Springtide

I.
Heute muss SIE kommen. Heute werde ich SIE endlich wieder in die Arme schließen.
Es ist Frühling geworden. Ich vermisse Buschwindröschen. Auf dem Sandboden wachsen sie nicht. Ich denke an Madonnenlilien.
Am Horizont das Schiff. Gespannt sehe ich aus dem Abteilfenster. Vorangegangen ist das Wasser einen großen Schritt: Flut. Genug Wasser für das Passagierschiff ›Rosa‹, um am Inselhafen anzulegen.
Heute muss SIE kommen. Heute muss die ›Rosa‹ mit IHR ankommen.
Züngelnd zerrt das Meer am Bahndamm. Tuckernd, dem Hafen entgegen, fährt die Inselbahn. Der große Teppich Meer wird sich in sechs Stunden wieder zurückgezogen haben.
Weit in das Meer hat man den Hafen gebaut.
»Ein Kranz Stahlspundbohlen ist um den Hafen gelegt, so ist er unverwüstlich geworden!«, hatte Til, der Inselglaser erklärt.
»Unverwüstlich wie die Wüste?«, hatte ich gefragt.

Die Inselbahn liegt mit drei Waggons und mir als einzigem Fahrgast, wie ein gestrandeter Wal am Hafen. Das Passagierschiff ›Rosa‹ wird festgemacht; an der Reling stehen gebannt die ersten Passagiere. Ob SIE müde ist? Wird die dreistündige Seefahrt nicht zuviel für SIE gewesen sein?
Vor der Gangway der ›Rosa‹ stelle ich mich auf; verfolge den kurzen Weg der Menschen, die von der ›Rosa‹ auf die Insel gehen, suche fiebernd nach einem Zeichen: Lippen, Augen und Haaren von IHR. Die meisten Menschen beachten mich nicht, und die, die mir flüchtig in die Augen sehen, kenne ich nicht. Von einer alten Frau werde ich zur Seite geschoben, so wie man einen fremden Koffer beiseite schiebt.
Die meisten Menschen kommen nicht alleine. Ehepaare gehen ruhig über die Landungsbrücke. Kinder springen und hüpfen vereinzelt um sie.
Wenige Frauen gehen alleine auf die Insel. Einige bleiben stehen, sie kümmern sich um ihr Gepäck. Diese sehe ich besonders lange an. Bis sie sich abwenden. Ich sehe auf Lippen, die nicht IHRE Lippen sind, die nicht das Rot von Leuchtreklame haben. Diese Lippen sind blass, zerfurcht, oft zerbissen. Ich sehe in Augen, die nicht IHRE Augen sind, die nicht das Grün von Absinth haben. Diese Augen bestehen aus Tee, brauner ungezuckerter Tee, oft milchig verschleiert. Diese Haare sind dunkel verweht. Haare wie Marilyn Monroe haben sie alle nicht. Diese Haare flattern blass im Wind, werden zu verschwommenen Strichen, die nicht IHR Haar in den Himmel malen können.

SIE ist also wieder einmal nicht gekommen. Sicherlich wird SIE morgen oder in den nächsten Tagen kommen — SIE benötigt noch ein wenig Zeit für alles.
Die Bahntrasse führt vom Hafen über den Deich zur Insel und zieht sich lange Kilometer. Treibeis kann ihr nichts mehr anhaben.
»Vor zwanzig Jahre presste Treibeis den Bahndeich und den alten Hafen zu holzigem Brei. Aber selbst die Bahntrasse«, hatte Til gesagt, »ist jetzt bombensicher!«
Darüber gelacht hatte ich, Til verärgert den Kopf geschüttelt und sich in die ›Pupille‹, der Kneipe mitten im Dorf, einladen lassen. Tage später lud mich Til ein, seine Glaserei anzusehen, und ich besuchte ihn gleich am übernächsten Tag. Til schnitt gerade Fenstergläser zu und zeigte mir wenig später die Werkstatt, all die Fenstergläser– und Rahmen. Überall an den Wänden verstreut hingen Fotografien seiner früh verstorbenen Frau; Til hat ihre kastanienbraunen Haare sehr geliebt.

Röchelnd fährt die Bahn an. Ankommenden tönt das Pfeifen als eiserner Vogel. Und grauer Bahndunst wirbelt mit Meeresluft in jeden Mund. Nachts wache ich oft davon auf, schmecke diese salzgeschwefelte Luft, die in der Rachenhöhle nistet. Und starre auf die Schattenspiele der Wände: sehe rote Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth, Haare wie Marilyn Monroe: SIE. Vergrabe mich in das Kissen, Speichel fließt mir aus den Mundwinkeln. Manchmal stehe ich auf, trinke Wein; manchmal schlafe ich auch wieder ein.
Ich schiebe mich langsam durch die Abteile, sehe noch einmal auf die Angekommenen, die Frauen; DIE FRAU, die ich suche ist nicht angekommen.
Wenig später, als ich durch die Abteile gegangen bin, die Bahn unter rostigem Quietschen auf dem winzigen Sackbahnhof hält, habe ich alles getan, was ich tun muss. Ich suche. Suche SIE.

SIE, so tuscheln bereits einige Insulaner argwöhnisch, gibt es nicht, gab es noch nie, niemals. Andere zeigen hinter meinem Rücken auf mich, würden SIE gerne für mich aus dem Meer fischen, vom Festland einfangen, mit einem großen Schmetterlingsnetz. Man munkelt, ich hätte vor einem halben Jahr diesem oder jenem Ankommenden sogar eine Fotografie von IHR gezeigt, die schon drei Tage später vom Wind verweht, vom Meer verschluckt blieb. Dann erst, so meinten jene, hätte ich angefangen mit dieser wunderlichen Beschreibung, EINER FRAU mit roten Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth und Haare wie Marilyn Monroe. Einige Insulaner sahen in die Augen ihrer Frauen, auch wenn diese Grün sind, konnten sie keinen Absinth erkennen; die Lippen ihrer Frauen sind vom Salz und Wind rosa gegerbt; die Haare kurz geschnitten, damit der Sturm sie nicht verknote. Kein Insulaner kann sich DIE FRAU vorstellen, die ich suche.
SIE aber wird sicherlich bald kommen, und die Insulaner werden SIE endlich kennenlernen.
Kein Insulaner kennt meinen wahren Namen. Hier und da tauchte ein Name auf, der aber bald wieder ins Ungewisse verschwand, niemand wollte es auf sich nehmen etwas zu erfinden. Und doch hat mich, irgendwann einmal, irgend ein Spaßvogel Leuchtreklamemann gerufen – und dabei blieb es. In der Pension, in der ich wohne, bei Anna Levin, habe ich auf dem Anmeldebogen für Name, Vorname und Anschrift drei kleine Kreuze gemacht, in der Spalte des Geburtstages drehen sich zwei ineinander verschlungene Kreise, der Ankunftstag ist verkleckst, der Tag der Abreise papierweiß. Seit letztem Sommer bezahle ich das Zimmer pünktlich.
Und ist SIE erst einmal angekommen, werde ich mit IHR zusammen einen neuen Anmeldebogen ausfüllen und IHREN Namen darunter setzen.

Endbahnhof. Die Angekommenen zerstreuen sich in drei Himmelsrichtungen. Meine Unterkunft liegt im Westen der Insel. Ich benutze den geteerten Weg, auf dem einzig Pferdegeschirr und Fahrradklingeln eintönig scheppern. Der Weg ist nicht weit, nicht einmal zwei Viertel einer Stunde werde ich benötigen.
Viertel, vierteln, meine Zeit zu vierteln begann ich schon bald. Ein Viertel Schlaf, das zweite, um den Schlaf zu überwinden. Das dritte und vierte Viertel für Unrast und Erwartung. Der Bruch der Zeit, der echte Bruch. Der Nenner bleibt immer gleich. Aber der Zähler verrutscht wie Geröll auf einem Berg mit leichter Neigung, das immer wieder auf den Berggipfel zu schleppen ist. Jetzt schlafe ich manchmal neun Stunden und der Tag hat mich gebrochen. Das zweite und dritte Viertel muß neu geordnet werden. Geröll türmt sich schwarz in mir auf. Auf der Insel muss ich sogar mit der Zeit von Flut und Ebbe rechnen. Wann kommt das Schiff an? Wann gibt es genug Wasser, damit die Fahrrinne so hoch mit Wasser gefüllt ist, dass das Schiff mit IHR ankommen kann? Jeden zweiten, zuzeiten auch nur jeden dritten oder vierten Tag, kommt das Passagierschiff ›Rosa‹ an. Bei starkem Ostwind ist die Rinne leer, das Wasser weit zurückgetrieben. So bleibt das Schiff oft viermal vier Viertel lang vermißt. Schließlich muss ich die Tage neu ordnen lernen. Wieviel Viertel davon benötigt der Schlaf, und wieviel Viertel das Warten? Und SIE? SIE ist noch immer nicht angekommen. Aber SIE wird kommen. Täglich rechne ich mit IHR.

Die Sonne steht im dritten Viertel des Tages. Nach und nach überholt mich ein Pferdeomnibus und mehrere Einspänner. Straff halten die Kutscher die Zügel. Ein Kutscher knallt gelangweilt seine Peitsche über den Kopf des schnaubenden Pferdes. Fahrradfahrer grüßen kurz.
Pechschwarzer Straßenbelag schluckt meine Bewegungen. Vor der Krümmung der Strasse steht still ein Einspänner. Davor der Kutscher, der sich seine Peitsche über die Finger streicht. Aus dem Fenster des Eckhauses reckt ein Mann seinen Kopf. Einige Stimmfetzen schwirren über die Straße. Ruhig halte ich die Arme am Körper, das Gesicht unbewegt, nur der Mund zittert. Ist es die Einsamkeit meiner Gedanken, die Lust am fremden Wort, die Hoffnung auf einen Hinweis auf SIE, die mich ohne lange Überlegung auf die Unterhaltung zusteuern läßt?
»Zu mir letztens hat doch einer gesagt«, sagt der Kutscher, »wenn du mit fünfzig noch nicht zum Segeln gekommen bist, hast du etwas verkehrt gemacht!«
Der Mann, der seinen Kopf aus dem Fenster reckt, nickt. Auch der Kutscher schweigt einige Zeit. Dann gleiten die geflochtenen Lederriemen der Peitsche über seinen Handballen.
»Meine Frau wartet mit dem Essen.«, sagte er, wünscht dem anderen noch einen schönen Tag, macht es sich auf dem Kutschbock bequem, schnalzt mit der Zunge und läßt die Peitsche mit einem scharfem Knall über dem Kopf des Pferdes sausen.

Ich gehe weiter westlich. Langsam wächst der helle Punkt zu dem zweistöckigen Haus, in dem ich ein Zimmer bewohne. Anna Levin, meine Wirtin, wird Obst und Gemüse in die Regale ihres Kaufmannsladens einräumen. Und ab und an wird sie ihre braunen Locken aus dem Gesicht streichen. SIE wird Anna Levin sicherlich mögen.
»Wie der Wanderer am Himmel«, sagte sie einmal, »sehen Sie aus!«. Ich nickte. Einmal sah ich Anna Levin sogar auf der Düne. Und ich hatte den Kopf gehoben gegen den Himmel, vielleicht auch mehr gegen das Meer. Lange, länger als eine halbe Stunde stand Anna Levin auf der Düne. Und ich ging weiter, immer weiter, bis Anna Levin ein dunkles Sandkorn am Horizont geworden war. Blau hatte sich der Himmel auf mich ergossen. Am Abend kam ich wieder, aus meinen hohen Schuhen quoll Sand. Und Anna Levin sah mich an wie den Mann vom Mond, beschwerte sich nicht einmal über den Sand auf ihrem blauem Teppichboden.
»Sie sprechen wenig, so wenig, dass viele glauben, sie können einzig jene Worte, die nach ihr fragen, rote Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth und Haare wie Marilyn Monroe; Wortbrocken, die sie auf die Ankommenden werfen.«, sagte sie vorwurfsvoll. Ich aber ging langsam, ohne Antwort, die Wendeltreppe nach oben auf mein Zimmer. »Sie erinnern mich an Gerd, meinen verstorbenen Mann«, murmelte sie mir hinterher.
Schnell schließe ich nun auf. Anna Levin ist nicht Zuhause, sie räumt Obst und Gemüse in die Regale ihres Kaufmannsladens ein. Ich gehe die Treppen nach oben, öffne meine Tür, entledige mich der Kleidung, kippe das Fenster, lasse die Jalousie nach unten fallen, wühle mich in das Federbett.
Einige Stunden döse ich. Am späten Abend besuche ich die ›Pupille‹. Dort trinke ich wenig. Zurück gehe ich am Meeresleuchten entlang. Bis zum nächsten Morgen schlafe ich. Kein Mensch stört mich.

II.
Ausgeblieben ist das Passagierschiff ›Rosa‹; Motorschaden, sagte man mir gestern und vertröstete mich auf heute.
Irgendwo, hinter dem Horizont, dachte ich, muss SIE sein.

