Gestern

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Ich kann das Meer nicht reparieren, es leuchtet einfach – mich stört es eigentlich nicht. Manchmal ist es blau, dann grün. Ist Flut, fliege ich mit blauen Flügeln über die Düne, schaue mir die Tänze im Meer an, denke an die Meerjungfrau. Gerne wäre ich ein Wassertreter, aber die gibt es hier nicht. Das Weibchen balzt bei dieser Vogelart und sie muss das Revier verteidigen. Ich lande wieder auf der Erde, die Flügel tupfe ich mit ihrer Bettdecke trocken. Ich höre Musik. Die Geige streichelt mich, das Klavier nimmt meine Hand, das Cello küsst und die Pauken … Es ist spät geworden, jetzt kämpfen die Priele um das Wasser. Heringsmöwen und Sturmmöwen am nassen Himmel, in einem Priel der verirrte Trauererpel. Ich sammle täglich Meerwasserläufer, sie legen ihre Eier auf Treibgut. Gestern fand ich ihren blauen Koffer wieder. Er schmeckt nach Salzwasser, ich finde, er passt gut zu mir. Und es macht eben viel mehr Freude alleine Musik zu hören, es ist doch so viel besser alleine auf das Meer zu schauen.

Kerstin-Molldur
[Bild: Kerstin Bober]




Gekrümmtes Herz

Versprochen hatte sie niemandem etwas. Nicht einmal sich selbst. Deshalb findet es kein Mensch sonderbar als man von Mord spricht.

»Mord, wie sich das schon anhört!«, sagt Rainer und spielt eine der weißen Tasten des Klaviers an.

»Ihr Haar war hochgesteckt als man sie fand. Das Haar hatte sie einzig bei der Liebe offen getragen.«, sagt Rainer und schlägt eine weitere weiße Taste an.

»Ein Wunder, mit einem gekrümmten Herz überhaupt leben zu können.«, sagt der Notarzt.

gekruemmtes-herz
[Bild: Kerstin Bober]




Einen hab ich noch …

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

»Ein Pinguin auf Weltreise trifft auf ein Flusspferd. ‘Warum hast Du so kleine Ohren?’, fragt der Pinguin. Der Pinguin wartet zwei, drei, fünf Stunden auf eine Antwort. Das Flusspferd verharrt regungslos im Wasser. Der Pinguin gibt nach acht Stunden auf. Als der Pinguin außer Hörweite ist, murmelt das Flusspferd ‘Pinguine …’.«

»Hör auf, mir Witze zu erzählen, während ich Dich küsse«, sagt Rosalie.

»Treffen sich zwei Nashörner in der Savanne. Sagt das eine ‘Na, wie gehts Deinem Horn’, fragt das andere ‘Was für ein Horn?’«

»Letzte Woche, weisst Du noch, Norbert, da mochte ich, wenn Du mir einen Witz am Abend erzählt hast. Aber jetzt kenne ich schon all Deine Witze auswendig.«

»Wirklich?«, fragt Norbert, auch den »Was ist der Unterschied zwischen einem Flusspferd und einem Leoparden?«

»Erinnerst Du dich noch, wie wir uns vor einer Woche kennen gelernt haben?«, fragt Rosalie.
»Ähm, aber den kennst Du noch nicht: Kommt ein Krokodil angeschwommen …«
»Norbert …«
»Ich hab gerade meine Lieblingsfrucht des Leberwurstbaumes gefressen, da kamst Du vorbei und hast mir ins Ohr gebissen«
»Nein, Du hast wie immer in der Gruppe einen Witz erzählt, während ich die Grüne Wasserrose fraß. Aber niemand in der Gruppe lachte über Deinen Witz, zum ersten Mal lachte niemand über Deinen Witz. Da hab ich aufgesehen und Deine Ohren gesehen und … naja, da konnte ich nicht anders als Dich zu küssen«

Nilpferde
[Bild: Kerstin Bober]




Auf dem Weg

Jeden Morgen
begegnete Jesus mir.
Am Wochenende nie.

Fahrrad fuhr er — wie ich.
Unter seinem Silberbart begann das Lächeln.
In umgekehrter Richtung hatte er den gleichen Weg.
Deswegen verstanden wir uns.

Sein Lächeln fuhr leise über unsere gekreuzten Wege.
Müde und ängstlich erwiderte ich nichts.
Wagenkolonnen, die über uns fuhren, sahen uns nicht.
Das rettete uns, jedes Mal.

