Heimat

Heimat finden
Einen gelben Postwagen sieht meine Mutter vorüber fahren, als sie die ersten Geburtswehen verspürt. Noch immer weiß sie nicht, ob es gut ist, überhaupt dieses Kind zu wollen — das fünfte Kind, drei Totgeburten und ein Mädchen. Sie presst die Augen zusammen, bis sie die Kröte sieht — unhörbar.

Später wird mir meine Mutter davon erzählen und wie sie einen Tag davor noch ein Federbett gekauft haben für ihr neues Heim.
Stumm ist der Vater, glättet nur das Bett und setzt sich daneben auf den Stuhl.
Und Jahre später wird meine Mutter erzählen, wie ihr damals niemand glauben wollte, dass sie die anderen Kinder auch wollte, obwohl doch alles dagegen sprach, als man sie stumm auf der Treppe beim Putzen in einer Blutlache mit den ersten zwei Kinder fand.
Spätert flüstert der Vater einen Brief «Großvater, es ist leider ein Junge.».

Mutter Natur hilft meiner Mutter und presst das Knäuel aus Blut und Hoffnung aus ihr heraus.
«Jetzt wird meine Mutter mit mir zufrieden sein.», seufzt meine Mutter.
Eine Kröte hüpft in ihren Augen, auf ihrer Haut klettern die Käfer. Nachdem die Nabelschnur durchtrennt ist, erzählt mir meine Mutter über ihre Kröte und ihre Käfer und zwinkert mir dabei verschwörerisch zu.
Meine Mutter legt mich an ihre Brust. Sie wartet auf ein Zeichen von mir. Ich mag die Kröte nicht, ich mag keine Käfer. Ich rieche die gallige Säure und weigere mich diese schale Milch aus den Vorhöfen meiner Mutter zu trinken.
Eine Krankenschwester wird gerufen, «Bürschchen, das haben wir gleich! Du wirst schon trinken!», sagt die Nonne und presst mich wie ein ungehorsames Kätzchen auf die Brustwarze meiner Mutter. Ich kotze.

Heimat suchen
Manchmal darf ich auf dem neuen Federbett der Eltern liegen. Mein Vater sieht mir gewissenhaft vom Stuhl aus zu, wie ich die Welt entdeckte. Der Rauhfaser-Himmel, die Rosentapeten, das Holzbett, die weißen Gardinen.
»Es ist geschafft«, flüstert meine Vater, »Ich werde mit ihm erst einmal die Wohnung entdecken. Und an den Bodensee zu meiner Mutter fahren wir nächstes Jahr. Der Kleine muss lernen, sich zu gedulden.«Am Wochenende darauf beglückwünschen die Nachbarn meine Eltern. Wurstsalat und ein Glas Sekt gibt es für jeden.
»Viel Arbeit!«, denkt meine Mutter, »Aber jetzt kann ich auch stolz auf mich sein, sagt meine Mutter.« und verabschiedet den letzten Gast: »Ich hoff’, es war recht!«.

An den Wochentagen kommt ab und an der Postbote zu einem Gläschen Schnaps vorbei. Meine Mutter erzählt ihm vom unbändigen Schreien des Säuglings, der unbändigen Gier nach Milch, nur nicht nach ihrer.
Der Postbote nickt, gibt ihr die Postkarte vom Bodensee, trinkt den Schnaps aus und geht weiter zum nächsten Haus. Mit verschränkten Armen steht die Mutter dann am Fenster, sieht ihm nach. Sie hat noch viel im Haushalt zu erledigen.

Gerd
Ein Tag nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt gebar meine Großmutter meinen Vater Gerd, sieben Tage nach der Abnabelung überfiel Deutschland Polen. Gerd ist auf Platz 17 der beliebtesten Vornamen in diesem Jahr.

Ein Neunmonatskind ist mein Vater nicht, am Rosenmontag im betrunkenen Zustand gezeugt. Gerds Vater: Offizier —vielleicht— der später dann von seiner Arbeit nicht wieder kam. Vermisst blieb er bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus. Gerds Vater, so könnte es sein: ein Vergewaltiger und Mörder. Ein Liebender hätte er auch sein können, wenn es seine Zeit gewesen wäre. Zeit genug geblieben wäre, um zu lieben.

Eine Mine explodiert. Die Frau vor ihm zerfetzt es. Das sind Gerds Erinnerung an den Krieg. Fünf oder sechs Jahre alt ist er. Explosionen, Lärm, Weinen — weiter gehen! Die Bäume blieben stehen als sie durch den Wald gehen, die Blätter des Baums direkt vor ihm sind voller roter Kleider. Seine Mutter gehtvor ihm, seine drei Brüder gehen vor ihm und alle gehen mit gesenktem Kopf und verkusteten Augen weiter.

Sein Vater war ist Vater seiner Brüder, denkt er. Jahre später ist er auf der Suche nach seinem Vater, liest auf einem Zettel des Jugendamtes drei Namen von Männern, die seine Mutter diktiert hatte. Jeder von ihnen hätte es sein können, hatte die Mutter dem Jugendamt gesagt. Gerd versuchte nicht weiter herauszufinden wer sein Vater war, denn seine Mutter bekam käferweite Augen, wenn er fragte.

Heike
Bischof von Galen stellt einen Strafantrag wegen der NS-Morde an Geisteskranken und meine Großmutter gebar, am selben Tag, meine Mutter Heike, drei Tage nach der Abnabelung befiehlt Göring »Die Endlösung der Judenfrage.«. Heike ist auf Platz 17 der beliebtesten Vornamen in diesem Jahr.

Ein Neunmonatskind ist Heike, an Allerheiligen beim Soldaten-Urlaub gezeugt. Heikes Vater: Obergefreiter, der später dann von seiner Arbeit nicht wieder kam. Eingesperrt blieb er bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus. Heikes Vater: ein Mörder und Gefangener. Ein Liebender hätte er auch sein können, wenn es seine Zeit gewesen wäre. Zeit genug geblieben wäre, um zu lieben.

Schnell durch den Wald. Flieger brummen und kreisen. Der Bruder hat sie an der Hand, seine Hand ist weich und nass. Die Mutter hetzt über Gestrüpp und Wurzeln, dem Bruder tropft Rotz und Speichel auf ihre Hand. Überall Menschen, mit flachem Atem und verkrusteten Augen. Später wird sie erfahren, das überall im Wald Minen waren und sich ekeln vor der Spucke ihres Bruders.

Ihr Vater ist der Vater ihres Bruders, denkt Heike. Erst sehr viel später erfuhr sie vom älteren Bruder, der früh starb, über den nie gesprochen wurde, der zurück blieb in Schutt und Asche. Ihr Vater steht drei Jahre nach Kriegsende am Bahnsteig, er riecht nach Mottenkugeln und Angst, seine Hände stecken tief in der Tasche, seine Käferaugen schauen auf Heike — er bleibt stumm.

Olaf
»Unspektakulär war die Geburt von Olaf.«, sagt Heike ihrer Nachbarin Erika auf der Straße und schaut bittend in den Kinderwagen »Sechs Wochen zu früh kam er auf die Welt. Aber das hat dann auch nichts mehr gemacht.«.
Ein blaues Mützchen schenkt ihr die Nachbarin Erika, ihrem Jüngsten passt sie nicht mehr.
»Ach wie schön. Das wär‘ jetzt aber nicht nötig gewesen!«, sagt Heike, legt das Mützchen zweimal zusammen, spielt mit den Kordeln. »Jetzt trinkt Olaf schon in einem Zug die Milch aus der Flasche leer.«
Am nächsten Tag bringt meine Mutter der Nachbarin ein Stück Kuchen vorbei «Für das Mützchen – das passt Olaf so gut!»

Warum heiße ich Olaf? Vater Gerd und Mutter Heike hatten die Namensliste der männlichen Vornamen durchgelesen. Der Mutter gefiel das runde O, der Vater sagte «Ja». Der Vater meiner Mutter hieß Joseph und der Vater meines Vaters war namenlos, deswegen war meinem Vater jeder männliche Namen recht.

Mit zwei Jahren beginne ich zu zittern, übergebe mich, schreie.
Heike besänftigt meine Großmutter «Es wird schon nicht so schlimm sein. Der Junge wird bald aufhören zu schreien.» und meine Mutter flößt mir mit zittrigen Fingern noch mehr Griesbrei ein. Ich spucke den Brei wieder aus, krampfe, finde die Tränen meiner Mutter auf meinen Wangen und übergebe mich wieder.
Daneben steht mein Vater, in seiner Hand meine Schwester Britta, die zwei Jahre älter ist als ich. Britta hat blonde, gekräuselte Haare, die Finger meines Vaters verfangen sich in ihren Locken. Britta streckt ihre Hand nach mir aus, ertastet meine Finger — ein Rest Griesbrei landet auf ihrem Gesicht. Britta weint, schreit. Mutter und Vater schreien. Die Holzfenster werden zugemacht.

Fortsetzung folgt




Spazierjahre

I.
Es ist Winter. Noch liegt kein Schnee. Ich sitze auf meinen Sofa und warte. Mein Sofa ist braun. Es ist aus Cord, braunem, breitem Cord. Manchmal sitze ich auch in der Küche. Aber in der Küche sitze ich eigentlich nicht oft. Dort stehen zwei blaue Holzstühle. Im Wohnzimmer sitze ich dagegen oft. Ich sitze auf meinem Sofa und denke nach.

Gestern habe ich all meine Bücher in den Keller gestellt. Ich möchte keine Bücher mehr lesen. Die Bücher haben mich gestohlen. Deshalb werde ich erst einmal auf dem Sofa sitzen und nachdenken. Ich denke nach, was zu tun ist. Bisher las ich Bücher. Lange, lange Zeit las ich Bücher. Denn ich bin eigentlich noch nicht alt. Aber ich habe viel gelesen, wahrscheinlich zu viel. Seitdem weiß ich nicht mehr genau wie alt ich bin. Auch weiß ich nicht mehr welche Geschichte ich mit mir selbst habe.Ein Blatt Papier und Schreibzeug liegt nun auf meinem Sofa. Meine Geschichte möchte ich nicht damit aufschreiben. Denn ich habe schon zuviele Geschichten gelesen. Jetzt werde ich aufschreiben, was ich tun werde. Einkaufen bin ich schon immer gegangen. Das Wort Einkaufen brauche ich deshalb nicht aufschreiben. Was ist zu tun? Ich brauche Bewegung!

Mein Nachbar ist in Bewegung. Jeden Tag geht mein Nachbar spazieren. Ich habe ihn oft schon dafür sehr bewundert. Spazieren gehen schreibe ich auf das Blatt Papier. Von nun ab also werde ich spazieren gehen. Das ist schön. Ich gehe eigentlich gerne spazieren. In den Geschichten, die ich damals las gingen viele spazieren. Manche gingen alleine spazieren. Andere gingen aber auch mit Freunden spazieren. Und nicht nur zum spazieren gehen braucht man wohl Freunde. Schließlich schreibe ich: Freunde treffen. Aber gleich schreibe ich noch ein Fragezeichen dahinter. Ich habe nämlich eigentlich keine Freunde. Die Bücher waren meine Freunde. Nun verstauben meine Freunde im Keller. Es ist eine lustige Vorstellung, das sie da unten verstauben. Das bringt mich zum Lachen. Das Wort Lachen muss ich also nicht auf meine Liste schreiben. Selbst beim Lesen lachte ich. Wahrscheinlich bin ich ein lustiger Mensch. Vielleicht wird mir dies nützlich sein. Vielleicht werde ich dadurch Freunde gewinnen.

Was brauche ich also noch weiter zum Leben? Welche Dinge können mir nützlich sein für meine eigene Geschichte? Für eine Geschichte außerhalb der Bücher. Denn meine Bücher sind im Keller und verstauben. Ich aber sitze auf dem Sofa, warte und denke nach. Nicht mehr lange warte ich und denke nach. Ich werde alles tun, was mir die Bücher versagten. Zum Beispiel spazieren gehen, Freunde treffen. Was also ist noch nötig?
Es ist anstrengend darüber nachzudenken. Ich stehe also auf und sehe aus dem Wohnzimmerfenster. Es schneit immer noch nicht. Es ist Winter und kein Schnee. Nicht einmal Eisblumen. Flaubert schrieb von Eisblumen. Aber Flaubert verstaubt im Keller. Es ist jetzt Winter, auch ohne Schnee. Ich werde nun spazieren gehen und Freunde finden. Ob man im Winter gut spazieren geht? Ob man im Winter Freunde findet? Ich setze mich wieder auf mein Sofa.

An so vieles muss noch gedacht werden. Inzwischen ist es schon dunkel geworden. Wintertage sind kürzer als Sommertage. Im Winter bleibt man besser Zuhause. Ich aber möchte spazieren gehen lernen. Und ich möchte Freunde finden. Jetzt muss ich es tun. Deshalb stehe ich auf. Ich gehe an das Fenster. Es schneit noch immer nicht. Ich gehe an die Haustür. An der Garderobe hängt ein Mantel. Ich ziehe ihn mir über. Als die Tür hinter mir zufällt bekomme ich angst. Ist es heute ein guter Tag zum spazieren gehen? Wird es nicht schon zu dunkel sein um Freunde zu finden?

Den Bäumen fehlt etwas. An ihren Zweigen sind keine Blätter. Und die Vögel singen nicht. Ich weiß, das auch in der Stadt Vögel singen. Ich habe sie oft schon gehört. Im Sommer am offenen Fenster las ich und hörte Vögel. Jetzt ist alles still. Selbst der Einkaufsladen gegenüber ist dunkel. Ich möchte auch nichts einkaufen. Heute ist nicht Mittwoch. Was für ein Tag ist eigentlich heute? Es ist der erste bücherlose Tag. Es ist mein Tag. Der Tag an dem ich spazieren gehe und Freunde finde.