Schleppend ging ich dem Dorf zu. Auf die Steintreppen eines Kaufmannsladens setzte ich mich, sah mir länger als zwei Viertel einer Stunde das Zittern der Zeiger der Kirchturmuhr an, bis die Ladentür, pünktlich mit dem Drei-Uhr-Geläut, geöffnet wurde. Drei Flaschen spanischen Rotwein packte ich an den Hälsen. Zwischen Nachmittag und spätem Abend entkorkte ich sie nach und nach. Ein Rest von rotem Meer schwamm im Grund der letzten Flasche, erinnere ich mich noch, bevor ich einschlief.

In der Nacht träumte ich, was ich nie für möglich hielt. Auf dem Festland habe ich nachts fest geschlafen, nie geträumt. Denn ich habe einen wunderbaren Schlaf, er ist frei von mir. Von einer goldenen Löwin und einem mauloffenen Fisch träumte ich. Ich selbst war der Fisch, der schweigend auf einer hölzernen Krone stand. Unter mir schwarzes Meer. Die Löwin mit goldenem Fell fletschte ihre goldenen Zähne. Und sie hielt eine lange, eine vollkommene Predigt, die ganze Nacht über, jede Silbe zäh in ihrem Rachen wiederholend.
»Solange du an meiner Tafel liegst, gibt deine Narbe ihren Duft. Geliebter, ruhe wie ein Beutel Myrrhe an meiner Brust.«
Auflachen hatte ich müssen, mitten im Traum. Eigenartig, Myrrhe zu riechen, zwischen süßsaurem Geruch von Haut und nackter Lust, die ich schwelend spürte.
»Denn ich bin krank vor Liebe!«
Lange suchte ich im Traum, woher die Predigt kam, suchte in Kindheitserinnerungen, in Sonntagen, an denen ich fahl und traummüde die moderige Kirche frühmorgens hatte besuchen müssen. Umdrehen durfte man sich auf keinen Fall, auch wenn die Orgel noch so schön spielte, hinter mir gekichert wurde. Umdrehen durfte um Gottes Willen nicht sein.
Was hatte ich geträumt?
»Eine Lilie unter Rosen ist meine Freundin unter den Mädchen.«, erinnere ich mich.
Lilien, Madonnenlilien verteilte ich in zwei hohen Vasen, hatte SIE sich angekündigt. Einst auf dem Festland.
Möwen fangen sollte ich, träumte ich. Ich weiß nur etwas von Pferde stehlen. In meinen Kindertagen stahl ich außer Süßigkeiten nichts.
»Deine Brüste sind …«, hier stocke ich, weiß nicht mehr weiter, habe den Rest vergessen.

Von lautem Reden wachte ich heute auf, das durch das offene Fenster dröhnte. Til stand eng mit Anna Levin beisammen, vor ihrem noch verschlossenen Kaufmannsladen.
»Wie ist es mit dem Fensterglas, soll ich es dir morgen einsetzen? Für dich würde ich das Glas ja sofort einbauen, das weißt du, doch morgen bekomme ich erst wieder neues Fensterglas geliefert!«, habe ich Tils knöcherne Stimme noch im Ohr.
Vor Anna Levins Antwort verschloß ich das Doppelfenster, starrte auf ihre langsam sich öffnenden und schließenden, rotflammigen Lippen. Langsam zog ich mich an, versuchte die Sätze des Traums, dieser sonderbaren Predigt einer Löwin, wiederzufinden und laut vor mich hinzusprechen.
»Trauben am Weinstock seien mir deine Brüste.«, fällt mir beim Überziehen der Socken ein.
Mein Mund ist trocken, auf den Lippen hat sich eine rote Kruste eingebrannt.
Der Morgen hat erst begonnen. Ein Adler aus grauen Wolken schwirrt über dem Himmel. Der Weg zum Strand ist nass vom Nachtregen. Eine weiße Wolke mit schwarzem Absatz senkt sich in das Meer.
»Träfe ich DICH dann draußen, ich würde DICH küssen!«, flüstere ich.
Sand klebt an den Sohlen, das Gehen ist beschwerlich. Eine Silbermöwe fliegt mit festen, schnellen Flügelschlägen nach Osten.
»Fort mein Geliebter, der Gazelle gleich.«, höre ich vom Meer her meine Traumerinnerung branden.
Es ärgert mich, nicht mehr zu wissen, was ich träumte, woher die Worte kamen, aus welchen Ruinen. Weiter staple ich Klötze aus Silben, bis das Wortgebäude in sich zusammenbricht. Ich kenne dessen Sinn nicht mehr. Ich versuche dagegen anzugehen, anzurennen. Gackernd fliegt ein Schwarm Möwen vom seichten Wasser auf.
Weiter laufe ich am Saum des Meeres. Glänzend erhebt sich der kurze Rücken einer Muschel aus dem nassen Sand. Vorsichtig nehme ich sie auf, reibe sie trocken. Die matt gewordene Muschel zerdrücke ich zwischen den Fingern; eine Bö bläst die Kalkschalen ins Meer. Möwen segeln vom grauäugigen Himmel. In den Prielen picken sie nachlässig nach kleinen Fischen.

Und dann: schlackende Traurigkeit. In der Stadt verwandelt sich der Teerbelag aller Gassen, Wege und Straßen zu samtweicher Watte, in die ich einsank, die mich zu umhüllen drohte, wie der Kokon einer Spinne. Hier am Strand, Sand unter den Füßen, der körnig knirscht, habe ich Angst, als Körnchen, als eines der unzähligen Körnchen in die große Sanduhr zu fallen.
Ich renne, scheuche den Schwarm Möwen auf. Zwischen den Zähnen scheuert Sand. Klatschend fallen die Wellen übereinander. Auf meinem Rücken tanzt lauwarm die schläfrige Sonne.
Mutlos haste ich weiter. Mein Denken zerfällt, zerbröselt und stolpert plötzlich über das Wort ›Sandkuchen‹ und stürzt in Kindheitserinnerungen.
Große Hoffnungen hatte man nie in mich gesetzt.
»Fetter als ein Mops bist du, später wirst du platzen!«, sagten sie, als ich alt genug war zuzuhören.
»Du schlingst alles in dich hinein, bis der Spinat aus den Ohren tropft, aus dir wird wohl nie etwas werden!«
Zwei Armlängen des Siebenjährigen maß die Reihe der Bücher im furnierten Wohnzimmerschrank. Verwundert und ernst blätterte ich mit zehn in einem Buch über die guten Sitten. Mit grummelndem Bauch las ich mit elf über die Sittsamkeit der Frauen, auch über die Freuden der Ehe. Mit dreizehn schnitt ich dem Buch den Bauch auf und bekam für eine Woche Hausarrest.
Nicht groß war die Stadt, in der ich die Nachwehen der Geburt bis vor wenigen Monaten verspürte. Manchmal pocht diese Nabelschnur im Kopf, die ich ebenso wenig abklemmen kann, wie diese Stadt ihre stickige Langsamkeit. Verschwiegen liegt sie in einer Senke, in der sich die Dünste der Raffinerien und Menschen verdichten. Unter dieser nie abgeregneten Wolke durchfuhr ich gleichmäßig, mit dem Takt eines Otto-Motors — der unweit erfunden wurde — Kindheit, Jugend, Schule, Studium. Sogar als Arzt blieb ich in dieser übermüdeten Stadt.
Und plötzlich ist SIE nicht mehr erschienen, Lilien verblühten in der Vase, konnten ihren brennenden Duft nicht mehr auf IHRE hohe Wangen legen. Eiserner Lilienduft hämmert seitdem in meinem Kopf ein schmiedernes Tor, das ächzt und stöhnt. Bald, Tage danach, nachdem das Zimmer einzig und alleine den Lilien überlassen wurde, zerschlug ich auch die Vasen.
Ein Arzt im kleinen Klinikum der Stadt. Eine Stadt auf der rechten Niederterrasse des Oberrheins — mehr nicht.

Spät ist es geworden, lange bin ich am Strand gewesen. Am Nachmittag wird das Schiff anlegen, wahrscheinlich mit IHR. Ich will IHR zur Ankunft eine Lilie schenken und gehe mit festen Schritten dem Dorf zu.
Das einzige Blumengeschäft auf der Insel führt keine Lilien.
»Rosen!«, sagt mir die Blumenverkäuferin, »Sie wird sich bestimmt auch über Rosen freuen!«, und lächelt mir geschwisterlich zu.
Ich hasse Rosen. SIE hat mir einmal eine schwarze Rose geschenkt. Bereits am nächsten Tag ist sie verblüht. Das hasse ich an Rosen. Madonnenlilien, diese hatte ich für SIE gekauft — immer. Und Rosen, Rosen jetzt, jetzt Rosen zu kaufen, wäre ein Verbrechen. Ich würde mich selbst mit einer Essigrose begnügen, aber IHR eine Rose zu schenken…
Oft spazierten wir in Wäldern, die dicht und schwarz sind, undurchdringlich. Dort pflückten wir Buschwindröschen. IHRE weiche Haut… Ich vermisse die Buschwindröschen. Auf dem Sandboden wachsen sie nicht.
»Es ist bedauerlich,«, sage ich zur Blumenverkäuferin, »aber Rosen mag SIE nicht, verstehen Sie mich nicht falsch, aber SIE mag Rosen nicht. Ja, SIE mag Rosen nicht. Nein, ich kann keine Rosen für SIE kaufen.«
Die Blumenverkäuferin fasst mich an die Schulter.
»Nehmen Sie!«, sagt sie, »Eine weiße Rose für Sie. Eine rosa alba für Sie!«, lächelt mich an, geschwisterlich.
Mein Kopf ist voller weißer Blüten. Ich rieche an der noch verschlossenen weißen Rose.
Hurtig laufe ich zur Pension, in mein Zimmer; nehme ein leeres Glas, fülle es halbvoll mit Wasser und stelle die weiße Rose, nicht ohne sie etwas gekürzt zu haben, hinein. Bald wird das Schiff anlegen, ich muß mich sputen.
Ich renne, um das Schiff noch rechtzeitig zu erreichen. Ein Pferd wiehert, ein Fahrradfahrer sieht mir nach. Die Inselbahn steht bereits unter Dampf, als ich am Bahnhof ankomme. Außer Atem setze ich mich in ein leeres Abteil und ordne meine Haare.

Am Hafen wird das Passagierschiff vertäut. Nach einigen Minuten betreten die ersten Passagiere die Insel.
»Eine FRAU mit Leuchtreklamelippen, Augen von Absinth, Haare wie Marilyn Monroe.«, sage ich halblaut zu den Ankommenden.
Mit dem linken Ringfinger rückt ein Mann seine graue Hornbrille zurecht, legt den Finger über die Lippen. Kopfschüttelnd sieht er mir in das Gesicht und wendet sich schließlich der wartenden Bahn zu.
Eine Frau, weit über vierzig, kommt mit glänzenden Augen auf mich zu.
»Sie sagten einen roten Leuchtreklamemund!«, flüstert sie, wie eine Erkennungsformel flüstert sie es.
Ich höre sie nicht an, blicke weiter suchend in die Menge.
»Sie sagten einen roten Leuchtreklamemund, nicht wahr?«
Sie flüstert noch leiser, weil man wohl zu kranken Kindern nicht laut reden darf.
»Sie sagten…«, setzt sie ein drittes Mal an.
Ich wende mich zu ihr.
»Ja, rote Leuchtreklame«, stottere ich, »und Absinth IHRE Augen.«, setze ich leise hinzu.
Sie kann nicht DIE FRAU sein, die ich finden will, DIE FRAU mit roten Leuchtreklamelippen. Ihre liegen schmal aufeinander, im sandblassen Gesicht.
»Absinth ihre Augen?«, fragt sie, nimmt verwundert die Brille ab und setzt sie schnell wieder auf.
Ihre Augen liegen hinter einer dickglasigen Brille als brauner Sumpf begraben.
»Nein!«, sagt sie, »Sie müssen mich verwechseln, lieber Mann. Was haben Sie denn für Sorgen?«, fragt sie. Und setzt nach einer kurzen Pause ein ›Lieber‹ als Schlusspunkt. Damit sieht sie mich unverwandt an, wartet aber vergeblich auf Antwort.
»Sehen Sie doch!«, sagt sie Minuten später, als ich stumm bleibe, und zieht an meiner linken Hand, die sie wie ein Handtuch gegriffen hat.
»Sehen Sie doch, wie schön die Sonne heute scheint!«, lächelt, wringt weiter meine Hand.
»Lassen Sie das!«, erwidere ich barsch und befreie mich aus ihrem Haltegriff.
»Mögen Sie Rosen?«, frage ich sie, »Sicherlich!«, sage ich, »Sie mögen Rosen nicht wahr?«
Die Antwort schuldig bleibend geht sie geraden Wegs an mir vorüber. Dann gehe auch ich zur Inselbahn. Nichts hat sich ergeben. Ich verzichte, durch die Gänge zu gehen, sitze mit zwei alten Männern, die kindisch lächelnd aus dem Fenster sehen, in einem Abteil und denke an übermorgen, an IHRE Ankunft.