Ich wusste nichts — aber er.
Alt und grau das Fahrrad, die Augen jung, von gestern noch.

Auf der Arbeit stahl man alles uns.

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[Bild: Kerstin Bober]




Die blaue Magd

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

Mein erster und letzter Satz als Kind war »Ich möchte«.
Meine Eltern sahen mich dabei mit großen braunen Augen an.
»Was möchtest Du?«, fragten sie mich.

»Wie Mutter Maria siehst Du nicht aus, bist auch kein Engel – also sprich«, sagte mir der Pfarrer.

Meine liebsten Erinnerungen sind die grauen Wolken, die den blauen Himmel verdecken. Ich liebe die dunklen Tannenwälder und die langen Nächte im Winter. Ich wurde bereits mit blauen Haaren geboren, meine Haut wurde erst mit den Jahren immer blauer, nur mein Gesicht ist weiß wie die Wolken und ist doch Mondgestein.

»Deine Eltern sind arm, deine Großeltern auch, Deine Ur-ur-ureltern – alle, Du bist nicht blaublütig, sei bloß nicht so …«, sagte mir meine einzige Freundin.

Ich weiß nicht mehr wann ich Magd wurde, ob es nicht einfach schon immer so war. Sie sagten zu mir »Tu das« und »Mach endlich«.
Die Menschen behandeln mich nicht schlechter als ihre abgetragene Abendgarderobe.

»Die Blausucht hast Du nicht, Dir gehts gut, nun sag schon was«, sagte der Arzt.

Man nennt mich die blaue Magd. Man spottet über mich »Du bist doch im Meer geboren. Der Himmel über Dir ist bestimmt besonders blau gewesen als man Dich gezeugt hat.«

»Ich möchte«, dachte ich eines Tages, »nicht mehr so sein« Nach Feierabend ging ich auf das Feld und legte mich die Nacht über in die tiefste und schlammigste Ackerfurche. Der Tag begann gut, mit dunklen Regenwolken. Ich ging zurück, wusch mich und weinte dann vor dem Spiegel. Am nächsten Tag ging ich ins Wasser und schwamm, tauchte tief, bis mir blau vor den Augen wurde. Am Ufer sah ich in den See und tauchte wieder und immer wieder. Erst am übernächsten Tag gestand ich es mir ein.

»Blaukraut magst Du sicherlich und als Nachtisch Blaubeeren«, lachten sie im Dorf, »Blaumeise, Bläuling, Blauwal, Blaufäule, Du blautöpfige Blaufäule«

Ich mag die Nacht, ich mag Gelb und ich mag Rot und ich mag Wärme. Spätsommer, Reetdächer und trockenes Geäst. Das Dorf brennt lichterloh. Ich finde die grüne Kette, die sowieso niemand mehr vermissen wird, ich finde auch das grüne Hemd, das niemand mehr tragen wird. »Ich möchte«, singe ich.

Blau
[Bild: Kerstin Bober]




Der König

Es war einmal ein König in einem großen Reich. Er lebte in einem Schloss mit breitem Wassergraben und vielen Bediensteten. Aber etwas störte ihn, er hatte die Welt noch nicht kennen gelernt. Sicherlich er kannte Max Stroh und Werner Wichtig und all seine Getreuen, aber sonst?

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Deshalb wollte er allein die Welt entdecken, mit den Menschen reden, die in seinem Reich lebten, für die er sorgte.

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So zog er am nächsten Morgen einfache Gewänder an, schaute nach rechts, schaute nach links und schlich sich aus seinem Königreich.

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Natürlich hatte seine engste Vertraute Martha Treu, die nachts vor Sorge sowieso nie ein Auge schloss, den König aus dem Schloss schleichen sehen.

»Wie nur«, dachte sie, »kann ich dem König ein für alle Mal klar machen, dass es viel zu gefährlich ausserhalb des Schlosses ist?« Sie dachte kurz nach und kam zu einem Entschluss.

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Inzwischen staunte der König nicht schlecht. Der Frühling hatte die Äcker grün gemacht, die Gesichter der Menschen freundlich und offen, jeder begrüßte ihn, keiner wusste, dass er den König vor sich hatte. Ein beleibter Mann zwar, sicherlich jemand mit viel Land, aber niemand wusste dass es der König war, dem das ganze Land gehörte. Mit den Menschen begann der König zu reden, zu schwatzen, zu lachen, über nichts und die ganze Welt, über den Frühling, die Ernte wie sie wohl ausfallen würde und über die Kinder, die geborenen und ungeborenen.