Diese Stadt ist trübe. Ich glaube diese Stadt war schon immer trübe. Die Menschen sagten früher, so gehört es sich. Sie sagten sogar, sie lieben die Stadt dafür. Das habe ich als kleiner Junge von den Menschen gehört. Wie winzig war ich als kleiner Junge? Heute liebe ich diese Stadt weil sie so grau ist. Heute bin ich ein Mann und kein kleiner Junge mehr. Obwohl ich Zuhause nur las, liebe ich diese dunkelgraue Stadt. Sie riecht nach Moder. Als kleiner Junge ging ich eimal durch den Wald. An einem Frühlingstag roch ich dort das verfaulte Laub. So riecht es hier. Deshalb fehlt an den Bäumen das Laub. Immer muss es hier vermodert riechen. Das gehört zur Stadt. Kein Laub, kein Grün an den Bäumen. Das ist meine Stadt. Aber es ist Winter, vielleicht riecht es im Winter immer so. Ich werde jemanden fragen — einen Freund.
»Entschuldigen Sie, mein Freund, riecht es hier immer so verfault?«
Mein Freund aber drückt sich an mir vorüber. Er schüttelt mit dem Kopf. Mein Freund hat keine Zeit für mich. Das muss ich wohl noch lernen. Nicht jeder Freund hat Zeit. Ein anderer dagegen bleibt stehen, er sieht mich an.
Er nickt und sagt höflich, aber tonlos. »Immer so hier, immer verfault, immer riechen die Stadt so. Im Winter noch mehr riechen so. Winter ist verfault wie Stadt so — verstehst!«
Ja, ich verstehe, dankend schüttle ich ihm die breite Hand. Er grinst. Er klopft mir auf die Schulter. Und er geht weiter. Freunde bleiben nicht lange. Sie ziehen weiter. Auch das muss ich noch lernen. Nun habe ich bereits zwei Freunde. Obwohl: sie blieben nicht lange. Und spazieren gegangen bin ich wohl auch noch nicht? Es ist alles viel schwieriger, anstrengender als gedacht.
Müde bin ich, gehe aber weiter. Ich möchte noch spazieren gehen, ich werde spazieren gehen. Ich überquere die Straße, stolpere, stürze. Mein Fuß hängt in einem Schlagloch fest. Ein spaßig-wütender Gaul hat hier seine Hufen hineingehauen. Das Schlagloch ist sicherlich zwei Hand tief. Spazieren gehen ist sehr schwierig hier. Schließlich ist mir auch sehr kalt. Der Sommermantel schließt nicht, hat nur einen Knopf ganz unten. Ich gehe zurück. Immerhin habe ich zwei Freunde gefunden. Einzig mit dem spazieren gehen hapert es noch ein wenig. Morgen ist auch noch ein Tag.

II.
Sicherlich, es ist Winter und ich friere, die Stube ist kaum zu beheizen, aus allen Ritzen kommt die Kälte und ich kann noch so schnell auf und ab gehen, es nutzt alles nichts. Ich bleibe einsam, selbst meine Katzen verstecken sich unter dem Bett. Ich habe zunächst das Radio eingeschaltet, die Nachrichten gehört, auch das Wetter — es soll auf lange Sicht nicht schneien. Und den Fernseher habe ich danach eingeschaltet, suchte nach Talkshows, fand aber nur Spielfilme. In der Nacht ist jede Frau alleine, habe ich mir dann gedacht und die Kaffeemaschine eingeschaltet, denn das rote Licht daran mag ich sehr. Ich saß einige Zeit in der Küche im Dunkeln, nur das rote Licht der Kaffeemaschine, bis mir die Augen brannten. Jetzt sitze ich am offenen Fenster, spüre die Winterkälte, reibe mir die linke Schulter warm und hauche in die Dunkelheit. Es nutzt nichts, es bleibt alles gleich dumpf und schwer. Spazieren gehen wird helfen, bisher half spazieren gehen immer. Also ziehe ich mir einen Pullover über, schlüpfe in den Wintermantel, schlinge mir den Schal um den Hals. Die Wärme im Winter, die ich mir selbst schaffe beim spazieren gehen, ist die Schönste. Diese klirrende Kälte saust in den Kopf, einzig an Wärme kann ich noch denken, Wärme, Wärm… Als ob auf einmal alle Gedanken festgefroren wären, tief gefroren. Nämlich drinnen in der einsamen Wärme der Wohnung tauen sie wieder auf und plagen mich. Sie stechen mit ihren kleinen Nadeln, nein sie ritzen mir in die Nervenbahnen ein: tue, lebe, liebe. Niemals kitzeln diese verdammten Plagegeister, so kann ich nicht lachen, manchmal nur weinen, aber immer weniger. Deshalb liebe ich diesen Winter. In den Kühlschrank kann ich schlecht meinen Kopf stecken, immer wieder, den Kopf in das Gefrierfach legen, Eiswürfel von den Gedanken herstellen. Eiswürfelgedanken — um sie bei Bedarf auftauen oder immer wieder den Ausguß hinunter zu schütten. Ja! Aber wenn es zu kalt ist, ist es auch nicht gut, dann frieren die letzten schönen Gedanken zu und ich kann nicht einmal mehr an Wärme denken.

III.
Vor dem Haus ist eine Wiese. Heute schneit es noch immer nicht. Sogar die Sonne scheint. Der Kalender vermerkt: 1.Dezember. Also gehe ich auf die Wiese. Es sind Spaziergänger unterwegs, wie ich. Wir grüßen uns. Auf dem Kiesweg treffe ich einen Nachbarn.
»Ich gehe spazieren!«, sage ich stolz zu ihm. »Ich bin nämlich ein leidenschaftlicher Spaziergänger!«
»Früher habe ich Sie nie gesehen.«, sagt mein Nachbar misstrauisch.
»Erst seit sieben Tagen habe ich das spazieren gehen gelernt.«
»Ja, das ist fein. Es ist ja auch solch ein schöner Tag dafür.«
»Früher las ich Bücher.«
»Ich lese Zeitung.«
»Und ich liebe den Schnee!«, setze ich hinzu.
»Na dann einen schönen Tag noch.«
Und wir gehen weiter spazieren. Ich gehe den Kiesweg weiter entlang. Mein Nachbar schließt bereits die Haustür auf. Der Kiesweg führt zu einer Straße, die Straße führt zu einem Feldweg. Der Feldweg führt in den Wald. Diesen Spaziergang werde ich heute tun. Sicherlich wird es anstrengend sein, aber spazieren gehen ist eben nicht ganz einfach. Entlang dem Kiesweg ist eine Wiese. Entlang der Straße fahren hunderte von Autos. Am Feldweg entlang ist Acker und eine Grasnarbe. Im Wald wachsen Bäume. Es ist ein Mischwald. Dabei haben es die Tannen am schwersten. Sie tragen das ganze Jahr über die Last ihrer Nadeln. Die Laubbäume dagegen dürfen im Winter ruhen. Ihre Blätter sind sie Gott sei gelobt im Winter los. Buschwerk und niedere Gräser wachsen unter den Bäumen.
Ich höre Vögel. Auch am offenen Fenster höre ich Vögel. Hier aber im Wald singen die Vögel lauter. Sie werden dort wohl glücklicher sein. Oder sie schreien vor Verzweiflung. Zwischen den Häusern ist wenig Platz für die Vögel. Zum Fliegen braucht man viel Platz. Zwischen den Büchern habe ich sie manchmal fliegen sehen. Natürlich nur, wenn ich die Augen schloß. Jetzt kann ich die Augen schließen und es ist dunkel. Aber ich höre die Vögel singen. Ein Specht hämmert gegen die Birke einer Tanne. Der Specht singt nicht, er arbeitet. Ich gehe zurück, den Waldweg entlang, ein fester Weg. Durch die dichte Tannendecke kommt keine Sonne. Es ist mir ein wenig kühl geworden. Auch treffe ich hier keine Menschen an. Es gibt hier keine Spaziergänger. Aber spazieren gehen habe ich nun gelernt. Doch wenig Freunde fand ich bisher. Kann man nur spazieren gehen? Findet man keine Freunde beim spazieren gehen? Wo findet man sie? Und wie? Vielleicht sollte ich mit meinem Nachbarn Freundschaft schließen. Letztendlich ist auch er ein großartiger Spaziergänger. Früher habe ich ihn schon beneidet und bewundert. Täglich dreht er eine Runde um den Block. Niemals vergißt er das. Mein Nachbar ist ein redlicher Spaziergänger.
Der Waldweg wird zum Feldweg. Am Ausgang des Feldwegs bleibe ich stehen. Ein karierter, weißer Zettel liegt auf der Grasnarbe. Schon der nächste Wind könnte ihn davonwehen. Eigentlich dürfen keine Zettel auf dem Boden liegen. Schon gar nicht auf einer Grasnarbe, zwischen Acker und Feldweg. Zettel sind keine Bücher. Auf Zettel schreibt man wichtige Dinge. Zum Beispiel, was man einkaufen will. Aber auch, was sonst noch zu erledigen ist. Ich schrieb auf einen Zettel: spazieren gehen, Freunde treffen. Aber diesen Zettel habe ich immer bei mir. Deshalb kann dieser Zettel auf dem Boden nicht von mir sein. Jemand muss den Zettel verloren haben. Vielleicht wird mein Nachbar den Zettel verloren haben. Aber mein Nachbar geht hier nicht spazieren.
Der Zettel ist durchweicht vom Ackerboden. Torfige Schlieren überspülen das Karo des Zettels. Auf dem Zettel steht mit roter Schrift geschrieben:
»Ich vermisse Dich. Melde dich! Deine Spaziergängerin.«

IV.
Dutzende Eintagsfliegen im Netz meiner Hausspinne, die ihren Lebensabend in der Ecke meines Wohnzimmers eingerichtet hat. Ich lasse sie dort, beobachte sie jeden Morgen, kurz nach dem Aufstehen, es ist wie ein Reinigen von Träumen. Ich zähle die Eintagsfliegen nach, die sie neu gefangen hat, puste in das Netz, bis mir die Spinne mit ihrem schwarzem Grinsen einen schönen guten Morgen wünscht. Das ist mein Sonntagsmorgen.
Von Zimmer zu Zimmer gehen. Die Bücher im Bücherregal durchsehen, dieses und jenes herausnehmen und darin schmökern, ein oder zwei Sätze lang — sich an das Buch erinnern, an die Erinnerung an das Buch. Und schließlich die lange rote Brockhausreihe, 30 Bände mit Goldschnitt anstarren. Irgend einen Band herausnehmen und die Nase tief in die Seiten stecken. Immer riecht es frisch nach Druckerschwärze, nicht nach irgend einem anderen phantastischem Geruch, nein nach Druckerschwärze. Wenn diese Bände eines Sonntagmorgens nicht mehr nach Druckerschwärze riechen sollten werde ich sie verkaufen. Das ist der Sonntagmittag.

V.
Ich werde Straßenbahn fahren. Schon als Junge fuhr ich gerne Straßenbahn. Sie ratterte, machte Krach. Deshalb musste ich niemandem zuhören. Meine Mutter saß daneben, redete und redete, und ich hörte einzig das Rattern. Damals wollte ich Straßenbahnschaffner werden. Aufgeregt sah ich die grünen und roten Lampen blinken. Der Straßenbahnschaffner erklärte mir die Lampen. Bei der grünen Lampe fährt die Straßenbahn. Bei der roten Lampe hält die Straßenbahn. Diese Lampen hatten keine wesentliche Funktion. Denn ich hörte die Straßenbahn rattern, wenn sie fuhr. Dabei leuchtete die grüne Lampe — aber das war auch alles. Sein größtes Geheimnis, an welchem Signal er weiterfuhr, verschwieg er. Der Straßenbahnschaffner wollte mir nicht sagen, was die Signale bedeuten. Die Signale waren an langen Masten angebracht. Davor hielt die Straßenbahn. Einmal ergaben zwei Punkte des Signals eine Schräge. Ein anderes Mal ergaben drei Punkte eine Waagrechte oder Senkrechte. Aber der Straßenbahnschaffner fuhr gleich bei jedem Signal los. Und heute, heute werde ich wieder Straßenbahn fahren. Ich werde meinen Freund, den Straßenbahnschaffner wiedersehen. Schließlich werde ich ihn fragen, was die Signale bedeuten. Danach werde ich spazieren gehen.

Alles ist wie früher. Die Straßenbahn rattert, quitscht bei jeder Biegung. Es riecht nach dem nassen Staub eines Sommerregens. Aber es ist Winter. Und es schneit noch immer nicht.
»Mein Freund, was bedeuten die Signale am Schienenrand?«
»Die Signale bedeuten nichts! Setzen Sie sich hin! Ich muss in Ruhe Straßenbahn fahren. Für Auskünfte werde ich nicht bezahlt!«
Es ist ganz wie früher. Nichts hat sich verändert. Nur meine Bücher verstauben im Keller und nichts hat sich getan. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll. Auch ist es heute schwieriger als gestern Freunde zu finden. Nicht jeder Tag scheint geeignet, Freunde zu finden. Vielleicht aber ist heute der Tag um spazieren zu gehen.
Ich setze mich auf einen freien Platz. Ein Zettelchen liegt auf dem Boden. Er ist kariert. Und er ist zerknüllt. Ob etwas darauf steht? Wie ein Puppenkopf sieht das Zettelchen aus. Hallo Puppenköpfchen! Was hat man dir getan? Kariert bist du und Worte fließen aus deinem Köfpchen. Püppchen, Püppchen, was hat man dir getan? Ich möchte dich nicht anfassen, ich möchte dir nicht wehtun. Worte sind ansteckend. Oder soll ich dir helfen, dich davon zu befreien? Hier oben auf deiner Stirn klebt ein ›U‹. Deine Augen sind das ›E‹. Und der Mund ein breites ›W‹. Soll ich es lesen und dich davon befreien? Weißt du dein Köpfchen kann man auseinanderfalten. Dann hast du ein Leibchen.
»Erwarte Dich am Mittwoch, um 17 Uhr.«
Ja, siehst du, Püppchen, das trug dein Köpfchen. All das und bestimmt noch viel mehr. Was glaubst du, wer erwartet da wen? Du willst wohl nicht mehr meine Freundin sein? Du hast nichts mehr auf deinem karierten Köpfchen stehen. Dann paß auf! Dein Leibchen wird wieder ein Köpfchen. Siehst du! Das ›U‹ an der Stirn, die Augen das ›E‹ und das ›W‹ der schmollende Mund. Schlafe weiter, mein Püppchen und träume weiter. Vielleicht sieht man sich ja wieder. Ja, mein Püppchen, mein Kopfpüppchen. Vergiss mich nicht.