III.
Früher Morgen, schon bin ich wieder zurück vom Hafen — SIE ist noch nicht angekommen — und höre meiner Wirtin freundlich zu. Um ihren Hals schlängelt sich ein buntes Seidentuch, ihre Stimme klingt weich.
»Fünf Sommergäste sind im vergangenen Jahr im Meer ertrunken. Aber so hat es kommen müssen, denn zuerst essen die zum Frühstück reichlich, am Mittag noch zwei Happen mehr, dann liegen die mit dicken Adern und blutleerem Kopf angeschwemmt im Sand.«, sagt Anna Levin.
Ich versuche ein Lächeln, denke an die Buschwindröschen, die im Wald wachsen, die hier auf die Kissen gestickt sind, und als Intarsie auf der Kleiderschranktür meines Zimmers violett schimmern.
»Leisten Sie mir doch ein wenig Gesellschaft.«, bittet sie mich. »Bis es Zeit ist, den Kaufmannsladen zu öffnen, mache ich hier in den Zimmern und bei Ihnen noch ein wenig Ordnung. Bleiben Sie ruhig noch ein Weilchen!«
Anna Levin legt die schmutzige Bettwäsche auf ein bereits abgezogenes Leintuch, mit dem sie alles umschlingt und mit einem dicken Knoten verschließt.
Sie bückt sich, gleichzeitig sehe ich verwirrt zur Seite. Und doch ist es einen Augenblick zu spät, schimmerte durch ihre weiße Hose das letzte Kleidungsstück das bleibt, bis die Haut vor Nacktheit friert. Gewohnte Gier kriecht über meine Lenden, auch noch als ich durch das geöffnete Fenster sehe und die aufscheinende Sonne mich streift wie ein Wangenschlag.
Sie sieht auf, wendet sich zu mir. Ihr Lächeln, das sie nie verliert, das ich täglich sehe, das sie mir mit dem Frühstück auf mein Zimmer serviert, es blitzt weit aus ihrem Bauch. Geblendet von der Sonne schließt sie für einen langen Moment die Augen. Auf ihrem Lid: eine dunkle Warze. Ich erinnere mich, daß SIE während der Liebe die Augen schloß.
Auf Anna Levins Lidern hüpft ungeduldig die Sonne.
»Ein Junge starb vorletzten Sommer.«, sagt sie, öffnet die Augen, »Er grub einen Tunnel, von Strandkorb zu Strandkorb. Vor dem Ausgang zum Strandkorb seiner schlafenden Eltern ist er erstickt.«
»Das ist schlimm!«, sage ich.
Mein Kopf schwimmt im Sonnennebel.
»Sie haben die braunen Augen von Gerd.«, sagt Anna Levin plötzlich. »Auf der Insel hat man sich immer gewundert über diese Augen, ob ihn sein Vater beim Torfabbau gemacht habe, fragte man ihn einmal. Er hat nicht antworten wollen. Ich habe diese dunkeltraurigbraunen Augen geliebt. Er hat gesoffen aus Spaß, tröstete man mich später. Geholfen hat es nicht.«
Warum versinkt jetzt ihr Lächeln? Auf ihrem langen, braunen Haar schläft die Sonne. Trotzdem sind es die falschen Haare.
»Ein Diakon war auch einmal hier.«, sagt Anna Levin. »Fragt mich, wo hier die Evangelische Kirche ist. Aber ich geh‘ nie zur Kirche, ich hab‘ keine Zeit dafür. Und schliesslich bin ich katholisch, und war damals erst kurze Zeit auf der Insel. Deshalb konnte ich ihm auch nicht sagen, wo sie ist. Aber, dass er ein Diakon ist, hätt‘ ich nicht gedacht. Nie hat er einem in die Augen gesehen, hat den Kopf zur Seite geschoben und nach unten gesehen. Die Tituskirche hat er natürlich auch so gefunden. Der Apotheker hat ihn oft von dort heraushuschen sehen. Und beim Gottesdienst war er sowieso immer dort. Für einen Diakon hätt‘ ich den aber niemals gehalten.«
Damit wendet sie sich von mir ab, schüttelt die Kissen auf, bückt sich, streicht das frische Bettlaken glatt. Mit kurzen, schnellen Schritten gehe ich aus dem Haus.
Die Sonne hat sich am späten Morgen bereits verkrochen, der Himmel sich weit und regennass geöffnet. Der Sommer will sich einfach nicht einfinden.

Gemächlich gehe ich dem Dorf zu. Laternenlicht spiegelt sich in den Pfützen der schmalen Straße. Der Weg über den Strand wäre zu beschwerlich, Sand würde nass an den Schuhen haften, so nehme ich den geteerten Dorfweg. Der erste Streifen Licht wandert vom Leuchtturm her auf die Salzwiesen. Entlang der Promenade gehe ich dem Dorf zu. Hinter dem Deichhügel flammt Leuchtturmlicht auf. Lichtkegel flattern über dem Meer, leise und immer wieder. Es beginnt zu nieseln. Von irgendwoher lautes Reden, ein Fröhlichsein. Woher kommt es? Ich gehe den Worten entgegen, einen Nebenweg einschlagend, der zu einem mir unbekanntem Hotel führt. Grelles Licht flutet hinter den Scheiben, eine bunte Hochzeitsgesellschaft feiert. Die Wirtin hat es mir erzählt — vor Tagen. Sommergäste von weit her, von den Bergen, wollen hier unbedingt heiraten, obwohl es auf der Insel oft regnet. Dass heute diese Hochzeit ist, habe ich vergessen. Kurz sehe ich noch auf das kräuselnde Weiß dieser Hochzeit, verlasse, wie ich gekommen bin, den Weg zum Hotel und gehe auf einem engen Sandweg wieder dem Dorf zu.
Durchatmen, Muschelaugen, frische Fußspuren hinterlassen: platsche in ein Pfütze. Wieder einmal fährt diese silberne Traurigkeit in mich ein: ein Vorortzug, der auf jeder, noch so kleinen Station Menschen einsaugt.
Auf meiner langen Fahrt vom Landesinnern zur Küste auf die Insel, sass mir im Zugabteil ein kleiner Junge gegenüber. Gesungen hatte der kleine Junge ein Lied, das es einzig für den Jungen gab — das erschreckte mich. Einen Kreis hatte das Lied gezogen, vom Mund des Jungen zur Zugscheibe, wo es zerplatzte. Ich hatte versucht das zerplatzende Lied aufzufangen, es zu behalten, wiederholte es im Stillen, selbst noch, als der Junge mit seiner dicken Großmutter ausgestiegen war. Schliesslich hatte ich mich in dieser silbernen Traurigkeit eines Vorortzuges wieder eingefunden und das Lied des Jungen vollständig vergessen.

Ich verlasse den direkten Weg zum Dorf, jetzt will ich den Strand wiedersehen. Weiter wandert das Leuchtturmlicht. Mit dem Sand der Düne, bis auf den schwarzen Feuersteinschnabel verdeckt: eine Möwe. Ich sollte hier nicht mit IHR spazieren gehen. Gleich nach IHRER Ankunft werde ich IHRE Hand nehmen, für immer fortgehen mit IHR. Wie lange wird SIE noch brauchen?
Endlich wieder Atmendes gegen den Vorortzug in mir: ein Schnattern, Gurren, Klagen, Zirpen, Rasseln, Klackern der Vögel im Irgendwo der Meeresnacht.
Meine Einsamkeit bleibt stumm. Als Arzt hatte ich begonnen gegen die Einsamkeit anzureden, mit den Patienten, den Kollegen, doch die Einsamkeit blieb. Einzig mit IHR kam die Einsamkeit in Bewegung. Bleierne Einsamkeit schmolz in mir, zuckte und brodelte aus meinem Inneren, in ein noch tieferes Inneres, aus dem ich meine Liebe gegossen hatte. Du bist zu schwer, hatte SIE mir einmal zugeraunt. Und einige Zeit später verschwand SIE, kam nicht mehr wieder — bis jetzt. So goss ich Worte, wie Zinn, die in einsamen Briefen erkalteten, die einsam blieben, ohne Antwort.
Das Dorf liegt jetzt vor mir, kleine Rechtecke erhellter Fenster glotzen mich an.
›Pupille‹, das schmale Neonschild ist mir sehr vertraut geworden. Ich öffne die Tür, verlebte Luft sauge ich gierig in mich ein. Ich setze mich. Überall Männer. Die Kneipe ist beladen mit maskulinen Einaktern. An den Tischen sitzt man entweder schweigend oder spielend beieinander. Der Kellner stellt sich gewichtig vor mich und bäumt sich nach meiner Bestellung kurz auf.
Niemand sonst nimmt Notiz von mir, das Telefon läutet kurz einmal, um dann mit Nachdruck zu schweigen.
Mit nassen, weißen Ärmeln stellt der Kellner das Bier auf den Tisch, macht einen Strich auf dem Bierdeckel.
Es ist mir wohl dabei, unter bierbeladenen Männern zu sein — ganz unter sich, Hier kann ich mich ausruhen. An vier Tischen spielt man Skat, an anderen wird getrunken und wenig gesprochen und an einem lediglich geschwiegen. Dort sehe ich hin. Til und ein mir unbekannter Mann schweigen, und blicken weiter ruhelos umher. Wissen sie, worum sie schwiegen? Wann werden sie das Schweigen brechen? Jene sehen sich musternd an. Plötzlich starrt mich einer der Schweiger unverwandt an, um kurz darauf mit dem anderen ihr Schweigen zu brechen.
Bis zum Grund trinke ich das Bier aus.
Wie mit einem Rohrstock schlägt der Kellner mit dem Kugelschreiber auf die Tischkanten, sieht zufrieden auf die leeren Biergläser, schnappt sie, stolz über seine Dressur.
Alleine sitzt ein junger Mann, mit dem Hintern eines Nilpferds, leise sagte er ein, zwei Worte auf und lacht glucksend, trinkt dabei, ein Schluck größer als der andere, ein Bier nach dem anderen aus.
Hinter der Theke schreit der Wirt unverständlich einen Namen. Für einen Moment zucken die Hände des Kellners; dann macht er zufrieden den zweiten Strich auf meinem Bierdeckel.
»Til, du wirst am Telefon verlangt!«, schreit der Wirt.
Doch niemand bewegt sich, einzig der junge Mann hebt seinen Nilpferdhintern an, grunzt kurz zu mir hinüber.
»Til, du Drecksohr, steh auf!«, schreit der Wirt.,
Murrend steigt Til aus seinem Stuhl, schlendert zur Theke. Still horcht er in die Muschel, murmelt. Als das Gespräch zu Ende ist, mustert er den Hörer wie ein fremdes Gesicht. Jetzt bestellt Til drei Bier beim Wirt. Langsam, fast kriechend, kommt Til an meinen Tisch.
»Wir spielen Skat!«, sagt Til — ich folge ihm.
Der Kellner bringt die drei Bier, kritzelt weitere Striche auf Tils Bierdeckel und schlägt mit dem Kugelschreiber auf mein Bierglas.

Vier Striche und einige Partien Skat später habe ich genug. Die zwei Spieler schweigen wieder. Ausser Skatworten reden sie nicht, zufriedenes Schweigen in der Runde.
Nach den Skatspielen spiele ich mein Spiel. Acht Karten: Damen und Buben. Als Paare lege ich sie übereinander, alle vier Paare nacheinander. Unter dem Karobuben liegt die Karodame, und so weiter und so fort. Ich mische die acht Karten, bedächtig und ohne ihnen weh zu tun. Mische sie von oben nach unten, nehme drei Karten ab, mische wieder alle miteinander, nehme fünf ab und so weiter und so fort. Nach langer Vorbereitung ziehe ich die erste, stecke sie nach unten, nehme die oberste, verharre, bis ich sie zwischen eine der restlichen sieben stecke. Nehme Karten ab, lege die unteren auf die abgenommenen, wiederhole es. Mische sie. Die Schweigenden sehen mir interessiert zu. Sie warten auf ein Ergebnis. Vielleicht auch auf ein Zauberkunststück. Vorsichtig decke ich die Karten auf. Nach und nach, von oben nach unten, jede Karte einzeln; sehe jede Karte lange an. Was wollen sie mir sagen? Sehe in die blauen Augen der Damen und Buben, sie bewegen sich nicht. Ich lege zwei Karten zu einem Paar nebeneinander, neben der aufgedeckten Kreuzdame liegt der Pikbube; die Pikdame neben dem Herzbube; die Herzdame neben der Karodame und der Karobube neben dem Kreuzbube. Die Paare passen nicht zueinander. Die Farben stimmen nicht. Das Geschlecht stimmt auch nicht — manchmal. Es verwundert mich nicht, gerade dies habe ich eigentlich erwartet.
»Und jetzt?«, fragt Til.
»Weiter, noch einmal!«, sage ich, mische die Karten. Wieder decke ich, von oben beginnend, Karte für Karte auf. Kreuzdame über Herzdame; Pikdame über Karobube; Pikbube unter Kreuzbube; Karodame unter Herzbube.
»Ja und jetzt?«, fragt Til.
»Weiter!«, antworte ich.
Nach fünfzehn weiteren Spielen liegen Herzdame und Herzbube weit auseinander, so wie die anderen Paare. Nie finden sie als gemeinsames Paar zusammen. So ist die zweite Karte im ersten Paar die Herzdame, und die erste Karte im zweiten Paar der Herzbube. Natürlich darf das nicht sein. Und ich hasse Rosen, ich trenne sie: die Herzdame von ihrer Rose, dem Geschmeide am Hals und den Rosen im wallenden Haar; den Herzbuben von seiner klingenden Narrenkappe, breche ihm den ausgestreckt weisenden Finger und drücke ihm die Halskrause zu.
Fluchend bringt der Kellner ein neues Spiel Karten und macht einen weiteren Strich auf dem Bierdeckel.
In den weiteren Spielen bis zur Sperrstunde finden sich keine passenden Paare ein. Endlich haben sich sämtliche Paare von ihren sinnlosen Versuchen, zueinander zu finden, verabschiedet, reichen sich in drei Spielen vom unteren und oberen Ende der Karten höchstens flehend die Hände.
Schließlich vertreibt uns der Wirt eine Stunde nach Sperrstunde aus der Kneipe. Til bringt mich nach Hause. Auf halber Wegstrecke müssen wir uns beide übergeben.

