schwere Glieder, brennende Augen und trockener Mund.<br />
Ich stehe auf; trinke aus dem Wasserhahn; ziehe die Jalousie nach oben, verschließe das gekippte Fenster, weiß nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt; kann mich dennoch nicht entschließen, in Hose und Hemd zu schlüpfen. Warm über meinem Körper wogt wieder die erstarrte Federnwelle der Bettdecke.<br />
Heute also. Wenig Zeit bleibt noch.<br />
Stumpf kriechen die Minuten über die Stirn. Drei, vier, acht, zwanzig Minuten, ritzen sich unablässig in die Stirnfalten. Ich bewege mich kaum. Die Welle über mir, aus Federn, wärmt. Warum nicht einfach liegen bleiben, SIE wird mich schon finden, und ich werde wenigstens frisch rasiert sein.<br />
Das Holz der Tür macht keine Geräusche. Nicht einmal Wind zieht pfeifend durch das Haus. Tastend ruhen die ersten Sonnenstrahlen auf dem Kleiderschrank. Die Intarsien: in rotes Holz eingelegte Buschwindröschen. Und heimlich, Minute um Minute, Millimeter für Millimeter wandern die Sonnenpunkte weiter. Schließlich kreisen erste Lichtflecken auf der Tür. Es gleicht einem auffordernd nervösen Klopfen.<br />
Keine Zeit bleibt mehr.<br />
Ich schalte das Neonlicht über dem Spiegel an und sofort wieder aus. Zum Rasieren bleibt keine Zeit mehr. Die Haare kämmen, den Schlaf aus den Augen kratzen.<br />
Tausende Lichtflecken tanzen auf den Wänden; spielende Sonnenkatzen.<br />
Alles dauert zu lange. Den Gürtel in die Schlaufe der Hose einzulegen, festzuzurren, und bis der Dorn die Schließe zu fassen bekommt. Unbegreiflicherweise springt der Dorn aus der Schließe, und noch einmal zurre ich den Gürtel fest und verankere den Dorn in der Schließe. Alles gibt heute nach. Auch die Schuhe zu binden, dauert eine Ewigkeit. Die Knoten lösen sich nacheinander, und noch einmal binde ich mir die Schuhe, einen Doppelknoten zur Sicherheit. Alles muss noch einmal getan werden &#8212; heute. Und heute noch einmal zum Hafen; heute SIE endlich in die Arme schließen, dann nie mehr zum Hafen müssen. Heute in IHRE Augen sehen &#8212; heute.</p>
<p>Die Inselbahn kann ich zu Fuß nicht mehr erreichen, alles hat bis jetzt zu lange gedauert. Ich spurte die Treppen nach unten, renne sieben Häuser weiter und klingle Sturm im alten Fischerhaus.<br />
»Hallo Leuchtreklamemann, vielleicht eine Tasse Tee?«<br />
»Schnell zur Bahn, Dietrich, bitte schnell zur Bahn!«<br />
»Den Einspänner können wir nehmen. Mit dem schweren Pferdefuhrwerk kommen wir ansonsten zu spät, nehmen wir den Einspänner, dann schaffen wir es!«, beruhigt mich Dietrich.</p>
<p>Die Stute gibt ihr Bestes. Schweiß glänzt auf ihrem holzbraunem Rücken, ihre Schultern bewegen sich im Takt eines schnellen Kolbenmotors. Krachend schlagen die Lederriemen der Peitsche über dem Pferderücken aufeinander. Schwarze Scheuklappen stehen im leichten Winkel von den Augen der Stute ab.<br />
»Hüah!«, ruft Dietrich, schnalzt mit der Zunge, sorgt mit den Zügeln, gleich einem durchgetretenen Gaspedal, für konstante Fahrt.<br />
Stehend überwacht Dietrich den Trab der Stute. Dietrichs angespannte Muskeln und Sehnen, die sich durch die entblößten Waden und Schenkel bewegen. Obwohl ich weder Sehnen durchtrennt noch zusammengefügt habe, widert mich diese unbändige Kraft unter der Haut von Dietrich an. Wie hatte man diese Kraft dort eingesperrt bekommen? Ist es nicht eine mit rostrotem Blut gespeiste Kraft? Sind Muskeln und Sehnen nicht eigentlich schlängelnde Würmer! Niemals zuvor war mir diese von Bindegewebe zusammengehaltene Kraft so zuwider gewesen.<br />
Wie Meerschaum, bei leichter Brise am Strand, bauscht sich Schaum um das Maul des Pferdes: dessen Nüstern durchlöcherte Muscheln, der Körper der Strand.<br />
Mit  geschlossenem Mund sitze ich auf dem Kutschbock, neben Dietrich. Wind und das Kreischen der Möwen ertrinken in meinen Ohren; Sonnenkatzen spielen auf meiner Haut Fangen.<br />
»Leuchtreklamelippen!«<br />
»Augen von Absinth!«, die Peitsche knallt, ich zucke zusammen.<br />
»Haare wie Marilyn Monroe!«<br />
Dietrich grinst. Gestern spielten wir Skat. Danach sah er mir  geduldig zu bei meinem Bube-Dame-Spiel, in dem sich nie gleichgesinnte Paare finden wollen.<br />
»Wie steht es mit den Buben und Damen?«, fragt Dietrich.<br />
Dietrich setzt sich, hält die Zügel locker in den Händen.<br />
»Sag mal ehrlich, machst Du das eigentlich mit Absicht? Das mit den Karten, mit den Buben und Damen, dass die nie passen? Na jetzt sag mal!«, und er sieht mich forschend an.<br />
»Gib mir die Peitsche, Dietrich!«<br />
Die Peitsche schmatzt. Ich versuche es noch einmal, sie schnalzt wie in einem trockenen Kindermund.<br />
»So!«, sagt Dietrich, übernimmt die Peitsche &#8212; sie knallt; das Pferd stellt die Ohren auf, bewegt sich aber nicht schneller. Schaum tropft vom Maul herab.<br />
Schweigend verharre ich auf dem Kutschbock, kaue auf meinen Lippen.<br />
»Weich waren ihre Lippen und warm.«, darüber knallt die Peitsche. »Hüaa!«, schreie ich, schreie es wie aus Schmerz, das Pferd kümmert sich nicht darum.<br />
»Und heute wieder am Hafen auf das Glück warten, wie?«, spaßt Dietrich, und grüßt freundlich die Menschen auf der Straße.<br />
»Naja, manche warten auf den lieben Gott, andere auf ihre Rente und du eben &#8230;«<br />
»Dietrich, SIE hat geschrieben. Einen Brief!«, unterbreche ich Dietrich rasch. »Ich gebe dir den Brief, lies ihn Dietrich. Lies ihn ruhig, lies ihn Buchstabe für Buchstabe. Bald ist SIE da, in wenigen Augenblicken wird SIE am Hafen sein; dann mit mir die Spuren des Mondes auf dem Wasser sehen; überall wird SIE mit mir zusammen sein, Dietrich, SIE wird da sein!«, flüstere ich, ziehe den Brief aus der Innentasche meiner glatten, schwarzen Lederjacke, die in ihren trockenen Falten langsam an Farbe verliert.<br />
Dietrich liest den Brief, lacht, sagt: »Na, dann klappt das ja doch noch mit euch beiden!«, und knallt die Peitsche: das Pferd trottet. Dietrich lacht amüsiert. Er freut sich mit mir. Soll er sich doch freuen. SIE wird gleich da sein.<br />
Mit wirbelnden Schlägen bearbeite ich das Holz des Kutschbokkes, meine Knöchel werden rosa. Ein vergessener Apfel kullert auf dem Kutschbock hin und her, bis er über den Holzrand schwappt, fällt, und zwischen den Rädern zermatscht wird. Ruhelos klopfe ich auf das Holz.<br />
Ängstlich sieht Dietrich zu mir. »Der Klabautermann klopft auch. Warte nur, gleich bricht ein Rad, oder die Stute stolpert. Also hör auf zu klopfen.«<br />
Nichts bricht, nichts versinkt. Die Sonne drückt sich noch ein wenig stärker durch die grauen Wolken, sonst nichts. Dreimal hintereinander knallt die Peitsche. Dietrich strafft die Zügel.</p>
<p>Die hinteren Abteile sind alle leer. Wenige fahren zum Hafen, Ankommende begrüßen. Ich strecke meinen Kopf aus dem Fenster, sauge den Schwefelgeruch ein, suche weit draußen auf dem Meer nach IHR, nach IHREM Schiff. Etwas wie ein rauchendes, weißes Stück Holz schwimmt am Horizont. Eine viertel Stunde noch. Nichts wird SIE mehr von mir trennen.<br />
In einem der vorderen Abteile sitzt Til mit zwei älteren Sommergästen schweigend beisammen, die ich nicht kenne.<br />
»Wir spielen Skat!«, sagt Til, und spielt seine Karodame aus.<br />
»SIE kommt, Til!«<br />
»Die haben keine Chance! Ich spiele Nullovert-Hand!«<br />
Eine Feuerlilie in der Hand und Gänseblümchen im Haar: die Karodame, die mich anlächelt, ihr Brustschmuck strahlt grün.<br />
Nie mehr nach Paaren suchen, nicht mehr in der Pension schlafen, nie mehr vergebens warten. Und ich verlasse das Abteil, gehe in das nächstleere, öffne das Fenster. Fische aus der Jacke das Kartenspiel. Werfe bis auf die Buben und Damen die Karten aus dem Fenster, sehe mir ein letztes Mal noch die glatten Gesichter der Buben und Damen an und entlasse schließlich auch sie in die Freiheit.<br />
Gespannt sehe ich aus dem Abteilfenster, beobachte das ankommende Passagierschiff ›Rosa‹. Weit beuge ich mich aus dem Abteilfenster, lege meinen Kopf ein wenig in den Nacken und sauge mit den Augen einige Sonnenstrahlen auf. Mit dem ersten Regentropfen, der auf meine Stirn fällt, hält die Inselbahn quietschend.<br />
Sicherlich wird Dietrich eine Decke über die naßgeschwitzte Stute gelegt haben. Aus ihren Nüstern wird gleichmäßig warmer Atem kommen. Dietrich wird auch auf SIE warten. Ich werde mit IHR zusammen fahren. Dietrich wird SIE sehen, die Insulaner werden SIE sehen. Ich werde SIE endlich wieder spüren. Vom Himmel springen Regentropfen.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>XI.</strong><br />