VI.
Ich will mir Freundinnen träumen, hier und jetzt in dieser Kälte, in dieser Stadt.
Wir werden ein Feuer entzünden müssen, mitten auf dem Marktplatz. Ein Fremder wird wahscheinlich stehen bleiben und versuchen uns zuzulachen. Die eine Freundin wird um das Feuer tanzen, die andere davor stehen und sich einfach nur wärmen. Meine beste Freundin wird sich lange Zeit durch das dunkle Haar streichen, bis sie eine Locke erwischt und dann vor dem Feuer anfangen zu erzählen, von sich. Das hat sie schon lange nicht mehr getan und ich werde ihr zuhören, manchmal lachen über ihren ängstlichen Starrsinn nicht gemocht zu werden. Zuletzt werden wir uns in den Armen liegen und meine anderen Freundinnen werden sich zu uns stürzen, mit kindlichem Eifer über uns schimpfen, weil wir nicht sie umarmten. Wir werden uns alle zusammen in den Armen halten und dann dem Feuer zusehen wie es langsam niederbrennt, die Flammen kleiner, dünner werden, das Rote, Orangene, Gelbe sich zum Grau der Stadt verwandelt — aber erst am Morgen. Dann sind wir müde und werden uns in mein großes Bett legen. Nach dem Schlaf werden wir uns die Nacht noch einmal und noch einmal erzählen, uns unserer Freundschaft versichern, zwischen Kaffee und Brötchen. Wir werden nichts vermissen.
Und schließlich träume ich mir einen Mann. Er war der Fremde, der uns versuchte zuzulächeln am Feuer. Aber das werde ich erst viel später von ihm erfahren. Am Anfang steht er nur verloren — wie alle Männer — vor einer Ampel, ich neben ihm. Die Ampel ist rot, wir warten, die Ampel wird grün, wir warten, und so geht es noch einige Male. Er wendet sich dann zu mir und fragt, ob ich zuerst über die Ampel gehen wolle. Alleine möchte er nicht mehr über eine Ampel gehen und so wenigstens einem Menschen hinterhersehen können, wenn jemand vor ihm weitergehe, das genüge ihm. Aber ich werde bei ihm bleiben, gemeinsam bei rot über die Straße gehen und dann mit ihm mein großes Bett teilen für diese Nacht. Er wird sich wundern, wie warm das Bett noch ist. Ich werde ihm erzählen von meinen Freundinnen, dem Feuer inmitten dem Marktplatz. Dann wird er es mir sagen, er sei der Fremde gewesen damals, der versuchte uns zuzulächeln. Damals aber, so wird er sagen, hatte er nur Augen für meine Freundin, die um das Feuer lief und dabei weinte. Wir werden uns die ganze Nacht über lieben. Am nächsten Morgen wird er wieder fahren müssen aber immer wieder, an irgend einem anderen Abend wiederkommen.

VII.
Ich kann nicht schlafen. Ob meine Bücher schlafen können? Ob ich nicht doch ein, zwei Seiten lesen sollte? Die Gedanken alleine rauben mir den Schlaf. Die Bücher wiegten mich in den Schlaf. Aber ich will sie doch in Ruhe lassen. Will das bücherlose Leben lernen, kennenlernen, leben. Das Bett ist lauwarm. Die Bettflasche ist schon längst kalt geworden. Wie könnte ich es wärmer haben? Welche Methoden gibt es noch? Alleine ich wärme mich nicht. Und schon gar nicht wenn ich wach liege. Die Bettflasche hält nicht lange vor. Ansonsten ist die Bettflasche heiß, siedend. Obwohl nach Gebrauchsanweisung siedendes Wasser verboten ist. Aber ich brauche ein warmes Bett. Wie machen es die anderen? Wie halten die anderen in der Nacht ihr Bett warm? Manche sind nicht alleine. Sie wärmen sich aneinander, wie Tiere. Selbst Schildkröten — las ich — wärmen sich gegenseitig. Unter der Laubdecke liegen sie beieinander bis zum Frühjahr. Eine Nacht würde mir genügen. Eine Nacht nicht frieren. Eine Nacht nicht wachend liegen. Ein Nacht gemeinsam. Dann wäre die nächste Nacht nicht mehr so kalt. Auch wenn ich wieder alleine liegen würde. Wie findet man jemanden, der einem wärmt? Und wird sie auch die richtige Temperatur haben. Wird sie nicht vom Bett herunter plumpsen? Wird sie mitten in der Nacht aufstehen und gehen wollen? Wie wird sie heißen? Wie wird sie mich nennen? Wie werde ich sie nennen? Wie werden wir uns nennen? Werden wir uns lange wärmen können? Und wie finde ich sie eigentlich? Werde ich sie beim spazieren gehen finden? Ist es so, als ob man einen Freund findet? Ist dies schwieriger als einen Freund zu finden? Jetzt werde ich schon gar nicht mehr schlafen können.

VIII.
Wieder eine Nacht ohne Schlaf. Zurück geblieben ist das kalte Bett. Die Kneipe ist warm.
»Ich bin jemand, der mit gebrochenem Herzen seinen Kummer ersäuft«, sagte der andere auf seinem Barhocker lächelnd.
»Und woran ist Ihr Herz gebrochen?«
»Nein, nein, mein Herz ist nicht gebrochen. Eigentlich bin ich bloß Quartalssäufer.«
»Wegen gebrochenem Herzen?«
»Quatsch, ich trinke kein Alkohol. Ich bin ein geborener Liebhaber!«
»Haben Sie sich so schnell erholt vom gebrochen Herzen?«
»Ich hatte noch nie ein gebrochenes Herz.«
»Aber wieso trinken Sie dann?«
»Ich sitze immer hier! Nur manchmal denke ich daran Schluß zu machen!«
»Ich sitze hier zum ersten Mal, davor ging ich spazieren. Aber nun lerne ich ja schon wieder einen Freund kennen?«
»Ich habe keine Freunde, es ist nicht gut Freunde zu haben. Einmal hatte ich einen Freund — einen Schauspieler. Er sagte: auf der Bühne bin ich ich selbst, auf der Bühne verliere ich die angst vor dem Leben. Ja, kurz danach sahen wir uns nicht wieder. Denn ich habe immer und immerzu angst vor dem Leben.«
»Lassen Sie uns Freunde sein.«
»Vergiss‘ es. In einer halben Stunde muss ich auf der Bühne stehen.«
»Welche Bühne?
»Mann, ich bin Schauspieler, ich spiele, ich spiele heute Abend einen Liebhaber, nächsten Monat einen Enttäuschten, nächstes Jahr bereits einen Selbstmörder, dann setze ich für ein, zwei Monate aus und beginne wieder als Liebhaber. Daneben kann ich nichts gebrauchen.«

IX.
Noch immer ruhen die Bücher im Keller. Manchmal vermisse ich sie. Manchmal sprechen sie sogar zu mir. Sie rufen. Sie schreien. Manche weinen sogar. Dann gehe ich spazieren. Ich gehe lange, sehr lange spazieren. Mein Nachbar kennt mich jetzt, grüßt. Der Nachbar hört das Rufen meiner Bücher nicht. Selbst im Wald höre ich sie noch flüstern. Manchmal.
Heute ist es wieder so weit. Die Bücher rufen, weinen, schreien — durcheinander. Im Wald wird es gut sein zu spazieren. Die Wälder sind so dicht wie Buchseiten es nur sein können — undurchdringlich. Es regnet im Takt. Von den Laubblättern tropft Regen auf die Büsche. Von den Büschen auf die Buschwindrosen. Von den Buschwindrosen auf den Boden. Tropfen auf Tropfen. Ein melancholischer Takt. Ich gehe in diesem Takt weiter, weiche einer Schnecke aus. Die Schnecke geht auch spazieren, zusammen mit ihrem Haus. Tropfen auf Tropfen. Meine Stirn wird nass, die Nase auch, selbst die Wangen. Es ist wie weinen ohne richtig traurig zu sein. Auf dem Kiesboden des Waldes bilden sich erste Pfützen. Laubwälder haben ihre eigene Melodie. Ich bleibe stehen, höre zu. Ein Satz aus einem Buch drängt in meine Ohren. Und renne los. Regenpfützen schlackern um meine Füße, die Beine hoch. Will nichts mehr hören, will keine Sätze, will spazieren gehen. Und bleibe stehen, gehe weiter spazieren. Nichts! Regentropfen. Tropfen auf Tropfen. Regen graviert Zeichen in die Pfützen. Es sind erbärmliche Zeichen, akkupunktierte Buchstaben. Keine Sätze, keinen Sinn, keine Gefahr. Im Regen spazieren zu gehen ist wunderbar. Und dann ein Spaziergänger. Er kommt mir entgegen. Er sieht in die Luft, saugt den Regen ein. Ich gehe ihm entgegen. Von Spaziergänger zu Spaziergänger. Er sieht mich nicht. Ich tippe ihm an die Schulter. Es ist eine Spaziergängerin. Ich sehe es an ihren Brüsten. Der Regen hat ihr T-Shirt durchweicht. Runde nasse Brüste, die sich durch das T-Shirt drücken. ›Schwarzwald‹ steht auf dem T-Shirt. Wir bleiben voreinander stehen. Und sagen nichts.

Fortsetzung folgt




Springtide

I.

Heute muss SIE kommen. Heute werde ich SIE endlich wieder in die Arme schließen.
Es ist Frühling geworden. Ich vermisse Buschwindröschen. Auf dem Sandboden wachsen sie nicht. Ich denke an Madonnenlilien.
Am Horizont das Schiff. Gespannt sehe ich aus dem Abteilfenster. Das Wasser ist vorangegangen, einen großen Schritt: Flut. Genug Wasser für das Passagierschiff Rosa, damit es am Inselhafen anlegen kann.
Heute muss SIE kommen. Heute muss die Rosa mit IHR ankommen.
Das Meer züngelt, zerrt am Bahndamm. Tuckernd fährt dem Hafen entgegen die Inselbahn. Der große Teppich Meer wird sich über sechs Stunden wieder eingerollt, das Wasser sich zurückgezogen haben.
Weit in das Meer hinein ist der Hafen gebaut.
Til, der Inselglaser hat es erklärt: »Ein Kranz Stahlspundbohlen ist um den Hafen herum gelegt, so ist er unverwüstlich geworden.«
»Unverwüstlich wie die Wüste?«, fragte ich.
Die Inselbahn liegt mit drei Waggons und mir als einzigem Fahrgast wie ein gestrandeter Wal am Hafen. Das Passagierschiff Rosa wird festgemacht; an der Reling stehen gebannt die ersten Passagiere. Ob SIE wohl müde ist? Wird die dreistündige Seefahrt nicht zu viel für SIE gewesen sein?
Vor der Gangway der Rosa stelle ich mich auf, verfolge den kurzen Weg der Menschen, die vom Schiff auf die Insel gehen, suche fiebernd nach einem Zeichen, Lippen, Augen und Haaren von IHR. Die meisten Menschen beachten mich nicht, und die, die mir flüchtig in die Augen sehen, kenne ich nicht. Von einer alten Frau werde ich zur Seite geschoben, so wie man einen fremden Koffer beiseiteschiebt.
Die meisten Menschen kommen nicht allein. Ehepaare schlendern über die Landungsbrücke, Kinder springen und hüpfen vereinzelt um sie.
Wenige Frauen kommen allein auf die Insel. Einige bleiben stehen, kümmern sich um ihr Gepäck. Diese sehe ich besonders lange an, bis sie sich abwenden. Ich sehe auf Lippen, die nicht IHRE Lippen sind, die nicht das Rot von Leuchtreklame haben. Diese Lippen sind blass, zerfurcht, oft zerbissen. Ich sehe in Augen, die nicht IHRE Augen sind, die nicht das Grün von Absinth haben. Diese Augen dort bestehen aus Tee, braunem, ungezuckertem Tee, oft milchig verschleiert. Diese Haare sind dunkel, verweht. Haare wie Marilyn Monroe haben sie alle nicht. Diese Haare flattern blass im Wind, werden zu verschwommenen Strichen, die nicht IHR Haar in den Himmel malen.
SIE ist wieder einmal nicht gekommen. Sicher kommt SIE morgen oder in den nächsten Tagen. SIE benötigt noch ein wenig Zeit für alles.
Die Bahntrasse führt vom Hafen über den Deich zur Insel und zieht sich lange Kilometer hin. Treibeis kann ihr nichts mehr anhaben.
»Vor zwanzig Jahren hat Treibeis den Bahndeich und den alten Hafen zu holzigem Brei gepresst«, sagte Til, »aber selbst die Bahntrasse ist jetzt bombensicher!«
Darüber musste ich lachen, Til aber schüttelte verärgert den Kopf, ließ sich aber trotzdem in die »Pupille«, eine Kneipe mitten im Dorf, einladen.
Tage später lud mich Til ein, seine Glaserei anzusehen, und ich besuchte ihn gleich am nächsten Tag. Til schnitt gerade Fenstergläser zu und zeigte mir wenig später die Werkstatt, all die Fenstergläser und Fensterrahmen. Überall an den Wänden verstreut hingen Fotografien seiner früh verstorbenen Frau; Til hatte ihre kastanienbraunen Haare sehr geliebt.
Röchelnd fährt die Bahn an. Ankommenden tönt das Pfeifen als Schrei eines eisernen Vogels. Grauer Bahndunst wirbelt mit Meeresluft vermischt in jeden Mund. Nachts wache ich oft auf, schmecke diese salzgeschwefelte Luft, die in der Rachenhöhle nistet, und starre auf die Schattenspiele an den Wänden: Rote Leuchtreklamelippen sehe ich, Augen von Absinth, Haare wie Marilyn Monroe. Sie. Dann vergrabe ich mich in das Kissen, während Speichel mir aus den Mundwinkeln fließt. Manchmal stehe ich auf, trinke Wein; manchmal schlafe ich auch wieder ein.