Es ist wieder Morgen: mit dickem Kopf, zerfleddertem Kartenspiel und zerknitterter Kleidung liege ich auf meinem Bett. Ich dusche, gehe zum Hafen, erwarte das Schiff, das ohne SIE anlegt, gehe zurück in die Pension, schreibe IHR einige Briefe, verwerfe sie nacheinander.

IV.
Das Passagierschiff ›Rosa‹ läuft mit zwei Stunden Verspätung in den Hafen ein. Aus der schwimmenden Zuckertüte schwappen Menschen, manche mit langen, weit ausholenden Schritten, andere tasten mit ihren Augen vorsichtig die Insel ab, bevor sie den ersten Schritt von Bord wagen.
Ich fixiere die Ankommenden, übergehe schnell die dunkelhaarigen, rosalippigen und blau-, braun-, grau-, schwarzäugigen Frauen.
»Du, ich helf‘ dir!«, sagt ein kleiner Junge, der vom Magen des Dorfes gekommen scheint, nach verdorbenem Fisch riecht; seine Nase: krebsrot, und die Hände kleben voller Sand.
»Wie bitte?«
Der Junge zieht die Zähne über die Unterlippe, seine Augen flackernde Kerzen.
»Du suchst doch ne Frau, ne Frau mit so komischen Lippen und tollen Haaren, nicht wahr?«
»Rote Lippen wie Leuchtreklame, Augen von Absinth, Haare wie Marilyn Monroe. Ja, die suche ich. Und du mein Junge?«, frage ich, streiche mir mit dem kleinen Finger eine dunkle Strähne aus den Augen.
»Ich helf‘ dir dabei. Die ›Rosa‹ hat ja so ganz viele Leute drauf, die kannst du doch schon alle gar nicht mehr richtig sehen!«
»Ja, das ist wahr, mein Junge, sie gleichen sich, von Tag zu Tag gleichen sie sich mehr. Und du willst mir dabei helfen?«
»Ja, heute helf‘ ich dir, morgen muss ich dann wieder zur Schule.«, erklärt der Junge und reicht mir seine geöffnete Hand.
Hand in Hand stehen wir nebeneinander und sehen auf die Ankommenden. Der Junge winkt einem Hafenarbeiter zu, der Lebensmittelkisten aus dem Schiff entlädt. Eine Frau mit grünem Hut winkt von der Landungsbrücke aus zurück. Freundlich grüßen uns die Ankommenden. Alle kommen an. Wo bleibt SIE?
»Ist Ihre Frau nicht auf dem Schiff gewesen?«, fragt die alte Dame, deren grüner Hut im Wind gefährlich schwankt.
»IHRE Lippen so rot wie Leuchtreklame.«, versuche ich zu erklären.
»Nein, tut mir leid, lieber Mann. Eine Frau mit solchen Lippen wäre mir aufgefallen, tut mir leid, auch für Ihren Kleinen.«, und wendet sich zu dem Jungen, »Sei nicht traurig, sie wird bald kommen!«
»Nein, ich helfe ja nur.«
»Das ist schön mein Junge, das ist sehr schön, das ist …«, wispert sie und setzt mit den Worten aus, die sie nicht wieder aufnimmt. Langsam läuft sie zur Inselbahn, ihr grüner Hut schwankt ein letztes Mal, bevor er zu Boden fällt und fröhlich in das Meer treibt. Verblüfft sieht ihm die rachitische Dame noch nach, erstarrt kurz und steigt mit bedauerndem Kopfschütteln in die Bahn ein.
»Wieder nichts!«, ich streiche gedankenverloren über die lockigen Haare des Jungen.
»Kaufst du mir jetzt ein Eis?«, fragt der Junge.
Schweigend steigen wir in die Inselbahn mit ein.

In der einzigen Eisdiele im Dorf kaufe ich dem Jungen Erdbeer- und Pistazieneis, obwohl dieser Schokoladeneis lieber gegessen hätte.
»Sag den Leuten, ich werd‘ nicht mehr in die ›Pupille‹ kommen, sag‘s ihnen, ja. Sag‘ ihnen, ich bin am Hafen in den Zeiten des Schiffes, doch das wissen die Leute ja schon; sag‘ ihnen, ansonsten laufe ich den Strand entlang; wenn es stürmt werd‘ ich morgen die Arme ausbreiten und gehen. Nein, sag‘ das ihnen nicht, sag‘ den Leuten bitte, dass ich heute nicht in der ›Pupille‹ bin, vielleicht morgen; ja, sag‘ ihnen das, ja!«, und verlasse schnell die Eisdiele.
Der Junge sieht mir nicht nach, hat sich zu einem alten Mann gebeugt, der auf ihn einschwatzt und ihm wahrscheinlich ein Schokoladeneis verspricht.
Es ist nicht einmal Mittag. Wie jeden Tag sitze ich im Gasthaus ›Zum Tor‹, das am Dorfrand erhöht auf einer Düne steht. Ich esse gebackene Scholle, das Bier steht glänzend gelb daneben, mit einer Krone aus Schaum.

Obwohl heute kein Schiff mehr ankommen wird, erst wieder in drei Tagen, will ich zum Hafen.
Kräftiges Sonnenlicht wirft kurze Schatten auf die Gleise. Auf dem Schienenkopf balanciere ich einen Atemzug lang, bis ich abrutsche, auf der Holzschwelle stehe und mich dort nach Menschen umsehe. Der Horizont bleibt blau, das Land braun und mattgrün, Menschen bleiben aus. Kleine Wolkengesichter auf dem Rostrot der Gleise.
»Früher zogen Pferde bei Ebbe die Waggons über die Gleise. Trottend, ihre Kraft über das Geschirr an die Räder der Waggons weiterleitend, fuhren die Pferde all die Ankommenden und Abfahrenden sicher auf die Insel und von ihr fort.« Dietrich, der manchmal Pferdefuhrwerke lenkte, früher Hafenarbeiter war, sprach schon oft traurig darüber, wie andere von ihren zu früh verstorbenen Kindern.
Rostrote Gleise, auf denen glühend die Sonne sitzt. Schwelle für Schwelle gehe ich weiter. Wenn ich dann am Hafen ankomme, die Stille wie ein Stein wiegen wird, werde ich am Stahlseil ziehen, das vom Himmel auf die Erde reicht, bis der Himmel einbricht und alles mit sich reißen wird.
Eis, kristallines Salzwasser kann ich nicht herbeizaubern, das alles zum Bersten bringt. Selbst Krieg hat hier seine Krallen schon längst nicht mehr hineingetrieben. Einzig auf Sturm hoffe ich noch, der heute nicht kommen wird, es ist nicht seine Zeit.
Dann will ich wissen, wie es ist, auf den Schienen zu liegen, den Herzschlag des gewalzten Eisens hören. Es pocht nicht, es ist ruhig, es ist tot. Ich stehe auf, sehe auf das warme Rot des Eisens, gehe noch ein wenig die Schienen entlang, bis diese wieder zweigleisig werden, kniee nieder und lege meine Wange auf das Herzstück. Stechend zieht die Hitze einen Kreis von der Wange über die Nasenspitze.
Weit ziehen sich die endlichen Bahngleise. Große Schottersteine sichern ihr Bett. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt jede Schiene nach irgendwo, überall.
Nirgendwo ist mein Platz! Fixiere die Zunge der Weiche vor mir. Ich sehe die losen, aufgeschichteten Schottersteine, die etwas verbergen wollen, das sich noch nie bergen ließ; die etwas begraben wollen, was noch nie gewesen ist.
Müde setze ich mich auf einen Prellbock.
Nun am Ende der Schienen angekommen, wo der Hafen vor Stille und Sehnsucht schreit, ziehe ich am unsichtbaren Stahlseil und warte auf das Einstürzen des Himmels oder irgend ein anderes Ende.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne — länger will ich nicht mehr bleiben. Balanciere auf den Schienen den Weg zurück.
Verschwitzt und gelangweilt sass ich vor einigen Jahren, zusammen mit einer Mutter und ihren Kindern in einem Zugabteil. Als der Zug auf offener Strecke hielt, streckte der Junge neugierig seinen Kopf aus dem Fenster.
»Wie heißen denn die Steine, die zwischen den Steinen liegen, Mama?«, fragte der kleine Junge.
»Einfach Steine!«, sagte die lesende, etwas größer gewachsene Schwester.

Hinter mir gelassen habe ich den Deich, auf dem die Schienen liegen, und so schlage ich nun den Weg zur ›Pupille‹ ein. Die Kneipe ist geschlossen, was ich hätte wissen müssen. So gehe ich langsam den nächtlich gewohnten Weg, obwohl der Nachmittag noch glüht. Meine Füße brennen auf dem sonnenaufgeladenen Teer. Die enge Straße ist leer, weder Fahrradfahrer noch Pferdekutschen. Ich gehe viele Häuser weiter, über das Haus hinaus, in dem ich ein Zimmer bewohne.
Vor dem niedersten Haus bleibe ich stehen, beäuge den Vorgarten, in dem weiße und rote Blumen ihre blassen Blütenköpfe senken.
Dietrich, der Pferdekutscher, streckt seinen Kopf aus dem Fenster des niederen Hauses.
»Komm!«, sagt er, »Trink mit mir eine Karaffe Tee.«
Der Tee ist bronzen und bitterheiss. Braunrandige Fotografien von Fischerkähnen und ernstbärtigen Männern hängen an den Wänden. Erst als ich geraume Zeit sitze, bemerke ich, wie winzig der Raum ist.
Lächelnd beobachtet Dietrich meine wandernden Augen; schenkt mir Tee nach, beginnt zu erzählen.
»Man erzählt sich hier auf der Insel folgende Geschichte, die mein Großvater bereits von seinem Großvater erzählt bekam. Ich aber habe keine Kinder. Deswegen erzähle ich sie dir, du könntest mein Sohn sein, und bist mein Saufkumpan geworden. Es ist eine zauberhafte Liebesgeschichte, die ich dir erzählen möchte.«, sagt er freundlich, und nippt zwischen den Sätzen an der dünnen Porzellantasse.