SIE trägt weiß. Obwohl IHR blau besser steht. SIE lehnt mit dem Rücken an der Reling, den rechten Arm an das Rundeisen gestützt. Obwohl ich IHR Gesicht nicht sehe, erkenne ich SIE sofort. Ein sandfarbenes Seidentuch schlingt sich um IHREN Hals, ein knallgelber Hut auf IHREN schönen Haaren.<br />
Rechts und links neben IHR zwei Frauen, die ich nicht kenne. Ich winke IHR zu und die beiden anderen Frauen lächeln. Immer noch unbeweglich, ganz in Weiß, lehnt SIE mit dem Rücken an der Reling.<br />
IHRE Schulterblätter. Und IHRE Haare, IHRE Augen und IHRE Lippen. An eine Lilie habe ich in der Eile nicht mehr gedacht. Mein Herz springt fast entzwei.<br />
Eine Frau ganz in Grün, das Grün von Absinth, und eine Frau in leuchtendem Rot, das Rot von Leuchtreklame. Fröhlich winken sie mir zu. Und dazwischen steht SIE, unbewegt, mit dem Rücken an der Reling gelehnt.<br />
SIE ist es; SIE ist die vereinzelte weiße Wolke, die sich über das fast vollkommene Grau des Himmels zieht; SIE ist das Weiß der Augen; das Weiß des Blütensaftes; SIE ist das Weiß der geteerten Tage und wird es für immer und alle Ewigkeit bleiben, gleich was geschehen mag.<br />
Die Frau in Rot küßt SIE auf die Wange, die Frau in Grün auf die Stirn. Und dann erst rückt SIE mit ihrem langen Rücken von der Reling ab, wendet sich um und verzieht keine Miene, als SIE mich sieht.<br />
Ich habe gehofft, in IHREN Armen Ruhe zu finden; gehofft, IHR Mund wärme mich bis zum jüngsten Tag; gewünscht, in IHREN Augen zu versinken in endlosem Glück.<br />
SIE ruft mir etwas zu, was ich nicht verstehe. Und ich sehe erstaunt, wie sich IHRE schönen Lippen weit öffnen und etwas schrill Kreiselndes in meine Ohren platscht.<br />
Ich renne über die Landungsbrücke auf die ›Rosa‹. Die Frau im grünen Kleid kichert, die Frau im roten Kleid kichert.<br />
»Augen von Absinth!«, rufe ich über die Gangway.<br />
»Haare wie Marilyn Monroe!«, schreie ich auf dem Sonnendeck und suche dort vergebens nach IHR.<br />
Erst auf dem Promenadendeck sehe ich SIE in der Ferne an der Reling stehen. Weit öffne ich meine Arme, renne pfeilgeschwind auf SIE zu, flüstere stockend »Lippen wie Leuchtreklame!«<br />
Ich umschlinge SIE. Ich schließe die Augen. Ich fahre mit den Fingern der rechten Hand in meine Jackentasche. Öffne die Augen, nicke, halte ein Messer schwingend in der rechten Hand, ritze mit der goldenen Schneide IHR weißes Kleid an. Sorgfältig schneide ich IHR Kleid von oben nach unten auf. Ich sehe SIE lächelnd an. SIE weint. Behutsam setze ich das Messer neu an, schließe die Augen und ramme das Messer tief in IHREN Bauch; ziehe das Messer sanft heraus und lege meine Hände schützend auf IHRE quellende Wunde.<br />
IHR weißes Kleid rötet sich sehr schnell. SIE fällt. SIE schweigt.<br />
Die Wolkenwand reißt auf, die Arme ausbreitend wirft die Sonne Larven aus Licht in IHRE aufgerissenen Augen, und weiße Schmetterlinge schlüpfen, kriechen aus IHREN Augen, schütteln die weißen Flügel trocken, fliegen auf und kommen dem Meer gefährlich nahe. Ich weine, als die Schmetterlinge im Meer ertrinken.<br />
»DEIN schönes Blut«, versuche ich IHR zu erklären, »färbt das ganze Meer.«<br />
Ich lehne mich an die Reling und sehe erschöpft zu IHR. Ein Schlaflied will ich noch für SIE singen, doch schnell ruft man »Mörder«, und das rote und das grüne Kleid stürzen zusammen in Windeseile von Bord. IHR weißes Kleid wird rostrot. IHRE Haare sammeln sich auf IHREM Gesicht.<br />
Ein Mann, den ich nicht kenne, schlägt mich nieder. Sie wollen mich nicht mit IHR alleine lassen. Warum nicht?<br />
Schweigende Menschen, die mich umringen, öffnen ihren Kreis, auffliegende Spatzen im Regen.</p>
<p>Zusammen mit IHR hat man mich in die Kapitänskajüte getragen. Der Kapitän sieht böse auf mich, wie ein hungriger Rabe. Stumm höre ich dessen Krächzen und das Hacken des klobigen Schnabels.<br />
Fest schläft SIE auf dem Tisch des Kapitäns, auf IHREM rostrot gefärbten Kleid schwimmen rotglitzernde Fische, die ich jetzt gerne geangelt hätte. IHRE Augenlider hat man zugedrückt, obwohl ich protestiert habe. IHRE Augen sahen so schön aus. IHR Mund brennt rot. IHR Gesicht mondgelb, IHRE Haut seidenmatt, und IHRE Haare sind sehr schnell braun geworden.<br />
»Anna!«, schreit Til und steht bebend vor mir.<br />
Warum sucht Til Anna. SIE ist hier, nicht Anna. Meine Wirtin ist doch in der Pension, immer ist sie in der Pension.<br />
»Anna!«, flüsterte Til und schluckt trocken.<br />
Lächelnd sehe ich erst zu ihm, dann zu IHR. Rote Lippen wie Leuchtreklame, Augen von Absinth, Haare wie Marilyn Monroe &#8212; das hat einzig SIE.<br />
»Kennt jemand diesen Mann?«, fragt der Kapitän, und schüttelt mich, als ob er einen Fisch trocken schütteln will.<br />
Til und zwei Sommergäste nicken. Sicherlich, wir haben doch Skat gespielt. Und dann habe ich immer die Damen und Buben nach Paaren &#8230;<br />
»Anna!«, wisperte Til. »Warum hast du Anna umgebracht?«<br />
Was hat Til? Ich habe niemanden umgebracht. SIE ist jetzt bei mir &#8212; für immer. Und Anna Levin wird, wie immer um diese Zeit, in der Pension Betten aufschütteln. Aber ich habe SIE gefunden. WIR werden UNS versöhnen, und für immer und ewig zusammen sein.<br />
Til hebt die Hand zum Schlag. Was hat er nur gegen mich? Ich habe ihm nichts getan.<br />
Schweigend starren mich alle an. Til spuckt auf den Boden aus. Entschlossen geht der Kapitän auf mich zu und bindet mir, mit sicherem Griff, die Hände mit einer festen Schnur auf den Rücken, wickelt die Schnur um meine Beine.<br />
Aber ich werde nicht weglaufen. Ich habe SIE gefunden. SIE hat mich gefunden. WIR haben UNS gefunden. Es ist alles gut.<br />
Und später werden WIR am Strand spazieren gehen, vielleicht auf Pinocchio warten, dann die Schuhe ausziehen und vergraben, und UNS zum Schlafen auf den heißen Sand legen und das rostrote Meer begrüßen. Und alle werden weiter glauben, dass das Meer blau ist.</p>
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		<title>Rojen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 1993 11:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gisselbrecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[-- ERZÄHLUNG]]></category>
		<category><![CDATA[Berg]]></category>
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		<description><![CDATA[1. Die Rettungshubschrauber suchten noch immer. Rojen starrte auf die Lichtlanzen, die in die gewaltigen Berge hineinstocherten, in den Gletschern wühlten; den Versuch wagten, die Nacht einige Momente zur Seite zu schieben, immer und immer wieder; eine neue Position einnahmen; stocherten und wühlten; suchten. Langsam drehte sich Rojen, wie zum Spiel, im Kreis. Breitete seine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>1.</strong><br />
Die Rettungshubschrauber suchten noch immer. Rojen starrte auf die Lichtlanzen, die in die gewaltigen Berge hineinstocherten, in den Gletschern wühlten; den Versuch wagten, die Nacht einige Momente zur Seite zu schieben, immer und immer wieder; eine neue Position einnahmen; stocherten und wühlten; suchten.<br />
Langsam drehte sich Rojen, wie zum Spiel, im Kreis. Breitete seine Arme aus. Dröhnte wie die, in der Ferne fliegenden Maschinen. Er­niedrigte den Abstand der Schritte. Wirbelte auf den Zehenspitzen zwei bis drei Mal schneller als bisher. Hörte das Zirpen einer Frauen­stimme. Sah das verwischte Gesicht von Ina. Sah die weißdurchfleck­ten schwarzen Berge, den zerfließenden Frauenkörper. Stellte sich nach fünf Atemzügen wieder auf die Fußballen, wobei er die Ge­schwindigkeit drosselte; klappte die Arme eng an seinen Körper. Stand nach vier Umkreisungen still.<br />
Schwaches Mondlicht. Ergraute Gartenmöbel. Das gelblichweiße Gä­stehaus. Dahinter das trübe Meer schwerer, dunkler Granitberge, die sich in Rojens Augen wölbten als eine sich überschlagende Welle schwarzen Fels. Vereinzelte Spritzer schlugen an seine Schläfe. Durch seine geschlossenen Augen brachen Gebirgsketten ein. Der er­ste Aufschrei löste sich. Die Berge fingen seinen unverständlichen Schrei auf, verdoppelten, verdreifachten, verfielfachten ihn, schallten ihn dutzendfach zurück. Leises Weinen mischte sich mit ein. Gab dem Echo eine neue Melodie.<br />
Rojen klammerte sich an einen der zugeklappten Sonnenschirme. Wimmerte vor Angst. Vor Angst, die Brandung der spitzen Felsen würde alles niederreißen, niederwälzen, zunichte machen, zerquet­schen wie eine Fliege, die durch das zufällige Kratzen einer Hand weggewischt wird.<br />