Ich schiebe mich langsam durch die Abteile, sehe noch einmal auf die Angekommenen – die Frauen. Die Frau, die ich suche, ist nicht angekommen.
Wenig später, als ich durch die Abteile gegangen bin, die Bahn unter rostigem Quietschen auf dem winzigen Sackbahnhof hält, habe ich alles getan, was ich tun muss. Ich suche. Suche SIE.
SIE, so tuscheln bereits einige Insulaner argwöhnisch, gebe es nicht, habe es noch nie gegeben, niemals. Andere zeigen hinter meinem Rücken auf mich, würden SIE gerne für mich aus dem Meer fischen, vom Festland einfangen, mit einem großen Schmetterlingsnetz. Man munkelt, ich hätte vor einem halben Jahr diesem oder jenem Ankommenden sogar eine Fotografie von IHR gezeigt, die schon drei Tage später vom Wind verweht, vom Meer verschluckt geblieben sei. Dann erst, so meinen jene, hätte ich angefangen mit dieser wunderlichen Beschreibung einer Frau mit roten Leuchtreklamelippen, mit Augen von Absinth und Haaren wie Marilyn Monroe. Einige Insulaner sahen in die Augen ihrer Frauen, und obwohl sie grün waren, konnten sie keinen Absinth erkennen; die Lippen ihrer Frauen sind von Salz und Wind rosa gegerbt; ihre Haare sind kurz geschnitten, damit der Sturm sie nicht verknote. Kein Insulaner kann sich DIE Frau vorstellen, die ich suche. SIE aber wird sicher bald kommen, und die Insulaner werden SIE endlich sehen und kennenlernen.
Kein Insulaner kennt meinen wahren Namen. Hier und da tauchte ein Name auf, der aber bald wieder ins Ungewisse verschwand, und niemand wollte es auf sich nehmen, etwas zu erfinden. Dennoch rief mich irgendwann einmal irgendein Spaßvogel Leuchtreklamemann – und dabei blieb es. In der Pension von Anna Levin, in der ich wohne, habe ich auf dem Anmeldebogen für Name, Vorname und Anschrift drei kleine Kreuze gemacht. In der Spalte für das Geburtsdatum drehen sich zwei ineinander verschlungene Kreise, der Ankunftstag ist verkleckst, der Tag der Abreise papierweiß. Seit letztem Sommer bezahle ich das Zimmer pünktlich. Und ist SIE erst einmal angekommen, werde ich mit IHR zusammen einen neuen Anmeldebogen ausfüllen und IHREN Namen daruntersetzen.

Die Angekommenen zerstreuen sich in drei Himmelsrichtungen. Meine Unterkunft liegt im Westen der Insel. Ich benutze den geteerten Weg, auf dem einzig Pferdegeschirr und Fahrradklingeln eintönig scheppern. Der Weg ist nicht weit, nicht einmal zwei Viertel einer Stunde werde ich benötigen.
Viertel, vierteln – meine Zeit zu vierteln begann ich schon bald. Ein Viertel Schlaf, das zweite, um den Schlaf zu überwinden. Das dritte und vierte Viertel für Unrast und Erwartung. Der Bruch der Zeit, der echte Bruch. Der Nenner bleibt immer gleich, aber der Zähler verrutscht wie Geröll auf einem Berg mit leichter Neigung, das immer wieder auf den Berggipfel hochzuschleppen ist. Jetzt schlafe ich manchmal neun Stunden, und der Tag hat mich gebrochen. Das zweite und das dritte Viertel müssen neu geordnet werden. Geröll türmt sich schwarz in mir auf. Auf der Insel muss ich sogar mit der Zeit von Flut und Ebbe rechnen. Wann kommt das Schiff an? Wann gibt es genug Wasser, damit die Fahrrinne so hoch mit Wasser gefüllt ist, dass das Schiff mit IHR ankommen kann? Jeden zweiten, zuzeiten auch nur jeden dritten oder vierten Tag kommt das Passagierschiff Rosa an. Bei starkem Ostwind ist die Rinne leer, das Wasser weit zurückgetrieben. So bleibt das Schiff oft viermal vier Viertel lang vermisst. Schließlich muss ich die Tage neu ordnen lernen. Wie viel Viertel davon benötigt der Schlaf und wie viel Viertel das Warten? Und SIE? SIE ist noch immer nicht angekommen. Aber SIE wird kommen. Täglich rechne ich mit IHR.

Die Sonne steht im dritten Viertel des Tages. Nach und nach überholen mich ein Pferdeomnibus und mehrere Einspänner. Straff halten die Kutscher die Zügel. Ein Kutscher knallt gelangweilt seine Karbatsche über den Kopf des schnaubenden Pferdes. Fahrradfahrer grüßen kurz.
Pechschwarzer Straßenbelag schluckt meine Bewegungen. Vor der Krümmung der Straße steht still ein Einspänner. Davor der Kutscher, der sich mit seiner Karbatsche über die Finger streicht. Aus dem Fenster des Eckhauses reckt ein Mann seinen Kopf. Einige Stimmfetzen schwirren über die Straße. Ruhig halte ich die Arme am Körper, das Gesicht unbewegt, nur mein Mund zittert. Ist es die Einsamkeit meiner Gedanken, die Lust am fremden Wort, die Hoffnung auf einen Hinweis auf SIE, was mich ohne lange Überlegung auf die Unterhaltung zusteuern lässt?
»Zu mir hat doch letztens einer gesagt«, sagt der Kutscher, »wenn du mit fünfzig noch nicht zum Segeln gekommen bist, hast du etwas verkehrt gemacht!«
Der Kopf im Fenster nickt. Auch der Kutscher schweigt einige Zeit. Dann gleiten die geflochtenen Lederriemen der Karbatsche über seinen Handballen. »Meine Frau wartet mit dem Essen«, sagte er, wünscht dem anderen noch einen schönen Tag, macht es sich auf dem Kutschbock bequem, schnalzt mit der Zunge und lässt die Karbatsche mit einem scharfen Knall über den Kopf des Pferdes sausen.

Ich gehe weiter westlich. Langsam wächst der helle Punkt zu dem zweistöckigen Haus an, in dem ich ein Zimmer bewohne. Anna Levin, meine Wirtin, wird Obst und Gemüse in die Regale ihres Kaufmannsladens einräumen. Und ab und an wird sie ihre braunen Locken aus dem Gesicht streichen. SIE wird Anna Levin sicherlich mögen.
»Wie der Wanderer am Himmel sehen Sie aus!«, sagte sie einmal. Ich nickte bloß. Ein anderes Mal sah ich Anna Levin sogar auf der Düne. Und ich hob den Kopf gegen den Himmel, vielleicht auch mehr gegen das Meer. Lange, länger als eine halbe Stunde, stand Anna Levin auf der Düne, und ich ging weiter, immer weiter, bis sie ein dunkles Sandkorn am Horizont geworden war. Blau hatte sich der Himmel über mich ergossen. Am Abend kam ich wieder, und aus meinen hohen Schuhen quoll Sand. Und Anna Levin sah mich an wie den Mann im Mond, beschwerte sich nicht einmal über den Sand auf ihrem blauen Teppichboden.
»Sie sprechen wenig«, sagte Anna Levin, »so wenig, dass viele glauben, Sie könnten einzig jene Worte sprechen, die nach IHR fragen – rote Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth und Haare wie Marilyn Monroe; Wortbrocken, die Sie auf die Ankommenden werfen.«
Ich aber ging langsam, ohne Antwort die Wendeltreppe nach oben auf mein Zimmer.
»Sie erinnern mich an Gerd, meinen verstorbenen Mann«, murmelte sie noch hinter mir her.
Schnell schließe ich nun auf. Anna Levin ist nicht zu Hause, sie räumt Obst und Gemüse in die Regale ihres Kaufmannsladens ein. Ich gehe die Treppen nach oben, öffne meine Tür, entledige mich meiner Kleidung, kippe das Fenster und lasse die Jalousie nach unten fallen; wühle mich in das Federbett.
Einige Stunden döse ich. Am späten Abend besuche ich die Pupille. Dort trinke ich wenig. Zurück gehe ich am Meeresleuchten entlang und schlafe dann bis zum nächsten Morgen. Kein Mensch stört mich.
– Leseprobe zu Ende –

Springtide-Buch

Umschlaggrafik: Kerstin Bober


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Rojen

1.
Die Rettungshubschrauber suchten noch immer. Rojen starrte auf die Lichtlanzen, die in die gewaltigen Berge hineinstocherten, in den Gletschern wühlten; den Versuch wagten, die Nacht einige Momente zur Seite zu schieben, immer und immer wieder; eine neue Position einnahmen; stocherten und wühlten; suchten.
Langsam drehte sich Rojen, wie zum Spiel, im Kreis. Breitete seine Arme aus. Dröhnte wie die, in der Ferne fliegenden Maschinen. Er­niedrigte den Abstand der Schritte. Wirbelte auf den Zehenspitzen zwei bis drei Mal schneller als bisher. Hörte das Zirpen einer Frauen­stimme. Sah das verwischte Gesicht von Ina. Sah die weißdurchfleck­ten schwarzen Berge, den zerfließenden Frauenkörper. Stellte sich nach fünf Atemzügen wieder auf die Fußballen, wobei er die Ge­schwindigkeit drosselte; klappte die Arme eng an seinen Körper. Stand nach vier Umkreisungen still.
Schwaches Mondlicht. Ergraute Gartenmöbel. Das gelblichweiße Gä­stehaus. Dahinter das trübe Meer schwerer, dunkler Granitberge, die sich in Rojens Augen wölbten als eine sich überschlagende Welle schwarzen Fels. Vereinzelte Spritzer schlugen an seine Schläfe. Durch seine geschlossenen Augen brachen Gebirgsketten ein. Der er­ste Aufschrei löste sich. Die Berge fingen seinen unverständlichen Schrei auf, verdoppelten, verdreifachten, verfielfachten ihn, schallten ihn dutzendfach zurück. Leises Weinen mischte sich mit ein. Gab dem Echo eine neue Melodie.
Rojen klammerte sich an einen der zugeklappten Sonnenschirme. Wimmerte vor Angst. Vor Angst, die Brandung der spitzen Felsen würde alles niederreißen, niederwälzen, zunichte machen, zerquet­schen wie eine Fliege, die durch das zufällige Kratzen einer Hand weggewischt wird.
Behutsam strich Ina mit ihren Fingerkuppen über sein nasses Ge­sicht, über die zitternden Wangen, durch das struppige Haar. Legte ihm den Daumen auf den Mund. Sein Weinen verstummte, der Kör­per zuckte noch einmal kurz zusammen, die verkrampfte Hand löste sich von dem Sonnenschirm. Ina zog Rojen, unter dem stärker wer­denden Regen, an sich. Rojen glitt in ihre Arme.
Die Wirtin kam ihnen mit platt gedrückten Haaren entgegen.
»Frau Selcher, ist Herrn Trebis etwas passiert, oder ist ihm vielleicht nicht gut?«, raffte ihr Nachthemd am Bein zusammen.
»Soll ich ihm einen Magenbitter bringen?«
Ina verneinte. Rojen stotterte etwas von Messer in ihm, die verblu­ten, das niemand verstand. Die Wirtin ordnete verschämt ihre Haare.
Alle zusammen gingen in das Haus zurück, in ihre Zimmer — schlafen. Die Spitzen der Berge lagen wieder im dunklen Schlummer. Kein Ge­räusch erbebte mehr.

»Das waren noch kleine Jungens, keine 17 Jahre alt, beide tot. Erst heute, in der Früh wurden sie gefunden, im Radio haben sie’s ge­sagt!«, brachte die Wirtin, zusammen mit dem Frühstück, die Nach­richt.
Rojen musterte das gealterte Gesicht der Wirtin, reichte Ina den Brotkorb, dann den Zucker, schnitt ein Mohnbrötchen auf, hielt ein, sah wieder auf das Gesicht der Wirtin.
»Heute geht es mir auch wieder viel besser. Ich weiß nicht, was ge­stern mit mir los war. Entschuldigen Sie!«
Kopfnicken und die abwinkende Hand der Wirtin.
Rojen und Ina fühlten wenig Appetit. Rojen tupfte sich den Mund mit der Serviette.
»Mach doch bitte die Serviette auseinander, du weißt doch, ich kann das nicht ertragen!«, sagte Ina, und trank den Kaffee in großen Schlücken aus.
Rojen legte die Serviette noch einmal zusammen, tupfte sich noch­mals den Teerand vom Mund, stand vom Tisch auf und ging aus dem Frühstückszimmer. Ina kratzte mit dem Löffel auf dem Boden der Tasse, drehte ihn einigemal im Kreis, ließ ihn fallen und ging Rojen nach. Sie holte ihn ein, fuhr mit ihrer Hand in seine, die ihre Hand einige Sekunden lang abschütteln wollte, er es dann doch geschehen ließ.
Eine dunkle Haarsträhne fiel ihr in das weiche Gesicht. Sie ließ die Hand nicht locker, erhöhte sogar den Druck und fuhr mit ihrem Daumen über seine breite Hand.
»Wir dürfen nicht vergessen zu packen, der Zug fährt in zwei Stun­den!«, sagte sie fest, löste sich leicht aus der Umarmung seiner Fin­ger und ging mit schnellen Schritten in ihr Zimmer.