»Vor vielen Jahren lebte hier, genau hier, in diesem Haus, die Witwe Stradow, zusammen mit ihrem Sohn Friedhelm, der bereits seit seinem zwölften Jahr auf Heringskuttern fuhr. Der Mann war ihr schon früh vom Meer gestohlen worden. Friedhelm, so erwartete die Mutter, müsste doch auch bald eine schöne Frau nach Hause führen. Denn inzwischen fischte er soviel, dass es für vier Familien ausgereicht hätte. Bei Flut segelte er weit über das Watt, um Schollen zu fangen. Er trocknete sie an Drähten und jeden Monat brachte er sie auf das nahegelegene Festland. Und dort sah er sie: Helena, deren Haar goldener war als Gold, ihre Haut weicher als Samt und Seide. Schon eine Woche später, als sie am Kai wieder Honigkuchen und Branntwein verkaufte, sprach er mit ihr und fragte sie ohne Umschweife, ob sie seine Frau werden wolle. Eine schreckliche Sekunde lang schwieg sie, dann sagte sie ja, ja sie wolle liebend gerne seine Frau werden. Wehmütig, doch von inniger Liebe gestärkt, stimmte sie auch ein, fortan mit ihm auf der Insel zu leben.«
Kurz nippt Dietrich am warmen Tee und fährt fort, »Hier also, in dieses kleine Fischerhaus zogen sie ein und wurden nach neun Nächten und acht Tagen zu Mann und Frau. Bereits der Herbst war schneidend kalt, und der Winter legte seine eisigen Hände hart auf die Insel, Eis umklammerte die Fischerboote, und manche Fischer hatten gar bald kein Auskommen mehr. Es war eine schwere, aber auch glückliche erste Zeit für Helena und Friedhelm. Doch der Frühling drückte Heimweh auf Helenas Gemüt, nach ihrer Mutter, dem Vater und ihren Geschwistern. Friedhelm sah in ihre vor Wehmut geröteten Augen, umarmte sie noch einmal kräftig und segelte mit ihr zum Festland, zu Helenas Heimat. Eine Woche, sagte Friedhelm, eine Woche lang kann ich es aushalten ohne dich, ohne zu sterben. Sie besänftigte seine Schwermut mit einem innigen Kuß, und er segelte wieder zu seinem Fischerhaus.
Mit klopfendem Herzen trat Helena in die elterliche Stube ein. Die Freude in ihrer Familie war groß, weinend vor Freude umarmten und herzten sie sich. Lange, bis weit nach Mitternacht redeten und scherzten sie miteinander. Müde krochen sie alle zu sehr später Stunde in ihre Betten.«
Dietrich schenkt uns Tee nach. »Doch mit Helenas Schlaf war es nicht weit. Von einer Seite zur anderen wälzte sie sich, bis sie wieder in ihr weißes Kleid schlüpfte, wehmütig zum Deich lief, auf dem Vollmondlicht lag. Weit hinaus aufs Meer, wo die Insel lag, sah sie starr und voller Sehnsucht. Zurück, hämmerte es in ihrem Kopf, zurück zu ihm; zurück zur Insel. Schnell ging sie wieder in das Haus zurück, weckte Eltern und Geschwister. Sie schüttelten fassungslos ihre Köpfe. Helena war nicht davon abzubringen. Es ist jetzt Ebbe, alles liegt frei, ich gehe barfuß über das Watt, sagte Helena. Es hatte keinen Sinn, Helena umzustimmen, Helenas Entschluß war brandungsfest. Ihre Mutter nahm das Kruzifix von der Brust und gab es Helena. Und ihre Schwester tat es der Mutter gleich, nahm das Kruzifix von der Brust und gab es Helena. Erst dann ließen sie Helena ziehen. Helles Mondlicht begleitete Helenas Weg. Doch kam sie nicht recht voran, Muschelspitzen stachen in ihre nackten Füße. Ohne lange zu überlegen, nahm sie die Kruzifixe vom Hals und schnallte sie sich unter die Füße. Schon nach den ersten Schritten bemerkte sie, dass sie fast dahinglitt. Schnell kam sie voran, das Wasser, die heranrückende Flut konnte sie nicht mehr überholen. Erst an einem tiefen Pril mußte sie stehen bleiben. Ohne Angst, voller Vertrauen auf Gott und die Liebe ging sie, ja wandelte sie auf dem Pril, und kam am frühen Morgen, mit der ersten Teezeit wieder zu diesem kleinen Fischerhaus. Friedhelm schloß sie fest in seine Arme und blieb an diesem Freudentag Zuhause. Die Kruzifixe sind heute auf unserer Insel, unter dem großen, kupfernen Kreuz unserer Kirche zu sehen. Und Friedhelm und Helena«, schließt Dietrich, »wurden zusammen glücklich uralt.«
Ich öffne meine Augen, lasse den lauwarmen Tee in meiner Tasse stehen, gebe Dietrich schweigend die Hand, gehe aus dem Fischerhaus.

V.
Sommer, das ist Schleim, Schmutz und die Qual der Sonne, das ist das strandige Geschwätz und Geschwitze der Sommergäste. Darauf kann ich verzichten. So umgehe ich die Tage und suche die Nächte auf. Zwischen dem zweiten und dritten Viertel des Tages schlafe ich, esse und trinke, und wache in den restlichen Vierteln. Einzig zu den Ankunftszeiten der ›Rosa‹ stelle ich den Wecker.
Kurz nach dem Morgengrauen, drei Stunden bevor ich schlafen gehe, verabschiede ich Venus am Himmel und gehe in den Dünen spazieren. Dort ist alles Gesträuch mit silbergrauem bis bläulichem Tau überzogen. Im Sand suche ich immer wieder nach Strandweizenbüscheln. Anna Levin sagte mir, sie bilden den Anfang der Düne, und einen Anfang würde ich gerne sehen, gerade jetzt am frühen Morgen, vor dem Schlafengehen. Was ich entdecke, ist das flammende Orange von Beeren an stacheligen Zweigen. Zwischen den Fingern zerreibe ich die Beeren, rieche an ihnen, und lasse sie von der nächsten Böe aus meinem Handteller treiben.
Ich suche den Strand ab und weiß nicht einmal mehr, wie Strandweizenbüschel aussehen. Was ich finde am schmutzigen Mund des Meeres sind Quallen. Das ist himmelblau durchsichtiges Gelee, am Strand angeschwemmt und ab und an von einer gelangweilten Welle überspült.
»Menschen wurden früher angeschwemmt!«, erzählte Til gestern in der ›Pupille‹, als ich mein abendliches Bube-Dame-Spiel begann. Sommer ist die Zeit der Geschichten. Über Tils Frau wollte ich nie wieder etwas hören, und besuchte ihn seitdem auch nicht wieder.
»Im Krieg«, sagte Til, »wurden zwei, drei, einmal sogar vierzig Leichen, dazu Konserven mit Butter und Fleisch und gutes Brennholz angeschwemmt. Fische, Delphine, ein toter Wal; Schnittholz aller Art, Balken und Bretter; Apfelsinen, Bananen; Wein-und Schnapsfässer. Und heute findet man am Strand nur noch Quallen und leere Ölkanister!«
Ich stochere mit einem langen Draht im Quallengelee herum, bis es in viele kleine Teile zerschnitten ist und von der nächsten Welle weggetragen wird.

Stundenlang gehe ich am Strand spazieren, immer westlicher, die aufsteigende Sonne im Rücken. Ein altes Fischerboot mit zerborstenen Planken ankert, noch nass vom Meer, am Strand. Ich setze mich auf die nassen Bootsplanken. Das Fischerboot habe ich noch nie gesehen, wahrscheinlich fährt es am Mittag wieder raus auf See. Einige Gräten hat es sich gebrochen. Neben dem Fischerboot, im lauen Sand, schlafe ich bald nach Sonnenaufgang ein.
Ich träume: weiße Wolken beugen sich über das flache Land. Bäume stehen vor dem Meer Spalier. Wellen brechen sich an Felsen. Die Wellen stürzen von großer Höhe herab und brechen, und stürzen trotzdem weiter. Ich bin vielleicht sieben Jahre alt, stehe vor dem Meer. Ich steige auf einen hohen Baum, um besser zu sehen; stürze und klettere trotzdem immer wieder ins hohe Geäst, falle und breche mir immer wieder den Arm. Zuhause sieht man sprachlos auf meinen gebrochenen Arm, verspricht sich von ihm aber die größte Ruhe. Ich will so sein wie die Wellen, denke ich. Und ohne es zu bemerken, legt man Gips um meinen gebrochenen Arm und über meine eingefallene Brust. Währenddessen stürzt neben mir Welle für Welle weiter und weiter und geht nie zu Bruch.
Lärmende Kinder wecken mich. Sie lachen, als ich sie frage, ob sie sich etwas gebrochen haben.

Und an den anderen Morgen, kurz vor und nach Sonnenaufgang, an denen ich am Strand entlang gehe, mache ich auch manchmal Rast in einem der Strandkörbe, deren Holzbänke entweder zugeklappt oder sogar abgeschlossen sind. Dort verbringe ich Stunden, beobachte die Regungen der Wellen, die windend blauen Körper, die aneinander halten und sich atemlos überschlagen. Wundere mich über die unsinnige Kletterei des roten Balls, der auf dem Meer zu hüpfen beginnt, und den Rest des Tages eingezwängt am Himmel bleibt, neben ihm nur ab und an Wolken, Flugzeuge und Vögel. Bevor Frühaufsteher die Strandkörbe bevölkern, bin ich schon längst in meinem Bett verschwunden.
Auf meinen Spaziergängen am späten Abend oder frühen Morgen treffe ich kaum Menschen an. Einmal erspähte ich im Zwielicht zwei sich wälzende Körper, die sich am Meeresrand lautlos liebten. Ich hatte zunächst einen großen Bogen um sie gemacht, schlüpfte dann doch in einen der Strandkörbe und sah wie Hände einen hellrunden Leib liebkosten. Zugleich fragte ich mich, ob IHRE Brüste auch so glänzen würden — jetzt. Bald darauf ging ich wieder zurück zur Pension, hatte einen leichten Schlaf und begegnete dem Paar nie wieder.

Damals, auf dem Festland, lief ich am gelben Rapsrand der Stadt, sah das Grau am Horizont und entschloss mich zu gehen. Da war SIE bereits seit zwei Wochen verschwunden. Täglich schrieb ich IHR, täglich blieb ich ohne Antwort. Eine Woche vor meiner Abreise machte ich meine Haushaltsauflösung. Auf die Frage einer älteren Frau, wer hier gewohnt habe, antwortete ich, mein verstorbener Bruder. Die Frau kaufte mir die halbe Einrichtung ab. Den Rest kippte ich nach und nach in die Mülltonnen.
Zwei Tage vor meiner Abreise besuchte ich Freunde. Sie lachten, in zwei Wochen käme ich bestimmt wieder, klopften mir auf die Schulter und wollten mich besuchen kommen. Ich gab ihnen die falsche Adresse. Einen schönen Urlaub wünschte mir jeder zum Abschied und ich drückte jedem leicht die Hand. Gleich bei der Überfahrt zur Insel warf ich all ihre Fotografien und Adressen über die Reling, sie schwammen wie hilflose Käfer auf dem Meer. Aber schnell wurden sie in die Tiefe gerissen. Erleichtert fand ich auf der Insel schnell eine Pension.

»Ab morgen halte ich meinen Sommerschlaf!«, sagte ich am Sommeranfang zu Anna Levin.
»Sie tun sich nichts Gutes damit an. Der Schlaf in der Nacht ist der Beste!«, sagte Anna Levin und protestierte, »Und wann soll ich das Frühstück bringen, das Bett machen, wie stellen Sie sich das eigentlich vor?«
»Der Sommer ist etwas für fleißige Bienen, Verliebte und Eisverkäufer, aber nichts für mich!«
»Bären halten einen Winterschlaf, sicherlich,«, entgegnete sie, »aber es ist Sommer und es gibt keine Bären auf der Insel.«
»Tropische Frösche halten einen Sommerschlaf. Denn die Trockenzeit muß überwunden werden. Die Trockenzeit muß irgendwann einmal überwunden, oder die Flut herbeigeholt werden.«
»Und an mich denken Sie wohl gar nicht, die viele Arbeit, die ich damit haben werde!«, sagte sie tonlos und sah mir flehend in die Augen.
»Ich grabe mich immerhin nicht ein, keine Angst, auch die schützende Hülle«, sagte ich scherzend, »fehlt ganz!«
Sie knallte die Tür hinter sich zu.

Der Bruch, so hatte ich eines Morgens, kurz vor dem Einschlafen gedacht, kam an einem heißen Tag.
»Buschwindröschen sind verteufelte Blumen,«, hatte SIE plötzlich gesagt, »sie wachsen im dunklen Wald einzig um Herzen und nackte Haut näher zu bringen, und das will ich nicht. Eigentlich sind Gänseblümchen meine Lieblingsblumen.«, hatte SIE geraunt und rannte aus dem Wald.
Obwohl wir uns lange Jahre am liebsten zur Buschwindröschenblüte liebten, fand ich SIE nicht mehr wieder.

Am nächsten Morgen, die Sonne hitzte, ich schlief nackt, träumte ich von IHR. Auf dem Kopf trug SIE einen geflochtenen Kranz aus Gänseblümchen, vor Blüten quoll IHR Mund fast über.
»Ich liebe die Menschen. Aber als Freunde liebe ich nur wenige. Und wenn ich liebe, werde ich so ausschließlich, daß ich nur noch einen einzigen Gedanken im Kopf habe.«, höre ich SIE murmeln.
Ich erinnere mich nicht mehr, wann SIE das sagte, dass SIE es gesagt hat weiß ich.
Das Leben ist trotz alledem nicht ohne Hoffnung, denke ich dann noch und weiß, es ist ein Satz von IHR.

VI.
»LIEBES,
nun verspreche ich DIR, nicht mehr unausgeschlafen und müde am Hafen zu stehen, denn der Sommer ist in sein Winterquartier geflogen, und ich erwarte DICH wieder frisch rasiert und ausgeschlafen.
Selbst meine Wirtin, Anna Levin — ich habe DIR ja schon manches über sie berichtet — ist froh, dass der Sommer vorbei ist, so hat sie mich endlich wieder, sagte sie gestern — wohl mehr im Scherz. Und endlich kann sie die Betten wieder wie gewohnt am späten Morgen machen, sagte sie dann noch. Eine sonderbare Person, findest DU nicht auch?
Viele fragen hier nach DIR, obwohl sie DICH nicht kennen, ist das nicht wunderbar! DU wirst sie auch mögen.
Ich freue mich auf DEIN Kommen, erwarte DICH mit dem nächsten Passagierschiff.
für immer Dein …«
Mit diesem Brief verlasse ich die Pension in Richtung Strand, gehe Richtung Osten, entlang der Salzwiesen. Eine schmale Holzbrücke führt über die Salzwiesen, direkt an einen breiten Bootssteg. Dicke Taue dienen als Geländer. Ich laufe mit verschränkten Armen zum Ende des Bootsstegs, suche den Horizont lange nach der ›Rosa‹ ab. Den Brief werfe ich ein, er wird SIE sicherlich erreichen.
Am Meer entlang spaziere ich weiter östlich.
Sperlinggroße Strandläufer tummeln sich in großen Scharen am Ufer. Nordwestwind hat Hölzer, unförmige, kleine, große, mit Muscheln besetzte, von Salz zerfressene, an Land gespült. Hunderte Herzseeigelskelette stapeln sich am Strand, als lose knöcherne Ringe. Ein altes Fischernetz umschlingt Algen, Muscheln und Unrat, und liegt nun selbst, vom Sand gefangen, am Strand.
Ich kehre um. Sand peitscht mir in das Gesicht. Eine Regenflut prasselt auf mich nieder.
Zwei Stunden später dreht der Wind urplötzlich auf Ost. Das Passagierschiff ›Rosa‹ kann am späten Mittag nicht einlaufen, aus dem Hafen hat der Wind zuviel Wasser hinausgetrieben.
Vor meinem Fenster zittern halsstarke Fichtenäste. Vielleicht legt sich der Wind schon morgen.