Behutsam strich Ina mit ihren Fingerkuppen über sein nasses Ge­sicht, über die zitternden Wangen, durch das struppige Haar. Legte ihm den Daumen auf den Mund. Sein Weinen verstummte, der Kör­per zuckte noch einmal kurz zusammen, die verkrampfte Hand löste sich von dem Sonnenschirm. Ina zog Rojen, unter dem stärker wer­denden Regen, an sich. Rojen glitt in ihre Arme.<br />
Die Wirtin kam ihnen mit platt gedrückten Haaren entgegen.<br />
»Frau Selcher, ist Herrn Trebis etwas passiert, oder ist ihm vielleicht nicht gut?«, raffte ihr Nachthemd am Bein zusammen.<br />
»Soll ich ihm einen Magenbitter bringen?«<br />
Ina verneinte. Rojen stotterte etwas von Messer in ihm, die verblu­ten, das niemand verstand. Die Wirtin ordnete verschämt ihre Haare.<br />
Alle zusammen gingen in das Haus zurück, in ihre Zimmer &#8212; schlafen. Die Spitzen der Berge lagen wieder im dunklen Schlummer. Kein Ge­räusch erbebte mehr.</p>
<p>»Das waren noch kleine Jungens, keine 17 Jahre alt, beide tot. Erst heute, in der Früh wurden sie gefunden, im Radio haben sie&#8217;s ge­sagt!«, brachte die Wirtin, zusammen mit dem Frühstück, die Nach­richt.<br />
Rojen musterte das gealterte Gesicht der Wirtin, reichte Ina den Brotkorb, dann den Zucker, schnitt ein Mohnbrötchen auf, hielt ein, sah wieder auf das Gesicht der Wirtin.<br />
»Heute geht es mir auch wieder viel besser. Ich weiß nicht, was ge­stern mit mir los war. Entschuldigen Sie!«<br />
Kopfnicken und die abwinkende Hand der Wirtin.<br />
Rojen und Ina fühlten wenig Appetit. Rojen tupfte sich den Mund mit der Serviette.<br />
»Mach doch bitte die Serviette auseinander, du weißt doch, ich kann das nicht ertragen!«, sagte Ina, und trank den Kaffee in großen Schlücken aus.<br />
Rojen legte die Serviette noch einmal zusammen, tupfte sich noch­mals den Teerand vom Mund, stand vom Tisch auf und ging aus dem Frühstückszimmer. Ina kratzte mit dem Löffel auf dem Boden der Tasse, drehte ihn einigemal im Kreis, ließ ihn fallen und ging Rojen nach. Sie holte ihn ein, fuhr mit ihrer Hand in seine, die ihre Hand einige Sekunden lang abschütteln wollte, er es dann doch geschehen ließ.<br />
Eine dunkle Haarsträhne fiel ihr in das weiche Gesicht. Sie ließ die Hand nicht locker, erhöhte sogar den Druck und fuhr mit ihrem Daumen über seine breite Hand.<br />
»Wir dürfen nicht vergessen zu packen, der Zug fährt in zwei Stun­den!«, sagte sie fest, löste sich leicht aus der Umarmung seiner Fin­ger und ging mit schnellen Schritten in ihr Zimmer.</p>
<p>Frühe Morgensonne fiel auf die zugeschneiten Gartenmöbel vor dem Haus. Zugeklappt standen die Sonnenschirme als weiße Pfeile in der Mitte der Terrasse.<br />
Das Taxi fuhr vor, hupte einige Male, bis Rojen und Ina aus dem Haus kamen; ein letztes Händeschütteln mit der Wirtin tauschten, auf das Taxi zugingen, dem Haus und der Wirtin eine letzte Kopfbe­wegung zuwarfen und in das Taxi einstiegen.<br />
Der Bahnhof lag nur einige Minuten von der Pension entfernt. Ina zahlte. Rojen stieg aus, nahm beide Reisetaschen, ging zum Fahrkar­tenschalter, stellte die Reisetaschen davor ab, kaufte zwei Karten, drückte der Nachgekommenen die Karten in die Hände, verließ mit leeren Händen die Bahnhofshalle und verschwand, in der wenige Schritte entfernten Bahnhofsgaststätte.<br />
Der Geruch frisch gebohnerten Bodens reizte die Nase. Wenige Gäste. An der Theke saß noch die Putzfrau. Vor Rojens Füßen rutschte ein Junge aus, der durch die Stuhlreihen gerannt war. Er weinte. Rojen sah irritiert auf den Liegenden. Gegen die murmelnden Geräusche der Gaststätte stach das hohe Geräusch des blonden Jungen wie Nadel­stiche in seinen müden Kopf. Rojen setzte sich, stopfte die Zeigefin­ger in die Ohren &#8212; das Geräusch wurde dumpfer und klang nach und nach von selber aus. Die Putzfrau war zu dem weinenden Kind ge­gangen, führte es zum Tresen, bestellte eine Cola, die der wimmernde Junge, das Knie haltend, Schluck für Schluck austrank. Unter den kurzen, streichelnden Strichen der Hand seiner Mutter durch sein Haar, begann er sich zu beruhigen, näher an sie heranzurücken und sich schließlich ganz verloren in ihrem Schoß zu versenken.<br />
Eine nachlässig gekleidete Bedienung stellte sich vor Rojens Tisch auf. Ein Geschirrhandtuch hing wie ein Lätzchen aus dem Kragen ihrer Bluse. Rojen starrte auf das karierte Muster des Tuches, mu­sterte das spielerlose Feld, musste verlegen geworden, seine Finger aus den Ohren nehmen. Bestellte ein Weizen und einen Schnaps.<br />
Ina trat in die Gaststube ein. Das Kind sah zu Ina, schluchzte noch einmal laut auf. Ina lächelte ihm zu, setzte sich auf den gegenüber­liegenden Stuhl von Rojen.<br />
»Was soll das?«<br />
Ina warf ihm seine Fahrkarte zu, die flatternd auf dem Tisch landete.<br />
Schweigend griff Rojen nach dem Papier, steckte es ein, trank den Rest Weizen aus, der Schnaps folgte.<br />
Rojen stand auf, ging zum Tresen, nahm loses Kleingeld aus der Ho­sentasche, zählte ab, wies mit gedrängter Stimme auf das Geld. Die Kellnerin sah vom Zwiebel schneiden auf, drehte sich um, nahm das Geld und ordnete es in die Kasse ein. Lange sah ihm das Kind noch nach.</p>
<p>Rojen glotzte auf das plakativ lächelnde Liebespaar. Sie hielt einen Blumenstrauß in der Hand, schien glücklich zu sein, wie er, der sie anhimmelte. Unter dem Werbeplakat blühte Löwenzahn. Rojen riß ihn mitsamt der Wurzeln aus der Mauerritze. Wischte und pustete die Erde von den Wurzeln frei, drückte ihn Ina in die Hand, wieder­holte die Werbung.<br />
»Eigentlich wollten sie den IC um 11.13 Uhr, 12.13, 13.13, 14.13, Pünktchen, Pünktchen nehmen.«<br />
Rojen spannte seinen rechten Gesichtsmuskel zu dem schiefen Grin­sen an, das Ina überhaupt nicht mochte und wiederholte »Pünkt­chen, Pünktchen.«<br />
Ina hatte den Löwenzahn auf die Erde gelegt, wandte sich zu ihm.<br />
»Wie lange ist das her? Und Blumen hast du mir schon lange nicht mehr geschenkt!«<br />
Lange sahen sie sich stumm an.</p>
<p>Stumm saßen sie im Zug. Rojen hatte die Füße übereinandergeschla­gen, Ina sich entspannt zurückgelehnt. Beide sahen nach draußen, zu den vorbeihuschenden Bildern. Der Zug holperte mit steigender Geschwindigkeit über die Gleise; das auf Eisen scharrende Geräusch kratzte in Rojens Ohren. Berge, die Landschaft der Schweiz ver­schwanden mit der Konsequenz des sich fortbewegenden Zuges, wie Erinnerungsbilder. Ein nach Pizza und Rauch riechender junger Mann setzte sich neben Ina, versicherte sich ihrer Aufmerksamkeit durch das Zusammenziehen seiner dünnen Lippen, zu einem langge­zogenen Strich. Wie die Schneide zweier roter Messer sahen sie aus, dachte Rojen, die langgezogenen Messerstriche seiner Lippen, zwei aufeinanderlie­gende wetzende Messer war der Mund des jungen Mannes. Dessen schmalen Augenbrauen zogen sich in die Höhe, als er mit zäher Gleichförmigkeit auf Ina einzureden begann.<br />
Rojen schmiegte sich eng an die Gleisscheibe, stopfte sich die Zeige­finger in die Ohren, hörte dumpfe Wortfetzen, die ab und an nur von kurzen, ein wenig höher Klingenden abgelöst wurden. Die Worte klirrten. Das Glas fühlte sich kühl an &#8212; und sicher. Rojen atmete aus. Über das Glas legte sich ein ungleichmäßiger Kreis kondensierter Feuchtigkeit. Er wartete ab, bis der Kreis kleiner und kleiner wurde und schließlich verschwand. Atmete auf die Scheibe aus. Wartete ab, bis der Kreis kleiner und kleiner wurde und schließlich verschwand. Wiederholte es. Wartete ab. Sah schließlich, die Stirn noch am Glas angelehnt, auf den Mund des jungen Mannes, der an einem Brötchen kaute, herunter schluckte, das letzte Stück in den Mund schob und Rojen ein Zeichen machte, ob er etwas trinken wolle. Rojen schüt­telte den Kopf, nahm die Finger aus den Ohren. Der junge Mann ver­zog sein Gesicht zu einem faltigen Luftballon, das böse blitzte.<br />
Ina saß zurückgelehnt im Zugpolster, bot Rojen ihre Hand an. Rojen stand auf. Nahm Inas Hand um sie zum Aufstehen zu zwingen, führte sie aus dem Abteil, in den langgezogenen Gang, löste sich aus ihrer Hand, drückte ein Fenster herunter.<br />
»Vielleicht sollten wir uns erst einmal nicht mehr sehen &#8212; oder &#8230;«, sagte Rojen, wartete nicht auf Inas Antwort, ging wieder zurück zum Abteil.<br />