Frühe Morgensonne fiel auf die zugeschneiten Gartenmöbel vor dem Haus. Zugeklappt standen die Sonnenschirme als weiße Pfeile in der Mitte der Terrasse.
Das Taxi fuhr vor, hupte einige Male, bis Rojen und Ina aus dem Haus kamen; ein letztes Händeschütteln mit der Wirtin tauschten, auf das Taxi zugingen, dem Haus und der Wirtin eine letzte Kopfbe­wegung zuwarfen und in das Taxi einstiegen.
Der Bahnhof lag nur einige Minuten von der Pension entfernt. Ina zahlte. Rojen stieg aus, nahm beide Reisetaschen, ging zum Fahrkar­tenschalter, stellte die Reisetaschen davor ab, kaufte zwei Karten, drückte der Nachgekommenen die Karten in die Hände, verließ mit leeren Händen die Bahnhofshalle und verschwand, in der wenige Schritte entfernten Bahnhofsgaststätte.
Der Geruch frisch gebohnerten Bodens reizte die Nase. Wenige Gäste. An der Theke saß noch die Putzfrau. Vor Rojens Füßen rutschte ein Junge aus, der durch die Stuhlreihen gerannt war. Er weinte. Rojen sah irritiert auf den Liegenden. Gegen die murmelnden Geräusche der Gaststätte stach das hohe Geräusch des blonden Jungen wie Nadel­stiche in seinen müden Kopf. Rojen setzte sich, stopfte die Zeigefin­ger in die Ohren — das Geräusch wurde dumpfer und klang nach und nach von selber aus. Die Putzfrau war zu dem weinenden Kind ge­gangen, führte es zum Tresen, bestellte eine Cola, die der wimmernde Junge, das Knie haltend, Schluck für Schluck austrank. Unter den kurzen, streichelnden Strichen der Hand seiner Mutter durch sein Haar, begann er sich zu beruhigen, näher an sie heranzurücken und sich schließlich ganz verloren in ihrem Schoß zu versenken.
Eine nachlässig gekleidete Bedienung stellte sich vor Rojens Tisch auf. Ein Geschirrhandtuch hing wie ein Lätzchen aus dem Kragen ihrer Bluse. Rojen starrte auf das karierte Muster des Tuches, mu­sterte das spielerlose Feld, musste verlegen geworden, seine Finger aus den Ohren nehmen. Bestellte ein Weizen und einen Schnaps.
Ina trat in die Gaststube ein. Das Kind sah zu Ina, schluchzte noch einmal laut auf. Ina lächelte ihm zu, setzte sich auf den gegenüber­liegenden Stuhl von Rojen.
»Was soll das?«
Ina warf ihm seine Fahrkarte zu, die flatternd auf dem Tisch landete.
Schweigend griff Rojen nach dem Papier, steckte es ein, trank den Rest Weizen aus, der Schnaps folgte.
Rojen stand auf, ging zum Tresen, nahm loses Kleingeld aus der Ho­sentasche, zählte ab, wies mit gedrängter Stimme auf das Geld. Die Kellnerin sah vom Zwiebel schneiden auf, drehte sich um, nahm das Geld und ordnete es in die Kasse ein. Lange sah ihm das Kind noch nach.

Rojen glotzte auf das plakativ lächelnde Liebespaar. Sie hielt einen Blumenstrauß in der Hand, schien glücklich zu sein, wie er, der sie anhimmelte. Unter dem Werbeplakat blühte Löwenzahn. Rojen riß ihn mitsamt der Wurzeln aus der Mauerritze. Wischte und pustete die Erde von den Wurzeln frei, drückte ihn Ina in die Hand, wieder­holte die Werbung.
»Eigentlich wollten sie den IC um 11.13 Uhr, 12.13, 13.13, 14.13, Pünktchen, Pünktchen nehmen.«
Rojen spannte seinen rechten Gesichtsmuskel zu dem schiefen Grin­sen an, das Ina überhaupt nicht mochte und wiederholte »Pünkt­chen, Pünktchen.«
Ina hatte den Löwenzahn auf die Erde gelegt, wandte sich zu ihm.
»Wie lange ist das her? Und Blumen hast du mir schon lange nicht mehr geschenkt!«
Lange sahen sie sich stumm an.

Stumm saßen sie im Zug. Rojen hatte die Füße übereinandergeschla­gen, Ina sich entspannt zurückgelehnt. Beide sahen nach draußen, zu den vorbeihuschenden Bildern. Der Zug holperte mit steigender Geschwindigkeit über die Gleise; das auf Eisen scharrende Geräusch kratzte in Rojens Ohren. Berge, die Landschaft der Schweiz ver­schwanden mit der Konsequenz des sich fortbewegenden Zuges, wie Erinnerungsbilder. Ein nach Pizza und Rauch riechender junger Mann setzte sich neben Ina, versicherte sich ihrer Aufmerksamkeit durch das Zusammenziehen seiner dünnen Lippen, zu einem langge­zogenen Strich. Wie die Schneide zweier roter Messer sahen sie aus, dachte Rojen, die langgezogenen Messerstriche seiner Lippen, zwei aufeinanderlie­gende wetzende Messer war der Mund des jungen Mannes. Dessen schmalen Augenbrauen zogen sich in die Höhe, als er mit zäher Gleichförmigkeit auf Ina einzureden begann.
Rojen schmiegte sich eng an die Gleisscheibe, stopfte sich die Zeige­finger in die Ohren, hörte dumpfe Wortfetzen, die ab und an nur von kurzen, ein wenig höher Klingenden abgelöst wurden. Die Worte klirrten. Das Glas fühlte sich kühl an — und sicher. Rojen atmete aus. Über das Glas legte sich ein ungleichmäßiger Kreis kondensierter Feuchtigkeit. Er wartete ab, bis der Kreis kleiner und kleiner wurde und schließlich verschwand. Atmete auf die Scheibe aus. Wartete ab, bis der Kreis kleiner und kleiner wurde und schließlich verschwand. Wiederholte es. Wartete ab. Sah schließlich, die Stirn noch am Glas angelehnt, auf den Mund des jungen Mannes, der an einem Brötchen kaute, herunter schluckte, das letzte Stück in den Mund schob und Rojen ein Zeichen machte, ob er etwas trinken wolle. Rojen schüt­telte den Kopf, nahm die Finger aus den Ohren. Der junge Mann ver­zog sein Gesicht zu einem faltigen Luftballon, das böse blitzte.
Ina saß zurückgelehnt im Zugpolster, bot Rojen ihre Hand an. Rojen stand auf. Nahm Inas Hand um sie zum Aufstehen zu zwingen, führte sie aus dem Abteil, in den langgezogenen Gang, löste sich aus ihrer Hand, drückte ein Fenster herunter.
»Vielleicht sollten wir uns erst einmal nicht mehr sehen — oder …«, sagte Rojen, wartete nicht auf Inas Antwort, ging wieder zurück zum Abteil.
Der junge Mann hatte zu Ende gekaut, sah zu Ina, die sich bedächtig eine Zigarette drehte. Der junge Mann beugte sich zu ihr, gab ihr Feuer. Sie atmete tief ein, dann aus. Rojen fixierte sie einige Mo­mente, legte die Stirn wieder an die Glasscheibe, beobachtete im Spiegelbild den jungen Mann. Mit der Minenspitze des Kugelschrei­bers zog dieser Stück für Stück die Haut seines Mittelfingers in das Nagelbett zurück.
Angestrengt preßte der junge Mann seinen Mund zusammen, sog immer wieder tief Luft aus den verstopften Nasenlöchern. Rojen spannte seinen Rücken durch, hob ein wenig das Gesäß, so daß er mit langem, ausgestrecktem Arm das Fenster schließen konnte. Der junge Mann war zum Ringfinger übergegangen, visierte mit der Ku­gelschreibermine die überlappende Fingernagelhaut an. Senkte lang­sam die Mine nieder, strich die Haut zurück.
Die Füße übereinandergeschlagen sah Rojen zu Ina auf, die die Ziga­rette in der rechten Hand, die Reisetasche bereits in der Linken hielt, sich durch die Füße von Rojen und des jungen Mann schlängelte.
Rojen sah die vorbeifliegende Landschaft, die immer endloser wurde. Seine Stirn fühlte die Kühle des Glases. Der langgezogene Messer­strich, die der Mund des jungen Mannes bildete, verharrte einige Se­kunden lang. Dann schien der junge Mann sich um nichts mehr an­deres zu kümmern als um die Nagelhaut des kleinen Fingers.

In der zugigen Bahnhofshalle schaukelte das Bahnhofsschild. Eine der fliegenden Bahnhofsmäuse flog auf, krallte sich auf dem warmen Waggondach fest.
Er vermisste Ina schon jetzt. Warum auch hatte sie noch auf den Urlaub bestanden, wo sowieso alles entschieden war — von ihr.
Der Koffer stand neben ihm, die Taube auf dem Waggondach rutschte ab, landete auf dem Bahnsteig, wenige Meter vor ihm. Er versuchte sie aufzuscheuchen: ein lahmer Flügelschlag. Er lief auf sie zu. Die graue Taube tippelte, rannte, hüpfte. Nach wenigen Metern wippte sie mit den Flügeln, flog auf, ging in die Höhe, verschwand hinter dem Zug aus Bern.
Den Zeitglockenturm hatten sie gesehen, im Stadttheater waren sie gewesen, das Stück wußte er nicht mehr, sie hatten sich gestritten. Bern das waren bloß vier Tage in der Pension mit Blick auf die Berge Sterbender. Die Kuhle zwischen den Betten hatte sie nicht gestört. Zehn Tage waren gebucht. In den Berner Alpen fuhr sie Ski. An ne­bel­freien Tagen sah er durch das Fernglas auch die Spitze der Jung­frau. Er hatte dann auf Einzelzimer bestanden. Abgelehnt hatte er einen Skikurs für Anfänger — sie war nicht einmal enttäuscht gewe­sen.
Wie ein schmaler, hoher roter Stein erschien ihm sein Koffer, der aber als Grundstein in der Bahnhofshalle keinen Sinn ergab. Rojen klappte den Griff auf, faßte ihn mit der rechten Hand, zog den Arm an. Bereits jetzt zogen sich die Muskeln säuerlich zusammen.
Neben ihm roch es nach Pizza, der junge Mann aus dem Abteil hatte seine kalbsgroße Reisetasche, wie einen kurzen Rucksack, über den Rücken gezogen, verharrte einen Moment wie in Gedanken, und ließ seinen Mund wieder zu den aufeinanderschlagenden Messer werden. Nahm ein Taschentuch hervor, legte es über die breite und hohe Nase. Das Taschentuch wurde nicht zerschnitten von den scharfen Kanten, von der Schneide der Lippen. Der junge Mann schneuzte sich frei. Rojen sah an ihm vorbei, reckte kurz den Kopf, sah den schweren Frühlingshimmel. Seit Tagen war der Regen ausgeblieben.
Einige Meter war der Koffer getragen, der lange Gehsteig vor dem Bahnhof schien aus weicher und den lastenden Schritten ermüden­der Watte zu bestehen. Die Muskeln um die Schultern, selbst am Hals hatten sich verkrampft.
Über der Stadt lag eine große Schwüle. Die Luft war am Eindicken.

Der Taxifahrer hievte die Last in den Kofferraum.
»Kann ich mitkommen?«, fragte ein kleiner Junge, der plötzlich er­schienen war.
Die Hand noch am schmerzenden Hals sah Rojen um sich. Warum nicht, dachte er und massierte weiter seinen Hals.
Der Fahrer schwieg. Die Fahrt ging gut voran. Der Verkehr floss durch die Stadt. Es war früher Abend geworden, alles dunkelte.
Fast hätte er den zweiten Fahrgast, den kleinen Jungen vergessen.
Gern hätte sich Rojen zur Ruhe gelegt. Dann aber sah er es blitzen. ein blaues Taschenmesser streckte der Junge über die Handbremse hinweg, leicht zur rechten Seite gewandt.
»Sehr schön!«, lobte Rojen und schlief vor Erschöpfung tief ein.