Seit siebzehn Tagen kommt kein Mensch mehr vom Festland auf die Insel. Kräftiger Ostwind bläst das Wasser aus dem Watt, bedeutet weiter unpassierbare Untiefen für die ›Rosa‹.
Nach vier Tagen habe ich aufgehört die Vögel im Sand zu bedauern: rote Schnäbel, an denen nasse schwarze Federn kleben; gelbe Krallen, die sich im Gefieder verquert wiederfinden; Augen, die ins Leere starren. Davor bewunderte ich die Vögel, die eine Schwanzbreite über dem Meer fliegen und niemals tiefer sinken.
Täglich peitschen starke Böen mit spitzen Lederschlägen auf die Insel. Morsche Äste brechen zuerst von den Bäumen ab, später auch gesunde Zweige und Äste; von den Häusern kullern regelmäßig Dachziegel.
Täglich gehen Fenster zu Bruch. Til, der Inselglaser, kommt mit der Arbeit nicht mehr nach, und einige Zimmer sind dem Regen schutzlos ausgeliefert. Bis jetzt blieben in der Pension von Anna Levin, selbst in ihrem Kaufmannsladen, die Fenster heil und Regen hämmert weiter gegen die Gläser, stürzt in dicken Tropfen und Rinnsalen von den Fenstergläsern auf die Erde.
In der ›Pupille‹ spiele ich, wie jeden Abend, mit Dietrich und Til Skat. Nach etwa zwei Stunden nehme ich die Buben und Damen aus dem Spiel, mische die acht Karten und suche erneut nach passenden Paaren.
Til notiert emsig Zahlen auf ein Blatt Papier. Dietrich hört auf den Regen, der gegen die Fensterfront schlägt und sieht dabei auf eine Pferdefotografie an der Wand. Ich mische die Buben- und Damenkarten neu. Hinter der Theke klirren Gläser.
Einen Moment lang lege ich die Karten beiseite. Til streicht sich mit dem kleinen Finger immer wieder über die Pastorennase, sieht vom Notizblock auf, fährt mit der Handfläche durch sein fettglänzend schwarzes Haar.
»Trinkt!«, hebt Til an, »Das wird das Geschäft des Jahres!«, gibt eine Runde Bier nach der anderen aus. »Auf den Wettergott und dass die Insel nie untergeht.«
Nach der vierten Runde verspricht Til, »Ihr alle, jawohl, ihr alle zusammen bekommt Rabatt, jawohl Rabatt auf jedes dritte Fenster, das der Sturm, der liebe, liebe Sturm, mein Bruderherz, bei Euch kaputt macht. Jawohl, und jetzt lasst uns trinken! Prost!«
»Austernfischer«, beginnt Dietrich, »stürzen sich zuschanden in der Gier ihres nie endenden Hungers. Möwen dagegen«, murmelt Dietrich weiter, »Möwen lassen sich treiben und treiben bis sie müde sind, um dann auf dem Sand das marmorierte Fleisch aus den Muscheln zu picken.«
Til runzelt die Stirn, beklopft seine Nase und kritzelt weitere Zahlenreihen ungeordnet in seinen Notizblock. Ich mische die Karten, lege sie neu, nehme die Karten wortlos wieder auf, mische.
Dietrich spricht mit fester Stimme weiter. »Besonders die Strandläufer, diese witzigen, wuseligen Vögel, die mit ihren stecknadeldünnen Beinchen wie Windmühlenräder über das seichte Wasser rasen, haben es jetzt schwer. Entweder sie lassen sich ungewiss vom Wind treiben, oder sie stehen im seichten Meerwasser, im Windschatten der Möwen.«
»Das ist nicht wahr!«, protestiert Til, »Die Viecher mögen den Sturm, wie ich, die saufen den Wind, wie ich das Bier. Trinkt, und redet nicht soviel, sonst gibt‘s keinen Rabatt mehr. Prost!« Und ritzt mit einem Glasschneider, den er aus seiner Brusttasche genommen hat, senkrecht ein Bierglas an, klopft leicht gegen das dünne Glas. Eine Flut Bier schwappt auf den Tisch. Die Männer lachen. Til bestellt eine weitere Runde.
Ein starker Ast fällt auf ein Fenster, das standhält. Ich nehme alle Karten auf und schiebe sie in die Jackentasche. Die Männer schweigen.

Der Wettergott hat starke Blähungen. Die Insel biegt sich unter den brausenden Schlägen des Sturms. An die Ankunft der ›Rosa‹ ist nicht im entferntesten zu denken.
Anna Levin bringt mir das Frühstück. Seit drei Tagen bleibe ich im Zimmer. Täglich macht sie mir das Bett, glättet die Leinenfalten und schüttelt die Kissen auf, alle acht Tage wechselt sie mir die Bettwäsche, einmal in der Woche putzt sie das Waschbecken, saugt das Zimmer. Hat sie Waren in die Regale ihres Kaufmannsladens sortiert, klopft sie oft ein zweites Mal an meine Zimmertür, entschuldigt ihr Kommen mit Staub wischen. Dabei sehe ich ihr schweigend zu.
In diesen nie enden wollenden, scharfkantigen Winden sehe ich Anna Levin viele Male die Treppen unruhig auf und ab gehen. Und einmal begegne ich ihr sogar auf halber Höhe der Wendeltreppe. Am siebten Tag, als das Passagierschiff ausbleibt, lädt sie mich zum Mittagessen ein. Die bisher stillschweigende Abmachung war, mich allein und in Ruhe Essen zu lassen — dann aber sage ich doch zu.

Ein billiger Kunstdruck eines Sonnenuntergangs mit Segelbooten, die sich in der Steppe des Meeres verlieren, hängt über der Küchentür. Und eine getrocknete weiße Rose steckt am Bilderrahmen. Warum nur hängen sich Menschen, die am Meer wohnen, Bilder mit Meeresstimmung auf und Menschen, die an Bergen wohnen, Bilder mit Bergesstimmung?
Wie immer ist ihre Hose weiß, weiß geblieben, weiß auch im letzten, schmutzigen Winter, im matschigen Schnee und nun selbst im Sturmregen. Ein buntes Seidentuch umschlingt ihren Hals, den ich noch nie gesehen habe, vermute aber, dass dieser ebenso schlank und sehnig ist wie sie. In der kalten Jahreszeit trägt sie einen kornblumenblauen Pullover, darunter wie immer ein Seidenhemd, einmal in grün, blau, dann lila. Ich habe mich in den langen Monaten an dieses Bild gewöhnt, ihr Lächeln wird nicht zarter bei meiner pünktlichen Bezahlung des Pensionsgeldes. Damit hat sie mich gewonnen als Gast, obgleich ich eigentlich von Monat zu Monat eine andere Unterkunft hatte wählen wollen. So bleibe ich eben bei Anna Levin, wenn auch mit dem Gefühl, die Pension liege doch ein wenig zu weit von der Inselbahn entfernt, und ein anderes Zimmer böte vielleicht ein wenig mehr Komfort.
Mandelforellen, Butterkartoffeln, grüner Salat und Karamelpudding.
Anna Levin schenkt mir Wein ein. »Sind Sie eigentlich schon einmal im Meer geschwommen?«
»Nein!«, antworte ich und trinke, mit dem portugiesischen Weißwein — aus Rotweingläsern — auf ihr Wohl.
»Wissen Sie,«, sagt sie, »ich kann auch nicht schwimmen!«
»Aber ich kann schwimmen, bloß ich mag dieses Salz auf der Haut nicht!«
»Ach ja.«, sagt sie.
Schweigend essen wir weiter.
Wieviele Stunden trennen mich noch von IHR? Erst einmal muss sich der Sturm legen, beruhige ich mich.
»Ist SIE schön?«, fragte mich Anna Levin leise, »Ich meine, lieben Sie SIE sehr?«
Mein Löffel sinkt in den süßen Pudding ein.
»Oder möchten Sie darüber nicht sprechen?«
Auf Anna Levins Halstuch bilden sich, wie ich staunend bemerke, rötliche Flecken, die sich schlängelnd vorwärts bewegen und sich als eine ausgewachsene Pythonschlange von ihrem Hals lösen.
»Möchten Sie noch ein wenig Pudding?«
Stetig, aber in Zeitlupe, windet sich die Pythonschlange auf dem Küchenboden, verliert sich schließlich in einem Spalt zwischen Herd und Spüle. Ängstlich sehe ich ihr nach. Dann stehe ich auf — wortlos.
Verwundert sehe ich auf Anna Levin, auf ein Haar, das wie meine Schwermut leuchtet; in Augen, die grün glänzen wie Kristall und volle Lippen.
»Entschuldigen Sie bitte, aber ich glaube, ich bin nun doch sehr müde. Wissen Sie, auf den Mittagsschlaf kann ich wirklich nicht verzichten, entschuldigen Sie. Ja, und noch vielen Dank, nicht wahr, für das Essen. Es war wirklich gut, vielleicht ein wenig zuviel. Entschuldigen Sie mich jetzt!«
Geräuschlos schließe ich hinter mir die Tür. Wie lange wird der Sturm denn noch anhalten?

Am Abend gehe ich vor das Haus und stelle meinen Körper gegen den Wind. Regen perlt von den Haaren, er schmeckt salzig; triefende Hose, triefender Pullover, ein einziges triefendes Ich. Sinnlos suche ich nach dem Vollmond hinter dem schwarzen Nebel. Zuletzt finde ich das flackernde Licht einer defekten Straßenlampe. Vom Regen lasse ich mich weiter aufweichen bis ich friere. Ich beginne die Straße auf und ab zu rennen.

VII.
Vergeblich warte ich auf mein Frühstück. Einige Male ziehe ich die Jalousie hoch und herunter. Schlüpfe wieder in mein Bett. Schließlich stehe ich auf, öffne die Tür, trete gleichzeitig in das Honigbrot und auf die Kaffeetasse. Gefangenen stellt man das Essen vor die Tür.
Kein Wort mehr werde ich mit Anna Levin reden. Nicht nur ihre Behandlung missfällt mir, auch ist das Zimmer einfach zu hell; der Komfort miserabel, weder gibt es ein vernünftiges Kopfkissen, noch einen gepolsterten Stuhl, geschweige eine Schreibtischlampe. Es ist eine Überlegung wert, vielleicht sogar notwendig geworden, die Pension zu wechseln, es wird ja nicht schaden, ein freundlicheres Zimmer zu nehmen, das ein wenig näher am Inselbahnhof liegt.
Den Honig wasche ich von meinen Zehennägeln ab, lasse die Scherben vor der Tür liegen, ziehe mich an und gehe aus dem Haus. Im Gasthaus ›Zum Tor‹ werde ich gleich zu Mittag essen, Scholle, dazu ein schönes Bier mit hoher Schaumkrone. Am Abend werde ich in die ›Pupille‹ gehen — unter sich sein!