Der junge Mann hatte zu Ende gekaut, sah zu Ina, die sich bedächtig eine Zigarette drehte. Der junge Mann beugte sich zu ihr, gab ihr Feuer. Sie atmete tief ein, dann aus. Rojen fixierte sie einige Mo­mente, legte die Stirn wieder an die Glasscheibe, beobachtete im Spiegelbild den jungen Mann. Mit der Minenspitze des Kugelschrei­bers zog dieser Stück für Stück die Haut seines Mittelfingers in das Nagelbett zurück.<br />
Angestrengt preßte der junge Mann seinen Mund zusammen, sog immer wieder tief Luft aus den verstopften Nasenlöchern. Rojen spannte seinen Rücken durch, hob ein wenig das Gesäß, so daß er mit langem, ausgestrecktem Arm das Fenster schließen konnte. Der junge Mann war zum Ringfinger übergegangen, visierte mit der Ku­gelschreibermine die überlappende Fingernagelhaut an. Senkte lang­sam die Mine nieder, strich die Haut zurück.<br />
Die Füße übereinandergeschlagen sah Rojen zu Ina auf, die die Ziga­rette in der rechten Hand, die Reisetasche bereits in der Linken hielt, sich durch die Füße von Rojen und des jungen Mann schlängelte.<br />
Rojen sah die vorbeifliegende Landschaft, die immer endloser wurde. Seine Stirn fühlte die Kühle des Glases. Der langgezogene Messer­strich, die der Mund des jungen Mannes bildete, verharrte einige Se­kunden lang. Dann schien der junge Mann sich um nichts mehr an­deres zu kümmern als um die Nagelhaut des kleinen Fingers.</p>
<p>In der zugigen Bahnhofshalle schaukelte das Bahnhofsschild. Eine der fliegenden Bahnhofsmäuse flog auf, krallte sich auf dem warmen Waggondach fest.<br />
Er vermisste Ina schon jetzt. Warum auch hatte sie noch auf den Urlaub bestanden, wo sowieso alles entschieden war &#8212; von ihr.<br />
Der Koffer stand neben ihm, die Taube auf dem Waggondach rutschte ab, landete auf dem Bahnsteig, wenige Meter vor ihm. Er versuchte sie aufzuscheuchen: ein lahmer Flügelschlag. Er lief auf sie zu. Die graue Taube tippelte, rannte, hüpfte. Nach wenigen Metern wippte sie mit den Flügeln, flog auf, ging in die Höhe, verschwand hinter dem Zug aus Bern.<br />
Den Zeitglockenturm hatten sie gesehen, im Stadttheater waren sie gewesen, das Stück wußte er nicht mehr, sie hatten sich gestritten. Bern das waren bloß vier Tage in der Pension mit Blick auf die Berge Sterbender. Die Kuhle zwischen den Betten hatte sie nicht gestört. Zehn Tage waren gebucht. In den Berner Alpen fuhr sie Ski. An ne­bel­freien Tagen sah er durch das Fernglas auch die Spitze der Jung­frau. Er hatte dann auf Einzelzimer bestanden. Abgelehnt hatte er einen Skikurs für Anfänger &#8212; sie war nicht einmal enttäuscht gewe­sen.<br />
Wie ein schmaler, hoher roter Stein erschien ihm sein Koffer, der aber als Grundstein in der Bahnhofshalle keinen Sinn ergab. Rojen klappte den Griff auf, faßte ihn mit der rechten Hand, zog den Arm an. Bereits jetzt zogen sich die Muskeln säuerlich zusammen.<br />
Neben ihm roch es nach Pizza, der junge Mann aus dem Abteil hatte seine kalbsgroße Reisetasche, wie einen kurzen Rucksack, über den Rücken gezogen, verharrte einen Moment wie in Gedanken, und ließ seinen Mund wieder zu den aufeinanderschlagenden Messer werden. Nahm ein Taschentuch hervor, legte es über die breite und hohe Nase. Das Taschentuch wurde nicht zerschnitten von den scharfen Kanten, von der Schneide der Lippen. Der junge Mann schneuzte sich frei. Rojen sah an ihm vorbei, reckte kurz den Kopf, sah den schweren Frühlingshimmel. Seit Tagen war der Regen ausgeblieben.<br />
Einige Meter war der Koffer getragen, der lange Gehsteig vor dem Bahnhof schien aus weicher und den lastenden Schritten ermüden­der Watte zu bestehen. Die Muskeln um die Schultern, selbst am Hals hatten sich verkrampft.<br />
Über der Stadt lag eine große Schwüle. Die Luft war am Eindicken.</p>
<p>Der Taxifahrer hievte die Last in den Kofferraum.<br />
»Kann ich mitkommen?«, fragte ein kleiner Junge, der plötzlich er­schienen war.<br />
Die Hand noch am schmerzenden Hals sah Rojen um sich. Warum nicht, dachte er und massierte weiter seinen Hals.<br />
Der Fahrer schwieg. Die Fahrt ging gut voran. Der Verkehr floss durch die Stadt. Es war früher Abend geworden, alles dunkelte.<br />
Fast hätte er den zweiten Fahrgast, den kleinen Jungen vergessen.<br />
Gern hätte sich Rojen zur Ruhe gelegt. Dann aber sah er es blitzen. ein blaues Taschenmesser streckte der Junge über die Handbremse hinweg, leicht zur rechten Seite gewandt.<br />
»Sehr schön!«, lobte Rojen und schlief vor Erschöpfung tief ein.</p>
<p>Im Hausflur roch es nach Braten und Kartoffelbrei. In das Innere der Aufzugskabine waren Buchstaben geritzt. Etwas mußte bleiben und er ritzte mit dem Messer ein ›I‹ ein.<br />
Bei der Rundung des kleinen ›n‹ war er bereits im vierten Stock, zwei Schritte noch entfernt von seiner Haustür. Er drückte auf ›E‹ – der Aufzug fuhr wieder nach unten. Die Rundung des ›n‹ machte Schwierigkeiten, die mit dem Drücken auf ›4‹, auf der Hälfte des Weges beseitigt waren. Für das kleine ›a‹ drückte er noch einmal das ›E‹, danach die ›4‹.<br />
Es war getan, er ging die zwei Schritte zu seiner Wohnung, der Schlüssel kratzte im Schloß. Rojen zog ihn zurück. die Zacken ver­schwanden wieder im Etui. Rojen ging zum Aufzug, drückte den Pfeil nach unten. Sofort schoben sich die Türen zur Seite. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er strich über den eingeritzten Namen.<br />
Plötzlich bewegte sich die Kabine nach unten. Im Erdgeschoß stieg ihm Duft von ranziger Butter in die Nase, der Hausmeister grüßte.<br />
Rojen stieg aus, ging vor die Tür. Dort wartete der Junge auf ihn. Ganz vergessen hatte er ihn. Rojen gab ihm das Messer zurück, der Junge grinste und verschwand.<br />
Schnell ging Rojen wieder in das Haus zurück, drückte den Pfeil nach oben. Wartete, die Aufzugstüren schoben sich auseinander. Rojen stieg ein, drückte die ›4‹, stieg aus, ging die zwei Schritte zu seiner Haustür, steckte den gezackten Schlüssel in das Schloß, wobei er plötzlich  an die Paarungen von Katzen dachte. Durch eine Art Wi­derhaken am Penis konnten sich die Kater nur schwer von den rolli­gen Katzen lösen.<br />
»Deshalb miauen die Katzen so laut!›, hatte ihm die Großmutter beim Eis schlecken ins Ohr geflüstert.<br />
Das Glück der Liebe, dachte Rojen und ging langsam in seine Woh­nung.</p>
<p>Die Nacht verschloß sich hinter den Gardinen, unter den warmen Federn der Müdigkeit von Rojen. Bern, das Hotelzimmer wurde eingeflogen. Die eng beieinanderliegen­den Falten ihrer Haut bedrückten ihn. Ob sie 60 oder 70 Jahre alt war wußte er nicht. Im Schummer sah er ihre zusammengefallenen, verdorrten Brüste. Er nahm seine Hand aus der vertrockneten Hülle ihrer Hände. Suchte unter dem Kopfkissen verzweifelt lange. Rojen schnaubte. Es war keine Verteidigung möglich.<br />
Auf dem kleinen Hoteltisch aus Marmor stand der kleine Junge, jounglierte mit Messern. Rojen rief ihm zu, bat um Hilfe; der Junge grinste, warf die Messer in die Luft, die sich mit der Geschwindigkeit von Schmetterlingen dem Bett näherten.<br />
Die Nacht war noch nicht vorüber, hinter den Gardinen war der Mor­gen noch weit.<br />
Rojen fiel in das Kissen zurück, in tiefen wie endlosen Schlaf.</p>
<p class="Absatz">
<p><strong>2.</strong><br />
Die durchdringende Sopranstimme eines auf Porzellanteller kratzen­den Messers. Ein Käsebaguette, das kraftvoll durchschnitten wurde und das Messer von einer langen, schmiegsamen Zunge abgeleckt und eine neue Attacke begonnen.<br />
Rojen stopfte sich die Zeigefinger in die Ohren, beobachtete den ab­nehmenden Schaum in seinem Glas. Lästiges Frauenlachen drängte sich durch seine Fingerspitzen. Er sah auf; der Bedienung auf den, von zwei Hemdknöpfen entblößten Ansatz ihrer Brust, auf die vibrie­renden Lippen, in ihre weit geöffneten Augen.<br />
Als zappelnder Fisch blieb Rojen in den Widerhaken ihrer ausgewor­fenen Augenangel stecken, wartete auf den gezielten Lippenschlag, der ihn von dem tödlichen Instrument abnehmen, ihn wieder zurück, oder in einen Eimer Wasser werfen würde.<br />
Kalte Luft blies durch die geöffnete Tür. Ein kleiner Junge, der zu dieser Uhrzeit sicherlich schon ins Bett gehörte, setzte sich auf den freien Stuhl neben Rojen. Sie musterten sich lange. Die linke Hand streckte er Rojen entgegen. Unschlüssig, doch um den Jungen nicht zu verletzen, nahm Rojen einen Zeigefinger aus dem Ohr und legte seine offene Hand in die des Jungen. Glatt faßten sie ineinander.<br />
&#8220;Hast du dir schon einmal ein Stück Haut herausgetrennt?&#8221;<br />
Rojen starrte auf die gewaltige Nase des Jungen. Groß und krumm, wie der Hauptmast eines Schiffes bei Sturm.<br />