Im Hausflur roch es nach Braten und Kartoffelbrei. In das Innere der Aufzugskabine waren Buchstaben geritzt. Etwas mußte bleiben und er ritzte mit dem Messer ein ›I‹ ein.
Bei der Rundung des kleinen ›n‹ war er bereits im vierten Stock, zwei Schritte noch entfernt von seiner Haustür. Er drückte auf ›E‹ – der Aufzug fuhr wieder nach unten. Die Rundung des ›n‹ machte Schwierigkeiten, die mit dem Drücken auf ›4‹, auf der Hälfte des Weges beseitigt waren. Für das kleine ›a‹ drückte er noch einmal das ›E‹, danach die ›4‹.
Es war getan, er ging die zwei Schritte zu seiner Wohnung, der Schlüssel kratzte im Schloß. Rojen zog ihn zurück. die Zacken ver­schwanden wieder im Etui. Rojen ging zum Aufzug, drückte den Pfeil nach unten. Sofort schoben sich die Türen zur Seite. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er strich über den eingeritzten Namen.
Plötzlich bewegte sich die Kabine nach unten. Im Erdgeschoß stieg ihm Duft von ranziger Butter in die Nase, der Hausmeister grüßte.
Rojen stieg aus, ging vor die Tür. Dort wartete der Junge auf ihn. Ganz vergessen hatte er ihn. Rojen gab ihm das Messer zurück, der Junge grinste und verschwand.
Schnell ging Rojen wieder in das Haus zurück, drückte den Pfeil nach oben. Wartete, die Aufzugstüren schoben sich auseinander. Rojen stieg ein, drückte die ›4‹, stieg aus, ging die zwei Schritte zu seiner Haustür, steckte den gezackten Schlüssel in das Schloß, wobei er plötzlich an die Paarungen von Katzen dachte. Durch eine Art Wi­derhaken am Penis konnten sich die Kater nur schwer von den rolli­gen Katzen lösen.
»Deshalb miauen die Katzen so laut!›, hatte ihm die Großmutter beim Eis schlecken ins Ohr geflüstert.
Das Glück der Liebe, dachte Rojen und ging langsam in seine Woh­nung.

Die Nacht verschloß sich hinter den Gardinen, unter den warmen Federn der Müdigkeit von Rojen. Bern, das Hotelzimmer wurde eingeflogen. Die eng beieinanderliegen­den Falten ihrer Haut bedrückten ihn. Ob sie 60 oder 70 Jahre alt war wußte er nicht. Im Schummer sah er ihre zusammengefallenen, verdorrten Brüste. Er nahm seine Hand aus der vertrockneten Hülle ihrer Hände. Suchte unter dem Kopfkissen verzweifelt lange. Rojen schnaubte. Es war keine Verteidigung möglich.
Auf dem kleinen Hoteltisch aus Marmor stand der kleine Junge, jounglierte mit Messern. Rojen rief ihm zu, bat um Hilfe; der Junge grinste, warf die Messer in die Luft, die sich mit der Geschwindigkeit von Schmetterlingen dem Bett näherten.
Die Nacht war noch nicht vorüber, hinter den Gardinen war der Mor­gen noch weit.
Rojen fiel in das Kissen zurück, in tiefen wie endlosen Schlaf.

2.
Die durchdringende Sopranstimme eines auf Porzellanteller kratzen­den Messers. Ein Käsebaguette, das kraftvoll durchschnitten wurde und das Messer von einer langen, schmiegsamen Zunge abgeleckt und eine neue Attacke begonnen.
Rojen stopfte sich die Zeigefinger in die Ohren, beobachtete den ab­nehmenden Schaum in seinem Glas. Lästiges Frauenlachen drängte sich durch seine Fingerspitzen. Er sah auf; der Bedienung auf den, von zwei Hemdknöpfen entblößten Ansatz ihrer Brust, auf die vibrie­renden Lippen, in ihre weit geöffneten Augen.
Als zappelnder Fisch blieb Rojen in den Widerhaken ihrer ausgewor­fenen Augenangel stecken, wartete auf den gezielten Lippenschlag, der ihn von dem tödlichen Instrument abnehmen, ihn wieder zurück, oder in einen Eimer Wasser werfen würde.
Kalte Luft blies durch die geöffnete Tür. Ein kleiner Junge, der zu dieser Uhrzeit sicherlich schon ins Bett gehörte, setzte sich auf den freien Stuhl neben Rojen. Sie musterten sich lange. Die linke Hand streckte er Rojen entgegen. Unschlüssig, doch um den Jungen nicht zu verletzen, nahm Rojen einen Zeigefinger aus dem Ohr und legte seine offene Hand in die des Jungen. Glatt faßten sie ineinander.
„Hast du dir schon einmal ein Stück Haut herausgetrennt?“
Rojen starrte auf die gewaltige Nase des Jungen. Groß und krumm, wie der Hauptmast eines Schiffes bei Sturm.
„Nein.“, mußte Rojen endlich und ehrlich antworten.
Rojen verschränkte die Arme und sah der Bedienung nach. Der kleine Junge legte sanft die Hände, je rechts und links auf Rojens Schul­tern.
„Kannst mir glauben, echt. Übung sag‘ ich dir, Übung is alles!“
Der kleine Junge nahm seine linke Hand von Rojens Schulter. Kram­te in den engen Hosentaschen. Legte ein blaues Taschenmesser auf den, von Bierlachen durchtränkten Tisch.
Sie fixierten sich herausfordernd.
„Ich hab‘ es herausgefunden. Du kannst es mir glauben. Alles heilt wieder! Glaub’s mir doch!“, schrie er.
Der kleine Junge zog seinen dicken Pullover hoch über die glatte Brust. Vom Bauchnabel aufwärts, bis zu den winzigen Brustwarzen waren quadratische, wie Kopfsteinpflaster angeordnete Narben. Zur Bestätigung zeigte er mit der Spitze des Messers auf die rosa Haut, die glatt und dem Widerstand des Messers ausweichend, leicht nach­gab.
„Diese Stelle ist heute dran. Weißte mit System mußte dran gehen, mit System!“
Rojen konnte das alles nicht länger ertragen. Bezahlte, stierte der Bedienung auf ihre engen Hosen; kratzte sich verlegen am Bauch.

Auf der Straße versuchte Rojen zu widersprechen.
„Mit System erreichst du nichts, und warum überhaupt diese ganze Stecherei?“
Der Junge sah ihn nicht mehr an.
Ob er ihn damit wenigstens verärgert hatte, er sich von ihm langsam zurückzog? Sollte er doch einem anderen seine Kunststücke vorfüh­ren.
Nach einiger Zeit hörte er die schmale Stimme wieder neben sich.
„Gib mir fünf Minuten, nur fünf Minuten!“
Rojen wollte ihm überhaupt nichts geben, lief weiter zur U-Bahnsta­tion. Eisige Luft kratzte auf seinem Gesicht.
Einzelne Männer gingen die Straßen entlang. Unter einem Neon­schild hielt eine Frau einem Mann ihren Mund zum Kuß.
Rojen horchte auf die Melodie trippelnder Schritte; starrte auf die, sich aufplusternden Mäntel; die Hände, die in den wärmenden Ta­schen steckten.
Ein Aufschrei! Der kleine Junge mit der krummen Nase hatte einer Passantin, die langsam hinter ihnen gegangen war -ihn wohl belä­stigt hatte- die Messerspitze mehrmals in den Handrücken gestoßen. Nicht tief, aber fest. Jetzt versuchte sie nicht mehr seinen Kopf zu erhaschen, um ihm, wie bei einem Kleinkind, über die struppigen Haare zu streicheln.
Rojen mußte anhalten, so konnte es nicht weitergehen. Nahm ein Taschentuch aus der hinteren Hosentasche, gab es der verletzten Passantin.
„Sie sehen doch in welcher Verfassung sich dieser Junge befindet. Das hätten Sie doch wissen müssen!“
Kopfschüttelnd wandte sich Rojen zu ihm.
Mit offenem Mund sah der kleine Junge auf das Messer, das auf den bloßen, nackten Bauch gerichtet war. Die Spitze traf schon auf die Haut. Der Pullover hing hochgewickelt über der Brust bis zur krum­men Nasenspitze; wollte es ihm vorführen.
Rojen schrie „Hau ab! Geh‘ doch zu deiner Mutter und zeig es ihr -aber mit System!“
Der kleine Junge fing an zu weinen. Die Passantin war einige Meter vor ihnen stehen geblieben. Kam zurück, sah Rojen böse an. Hatte jetzt bereits Partei für den Kleinen ergriffen und sagte im ruhigen Ton „Nun gehen Sie und lassen meinen Jungen in Ruhe. Sie haben ihn schon genug durcheinander gebracht!“

Keuchend erreichte Rojen den U-Bahn Schacht. Hörte das Läuten der Anzeigetafel, stürzte fast die Treppen hinunter, konnte sich ge­rade noch durch die sich schließenden Türen der U-Bahn drücken.
Die U-Bahn war zu warm um wach zu bleiben.
Eine Hand rüttelte an seiner Schulter. Erschrocken sah er auf das Gesicht: keine krumme Nase: kein kleiner Junge!
Das Licht hatte die Stärke einer öffentlichen WC-Birne und ließ jene Nase um ein Vielfaches größer erscheinen. Lächelnd begutachtete Rojen dessen Nase, berührte sie.
„Sie sind ja betrunken!“, rief der U-Bahn-Angestellte.
Dessen Nase war wirklich um einige Zentimeter kleiner und wesent­lich gerader als Rojen vermutet hatte.
„Keineswegs! Sie erinnerten mich nur unangenehm an einen Jun­gen!“
„Lassen Sie mich mit ihren Familienangelegenheiten in Ruhe!“, sagte der U-Bahn-Angestellte barsch und zerrte Rojen aus der Bahn, die Treppen des Bahnschachtes hinauf.
Weit und breit kein Mensch! An der Straßenecke leuchtete der Kiosk. Rojen pochte an die Scheibe, drückte auf den Klingelknopf am Fen­sterbrett. Erst nach einigen Minuten wurde die Scheibe zurückge­schoben -sie quitschte. Der alte Mann blickte zu Rojen auf, nahm seinen Wunsch entgegen, stellte gleich darauf zwei Flaschen Bier und ein kleines Fläschchen Schnaps auf den Sims. Rojen bezahlte, wandte sich um, ohne die Augen des alten Mannes gesehen zu ha­ben.
Kühl und sicher lagen die Flaschen in seiner Manteltasche. In den kopfhohen Fenstern brannte kein Licht mehr. Den ganzen Weg ent­lang kein Mensch.

Der Hausgang roch nach der parfümierten Billigseife des Hausmei­sters. Rojen nahm eine der kalten Bierflaschen aus der Manteltasche und strich sich damit die Stirn entlang.
Im Aufzug roch es nach Pudelpisse. Rojen suchte nach dem eingeritz­ten Wort und fand es nicht. Er ging die zwei Schritte zur seiner Wohnungstür, sperrte auf.
Wie kalt es im Zimmer war, und es war Frühling. Entkronte die erste Bierflasche, stellte sie neben das Bett, kleidete sich aus, schlüpfte in das Bett. Trank abwechselnd Bier und Schnaps. Er hätte noch mehr mitnehmen müssen, er war immer noch nicht müde, trank aus der zweiten Bierflasche. Sah abwechselnd auf die weiße Wand, die karier­te Bettdecke, die Plüschkatze. Er stellte die Augen auf unscharf, fast schielte er. Versuchte zu schlafen.
Rojen hatte noch nicht einmal den Anschein eines Traums gespürt, da stach der kleine Junge zu, der in der Mulde, in der Mitte des Bet­tes gelegen hatte: stach ihm in die Wange.
„Komm mit!“, schrie er heiser.
Gewarnt von dessen zuckender Augenbraue widersprach Rojen nicht.
Noch aber hielt sich Rojen verkrampft am Leintuch fest. Ein senk­rechter, harter Stoß der Jungenhand, in der das Messer glänzte, trennte das weiße Laken von Rojen. Ließ sich kraftlos von der gewal­tigen Hand führen.
Der Junge zog ihn hinter sich her. Die schwarzen Farben rings um ihn störten ihn nicht.
Zielstrebig öffnete der kleine Junge Tür um Tür, riß an Rojens Hand, die sich krampfhaft lösen wollte, Unter dem ruckartigen Halt einer Notbremsung fiel Rojen schließlich auf den kleinen Jungen. Seine Augenbrauen zuckten. Sofort standen sie wieder auf. Vor ihnen lag der Raum in grauem Schummer. Der kleine Junge deutete mit der Messerspitze auf eine plötzlich entfachte Lampe. Gemeinsam gingen sie an den Rand des weiten Zimmers.
Das eigentümliche Licht wurde von der Decke und den Wänden auf­gefangen, reflektiert, auf den Boden geworfen. Aufgefangen, reflektiert von schmalglänzend weißlichblauem Metall. Griffe waren an den Ei­sen befestigt. Schwarze, rote, gelbe, blaue, grüne; aus Holz oder auch Plastik, die das Metall, das zugeschliffen-verletzend Könnende festhielten. Verlegen sah der Junge auf sein Messer. Der einst dun­kelblaue Griff war zu einem blassen, verkratzten und verbrauchten Etwas verkommen.
„Es ist Zeit, das du ein Eigenes bekommst!“, flüsterte er zu Rojen mit sanftklarer Stimme.
Die Augenbrauen des kleinen Jungen spannten sich feierlich nach oben an. Stumm zeigte er mit der Messerspitze auf die Lampe, vor der sich, im Bett aufgerichtet, zwei Menschen stritten.
Die übergroßen Hände der Streitenden schienen nach ihnen greifen zu wollen. Beide sahen sich nicht an. Zwischen ihren Schultern lag schwertbreite Luft. In der Mitte des Bettes saß er, der Mann; auf die rechte Seite gedrängt blickte sie, an ihm vorbei. Ob er sie ansah? Die Hände seines alten Körpers lagen angeschwollen auf braunem Stoff. Die Frau, deren Hände angespannt auf ihrem fliederfarbenem Nachthemd klebten, beschwor ihn, an ihre letzte Operation zu den­ken. Es ginge eben nicht, schon gar nicht in seiner jetzigen, lächerli­chen Verfassung. Abscheulich fände sie das, und leckte ihre trok­kenen Lippen naß.
Der Mann wurde lauter. Der Junge zeigte auf die gefährlich vibrie­renden Messer. Rojen verstand. Könnte es nicht geschehen, daß diese abertausenden Messer aus ihren Verankerungen, der Decke, den Wänden herausgerissen und auf sie fallen könnten? Rojen erschrak. All das hatte er nicht bedacht!
Weinen, das sich wie das Gewinsle eines jungen Hundes anhörte, riß mehrere Messer aus der Verankerung. Rojen hechtete zur Seite.
Der Junge grinste unter dem Türrahmen.
„Ich hab‘ es gewußt. So war es auch bei mir!“
Der Mann hielt seine angeschwollenen Hände wie ein großes Hand­tuch vor sein Gesicht. Nichts könnte schrecklicher sein, als daß sein lautes Schluchzen noch mehr Messer aus der Verankerung reißen würde. Es war richtig was er tat. Die Hände hielten, wie ein Schall­dämpfer einer Pistole, die Laute zurück.
Sie waren alle gerettet.
Rojen konnte nun wählen, was er wollte. Direkt vor seinen Füßen la­gen sie. Mit Holzgriff, wohl ein Küchenmesser; ein ausgeklapptes Ta­schenmesser mit blauem Plastikgriff; ein Silbernes ohne Griff und zuletzt ein Dolch mit Blechgriff. Rojen nahm das Taschenmesser, wog es hin und her, strich über das glänzende Blau, steckte es mit einem befreiendem Lächeln in die Hosentasche.
Die Nacht war gerettet.
Nichts zitterte mehr.
Sie konnten wieder schlafen gehen.