Anna Levin steht plötzlich vor mir. Grell sticht das Kneipenlicht in meine Augen. Seit einigen Stunden singt es in meinem Kopf — Schubert. Der Wirt deutet auf mich. Ich bleibe sitzen, mein Kopf ist schwer, aber ich höre es mächtig singen und musizieren, und halte mir die Ohren zu — es nützt nichts.
»Ich kenne das alles zu gut. Gerd habe ich immer wieder aus der ›Pupille‹ schlepppen müssen.«, sagt Anna Levin.
»Manchmal frage ich mich«, jammert Til neben mir, »was das Leben bedeutet, bedeutet es ein Glas zu leeren oder zu füllen?«
Der Wirt und Anna Levin begleiten mich nach draußen, setzen mich in den Fahrradanhänger.
»Ein Glas zu leeren ist schöner!«, lallt Til neben mir und hält sich an der Fahrradstange fest.
»Anna, kann ich dir noch irgendwie behilflich sein?«, fragt der Wirt zögernd.
»Gib mir noch etwas zu trinken, Wirt, und mach die Musik leiser, sie dröhnt in meinem Kopf!«, sage ich.
»Lass gut sein. Es ist nichts. Ich bin es gewohnt. Schließ‘ die ›‘Pupille‹. Geh‘ nach Hause!«, sagt Anna Levin.
Während der Wirt die Lichter in der ›Pupille‹ löscht, fährt Anna Levin los, der Fahrradanhänger schwankt, die Musik in meinem Kopf verliert sich nicht, immer wieder der erste Satz aus irgend einem Streichquartett von Schubert.
Anna Levin redet und redet, Ostwind treibt ihre Lebensgeschichte direkt zu mir.
»Als Gerds Tod vor dreieinhalb Jahren eingetreten, in ihm alles erloschen war, kehrte ich in meine Geburtsstadt zurück. Doch dort flüsterte der Wind viel zu leise, und Seevögel gibt es außer Möwen, die sich manchmal verirren, kaum. Und es gibt kein Meeresleuchten. Ohne auszusetzen, pustet meine Geburtsstadt Licht in den Himmel und ist viel zu weit in das Land hinein gebaut. Zwei Monate später kehrte ich wieder zurück und sonnte mich zum ersten Mal in meinem Leben nackt am Sandstrand.«
Mit aller Kraft tritt Anna Levin in die Pedale.
»Gerd hat sich, in unbändiger Angst vor sich selbst, erst ertränkt durch den Alkohol, dann durch das Meer, aus dem Weg geräumt. In unbändiger Sehnsucht habe ich Gerd geliebt. In der ›Pupille‹ hatte ich Gerd kennengelernt, vor zehn Jahren. Urlaub hatte ich machen wollen — damals. Ich hatte etwas trinken wollen, nach dem fünfstündigen Spaziergang zwischen Ost-und Westspitze der Insel, war entlang des Süßwassersees gegangen, über die Dünen und am Strand. Rast hatte ich nur kurz machen wollen in der ›Pupille‹. Die Männer saßen schon damals an runden Tischen, hatten gespielt und geschwiegen. Gerd hatte mit Til und einem älteren Mann Skat gespielt. Die Männer hatten mich starr angesehen, warteten auf meine Verwandlung zur Nixe oder zum Klabautermann. Hastig hatte ich dann ausgetrunken. Am nächsten Morgen hatte ich zufällig Gerd am Bootssteg erkannt, der mich einlud, mit dem Fischerboot weit nach draußen zu fahren, vielleicht Seehunde sehen, hatte er gesagt. Seehunde hatten wir keine gesehen, erst viel später. Einige Jahre später ist er dann den Bootssteg weitergegangen. Es ist so einfach, weiterzugehen. Lange haben sie nach ihm gesucht, eine Woche. Er war aufgedunsen wie ein Hefeteig und verströmte einen ekelerregenden Fischgestank. In drei Tücher hat man ihn wickeln müssen und den Sarg gut abgedichtet.«

Durstig erwache ich. Hemd und Hose sind zerknautscht. Und der Fahrradanhänger, und Anna Levin, und die drückende Nacht. Grelles Mittagslicht stürzt durch die Lamellen der Jalousie auf meinen schweren Kopf. Noch nie habe ich soviel getrunken, mich noch nie so leer gefühlt. Wärmend legt sich Licht auf meine blanken Arme. Nach Wasser dürstend leckt die Zunge über die Lippen. Trockendock.
Ich schließe die Augen, ein wimmerndes Kinderkarussell fährt an, wird schneller, immer schneller. Farben und Formen purzeln wild durcheinander. Musik rauscht, wimmert, kreischt und heult in meinen Ohren.
Ich sehe SIE! SIE liegt auf der Seite, mit dem nackten Rücken zu mir. Die Hände strecke ich aus, die Finger mache ich lang, um die Spitzen IHRER Haare zu erreichen. Das Karussell dreht sich. Ich fühle IHRE Haare. Ich höre IHRE leise Stimme. Durch IHRE Haare fahren will ich und finde meine Hände in meinem Haar. Ich öffne die Augen. Sonne blendet durch die Ritzen der Jalousie. Ich wage nicht mehr, die Augen zu schließen, lege die Hände unter den Rücken.
Zum Glück läuft heute die ›Rosa‹ nicht ein. Ich lege mich auf den Bauch: weißes Leinentuch. Eine Zeit lang liege ich so, döse ein wenig. Dann lege ich mich wieder auf den Rücken, starre auf die weiße, körperlose Wand und schließe die Augen.
Ein von Algen überfallener See waren IHRE Augen. Wenn SIE schlief, zuckten IHRE Augenbrauen. IHR Mund: eine weit entfernte Insel, auf der einladend die rote Sonne schien. IHR Gesicht nahm oft die Farbe des dämmernden Himmels an. SIE roch nach Mandelseife. Stufenloser Aufgang zu IHREM Gesicht: die Haare, deren Spitzen stachen wie kleine silberne Nadeln.
Aus den Augenwinkeln kratze ich harten Schlaf. Hinter den Quellwolken verschwindet IHR Bild. Endlich stehe ich auf, ziehe die Jalousie nach oben. Draußen ist alles grau geworden. Ich kippe das Fenster, die Luft fließt über den Rahmen, die Hand, den Arm, über die Schultern, direkt in meine Nasenlöcher. Dort kitzelt sie mich so lange, bis ich niesen muss.
Schließlich öffne ich das Fenster himmelweit und strecke den Arm wie einen Pfeil in den Mittag. Ich bedauere nicht, dass der Arm an meinem Körper angewachsen bleibt, eher, dass ich überhaupt einen Körper habe.
Schnell schlüpfe ich in das Bett. Als ich wieder aufwache, drehen sich die Träume noch in mir weiter. Aus Sternen wachsen Münder, der Mond wird zur prallen Brust. Im Fahrradanhänger hat die Wirtin mich aus der Nacht gezogen. Ich öffne die Augen.

Gewohnt ist es Til zu saufen, zu arbeiten, zu saufen. Seine Nase verliert nie den frischen Sonnenbrand. Einmal habe ich ihn gefragt, warum man hier säuft. Til hat die Lippen rasch bewegt, ohne zu antworten. Am gleichen Tag, auf dem Weg zum Hafen, habe ich ihn wieder getroffen.
»Als ob wir auf den Grund des Meeres sehen wollen, saufen wir, um zu sehen, was dort ist. Du kannst das nicht verstehen, vom Festland kommt man wie ein Affe vom Baum, nicht wie ein Fisch vom Meer, wie wir. Warte ab, irgendwann einmal wachsen uns noch Kiemen, dann wirst du sehen, was wir damit meinen.«
»Was seht ihr denn auf dem Grund des Glases?«
Til schwieg lange, seine Lippen zitterten ein wenig. »Wir schenken uns nach, weißt du, das Meer ist dann in uns, das ist gut. Das kannst du nicht verstehen, du kommst wie ein Affe vom Baum, du verstehst uns nicht!«
Deswegen soff ich einfach mit. Und dann sah ich nicht einmal mehr den Grund des Glases.
Ich drehe mich auf den Rücken.

Ich entschließe mich, ein wenig aufzustehen. Ich stehe am offenen Fenster. Zwei Ameisen spazieren die Fensterbrüstung entlang, ich schnalze sie mit dem Daumen in den Nachmittag. Es ist so still, dass mir die Ohren klirren. Wieder lasse ich die Jalousie vor das geöffnete Fenster herunter, drehe die Lamellen so weit, bis sie sich kampferprobt gegen das Licht werfen. Ich drehe den Wasserhahn auf, bis ein Wasserstrahl beruhigend über das Porzellan des Waschbeckens rauscht. Das Zimmer ist kühl. Ich will mich für einige Augenblicke im Bett aufwärmen.

VIII.
Im langsamen vierviertel Takt klopft Regen an die Fenster. An einigen Tagen regnet es, wieder an anderen kleben die Schatten der Sonne auf den gepflasterten Wegen. Ich ziehe die Jalousien nach oben. Nach und nach werden die Zellen des Himmels mit roten Schlüsseln verriegelt und bald, in der Nacht, aufspringen und Träume gebären.
Leblos hängen die Vorhänge an den Seiten der Fenster. Die Gardinen ziehe ich zu, langsam wie einen Reißverschluss an einem Abendkleid. Die Übergardinen ziehe ich darüber. Dann schlüpfe ich in Lederjacke und Gummistiefel.
Froh, den Weg zu wissen, ohne lange sich für diesen oder jenen entscheiden zu müssen, gehe ich über schmale Straßen, den mit feinem Sand überschwemmten Dünenweg, zum Meer. Bevor ich sie sehe, höre ich die ruhige See. Sie rauscht. Das Atmen wird leicht. Ein trägdunkles Blau ist plötzlich auf den Himmel tapeziert. Nirgends finden sich Menschen, nicht einmal Schuhabdrücke im Sand.
Bevor die Sonne hinter dem Meer verschwindet, will ich zu dem lackneuen Fischerboot, das ich vor Tagen entdeckt habe. Es lag dort wie eine Leiche aus Holz, wie Pinocchio. Lange starrte ich auf das Meer, suchte nach dem Wal, der Pinocchio ausgespien hatte; und kein Wal war aufgetaucht, keine Schwanzflosse ragte aus dem weiten Meer. Doch eine lange Planke war senkrecht aus dem Fischerboot gestanden. Die Nase des armen Pinocchio. Jetzt will ich zu Pinocchio gehen und ihm meine Geschichte erzählen.
Ein gestrandeter Fisch liegt mit einem Lächeln am Strand. Trugbilder kenne ich nicht, habe ich mir niemals erlauben dürfen. Und jetzt lächelt dieser Fisch und sieht mich fast mitleidsvoll an, obwohl er aufgeplatzt und von der Sonne ausgedörrt im Sand liegt. Von eingetrocknetem Blut verschleierte Augen, die im Gedärm schwimmen, von dünnspitzigen Messern durchbohrt, die mich anstarren. Ich schüttle heftig den Kopf, kleine Käfer bewegen sich aus den Fischaugen.
Ich schließe die Augen, so wie ich sie manchmal neben IHR geschlossen habe. Ich sollte IHR davon nichts erzählen.

Das alte Holzboot interessierte mich. Ertrunken wäre ich beinahe als Kind. Den See hatte ich durchschwimmen wollen, der so lang wie ein Fußballstadion war. Auf der Mittellinie rang ich nach Luft, die Arme und Beine bleischwer. Ein Angler hatte mich aufgefischt, rettete mich mit einem wuchtigen Griff auf sein Boot.
»Wenn der Tote weint, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er nicht gerne stirbt.«, hatte der Angler freundlich gesagt.
Und ohne zu sterben, mit einem Bach aus Tränen zwischen Augen und Kinn, hatte ich auf den nassen Planken nach Luft gerungen wie ein Fisch.
Wochen später hatte ich den Angler wieder am Ufer angetroffen, er hatte bereits die Angeln ausgeworfen und nichts biß an. Der Angler saß auf einem Schemel und sah gebannt auf die Leinwand des kleinen Sees. Neben den Angler hatte ich mich gestellt und gewartet. Auf einmal sah mich der Angler lange an, legte seinen Arm um meine Schultern und erzählte mir die Geschichte von Pinocchio. Wie Pinocchios Füße zu Asche verbrannten, er fünf Goldstücke aus eigener Dummheit sich stehlen ließ. Beim Tod des schönen Mädchen mit dem türkisblauen Haar hatte der Angler dreimal schlucken und einen kräftigen Zug aus seiner silbernen Flasche nehmen müssen. Und der Angler versprach, mit den Abenteuern Pinocchios am nächsten Tag fortzufahren, und am nächsten Tag fand ich den Angler nicht mehr, und auch das Boot blieb wie vom See verschluckt, ein Paddel aber fand ich später versteckt im Ufergrün.
Pinocchio ist verschwunden. Die Flut hat ihn wieder mitgenommen. Lange versuche ich, ihn noch irgendwo am Horizont auszumachen. Wahrscheinlich hat ihn die See mitgenommen und er ist ertrunken.
Viele Jahre später, nachdem mir der Angler den Anfang von Pinocchios Abenteuer erzählt hatte, las ich selbst das Buch und schrieb dem Mädchen mit dem türkisblauen Haare einen Brief, meinen ersten Liebesbrief.
Das Meer schläft. Ich setze mich auf ein verrostetes Metallskelett.
Jetzt mit IHR träumen. Jetzt in IHRE Augen sehen, durch IHRE Haare fahren, und in IHREN Lippen versinken.
Säuglingsschreie der Lachmöwen schrecken mich auf. Doch am Horizont sehe ich sie nicht. Der Himmel verschließt sich unter dunklen Tränen. Die mächtigen Metallschrauben drücken auf die Wirbelsäule. Ich stehe auf, gehe einige Schritte dem Meer entgegen. Leckend benetzt Salzwasser meine Schuhe.