&#8220;Nein.&#8221;, mußte Rojen endlich und ehrlich antworten.<br />
Rojen verschränkte die Arme und sah der Bedienung nach. Der kleine Junge legte sanft die Hände, je rechts und links auf Rojens Schul­tern.<br />
&#8220;Kannst mir glauben, echt. Übung sag&#8217; ich dir, Übung is alles!&#8221;<br />
Der kleine Junge nahm seine linke Hand von Rojens Schulter. Kram­te in den engen Hosentaschen. Legte ein blaues Taschenmesser auf den, von Bierlachen durchtränkten Tisch.<br />
Sie fixierten sich herausfordernd.<br />
&#8220;Ich hab&#8217; es herausgefunden. Du kannst es mir glauben. Alles heilt wieder! Glaub&#8217;s mir doch!&#8221;, schrie er.<br />
Der kleine Junge zog seinen dicken Pullover hoch über die glatte Brust. Vom Bauchnabel aufwärts, bis zu den winzigen Brustwarzen waren quadratische, wie Kopfsteinpflaster angeordnete Narben. Zur Bestätigung zeigte er mit der Spitze des Messers auf die rosa Haut, die glatt und dem Widerstand des Messers ausweichend, leicht nach­gab.<br />
&#8220;Diese Stelle ist heute dran. Weißte mit System mußte dran gehen, mit System!&#8221;<br />
Rojen konnte das alles nicht länger ertragen. Bezahlte, stierte der Bedienung auf ihre engen Hosen; kratzte sich verlegen am Bauch.</p>
<p>Auf der Straße versuchte Rojen zu widersprechen.<br />
&#8220;Mit System erreichst du nichts, und warum überhaupt diese ganze Stecherei?&#8221;<br />
Der Junge sah ihn nicht mehr an.<br />
Ob er ihn damit wenigstens verärgert hatte, er sich von ihm langsam zurückzog? Sollte er doch einem anderen seine Kunststücke vorfüh­ren.<br />
Nach einiger Zeit hörte er die schmale Stimme wieder neben sich.<br />
&#8220;Gib mir fünf Minuten, nur fünf Minuten!&#8221;<br />
Rojen wollte ihm überhaupt nichts geben, lief weiter zur U-Bahnsta­tion. Eisige Luft kratzte auf seinem Gesicht.<br />
Einzelne Männer gingen die Straßen entlang. Unter einem Neon­schild hielt eine Frau einem Mann ihren Mund zum Kuß.<br />
Rojen horchte auf die Melodie trippelnder Schritte; starrte auf die, sich aufplusternden Mäntel; die Hände, die in den wärmenden Ta­schen steckten.<br />
Ein Aufschrei! Der kleine Junge mit der krummen Nase hatte einer Passantin, die langsam hinter ihnen gegangen war -ihn wohl belä­stigt hatte- die Messerspitze mehrmals in den Handrücken gestoßen. Nicht tief, aber fest. Jetzt versuchte sie nicht mehr seinen Kopf zu erhaschen, um ihm, wie bei einem Kleinkind, über die struppigen Haare zu streicheln.<br />
Rojen mußte anhalten, so konnte es nicht weitergehen. Nahm ein Taschentuch aus der hinteren Hosentasche, gab es der verletzten Passantin.<br />
&#8220;Sie sehen doch in welcher Verfassung sich dieser Junge befindet. Das hätten Sie doch wissen müssen!&#8221;<br />
Kopfschüttelnd wandte sich Rojen zu ihm.<br />
Mit offenem Mund sah der kleine Junge auf das Messer, das auf den bloßen, nackten Bauch gerichtet war. Die Spitze traf schon auf die Haut. Der Pullover hing hochgewickelt über der Brust bis zur krum­men Nasenspitze; wollte es ihm vorführen.<br />
Rojen schrie &#8220;Hau ab! Geh&#8217; doch zu deiner Mutter und zeig es ihr  -aber mit System!&#8221;<br />
Der kleine Junge fing an zu weinen. Die Passantin war einige Meter vor ihnen stehen geblieben. Kam zurück, sah Rojen böse an. Hatte jetzt bereits Partei für den Kleinen ergriffen und sagte im ruhigen Ton &#8220;Nun gehen Sie und lassen meinen Jungen in Ruhe. Sie haben ihn schon genug durcheinander gebracht!&#8221;</p>
<p>Keuchend erreichte Rojen den U-Bahn Schacht. Hörte das Läuten der Anzeigetafel, stürzte fast die Treppen hinunter, konnte sich ge­rade noch durch die sich schließenden Türen der U-Bahn drücken.<br />
Die U-Bahn war zu warm um wach zu bleiben.<br />
Eine Hand rüttelte an seiner Schulter. Erschrocken sah er auf das Gesicht: keine krumme Nase: kein kleiner Junge!<br />
Das Licht hatte die Stärke einer öffentlichen WC-Birne und ließ jene Nase um ein Vielfaches größer erscheinen. Lächelnd begutachtete Rojen dessen Nase, berührte sie.<br />
&#8220;Sie sind ja betrunken!&#8221;, rief der U-Bahn-Angestellte.<br />
Dessen Nase war wirklich um einige Zentimeter kleiner und wesent­lich gerader als Rojen vermutet hatte.<br />
&#8220;Keineswegs! Sie erinnerten mich nur unangenehm an einen Jun­gen!&#8221;<br />
&#8220;Lassen Sie mich mit ihren Familienangelegenheiten in Ruhe!&#8221;, sagte der U-Bahn-Angestellte barsch und zerrte Rojen aus der Bahn, die Treppen des Bahnschachtes hinauf.<br />
Weit und breit kein Mensch! An der Straßenecke leuchtete der Kiosk. Rojen pochte an die Scheibe, drückte auf den Klingelknopf am Fen­sterbrett. Erst nach einigen Minuten wurde die Scheibe zurückge­schoben -sie quitschte. Der alte Mann blickte zu Rojen auf, nahm seinen Wunsch entgegen, stellte gleich darauf zwei Flaschen Bier und ein kleines Fläschchen Schnaps auf den Sims. Rojen bezahlte, wandte sich um, ohne die Augen des alten Mannes gesehen zu ha­ben.<br />
Kühl und sicher lagen die Flaschen in seiner Manteltasche. In den kopfhohen Fenstern brannte kein Licht mehr. Den ganzen Weg ent­lang kein Mensch.</p>
<p>Der Hausgang roch nach der parfümierten Billigseife des Hausmei­sters. Rojen nahm eine der kalten Bierflaschen aus der Manteltasche und strich sich damit die Stirn entlang.<br />
Im Aufzug roch es nach Pudelpisse. Rojen suchte nach dem eingeritz­ten Wort und fand es nicht. Er ging die zwei Schritte zur seiner Wohnungstür, sperrte auf.<br />
Wie kalt es im Zimmer war, und es war Frühling. Entkronte die erste Bierflasche, stellte sie neben das Bett, kleidete sich aus, schlüpfte in das Bett. Trank abwechselnd Bier und Schnaps. Er hätte noch mehr mitnehmen müssen, er war immer noch nicht müde, trank aus der zweiten Bierflasche. Sah abwechselnd auf die weiße Wand, die karier­te Bettdecke, die Plüschkatze. Er stellte die Augen auf unscharf, fast schielte er. Versuchte zu schlafen.<br />
Rojen hatte noch nicht einmal den Anschein eines Traums gespürt, da stach der kleine Junge zu, der in der Mulde, in der Mitte des Bet­tes gelegen hatte: stach ihm in die Wange.<br />
&#8220;Komm mit!&#8221;, schrie er heiser.<br />
Gewarnt von dessen zuckender Augenbraue widersprach Rojen nicht.<br />
Noch aber hielt sich Rojen verkrampft am Leintuch fest. Ein senk­rechter, harter Stoß der Jungenhand, in der das Messer glänzte, trennte das weiße Laken von Rojen. Ließ sich kraftlos von der gewal­tigen Hand führen.<br />
Der Junge zog ihn hinter sich her. Die schwarzen Farben rings um ihn störten ihn nicht.<br />
Zielstrebig öffnete der kleine Junge Tür um Tür, riß an Rojens Hand, die sich krampfhaft lösen wollte, Unter dem ruckartigen Halt einer Notbremsung fiel Rojen schließlich auf den kleinen Jungen. Seine Augenbrauen zuckten. Sofort standen sie wieder auf. Vor ihnen lag der Raum in grauem Schummer. Der kleine Junge deutete mit der Messerspitze auf eine plötzlich entfachte Lampe. Gemeinsam gingen sie an den Rand des weiten Zimmers.<br />
Das eigentümliche Licht wurde von der Decke und den Wänden auf­gefangen, reflektiert, auf den Boden geworfen. Aufgefangen, reflektiert von schmalglänzend weißlichblauem Metall. Griffe waren an den Ei­sen befestigt. Schwarze, rote, gelbe, blaue, grüne; aus Holz oder auch Plastik, die das Metall, das zugeschliffen-verletzend Könnende festhielten. Verlegen sah der Junge auf sein Messer. Der einst dun­kelblaue Griff war zu einem blassen, verkratzten und verbrauchten Etwas verkommen.<br />
&#8220;Es ist Zeit, das du ein Eigenes bekommst!&#8221;, flüsterte er zu Rojen mit sanftklarer Stimme.<br />
Die Augenbrauen des kleinen Jungen spannten sich feierlich nach oben an. Stumm zeigte er mit der Messerspitze auf die Lampe, vor der sich, im Bett aufgerichtet, zwei Menschen stritten.<br />
Die übergroßen Hände der Streitenden schienen nach ihnen greifen zu wollen. Beide sahen sich nicht an. Zwischen ihren Schultern lag schwertbreite Luft. In der Mitte des Bettes saß er, der Mann; auf die rechte Seite gedrängt blickte sie, an ihm vorbei. Ob er sie ansah? Die Hände seines alten Körpers lagen angeschwollen auf braunem Stoff. Die Frau, deren Hände angespannt auf ihrem fliederfarbenem Nachthemd klebten, beschwor ihn, an ihre letzte Operation zu den­ken. Es ginge eben nicht, schon gar nicht in seiner jetzigen, lächerli­chen Verfassung. Abscheulich fände sie das, und leckte ihre trok­kenen Lippen naß.<br />