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Der König fühlte sich sonnenwohl und ging immer weiter. Am Wegesrand kam ihm eine Patrouille entgegen. Grimmig fragte der Hauptmann, wer er sei, ein Wanderer, antwortete der König, ein frühlingshaft Suchender. Der Hauptmann erwiderte er sehe aus wie ein Verbrecher, den man schon immer gesucht habe.

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Der Hautmann nämlich hatte von Martha Treu den Auftrag den König so schnell wie möglich wieder in das Schloss zu bringen, ihn als Verbrecher zu verhaften. Danach, so hoffte Martha Treu, würde der König niemals mehr das Schloss verlassen wollen. So machte sich der Hauptmann und seine Gefolgschaft daran den König zu verhaften und wie es Sitte im Lande war den König hier und da zu kneifen, zu ohrfeigen und am Ende blau und windelweich zu schlagen. Der König war einer Ohnmacht nahe, selbst sein, »Aber ich bin doch der König!«, nutzte nichts mehr.

Halb tot schleppten sie den König in sein Schloss zurück. Die Bediensteten des Königs waren außer sich, aber was hatte er auch außerhalb des Schlosses zu suchen? Martha Treu stand bereits am Eingang und erklärte dem Hauptmann und seiner Gefolgschaft, »Und das ist der Herrscher meine Herrschaften.« Der König wurde in sein Zimmer getragen, Martha Treu zog ihm sanft die Bettdecke bis zur Nasenspitze.

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[Bilder: Kerstin Bober]




Die Auktion

[nach einem Bild von Kerstin Bober]

In jeder Stadt gibt es einen Trödler, einen An- und Verkauf, ein Antiquariat. Ich suche nach Hirschen – in jeder Form.

In Karlsruhe kaufte ich am 1. Mai 1970 mein erstes Hirschgeweih, Rotwild aus braunem Plastik. Meine Hirschsammlung stand noch ganz am Anfang, heute würde ich soetwas nicht mehr kaufen. Dieses Plastik-Hirschgeweih verstaubt in meinem Flur – neben dutzend anderen Hirschgeweihen.

In Hannover setzte am 17. Juni 1981 fast mein Herzschlag aus, ein Bild mit einem springenden Hirsch in einer surrrealen Landschaft. War es das? Ich schloß meine Augen. Da war nichts. Nein, da fehlte etwas, da fehlte sogar viel. Dieser springende Hirsch hängt nun in meinem Schlafzimmer, daneben ist noch ein Platz frei. Ringsherum dutzende, nein ganz genau 37 andere Gemälde und Grafiken von Hirschen.

In Hamburg gibt es kaum Hirsche. Die Trödler kennen mich seit Jahren und legen mir immer etwas zur Seite: eine Schnupftabackdose mit goldenem Hirsch auf einem Felsen, ein Feuerzeug mit einem Hirsch, der wie ein Drachen Feuer speit. Feine Sachen, die ich gekauft habe in den 90er Jahren.

Zum Geburtstag schenkt man mir Hirsche, Socken mit dämlich dreinschauenden Hirschen und Unterhosen mit rülpsenden Hirschen, zu heiß gewaschen dümpeln sie nun in einer Kiste vor sich hin, wie so vieles andere, tausende Hirsch-Nippes.

In den 80er Jahren verbrachte ich oft meinen Urlaub in Bayern, ein Förster machte mir das Angebot mit ihm auf die Pirsch zu gehen, einen Hirsch zu schießen, der schon lange krank in seinem Revier herumhumpelte. Wir waren drei Tage unterwegs, der Hirsch zeigte sich kein einziges Mal. Der Förster schickte mir zwei Monate später das Hirschgeweih, das jetzt im Flur hängt.

Vor zwei Tagen kam ich in Bielefeld an. Ein guter Freund schickte mir den Auktionskatalog zu. Morgen beginnt die Auktion: Hirsche werden versteigert, hunderte Gemälde und Grafiken. Leider wurden nicht alle abfotografiert. Ich muss unbedingt alles über diese Bilder sehen und erfahren. Das Erbe einer verstorbenen Frau, die Neffen wollen alles loswerden, die Kinder der Toten sind unauffindbar, heißt es. Nicht einmal die Polizei weiß mehr.