3.
Warum ließ das Kind die Katze nicht frei?
Warum hielt das Kind die Katze an den Vorderpfoten in der Senk­rechte?
Die Katze hielt ergeben still. Sie war jung und wurde von den langen, zierlich zupackenden Fingern des Kindes gehalten. Die Haare des Kindes fielen über das Fell des Tiers.
Rojen kniete nieder; streichelte Fell und Haare. Zuckte zusammen; nahm, um sich abzusichern, das Messer aus der hinteren Hosenta­sche, klappte es auf, strich liebevoll mit der Messerspitze über die samtene Nase der Katze. Eine Spur Wasser von der kaltnassen Nase verlor sich auf dem Metall. Er zeigte es den Augen des Mädchen.
Zwischen den Beinen des Kindes eingekeilt klemmten, die immer stärker strampelnden, weißen Plüschbeine der Katze. Rojen strich über die, vom Kleid des Kindes unbedeckten Kniee; stach in das wei­che Fleisch des Tiers. Das Kind ließ die Katze nach unten gleiten; dunkles Blut rann ihm die Beine entlang. Interessiert tupfte das Kind seine Finger in die warme Flüssigkeit, leckte daran. Sah in die erschrockenen Augen von Rojen und klatschte mit den blutver­schmierten Händen Rojen auf die Wange, auf der sich sofort helle, rote Fingerstriemen abzeichneiten.
Rojen riß sich zusammen, hielt den Blick des Kindes noch einen Au­genblick stand; rollte seinen Pullover ein wenig nach oben; setzte das Messer vorsichtig an die nächste Stelle; setzte langsam, mit dem ver­söhnlich werdenden Lächeln des Kindes im Einklang, das Quadrat in sein Fleisch, bis leichte Blutspuren die Bauchhaare färbten.
Am Bettrahmen angelehnt stand der kleine Junge und grinste. Schnell, ohne das Rojen es zu sehen verstand, entnahm der Junge dutzende Messer, wirbelte sie in der Luft, fing sie auf, warf sie erneut in die Luft. Wie das Weiß der Augen glitzerten die Spitzen der Messer. Mit langsamer Beharrlichkeit richteten sie sich auf sie aus. Zur Wehr setzen wollte sich Rojen. Unaufhaltsam aber glitzerten die Messer auf sie zu. Und rot glitzerten die Augen des Kindes.
Das Mädchen lächelte ihm zu.
Der einzige Schutz. Rojen verschanzte sich hinter dem Kind.
Pfeifend umarmten die Messer das Kind.
Rojen wunderte sich über die Größe des Kindes.
Es war ein Mädchen, ein großes sogar, ein sehr großes Mädchen.
Als es zu Boden sank waren alle Augen erloschen.




Dreckige Flut

1.
Eine leichte, fast sommerliche Meeresbrise verfing sich in ihrem Unterrock. Frau Hannibal trug einen matschigen Unterrock, der im übrigen schlecht roch. Der Morgenwind hatte sich darin fangen las­sen -unvorsichtiger Weise; blähte verzweifelt, suchte vergeblich nach einem Ausgang aus dem groben Stoff, in den freien Himmel.
Es war Ende Februar, bitterkalt, trotz wolkenlosem Himmel und Zitroneneissonne. Frau Hannibal, geborene Elender, lag am Strand, so als ob sie sich sonnen wollte. Ihr langgestreckter Körper war von der Düne aus als angeschwemmte Plastikplane, weiß, mit grünen und roten Streifen zu verwechseln. Daß Frau Hannibal vor zwei Tagen neunundvierzig Jahre alt geworden war, kümmerte nie­man­den, tat ihrem Tod keinen Abbruch.

Kein Mensch auf der Insel, niemand, der eintausendfünfhun­dertund­ein Inselbewohner, plus ein-oder zwei dutzend Touristen, dachten im entferntesten an ein Verbrechen.
Nicht einmal Apotheker Menke, der zuviel Romane las, dachte an diesem milchig-sahnigen Tag an Mord. Menke mixte gerade Zink­salbe als die Sonne so gelb wie Zitroneneis wurde, wischte sich die schweißlose Stirn mit seinem Taschentuch, auf dem die verstorbene Gattin -Gott hab sie selig!- eine Schlange gestickt hatte. Gleichmäßig in drei Schubladen gestapelt lagen die Baumwolltaschentücher, alle mit einer Schlange bestickt: das Geschenk seiner Frau zu Geburts­tag, Ostern und Weihnachten.
Seine Kunden hatten Apotheker Menke gern und Apotheker Menke seine Kunden. Soweit sogut.
An diesem Tag trank man Ostfriesentee, aber damit hatte es sich auch an Ereignissen -vorläufig.
Es sollte der zweite Mord innerhalb zehn Jahren auf der Insel sein. Der erste war natürlich nach wenigen Tagen bereits aufgeklärt: ein junger Mann, Anfang zwanzig kam nicht weit, nicht einmal bis zum Inselflughafen. Er hatte sich nicht einmal Zeit gelassen, die Hände zu waschen. Ein Tip der liebenswerten Bäckerin über den jungen Mann, mit den blu­tigen Händen, verhalf dem Inselgesetz zu Recht und Ordnung. Und die Insel hatte wieder ihre verdiente Ruhe.
Der zweite Mord aber lag mit aufgeblähtem Rock am Strand und harrte der Aufklärung.

Herr Hannibal, Mann und Mörder Frau Hannibals, gedachte erst in einer Woche zum Inselflughafen aufzubrechen. Ziemlich kalt war die Nacht vergangen in der Bake, dem Bade-Wachturm am Strand. Mitten in der Nacht fröstelte es ihn so sehr, daß er mit dem Feuer­zeug nach ihr suchte. Einige Schritte von der Bake entfernt, am zurückweichenden Meer, lag seine Frau. An warme Kleidung hatte er nicht gedacht. Herr Hannibal streifte Frau Hannibal den Wollpullover ab, und sich über. Der letzte grüne Faden berührte gerade noch sei­nen Bauchnabel. Vom Unterbauch ab, erhob sich sein Bauch wie eine vor langer Zeit erstarrte Welle, von der er immer noch hoffte, daß sie einmal stürzen würde.
Endlich hatte er es getan.
„Endlich!“, hatte er danach über den Horizont geschrien.
Dieses großartige Gefühl beim Zudrücken ihres Kehlkopfes!
Es war mit nichts zu vergleichen. Nicht einmal mit dem Druck auf einen faulenden Apfel, einer schimmligen Apfelsine; eher noch mit einer reifen Kartoffel, die an einer, einer winzigen Stelle hart und im nächsten Moment weich, wie eine im Sandboden berstende Muschel war.

Apotheker Menke fand Frau Hannibal. Die zweite Leiche, die zweite Ermordete innerhalb von zehn Jahren, die er, und nur er, gefunden hatte.
Apotheker Menke schüttelte seinen kahlen Kopf.
„Das ist ja eine schöne Bescherung!“, hielt seine linke Hand über dem Adamsapfel.
Die Sonne war mit Karameleis überzogen, Möwen kreischten, Strandläufer pickten nach marmorier­tem Fleisch, das sich in den halbleeren Särgen der Seeigel, Krab­ben und Muscheln befand.
Apotheker Menke, ein Mann in den besten Jahren -wie er immer wieder hinter der Apothekerkasse seinen Kundinnen versicherte; Herr Menke nahm das schlangenbestickte Baumwolltaschentuch aus der Hintertasche seiner Hose, tupfte damit die schweißbedeckte Stirn. Er kannte die Kundin, die Frau, die Leiche. Noch vor zwei Tagen hatte sie eine einfache Salbe gegen Erkältung verlangt. Apo­theker Menke besah die Leiche, die Frau, die Kundin, von allen Sei­ten, von der Meeresseite, der Landseite, der Wind-und Windschatten­seite. Ihre hohen weißen Gummistiefel paßten nicht zu ihrem roten Rock, der mit Matsch bedeckt und aufgebläht wie ein Segel im Wind stand. Apotheker Menke stocherte mit den Fingern am Rocksaum -der Wind sauste durch den Unterrock und befreite sich. Herr Menke stürzte in den nassen Muschelsand. Faßte sich, schnell entschlossen ging er. Bevor die Leiche gepökelt war wollte er wiederkommen.

Nach getaner Arbeit, den Umständen entsprechend zufriedenem Schlaf, aß Herr Hannibal zwei Wurststullen und trank aus der bul­lige Thermoskanne Grog. Die Füße schmerzten ihn, sie hatte er in der Nacht in der engen Bake auf die Wände legen müssen. Er sah nach draußen, stimmte sein Bulldozerlachen an. Die hohe Welle sei­nes Bauchs schwankte, geriet in Bewegung, zu hohem Seegang.
„Köstlich dieser Sturz -köstlich…, dieser Sturz in den Sand!“
Wie eine dunkle Karotte, dachte Herr Hannibal, flog dieser kahlköp­fige Mensch in den Sand; geschieht ihm auch ganz recht, was hat er schließlich am Rocksaum meiner toten Frau zu suchen.
Gerne hätte Herr Hannibal diesen Menschen dafür angeschrien. Dafür schnalzte er mit der Zunge, wartete bis dieser unverschämte Knilch gegangen war, nahm die Strickleiter, warf sie aus, stieg schwer atmend von der blauen Kabine herunter, die wenige Meter vom Strand -und seiner Frau- im Sand erhöht stand. Packte die Strickleiter wieder in die Reisetasche.
Hannelore Hannibal hatte nichts von der Strickleiter gewußt; von Gustav Hannibals zupackenden Händen schon -die hatte sie sogar geliebt, bis zuletzt. Von seinen Plänen wußte sie wenig.
Helmut Hannibals Plan war ausgereift: bereits vor drei Monaten machte er die erste Vorbesichtigung auf der Insel, zwei Wochen vor dem Tag X kaufte er die Strickleiter.
„Für die Kinder, wissen Sie!“, hatte er zufrieden dem Verkäufer erzählt.
„Geschäftsreise!“, hatte er zu Frau Hannibal gebrummt, deren Nase wie eine Sprungschanze nach oben ragte und sich eifersüchtig gekraust hatte.
„Dafür“, schmeichelte er, „darfst du für lange Zeit auf eine Insel.“, gab ihr Geld für zehn Tage, die Adresse einer „herrlichen Pension“ und die Fahrkarte.
Sie dankte ihm nicht. Mißmutig und noch eifersüchtiger geworden, gelang es ihr eine Träne entlang der Sprungschanze abspringen zu lassen, die schließlich auf seiner Hand landete. Er schluckte zwei­mal, tätschelte ihr die Elefantenwangen.
Nach ihrer Abreise vergnügte er sich vier Tage in verschiedenen Stundenhotels, ging für einen Tag in seine Landeshauptstadt, erle­digte dort noch dies und das, reiste ihr schließlich vergnügt nach.

„Mein Name ist Holoubkova, Karl Holoubkova“, sagte Herr Hannibal, „ich wünsche ein helles und freundliches Zimmer mit Frühstück für eine Woche!“
„Schön.“, sagte die Wirtin. Sie hieß Frauke Dröling und lebte schon immer hier. Urlaub machte sie nie, Arbeit gab es immer. Sie war eine schneidige Person, und zufrieden wie es ist. Der Mord vor zehn Jah­ren war an ihr vorübergegangen, wie die Männer vor zwanzig Jahren. Damals im Sommer kochte ihr Blut einzig und allein von der Arbeit. Jetzt war nicht einmal Frühling. Frau Dröling hätte Zeit genug gehabt, sich um einen Mord zu kümmern, sich diesen oder jenen Gedanken über Mörder, Mord und morden zu machen. Daß ein Mann, der einen Mord geplant hatte, in ihrem Haus wohnte, hätte sie bestimmt gewundert, ihren Kreislauf ein wenig angeregt. So aber nahm sie nur freundlich Herr Hannibals Pensionsgeld entgegen.
„Das ist ihr Zimmer, Herr Haloubkova“, sagte sie zu Herrn Hannibal, der sich bedankte, die Tür leise hinter sich schloß und sein Bulldo­zerlachen im Kopfkissen erstickte.