Der Mann wurde lauter. Der Junge zeigte auf die gefährlich vibrie­renden Messer. Rojen verstand. Könnte es nicht geschehen, daß diese abertausenden Messer aus ihren Verankerungen, der Decke, den Wänden herausgerissen und auf sie fallen könnten? Rojen erschrak. All das hatte er nicht bedacht!<br />
Weinen, das sich wie das Gewinsle eines jungen Hundes anhörte, riß mehrere Messer aus der Verankerung. Rojen hechtete zur Seite.<br />
Der Junge grinste unter dem Türrahmen.<br />
&#8220;Ich hab&#8217; es gewußt. So war es auch bei mir!&#8221;<br />
Der Mann hielt seine angeschwollenen Hände wie ein großes Hand­tuch vor sein Gesicht. Nichts könnte schrecklicher sein, als daß sein lautes Schluchzen noch mehr Messer aus der Verankerung reißen würde. Es war richtig was er tat. Die Hände hielten, wie ein Schall­dämpfer einer Pistole, die Laute zurück.<br />
Sie waren alle gerettet.<br />
Rojen konnte nun wählen, was er wollte. Direkt vor seinen Füßen la­gen sie. Mit Holzgriff, wohl ein Küchenmesser; ein ausgeklapptes Ta­schenmesser mit blauem Plastikgriff; ein Silbernes ohne Griff und zuletzt ein Dolch mit Blechgriff. Rojen nahm das Taschenmesser, wog es hin und her, strich über das glänzende Blau, steckte es mit einem befreiendem Lächeln in die Hosentasche.<br />
Die Nacht war gerettet.<br />
Nichts zitterte mehr.<br />
Sie konnten wieder schlafen gehen.</p>
<p><strong>3.</strong><br />
Warum ließ das Kind die Katze nicht frei?<br />
Warum hielt das Kind die Katze an den Vorderpfoten in der Senk­rechte?<br />
Die Katze hielt ergeben still. Sie war jung und wurde von den langen, zierlich zupackenden Fingern des Kindes gehalten. Die Haare des Kindes fielen über das Fell des Tiers.<br />
Rojen kniete nieder; streichelte Fell und Haare. Zuckte zusammen; nahm, um sich abzusichern, das Messer aus der hinteren Hosenta­sche, klappte es auf, strich liebevoll mit der Messerspitze über die samtene Nase der Katze. Eine Spur Wasser von der kaltnassen Nase verlor sich auf dem Metall. Er zeigte es den Augen des Mädchen.<br />
Zwischen den Beinen des Kindes eingekeilt klemmten, die immer stärker strampelnden, weißen Plüschbeine der Katze. Rojen strich über die, vom Kleid des Kindes unbedeckten Kniee; stach in das wei­che Fleisch des Tiers. Das Kind ließ die Katze nach unten gleiten; dunkles Blut rann ihm die Beine entlang. Interessiert tupfte das Kind seine Finger in die warme Flüssigkeit, leckte daran. Sah in die erschrockenen Augen von Rojen und klatschte mit den blutver­schmierten Händen Rojen auf die Wange, auf der sich sofort helle, rote Fingerstriemen abzeichneiten.<br />
Rojen riß sich zusammen, hielt den Blick des Kindes noch einen Au­genblick stand; rollte seinen Pullover ein wenig nach oben; setzte das Messer vorsichtig an die nächste Stelle; setzte langsam, mit dem ver­söhnlich werdenden Lächeln des Kindes im Einklang, das Quadrat in sein Fleisch, bis leichte Blutspuren die Bauchhaare färbten.<br />
Am Bettrahmen angelehnt stand der kleine Junge und grinste. Schnell, ohne das Rojen es zu sehen verstand, entnahm der Junge dutzende Messer, wirbelte sie in der Luft, fing sie auf, warf sie erneut in die Luft. Wie das Weiß der Augen glitzerten die Spitzen der Messer. Mit langsamer Beharrlichkeit richteten sie sich auf sie aus. Zur Wehr setzen wollte sich Rojen. Unaufhaltsam aber glitzerten die Messer auf sie zu. Und rot glitzerten die Augen des Kindes.<br />
Das Mädchen lächelte ihm zu.<br />
Der einzige Schutz. Rojen verschanzte sich hinter dem Kind.<br />
Pfeifend umarmten die Messer das Kind.<br />
Rojen wunderte sich über die Größe des Kindes.<br />
Es war ein Mädchen, ein großes sogar, ein sehr großes Mädchen.<br />
Als es zu Boden sank waren alle Augen erloschen.</p>
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		<title>Dreckige Flut</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Feb 1993 11:03:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gisselbrecht</dc:creator>
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		<description><![CDATA[1. Eine leichte, fast sommerliche Meeresbrise verfing sich in ihrem Unterrock. Frau Hannibal trug einen matschigen Unterrock, der im übrigen schlecht roch. Der Morgenwind hatte sich darin fangen las­sen -unvorsichtiger Weise; blähte verzweifelt, suchte vergeblich nach einem Ausgang aus dem groben Stoff, in den freien Himmel. Es war Ende Februar, bitterkalt, trotz wolkenlosem Himmel und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1.<br />
Eine leichte, fast sommerliche Meeresbrise verfing sich in ihrem Unterrock. Frau Hannibal trug einen matschigen Unterrock, der im übrigen schlecht roch. Der Morgenwind hatte sich darin fangen las­sen -unvorsichtiger Weise; blähte verzweifelt, suchte vergeblich nach einem Ausgang aus dem groben Stoff, in den freien Himmel.<br />
Es war Ende Februar, bitterkalt, trotz wolkenlosem Himmel und Zitroneneissonne. Frau Hannibal, geborene Elender, lag am Strand, so als ob sie sich sonnen wollte. Ihr langgestreckter Körper war von der Düne aus als angeschwemmte Plastikplane, weiß,  mit grünen und roten Streifen zu verwechseln. Daß Frau Hannibal vor zwei Tagen neunundvierzig Jahre alt geworden war, kümmerte nie­man­den, tat ihrem Tod keinen Abbruch.</p>
<p>Kein Mensch auf der Insel, niemand, der eintausendfünfhun­dertund­ein Inselbewohner, plus ein-oder zwei dutzend Touristen, dachten im entferntesten an ein Verbrechen.<br />
Nicht einmal Apotheker Menke, der zuviel Romane las, dachte an diesem milchig-sahnigen Tag an Mord. Menke mixte gerade Zink­salbe als die Sonne so gelb wie Zitroneneis wurde, wischte sich die schweißlose Stirn mit seinem Taschentuch, auf dem die verstorbene Gattin -Gott hab sie selig!- eine Schlange gestickt hatte. Gleichmäßig in drei Schubladen gestapelt lagen die Baumwolltaschentücher, alle mit einer Schlange bestickt: das Geschenk seiner Frau zu Geburts­tag, Ostern und Weihnachten.<br />
Seine Kunden hatten Apotheker Menke gern und Apotheker Menke seine Kunden. Soweit sogut.<br />
An diesem Tag trank man Ostfriesentee, aber damit hatte es sich auch an Ereignissen -vorläufig.<br />
Es sollte der zweite Mord innerhalb zehn Jahren auf der Insel sein. Der erste war natürlich nach wenigen Tagen bereits aufgeklärt: ein junger Mann, Anfang zwanzig kam nicht weit, nicht einmal bis zum Inselflughafen. Er hatte sich nicht einmal Zeit gelassen, die Hände zu waschen. Ein Tip der liebenswerten Bäckerin über den jungen Mann, mit den blu­tigen Händen, verhalf dem Inselgesetz zu Recht und Ordnung. Und die Insel hatte wieder ihre verdiente Ruhe.<br />
Der zweite Mord aber lag mit aufgeblähtem Rock am Strand und harrte der Aufklärung.</p>
<p>Herr Hannibal, Mann und Mörder Frau Hannibals, gedachte erst in einer Woche zum Inselflughafen aufzubrechen. Ziemlich kalt war die Nacht vergangen in der Bake, dem Bade-Wachturm am Strand. Mitten in der Nacht fröstelte es ihn so sehr, daß er mit dem Feuer­zeug nach ihr suchte. Einige Schritte von der Bake entfernt, am zurückweichenden Meer, lag seine Frau. An warme Kleidung hatte er nicht gedacht. Herr Hannibal streifte Frau Hannibal den Wollpullover ab, und sich über. Der letzte grüne Faden berührte gerade noch sei­nen Bauchnabel. Vom Unterbauch ab, erhob sich sein Bauch wie eine vor langer Zeit erstarrte Welle, von der er immer noch hoffte, daß sie einmal stürzen würde.<br />
Endlich hatte er es getan.<br />
„Endlich!“, hatte er danach über den Horizont geschrien.<br />
Dieses großartige Gefühl beim Zudrücken ihres Kehlkopfes!<br />
Es war mit nichts zu vergleichen. Nicht einmal mit dem Druck auf einen faulenden Apfel, einer schimmligen Apfelsine; eher noch mit einer reifen Kartoffel, die an einer, einer winzigen Stelle hart und im nächsten Moment weich, wie eine im Sandboden berstende Muschel war.</p>
<p>Apotheker Menke fand Frau Hannibal. Die zweite Leiche, die zweite Ermordete innerhalb von zehn Jahren, die er, und nur er, gefunden hatte.<br />
Apotheker Menke schüttelte seinen kahlen Kopf.<br />
„Das ist ja eine schöne Bescherung!“, hielt seine linke Hand über dem Adamsapfel.<br />
Die Sonne war mit Karameleis überzogen, Möwen kreischten, Strandläufer pickten nach marmorier­tem Fleisch, das sich in den halbleeren Särgen der Seeigel, Krab­ben und Muscheln befand.<br />