Ich habe also noch Zeit und klappere alle Trödler, Pfandleiher, Auktionshäuser ab. Im Pfandhaus, direkt neben der St. Jodokus Kirche ergattere ich noch ein Schnäppchen: ein Hirschkopf aus Elfenbein aus den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, ein 14-Ender nur 23cm hoch.

Es ist bereits dunkel geworden, ich gehe zurück ins Hotel, schon lange nicht mehr übernachtete ich bei meinem Freund, der Schallplatten und Klaviere sammelt und keinen Platz mehr für mich hat. Also esse ich im Restaurant und gehe früh schlafen.

Ich träume wie jede Nacht den selbsten Traum: Es regnet, in den Pfützen spiegelt sich blauer Himmel. Doch dann wache ich auf, möchte nicht weiterträumen, wie jede Nacht. Lieber erinnere ich mich an Damals, wie es war. Als ich mit Susanne tanzen war, wie wir nach dem Tanzen auf den Feldern weiter tanzten, wie der Sternenhimmel über uns war. Wir erzählten uns Geschichten, Tiergeschichten, ich war der einsame Wolf, sie … Dann schlafe ich doch wieder ein, träume von zuckerfarbenem Gold, das vom Himmel fällt und das Blau aus den Pfützen vertreibt.

Ich wache auf. Ich nehme mir einen Rotwein aus der Minibar, gehe ins Bad, schaue mir meine Bartstoppel an, trinke den Rotwein aus, setze mich an den kleinen Schreibtisch direkt über der Minibar und schreibe wieder einen Brief an sie.
»Liebe Susanne, erinnerst Du dich noch an unseren ersten Tanz, die Tänze auf dem Feld, die Nacht und dann dieser blaue Himmel. Siehst Du es auch, hast du gefragt, sieht du es auch, wie die Goldmünzen vom Himmel fallen, hast du mich gefragt und gekichert und mich mit Goldstaub, nein mit Puderzucker bedeckt, dass Du noch von der Küche in deiner Tasche stecken hattest.«
Es ist vier Uhr in der Früh, um neun Uhr ist die Auktion. Den Brief hab ich zu den anderen in mein Koffer gelegt.

Es nieselt, es ist leise, so leise wie früher auf den Feldern. Ich platsche in eine Pfütze, in der Nacht hat es viel geregnet. Meine Füße sind nass, die Schuhe undicht. Bis halbsieben verbringe ich den Morgen mit dem Spaziergang, ich liebe es, wie hinter den Gardinen das Licht angeknipst wird, das Radio aus den Häusern klingt, die ersten aus den Häusern wanken, das Röhren der alten Autos, die sich noch weigern anzuspringen. Ich gehe zum Hotel zurück, frühstücke.

Zum ersten, zum zweiten und zum dritten. Ja, das Gemälde gehört mir. Ein Hirsch springt über einen Jäger, der gerade auf ihn anlegt. Der Jäger aus Bayern hätte darüber gelacht, aber ich weiß in meinen Schlafzimmer, direkt über dem Nachttisch ist noch ein Platz frei. Ich warte noch auf die anderen, weiteren Bilder.
Zwei Ölgemälde mit Hirschgeweihen, nein.
Dann eine Grafik, die zwar hübsch ist, sehr klein, nur 12×12 cm, aber ein pinkelnden Hirsch mag ich nicht.
Es wird Kaffee gereicht.
Dann geht es weiter, ein Gemälde im Winter mit drei Hirschen, ich kaufe nur Einzelhirsche.
Die Neffen werden an den Hirschbildern nicht viel verdienen, es sind nur fünf weitere Interessierte bei der Auktion, manche tippen bereits gelangweilt in ihre Handys.

Zuerst sehe ich das richtig geschmolzene Gold auf dem Bild, dann den Himmel in den Pfützen und erinnere mich an den Brief von Susanne:
»Lieber Georg, erinnerst du dich noch an unseren Tag, an das geschmolzene Gold in den Pfützen. Lange ist es her, Du hast dich nie mehr gemeldet. Warum? Dein Hirschlein.«
Es ist aber kein Hirsch auf dem Bild zu sehen. Der Auktionator geht einen Schritt zur Seite, der Hirsch springt fast lächelnd aus dem dunklen Bild heraus. Ich hebe die Hand.

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[Bild: Kerstin Bober]