Apotheker Menke, die örtliche Polizei und jene, die gerade nichts bes­seres zu tun hatten, standen laut diskutierend um Frau Hannibal.
„Ich hab sie hier gefunden.“, sagte Menke.
„Haben Sie etwas angefaßt.“, fragte der diensthabende Inselpolizist Gröwe.
„Den Rocksaum -ist das schlimm?“
„Hmm!“, machte Gröwe.
„Die ist umgebracht worden!“, sagte einer.
„Die ist vergewaltigt worden!“, sagte ein anderer.
„Die ist ersoffen!“, sagte eine bildhübsche Frau.
Nach der Spurensicherung des diensthabenden Inselpolizisten Gröwe mußte für den Abtransport der Leiche gesorgt werden. Steif, wie Frau Hannibal war, packten acht Inselbewohner -darunter Menke und Gröwe- mit an, um Frau Hannibal in den Sarg zu hie­ven. Der nasse Sand rutschte von ihrem Rock ab, auf Menkes Hände.
Apotheker Menke schluckte schwer.
„Mord!“, sagte Gröwe. „Schon wieder Mord, und du bist schon wieder dabei gewesen -Menke!“
Der Apotheker rang nach Luft, tupfte mit seinem Taschentuch die schweißlose Stirn. Röte überschwemmte seine Spatzenbacken.
„Ab..Aber…i…ich..“, stotterte Menke, „ich b…bin noch in d..den bbb…besten Jah…Jahren!“, da er in der Schnelle seine Gedanken zu keinem anderen Satz hatte ordnen können.
„Auf das Revier mit dir!“, schmetterte Gröwe, der wohl wußte, das Menke zwar scharfe und ätzende Salben mixen konnte, aber nie und nimmer mehr einen Mord zustande brächte. Doch man kann ja nie wissen, und Menke würde danach umso lieber Salben für ihn mixen.

„Karl Holoubkova, geboren am 10.09.1940 in Ettenheim.“, las Gustav Hannibal in seinem Paß. Er lag warm im Bett. Er freute sich! Auf einen Schlag war er ledig, dazu noch fünf Jahre jünger und im Süden Deutschlands aufgewachsen, wahrscheinlich friedlich, zwi­schen Himbeeren und sauren Äpfeln. „Finanzbeamter in Hildes­heim.“, hatte er zur Wirtin gesagt, dabei sehr lässig die Schwielen an seinen Händen, in den Hosentaschen vergraben.

Schlimme Nächte begannen für Apotheker Menke.
„Mörder! Mörder! Verruchter Mörder!“, riefen zahllose Menschen. Alle hielten diese oder jene Salbe in den Händen.
„Ich bin ein Mann in den besten Jahren!“, rief er ihnen beschwichti­gend zu, begann aber doch sofort um sein Leben zu laufen, bis er an Frau Hannibal anschlug, die ihm den Weg versperrte. Er sah sie solange an, bis sie tot umfiel.
Schließlich erwachte er schweißgebadet.
Gröwe, der diensthabende Inselpolizist, hatte ihm nach dem Leichen­fund, eigentlich kaum zugesetzt. Im Polzizeirevier bot ihm Gröwe bereits nach fünfzehn Minuten Tee an und schwatzten über Frauen.
„Halten Sie sich für weitere Fragen bereit und verlassen Sie nicht die Insel!“, nuschelte Gröwe zum Abschied.
Seit zwanzig Jahren hatte Apotheker Menke die Insel nicht mehr verlassen, es würde ihm nicht schwerfallen. Vor dreißig Jahren war er vom Festland gekommen, hatte Glück gehabt, die Apotheke nach einem halben Jahr übernehmen können, als der alte Apotheker Krenz an einer Überdosis Schlaftabletten starb. Die Kundschaft lobte die Salben von Menke und schnell vergaßen sie den alten. Apotheker. Menke verlor seine Frau neuneinhalb Jahre später -“eine wahre Tra­gödie!“, die Apotheke lief gut weiter, und schließlich hatte er genug schlangenbestickte Baumwolltaschentü­cher.
2
Frauke Dröling, geborene Eva Reigen, war noch nie verheiratet.
„Adam und Eva:“, hatte damals der Religionslehrer begonnen, der zugleich ihr Beichtvater war, „Adam nannte seine Frau Eva.“. Das war in der zweiten Klasse.
In der fünften Klasse sagte er, „Adam und Eva waren große Sünder! Denn Eva stürzte nicht nur Adam, sondern das ganze Menschenge­schlecht in den Abrund -in die Sünde…“
„Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain.“, las er in der siebten Klasse.
Ein Jahr später starb ihr Religionslehrer -sie ging nicht auf seine Beerdigung.
Eva wollte keinen Kain gebären. Und schuldig wollte sie auch nicht sein. Deshalb nahm sie mit 17 Jahren Papier und Bleistift in die Hand, schrieb einhundert Mal „Eva Reigen ist tot, es lebe Frauke Dröling!“. Rollte das Blatt zusammen, stopfte es in eine leere Rot­weinflasche, den Bleistift hinterher; der Korken schloß wasserdicht ab.
Bei der Überfahrt, vom Festland auf die Insel, warf sie die Rotweinfla­sche über Bord. Sie freute sich, so wie sie sich noch nie in ihrem Leben gefreut hatte. Endlich frei!…
„In der Sommersaison“, hatte sie ihrer Mutter gesagt -geborene Frö­lich- „werde ich auf einem Bauernhof in Bayern arbeiten!“
Ihre Mutter hatte ihr geglaubt und wartet wohl heute noch auf sie.
Auf der Insel arbeitete sie zunächst als Hausmädchen, sie war so tüchtig, daß sie bald die Wirtschafterin einer Pension war; kaufte sich nach zehn Jahren eine eigene kleine Pen­sion, in der sie seit dreiundzwanzig Jahre die Bettwäsche wechselte, die Toilettenspü­lung in Ordnung brachte und zum Frühstück Tee oder Kaffe reichte, dazu zwei weiße Brötchen und zwei verschiedene Sor­ten Konfitüre -meist Aprikose und Erdbeer.
Eva Reigen sagte zu Herrn Hannibal „Herr Holoubkova.“
Gustav Hannibal sagte zu Eva Reigen „Frau Dröling.“

Hannelore Hannibal hatte bei Frau Warnheim gewohnt.
Die gute Frau Warhnheim…, sie hat schon vieles in ihrem Leben gesehen, besonders Kuchen, Brot und Brötchen. Den Mörder vor zehn Jahren hatte sie bei der Polizei angezeigt.
„So kann doch kein Mensch herumlaufen, mit solchen blutigen Hän­den. Wenn ich mir das erlauben würde in der Bäckerei….“
Frau Warnheim ist ein Geizhals, deshalb sind ihre Zimmer die klein­sten und häßlichsten auf der Insel -das weiß jeder Insulaner, das hatte auch Herr Hannibal zufrieden gehört, und dann das Zimmer für seine Frau bestellt. Frau Warnheim verdient sich an den Zim­mern eine goldene Nase.
Frau Hannibal hatte Frau Warnheim nicht gemocht.
Frau Warnheim hatte Frau Hannibal nicht gemocht.
„Ja die Frau Hannibal war eine ganz ruhige und liebenswerte Person, ja solche Gäste wünscht man sich vom Lieben Herrgott.“, sagte Frau Warnheim beim Verhör, dem diensthabenden Inselpolizisten Gröwe. Vor zehn Jahren hatte Gröwe noch keinen Bart, dabei hatte Frau Warnheim doch gerade sein kantiges Kinn geliebt, das war zum Hei­raten schön gewesen. Vor zehn Jahren wollte er sie nicht heiraten, dafür haßte sie ihn. Und deswegen log sie. Sollten sich doch die Bal­ken biegen! Gröwe sagte sie nichts. Nichts über Frau Hannibals zornige Ausbrüche über ihren Mann, nichts über Frau Hannibals schlampig genähten roten Rock. Nichts erzählte sie Gröwe, nichts als die blanke, wahre Lüge. Und die war schön, so wie sie einmal war.
Daß die alte Schlampe -wie Frau Warnheim heimlich Frau Hannibal nannte- den Otto Färich mit auf dem Zimmer hatte, sagte sie Gröwe nicht. Den Otto haßte sie zwar auch, denn der Otto hatte nie mit ihr tanzen wollen, aber der Erwin, Erwin Gröwe, jawohl so hieß dieser verdammte Mistkerl, ja der Erwin hatte sie versetzt. Das schmerzte mehr als jede Lüge.
Sie hieß Warnheim, dann blieb sie eben Frau Warnheim, bis zum bit­teren Ende, wie würde das auch klingen „Trude Gröwe“, nein, nein, da blieb sie lieber bei Trude Warnheim; das dachte die aufrechte Frau Warnheim und biß sich dabei traurig auf ihre Lippen.

Apotheker Menke ging jeden Morgen an den Strand, denn dann lagen dort noch die frisch angeschwemmten Muschelschalen. Und nichts liebte Menke mehr als mit seinen starken Füßen über die Muscheln zu gehen. Dieses Krachen und Knacken, das Zersplittern und in den noch nassen Sand greifende Muschelsplitter! Es hörte sich an wie das Bersten eines Knochens, ja als ob Knochen über Knochen gebrochen werden würden. Aber Menke war kein übler Kerl. Denn er wußte das der Sand, ja der ganze Strand aus jenem Muschelkalk bestand, den er jeden Morgen zubereitete wenn er mit seinen breiten Stiefeln über die Muscheln ging. Und hatte nicht so ein jedes Ding auch seinen Zweck, wenn es tot, zertrümmert war? Seine Salben waren aus toten Pflanzen, fein gestrichen zu lindernder Salbe und wurde nicht auch der Mensch selbst wieder zu einfachem Dünger für Rosen oder Karotten?




Grau in Zeit

Warum konnte er nicht einfach auf dem Dach eines naheliegenden Hauses stehen, die Hände ausbreiten, die Finger spreizen, sich ein Kabel zwischen die Fußzehen klemmen und als Hausantenne wie viele andere für guten Empfang sorgen dürfen? Es wäre einfacher.

Der Tag hatte erst die Decke von sich geworfen und stand schon graumelliert im Körperkleid. Wasser tropfte auf die Scheibe, aus dem Wasserhahn auf das Email des Beckens. Das Kaffeepulver war noch trocken, sein Magen wie leer gepumpt. Weder roch es nach Frühstück noch nach dem Parfüm einer Frau.
Zwei Mädchen am Ausschank hatten gewettet, ob er Sekt oder Wein trinken würde. Eine verlor. Und dann: die Frau in Rot, in roten Jeans und Jacke — gestern. Sie hatte soviele Falten in ihrem jugendli­chen Gesicht, so zaghafte Bewegungen bei jedem Rhythmus der Musik. Das Glas Sekt trank er alleine.
Die Hosen lagen angespannt auf all den einsamen Körpern wie langsam tau­ernder Schnee auf Asphalt. Bunte Lichter bewegten sich auf dem Tanzboden, auch dann wenn er nicht tanzte und dann noch als er ging.

Er drückte rote Paste auf die Zahnbürste. Drei Minuten waren wieder eine lange Zeit. Die Zeit stach auf ihn ein. Der Kaffee kondensierte durch den Gaumen, der Toast zerbröckelte in sandfeine Teile bis sie den Magen füllten. Selbst der Staub auf den Bücherre­galen blieb ermattet liegen.

Wenn Hausantennen Seelen hätten, fragte er sich, würden sie davon­laufen?
Stur stehen bleiben, neue Programme fordern oder in sich zusammenfallen?
Würden sich die Kamine an ihrer Seite betrogen fühlen, als ehemals höchster Punkt des Hauses?
Würde es deshalb zu Krieg kommen zwischen Kaminen und Hausantennen?
Würden herumschleichende Katzen zu schlichten versuchen oder umschmei­chelnd sich für die eine oder andere Partei kümmern und ihren Nut­zen daraus ziehen?
Die Wohnungen werden kalt werden und stumm.

Er zog die Decke über sich, hörte Bachs Trauerode, die sich dem Weih­nachtsoratorium näherte, zählte die Tage bis Weihnachten, substrahierte die Tage, die seit dem Tod des Vaters vergangen waren, dividierte die Zahl durch sein Lebensalter. Er lachte auf und hörte weiter zu.

Natürlich könnte auch der kühle Rauch des warmen Feuers über die stäh­lernen Arme der Hausantenne kräuseln und wie eine endlose Umarmung sein — im Winter. Des Sommers würden sie sich in Gesprächen verlieren, über die Existenz, die sie unter sich vermute­ten. Eines Tages dann, vielleicht im Frühjahr, würde ein dunkel gekleideter Mann die stählerne Spirale in den Schornstein stechen. Dann hätten sie einen dieser Existenzen gesehen, die­ser erbärmlich nach Dreck und Sauberkeit Suchenden.

Die Gedanken waren aus gedrechseltem Holz, das Haus robust auf Stahlträ­ger gebaut. Es war kaum zu erwarten: eine Veränderung. Zunächst war festzuhalten, dass der Tisch stand, die Stühle wie eh und je sich gegenüber standen, und er auf dem Fußboden in zwei Pantoffeln, dunkelblaue.

Es stand schlecht um die Hausantennen, dachte er. Jetzt mussten sogar die Tauben auf ihren jahrzehntelangen Spaß verzichten. Sich auf einem der Äste der Hausantennen anzuschleichen, um mit einem Satz auf dem Gefieder ei­ner anderen zu springen und liebesverloren zu sein, war nicht mehr. Die Lust verlor sich auf den abschüssigen Satelittenempfängern.

Ausgebreitet waren die Arme des Sessels. Er stand still am Fenster. Über den gelangweilten Dächern kroch der Tag. Schleimspuren von Stunden, von Wo­chen und Jahren, von Generationen standen darauf geschrieben. Dachziegel verkrochen sich hinter schwarzer Schlacke, Kamine dampften ihre letzte Pfeife, die Hausantennen wiegten sich selbst wie das kleine Kinder tun, in großer Trauer oder Angst.

Der Abend wartete noch. Der Abend wartete noch mit einigen Stun­den Licht.