Apotheker Menke, ein Mann in den besten Jahren -wie er immer wieder hinter der Apothekerkasse seinen Kundinnen versicherte; Herr Menke nahm das schlangenbestickte Baumwolltaschentuch aus der Hintertasche seiner Hose, tupfte damit die schweißbedeckte Stirn. Er kannte die Kundin, die Frau, die Leiche. Noch vor zwei Tagen hatte sie eine einfache Salbe gegen Erkältung verlangt. Apo­theker Menke besah die Leiche, die Frau, die Kundin, von allen Sei­ten, von der Meeresseite, der Landseite, der Wind-und Windschatten­seite. Ihre hohen weißen Gummistiefel paßten nicht zu ihrem roten Rock,  der mit Matsch bedeckt und aufgebläht wie ein Segel im Wind stand. Apotheker Menke stocherte mit den Fingern am  Rocksaum  -der Wind sauste durch den Unterrock und befreite sich. Herr Menke stürzte in den nassen Muschelsand. Faßte sich, schnell entschlossen ging er. Bevor die Leiche gepökelt war wollte er wiederkommen.</p>
<p>Nach getaner Arbeit, den Umständen entsprechend zufriedenem Schlaf, aß Herr Hannibal zwei Wurststullen und trank aus der bul­lige Thermoskanne Grog. Die Füße schmerzten ihn, sie hatte er in der Nacht in der engen Bake auf die Wände legen müssen. Er sah nach draußen, stimmte sein Bulldozerlachen an. Die hohe Welle sei­nes Bauchs schwankte, geriet in Bewegung, zu hohem Seegang.<br />
„Köstlich dieser Sturz -köstlich&#8230;, dieser Sturz in den Sand!“<br />
Wie eine dunkle Karotte, dachte Herr Hannibal, flog dieser kahlköp­fige Mensch in den Sand; geschieht ihm auch ganz recht, was hat er schließlich am Rocksaum meiner toten Frau zu suchen.<br />
Gerne hätte Herr Hannibal diesen Menschen dafür angeschrien. Dafür schnalzte er mit der Zunge, wartete bis dieser unverschämte Knilch gegangen war, nahm die Strickleiter, warf sie aus, stieg schwer atmend von der blauen Kabine herunter, die wenige Meter vom Strand -und seiner Frau- im Sand erhöht stand. Packte die Strickleiter wieder in die Reisetasche.<br />
Hannelore Hannibal hatte nichts von der Strickleiter gewußt; von Gustav Hannibals zupackenden Händen schon -die hatte sie sogar geliebt, bis zuletzt. Von seinen Plänen wußte sie wenig.<br />
Helmut Hannibals Plan war ausgereift: bereits vor drei Monaten machte er die erste Vorbesichtigung auf der Insel, zwei Wochen vor dem Tag X kaufte er die Strickleiter.<br />
„Für die Kinder, wissen Sie!“, hatte er zufrieden dem Verkäufer erzählt.<br />
„Geschäftsreise!“, hatte er zu Frau Hannibal gebrummt, deren Nase wie eine Sprungschanze nach oben ragte und sich eifersüchtig gekraust hatte.<br />
„Dafür“, schmeichelte er, „darfst du für lange Zeit auf eine Insel.“, gab ihr Geld für zehn Tage, die Adresse einer „herrlichen Pension“ und die Fahrkarte.<br />
Sie dankte ihm nicht. Mißmutig und noch eifersüchtiger geworden, gelang es ihr eine Träne entlang der Sprungschanze abspringen zu lassen, die schließlich auf seiner Hand landete. Er schluckte zwei­mal, tätschelte ihr die Elefantenwangen.<br />
Nach ihrer Abreise vergnügte er sich vier Tage in verschiedenen Stundenhotels, ging für einen Tag in seine Landeshauptstadt, erle­digte dort noch dies und das, reiste ihr schließlich vergnügt nach.</p>
<p>„Mein Name ist Holoubkova, Karl Holoubkova“, sagte Herr Hannibal, „ich wünsche ein helles und freundliches Zimmer mit Frühstück für eine Woche!“<br />
„Schön.“, sagte die Wirtin. Sie hieß Frauke Dröling und lebte schon immer hier. Urlaub machte sie nie, Arbeit gab es immer. Sie war eine schneidige Person, und zufrieden wie es ist. Der Mord vor zehn Jah­ren war an ihr vorübergegangen, wie die Männer vor zwanzig Jahren. Damals im Sommer kochte ihr Blut einzig und allein von der Arbeit. Jetzt war nicht einmal Frühling. Frau Dröling hätte Zeit genug gehabt, sich um einen Mord zu kümmern, sich diesen oder jenen Gedanken über Mörder, Mord und morden zu machen. Daß ein Mann, der einen Mord geplant hatte, in ihrem Haus wohnte, hätte sie bestimmt gewundert, ihren Kreislauf ein wenig angeregt. So aber nahm sie nur freundlich Herr Hannibals Pensionsgeld entgegen.<br />
„Das ist ihr Zimmer, Herr Haloubkova“, sagte sie zu Herrn Hannibal, der sich bedankte, die Tür leise hinter sich schloß und sein Bulldo­zerlachen im Kopfkissen erstickte.</p>
<p>Apotheker Menke, die örtliche Polizei und jene, die gerade nichts bes­seres zu tun hatten, standen laut diskutierend um Frau Hannibal.<br />
„Ich hab sie hier gefunden.“, sagte Menke.<br />
„Haben Sie etwas angefaßt.“, fragte der diensthabende Inselpolizist Gröwe.<br />
„Den Rocksaum -ist das schlimm?“<br />
„Hmm!“, machte Gröwe.<br />
„Die ist umgebracht worden!“, sagte einer.<br />
„Die ist vergewaltigt worden!“, sagte ein anderer.<br />
„Die ist ersoffen!“, sagte eine bildhübsche Frau.<br />
Nach der Spurensicherung des diensthabenden Inselpolizisten Gröwe mußte für den Abtransport der Leiche gesorgt werden. Steif, wie Frau Hannibal war, packten acht Inselbewohner -darunter Menke und Gröwe- mit an, um Frau Hannibal in den Sarg zu hie­ven. Der nasse Sand rutschte von ihrem Rock ab, auf Menkes Hände.<br />
Apotheker Menke schluckte schwer.<br />
„Mord!“, sagte Gröwe. „Schon wieder Mord, und du bist schon wieder dabei gewesen -Menke!“<br />
Der Apotheker rang nach Luft, tupfte mit seinem Taschentuch die schweißlose Stirn. Röte überschwemmte seine Spatzenbacken.<br />
„Ab..Aber&#8230;i&#8230;ich..“, stotterte Menke, „ich b&#8230;bin noch in d..den bbb&#8230;besten Jah&#8230;Jahren!“, da er in der Schnelle seine Gedanken zu keinem anderen Satz hatte ordnen können.<br />
„Auf das Revier mit dir!“, schmetterte Gröwe, der wohl wußte, das Menke zwar scharfe und ätzende Salben mixen konnte, aber nie und nimmer mehr einen Mord zustande brächte. Doch man kann ja nie wissen, und Menke würde danach umso lieber Salben für ihn mixen.</p>
<p>„Karl Holoubkova, geboren am 10.09.1940 in Ettenheim.“, las Gustav Hannibal in seinem Paß. Er lag warm im Bett. Er freute sich! Auf einen Schlag war er ledig, dazu noch fünf Jahre jünger und im Süden Deutschlands aufgewachsen, wahrscheinlich friedlich, zwi­schen Himbeeren und sauren Äpfeln. „Finanzbeamter in Hildes­heim.“, hatte er zur Wirtin gesagt, dabei sehr lässig die Schwielen an  seinen Händen, in den Hosentaschen vergraben.</p>
<p>Schlimme Nächte begannen für Apotheker Menke.<br />
„Mörder! Mörder! Verruchter Mörder!“, riefen zahllose Menschen. Alle hielten diese oder jene Salbe in den Händen.<br />
„Ich bin ein Mann in den besten Jahren!“, rief er ihnen beschwichti­gend zu, begann aber doch sofort um sein Leben zu laufen, bis er an Frau Hannibal anschlug, die ihm den Weg versperrte. Er sah sie solange an, bis sie tot umfiel.<br />
Schließlich erwachte er schweißgebadet.<br />
Gröwe, der diensthabende Inselpolizist, hatte ihm nach dem Leichen­fund, eigentlich kaum zugesetzt. Im Polzizeirevier bot ihm Gröwe bereits nach fünfzehn Minuten Tee an und schwatzten über Frauen.<br />
„Halten Sie sich für weitere Fragen bereit und verlassen Sie nicht die Insel!“, nuschelte Gröwe zum Abschied.<br />
Seit zwanzig Jahren hatte Apotheker Menke die Insel nicht mehr verlassen, es würde ihm nicht schwerfallen. Vor dreißig Jahren war er vom Festland gekommen, hatte Glück gehabt, die Apotheke nach einem halben Jahr übernehmen können, als der alte Apotheker Krenz an einer Überdosis Schlaftabletten starb. Die Kundschaft lobte die Salben von Menke und schnell vergaßen sie den alten. Apotheker. Menke verlor seine Frau neuneinhalb Jahre später -“eine wahre Tra­gödie!“, die Apotheke lief gut weiter, und schließlich hatte er genug schlangenbestickte Baumwolltaschentü­cher.<br />
2<br />
Frauke Dröling, geborene Eva Reigen, war noch nie verheiratet.<br />
„Adam und Eva:“, hatte damals der Religionslehrer begonnen, der zugleich ihr Beichtvater war, „Adam nannte seine Frau Eva.“. Das war in der zweiten Klasse.<br />
In der fünften Klasse sagte er, „Adam und Eva waren große Sünder! Denn Eva stürzte nicht nur Adam, sondern das ganze Menschenge­schlecht in den Abrund -in die Sünde&#8230;“<br />
„Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain.“, las er in der siebten Klasse.<br />
Ein Jahr später starb ihr Religionslehrer -sie ging nicht auf seine Beerdigung.<br />
Eva wollte keinen Kain gebären. Und schuldig wollte sie auch nicht sein. Deshalb nahm sie mit 17 Jahren Papier und Bleistift in die Hand, schrieb einhundert Mal „Eva Reigen ist tot, es lebe Frauke Dröling!“. Rollte das Blatt zusammen, stopfte es in eine leere Rot­weinflasche, den Bleistift hinterher; der Korken schloß wasserdicht ab.<br />
Bei der Überfahrt, vom Festland auf die Insel, warf sie die Rotweinfla­sche über Bord. Sie freute sich, so wie sie sich noch nie in ihrem Leben gefreut hatte. Endlich frei!&#8230;<br />
„In der Sommersaison“, hatte sie ihrer Mutter gesagt -geborene Frö­lich- „werde ich auf einem Bauernhof in Bayern arbeiten!“<br />
Ihre Mutter hatte ihr geglaubt und wartet wohl heute noch auf sie.<br />
Auf der Insel arbeitete sie zunächst als Hausmädchen, sie war so tüchtig, daß sie bald die Wirtschafterin einer Pension war; kaufte sich nach zehn Jahren eine eigene kleine Pen­sion, in der sie seit dreiundzwanzig Jahre die Bettwäsche wechselte, die Toilettenspü­lung in Ordnung brachte und zum Frühstück Tee oder Kaffe reichte, dazu zwei weiße Brötchen und zwei verschiedene Sor­ten Konfitüre -meist Aprikose und Erdbeer.<br />
Eva Reigen sagte zu Herrn Hannibal „Herr Holoubkova.“<br />
Gustav Hannibal sagte zu Eva Reigen „Frau Dröling.“</p>
<p>Hannelore Hannibal hatte bei Frau Warnheim gewohnt.<br />
Die gute Frau Warhnheim&#8230;, sie hat schon vieles in ihrem Leben gesehen, besonders Kuchen, Brot und Brötchen. Den Mörder vor zehn Jahren hatte sie bei der Polizei angezeigt.<br />
„So kann doch kein Mensch herumlaufen, mit solchen blutigen Hän­den. Wenn ich mir das erlauben würde in der Bäckerei&#8230;.“<br />
Frau Warnheim ist ein Geizhals, deshalb sind ihre Zimmer die klein­sten und häßlichsten auf der Insel -das weiß jeder Insulaner, das hatte auch Herr Hannibal zufrieden gehört, und dann das Zimmer für seine Frau bestellt. Frau Warnheim verdient sich an den Zim­mern eine goldene Nase.<br />
Frau Hannibal hatte Frau Warnheim nicht gemocht.<br />
Frau Warnheim hatte Frau Hannibal nicht gemocht.<br />
„Ja die Frau Hannibal war eine ganz ruhige und liebenswerte Person, ja solche Gäste wünscht man sich vom Lieben Herrgott.“, sagte Frau Warnheim beim Verhör, dem diensthabenden Inselpolizisten Gröwe. Vor zehn Jahren hatte Gröwe noch keinen Bart, dabei hatte Frau Warnheim doch gerade sein kantiges Kinn geliebt, das war zum Hei­raten schön gewesen. Vor zehn Jahren wollte er sie nicht heiraten, dafür haßte sie ihn. Und deswegen log sie. Sollten sich doch die Bal­ken biegen! Gröwe sagte sie nichts. Nichts über Frau Hannibals zornige Ausbrüche über ihren Mann, nichts über Frau Hannibals schlampig genähten roten Rock. Nichts erzählte sie Gröwe, nichts als die blanke, wahre Lüge. Und die war schön, so wie sie einmal war.<br />
Daß die alte Schlampe -wie Frau Warnheim heimlich Frau Hannibal nannte- den Otto Färich mit auf dem Zimmer hatte, sagte sie Gröwe nicht. Den Otto haßte sie zwar auch, denn der Otto hatte nie mit ihr tanzen wollen, aber der Erwin, Erwin Gröwe, jawohl so hieß dieser verdammte Mistkerl, ja der Erwin hatte sie versetzt. Das schmerzte mehr als jede Lüge.<br />
Sie hieß Warnheim, dann blieb sie eben Frau Warnheim, bis zum bit­teren Ende, wie würde das auch klingen „Trude Gröwe“, nein, nein, da blieb sie lieber bei Trude Warnheim; das dachte die aufrechte Frau Warnheim und biß sich dabei traurig auf ihre Lippen.</p>
<p>Apotheker Menke ging jeden Morgen an den Strand, denn dann lagen dort noch die frisch angeschwemmten Muschelschalen.  Und nichts liebte Menke mehr als mit seinen starken Füßen über die Muscheln zu gehen. Dieses Krachen und Knacken, das Zersplittern und in den noch nassen Sand greifende Muschelsplitter! Es hörte sich an wie das Bersten eines Knochens, ja als ob Knochen über Knochen gebrochen werden würden. Aber Menke war kein übler Kerl. Denn er wußte das der Sand, ja der ganze Strand aus jenem Muschelkalk bestand, den er jeden Morgen zubereitete wenn er mit seinen breiten Stiefeln über die Muscheln ging. Und hatte nicht so ein jedes Ding auch seinen Zweck, wenn es tot, zertrümmert war? Seine Salben waren aus toten Pflanzen, fein gestrichen zu lindernder Salbe und wurde nicht auch der Mensch selbst wieder zu einfachem Dünger für Rosen oder Karotten?</p>
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		<title>Grau in Zeit</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Dec 1992 11:07:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gisselbrecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[-- ERZÄHLUNG]]></category>
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		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
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		<description><![CDATA[Warum konnte er nicht einfach auf dem Dach eines naheliegenden Hauses stehen, die Hände ausbreiten, die Finger spreizen, sich ein Kabel zwischen die Fußzehen klemmen und als Hausantenne wie viele andere für guten Empfang sorgen dürfen? Es wäre einfacher. Der Tag hatte erst die Decke von sich geworfen und stand schon graumelliert im Körperkleid. Wasser [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Warum konnte er nicht einfach auf dem Dach eines naheliegenden Hauses stehen, die Hände ausbreiten, die Finger spreizen, sich ein Kabel zwischen die Fußzehen klemmen und als Hausantenne wie viele andere für guten Empfang sorgen dürfen? Es wäre einfacher.</p>
<p>Der Tag hatte erst die Decke von sich geworfen und stand schon graumelliert im Körperkleid. Wasser tropfte auf die Scheibe, aus dem Wasserhahn auf das Email des Beckens. Das Kaffeepulver war noch trocken, sein Magen wie leer gepumpt. Weder roch es nach Frühstück noch nach dem Parfüm einer Frau.<br />
Zwei Mädchen am Ausschank hatten gewettet, ob er Sekt oder Wein trinken würde. Eine verlor. Und dann: die Frau in Rot, in roten Jeans und Jacke &#8212; gestern. Sie hatte soviele Falten in ihrem jugendli­chen Gesicht, so zaghafte Bewegungen bei jedem Rhythmus der Musik. Das Glas Sekt trank er alleine.<br />
Die Hosen lagen angespannt auf all den einsamen Körpern wie langsam tau­ernder Schnee auf Asphalt. Bunte Lichter bewegten sich auf dem Tanzboden, auch dann wenn er nicht tanzte und dann noch als er ging.</p>
<p>Er drückte rote Paste auf die Zahnbürste. Drei Minuten waren wieder eine lange Zeit. Die Zeit stach auf ihn ein. Der Kaffee kondensierte durch den Gaumen, der Toast zerbröckelte in sandfeine Teile bis sie den Magen füllten. Selbst der Staub auf den Bücherre­galen blieb ermattet liegen.</p>
<p>Wenn Hausantennen Seelen hätten, fragte er sich, würden sie davon­laufen?<br />
Stur stehen bleiben, neue Programme fordern oder in sich zusammenfallen?<br />
Würden sich die Kamine an ihrer Seite betrogen fühlen, als ehemals höchster Punkt des Hauses?<br />
Würde es deshalb zu Krieg kommen zwischen Kaminen und Hausantennen?<br />
Würden herumschleichende Katzen zu schlichten versuchen oder umschmei­chelnd sich für die eine oder andere Partei kümmern und ihren Nut­zen daraus ziehen?<br />
Die Wohnungen werden kalt werden und stumm.</p>
<p>Er zog die Decke über sich, hörte Bachs Trauerode, die sich dem Weih­nachtsoratorium näherte, zählte die Tage bis Weihnachten, substrahierte die Tage, die seit dem Tod des Vaters vergangen waren, dividierte die Zahl durch sein Lebensalter. Er lachte auf und hörte weiter zu.</p>
<p>Natürlich könnte auch der kühle Rauch des warmen Feuers über die stäh­lernen Arme der Hausantenne kräuseln und wie eine endlose Umarmung sein &#8212; im Winter. Des Sommers würden sie sich in Gesprächen verlieren, über die Existenz, die sie unter sich vermute­ten. Eines Tages dann, vielleicht im Frühjahr, würde ein dunkel gekleideter Mann die stählerne Spirale in den Schornstein stechen. Dann hätten sie einen dieser Existenzen gesehen, die­ser erbärmlich nach Dreck und Sauberkeit Suchenden.</p>
<p>Die Gedanken waren aus gedrechseltem Holz, das Haus robust auf Stahlträ­ger gebaut. Es war kaum zu erwarten: eine Veränderung. Zunächst war festzuhalten, dass der Tisch stand, die Stühle wie eh und je sich gegenüber standen, und er auf dem Fußboden in zwei Pantoffeln, dunkelblaue.</p>
<p>Es stand schlecht um die Hausantennen, dachte er. Jetzt mussten sogar die Tauben auf ihren jahrzehntelangen Spaß verzichten. Sich auf einem der Äste der Hausantennen anzuschleichen, um mit einem Satz auf dem Gefieder ei­ner anderen zu springen und liebesverloren zu sein, war nicht mehr. Die Lust verlor sich auf den abschüssigen Satelittenempfängern.</p>
<p>Ausgebreitet waren die Arme des Sessels. Er stand still am Fenster. Über den gelangweilten Dächern kroch der Tag. Schleimspuren von Stunden, von Wo­chen und Jahren, von Generationen standen darauf geschrieben. Dachziegel verkrochen sich hinter schwarzer Schlacke, Kamine dampften ihre letzte Pfeife, die Hausantennen wiegten sich selbst wie das kleine Kinder tun, in großer Trauer oder Angst.</p>
<p>Der Abend wartete noch. Der Abend wartete noch mit einigen Stun­den Licht.</p>
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