Es riecht nach Regen. Auf dem Meer bilden sich erste Nachtschatten. Über die Spitzen der Dünen fließt das Licht des Dorfes.
Bald erkenne ich die blassgelben Uferlaternen. Nass glänzen die Planken der Holzbrücke, die über die Salzwiese, auf den breiten Bootssteg führt. Samtschwarz liegt er noch in der Ferne. Die heranrückende Flut hämmert die Nachen rhythmisch an die Pflöcke.
Wasser zittert auf den Planken. Ich laufe zum Ende des Bootsstegs und sehe auf die ruhige See. Nordwestwind hat sich seit dem späten Mittag zur Ruhe gelegt, müde springen die Wellen. Treibholz schaukelt weit draußen auf dem Meer.
Tapsende Schritte nähern sich dem Bootssteg, setzen aus und wieder ein. Erste Regentropfen fallen.
»Hallo!«, rufe ich leise, höre in die Dunkelheit.
Nieselregen. Die Schritte haben ausgesetzt, gespannt warte ich. Durch den grauen Regendunst schimmert IHR Haar, ich hatte es ein wenig länger und heller in Erinnerung.
»Bist DU es?«, flüstere ich, wie konnte ich SIE verpassen — ob vielleicht ein Zusatzschiff?
SIE kommt näher und näher, so nah, das ich IHREN Atem rieche.
IHRE Finger bohren sich direkt in meine Stirn, und vibrierend vor Liebeshunger umschlinge ich IHREN Körper.
»Liebe mich!«, flüstert SIE.
»Bist DU es?«, flüsterte ich und versuche in ihre ausweichenden Augen zu sehen.
Laut regnet es weiter in die Dunkelheit. Rabenschwarz glänzen die Pflöcke und Planken am Bootssteg. Stumm ruhen die Nachen. Liebesschwer atmen wir — das nächtliche Paar. Wolken verdichten sich vor dem zunehmenden und unsichtbar werdenden Mond, den Sternen. Dünner Wind treibt dichten Regen auf unsere nackten Körper. Bald ist alles vorüber, einzig der Regen rieselt weiter. Dann ein Klatschen wie auf einen nackten Hintern: der Himmel öffnet sich zu einem tobenden Wasserfall, der sich ergießt aus tausend verschlossenen Toren. Wir, das nächtliche Paar, stieben auseinander wie Kämpfende, über die ein Eimer Wasser gegossen wird, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen. Und unsichtbar stehen wir voreinander; engmaschig, Tropfen an Tropfen, als dichtes Wassergewebe, hat der Regen und die wolkenverhangene Nacht einen Riegel vor uns geschoben. Ich suche nach IHR, taste nach IHR, rufe nach IHR.
Auf den glitschigen Planken rutsche ich aus und falle ins Meer. Lange finde ich keinen Halt, kann mich nicht auf den Bootssteg ziehen. Das Holz rutscht mir unter den klammen Fingern weg.
Wenige Schwimmstöße, und ich erreiche wieder festes Land. Auf Zehenspitzen weiche ich den ausgehöhlten Seeigeln und zersplitterten Muscheln aus und kehre zurück zum Bootssteg.
Lange sehe ich in die Dunkelheit, ob SIE sich weiß abheben wird — irgendwo. Als schließlich nichts mehr geschieht, ich fröstelnd, bald frierend und immer noch nackt in die Nacht horche, ziehe ich erschöpft die triefende Kleidung über.

IX.
Ich friere — die ganze Nacht über fror ich. Jeder Wassertropfen ist in mich gedrungen und zwischen Haut und Fleisch gefroren. Selbst Decken, die ich aus den leeren Gästezimmern genommen habe, über meinen gefrorenen Leib legte, nutzen nichts, ich zittere vor Kälte weiter.
Es klopft an der Tür — die Wirtin, Anna Levin.
»Wie war die Nacht?«, fragt sie zögernd, »Kann ich etwas tun für …«
»Ich bin in‘s Meer geplumpst, komplett. Aber warum sehen Sie mich so an? Wissen Sie, ob SIE angekommen ist, ich konnte heute morgen nicht gehen, wissen Sie es? Oder war SIE gestern schon da, am Abend meine ich, gestern in der frühen Nacht? Bitte sagen Sie es mir, sagen Sie mir, was Sie wissen!«, flehe ich mit heiserer Stimme, zappele mit den Armen unter den Decken so sehr, dass der ganze Berg ins Rutschen gerät; mit jämmerlichen Ruderbewegungen versuche ich noch, die unterste Decke zurückzuhalten, die aber gleichfalls auf den Fußboden rutscht.
Anna Levin schichtet die Decken wieder auf mich, setzt sich auf die Bettkante.
»Ich werde später wenigstens noch einen heißen Tee bringen. Vielleicht erinnerst … erinnern Sie sich ja noch. Jetzt aber öffne ich erst einmal den Kaufmannsladen!«
»Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern,«, sage ich zu Anna Levin, ich verpasse das nächste Schiff nicht, ich gehe zu IHRER Ankunft, sicherlich, niemals werde ich SIE verpassen. Aber ich glaube, ich habe SIE gestern schon gesehen. Ist SIE nicht schon hier?«
Anna Levin antwortet mir nicht, sieht mich nicht an, sie verläßt mein Zimmer — traurig schweigend. Sie wird zu viel zu tun haben, um sich auch noch um SIE zu kümmern. SIE wird sie mögen.

Ich verteile die Decken wieder gleichmäßig auf die ungenutzten Betten der Gästezimmer. Nach der Katzenwäsche, noch ein wenig schwach auf den Beinen, öffne ich das Fenster himmelweit. Vielleicht war das falsch, etwas rammt sich in mich ein, etwas, das aus dem Eis gekommen und nun aufgetaut ist. Etwas reibt zwischen Haut und Fleisch und kratzt an leidigen Narben.
Unruhe. Ich trage wieder jene Unruhe in mir, die nicht spricht, die nicht mit mir sprechen will. Wie ein trotziges Kind hat sie sich unter die dicke Decke der Verschwiegenheit versteckt.
Ich gehe die Wendeltreppe herunter, gehe aus dem Haus, laufe quersandein über die Dünen, bald bin ich am Strand. Ich zwinge mich langsamer, viel langsamer zu gehen. Erschrocken sehen mich die Möwen an, wissen nicht mehr, ob sie auffliegen, mißtrauisch verharren oder im flachen Wasser einfach weiter nach beliebig Verdaubarem suchen sollen.
Ich versuche zu rennen, Silbermöwen spritzen in den Himmel. Ich bin nicht schnell, jeder Greis kann es mit mir aufnehmen. Eine kreiselnde Unruhe, die wie ein Wackerstein schwer trägt und mich kaum vorwärts kommen läßt. Gegen einen Sturm anzurennen, den es nicht gibt; auf einsinkender Watte zu stehen, die es nicht gibt. Ein Zwergstrandläufer kreuzt meinen Weg und blickt mich höhnisch an, eine Möwe schüttelt ihren schokoladenbraunen Kopf.

Auf dem Festland hatte ich die Unruhe mit meiner Arbeit narkotisiert und sie darüber fast vergessen. Allein in der Dämmerung, im kalten Liebesspiel von Tag und Nacht, zirkulierte ein wimmernder Kinderkreisel in Brust und Kopf. Ich hatte versucht, diese Unruhe zu vergessen. Manchmal hatte ich sie vergraben, oftmals in den Bauch eines Patienten. Während der Operation hatte ich meine strudelnde Unruhe mittels Augen und Händen in den Bauch des Operierten gelegt, und endlich — wenn auch nur für kurze Zeit — verloren. Mit festen, kleinen Stichen hatte ich dann die Bauchdecke des Patienten zugenäht. Und wenn es die Patienten merken, dachte ich danach. Doch diese wußten es nie. Mitunter, an sehr schlechten Tagen, fragte ich den Operierten, wie er sich fühle, ob er eine Unruhe in sich trage. Immer wieder verneinten diese und schüttelten gewissenhaft ihren Kopf. Dann untersuchte ich die frische Naht, klopfte sie mit ruhigen Händen ab, die in ihren innersten Adern zitterten. Bauchtücher, die rings um den Schnitt lagen, waren bei meinen Operationen niemals verschwunden. Aber meine Unruhe. Und ich hatte Angst, nachdem die zitternden Finger mit dem Beginn der Operation ruhiger wurden, hatte ich Angst, diese Unruhe in den Bauch des Operierten als Lunte hineingelegt zu haben. Davon wußte niemand. Deswegen fühlte ich mich später schuldig für den Tod einer Patientin, deren Augen selbst nach dem Tod unruhig funkelten. Hastig hatte ich ihre Augen zugedrückt. Ich hatte ihre Bauchhöhle durch einen Rippenbogenrandschnitt eröffnet, dann einen gutartigen Tumor entfernt, und meine Unruhe dafür in sie gelegt, diese Lunte hatte in ihr schließlich das Dynamit zur Explosion gebracht, und sie starb, wenige Minuten nachdem ich ihre Bauchdecke wieder zugenäht hatte.

Es ist ein Mahlstein, kein Wackerstein, der sich inwendig dreht. Bald muss SIE doch kommen. Und dann: mit IHR zusammen sein, einfach so, ohne Worte, nicht viel Worte, Worte später, vielleicht später, viel später, in jedem Fall aber mit IHR, mit IHR sein, zusammen sein.
Ich setze mich in den Sand. Locker und leicht ist der Strandsand, ich grabe tiefer, dort wo er nass zusammenklebt, ein wenig fester wird. Eine Haarspange, ganz verrostet, einst musste sie rosa gewesen sein. Ich versuche, sie in meinem Haar zu befestigen. Sand rieselt durch die Haare.

Nicht erst, seit die alte Bäckerin mich fragte, ob ich eigentlich katholisch bin, will ich wieder einmal, nach acht Jahren — seit der Hochzeit meiner Schwester — eine wirkliche Predigt hören. Stätte letzter Zuflucht für Geschichten, hat einmal ein Freund gesagt.
Gute Nachrichten und schöne Geschichten will ich gerne hören, selbst die Kommunion entgegennehmen, ohne gebeichtet zu haben. Das Katzengold auf dem Talar wiedersehen, dem Pastor zuhören, wie er von etwas sprechen wird, das man auch nicht fühlen kann.
Wie aus einem anderen Jahrhundert liegt die Begegnung am Bootssteg zurück. SIE war hier, ist wieder gegangen, also wird SIE auch wieder kommen. Das Passagierschiff ›Rosa‹ gibt es, zumindest immer wieder, und meine Hoffnung auf IHRE Ankunft, eine neue Ankunft.
Also in die Abendpredigt.
Ich schüttele den Sand aus Haaren und Kleidung und gehe über die Dünen auf das Dorf zu.

Schmucklos empfängt mich die Kirche. Ein aus der Kindheit vertrauter Geruch nach nassem Staub und Wänden. Es ist leiser als am Meer. Eine Handvoll Menschen sitzt auf Korbstühlen. Einige Insulaner halten dabei ihre Köpfe gesenkt, die Hände gefaltet. Ich setze mich, zwei Stuhlreihen vor dem Altar, auf einen der Stühle.
Einige Holzschiffe stehen um die Kanzel; Einmaster und Dreimaster, die Segel bräunlich verstaubt, des Dreimasters Großmast eingeknickt. Und wie zufällig angeschwommen steht auch ein einzelnes Fischerboot dabei. Jedes Boot ist nicht größer als ein Herz.
Ich sehe nach hinten, auf der Empore steht eine silberne Orgel mit Pfeifen wie überlange Schnäbel. Ein Mann bleibt im Mittelgang unentschlossen stehen, knickt die Beine ein und setzt sich schüchtern auf einen der Korbstühle.
Wenig Sonne durchleuchtet das Mosaik des Kirchenfensters. Jesu steht aufrecht in einem Fischerboot, sein Boot schwankt nicht, seine Jünger liegen ihm zu Füßen. Wellen aus Palmwedeln; der Himmel rechteckig blau, zu dem Jesu seine Handinnenseite streckt.
»Christ Kyrie. Komm zu uns auf die See!«, lese ich auf dem Mosaik.
Das ist der falsche Glaube.
Zwei weiße Kerzen vor dem Altar strecken demütig ihre weißen Dochte.
Eine rothaarige Frau steht plötzlich, mit dem Rücken zur Gemeinde, vor dem Altar. Das ist die falsche Kirche. Andächtig steht die Predigerin vor dem Altarbild, die schnäbelnden Pfeifen der Orgel stimmen ein Lied an. Die Gemeinde singt mit, ich bleibe stumm. Ein Bienensummen in den Ohren. Auf grünem Grund ist ein goldenes Kreuz auf den Talar der Predigerin gestickt.
»Es ist gut, dass Sie an einem solchen Tag gekommen sind!«, sagt die Predigerin, deren Lippen blass aufeinanderschlagen
Nach und nach verändert sich etwas, geschieht etwas unerwartetes, unergründlich ambrosisches. Hinter dem Rücken der Predigerin verwandelt sich der an ein Kreuz geschmiedete Jesu. Seine kupferne Haut wird braun, die Augäpfel treten leicht hervor. Ich kann es nicht glauben. Aus der Bronzebrust Jesu quillt flüssiges Metall, das sich prallrund zu Brüsten erhärtet, rosamarmorierte Warzen, die sich in die Höhe recken. Unablässig starre ich darauf; aufgewühlt warte ich auf das Fallen des Lendentuchs.
Die Predigerin wendet sich von ihrer Gemeinde ab und sieht furchtsam auf mich, in der zweiten Reihe. Ich keuche vor Aufregung. Erst bei den Fürbitten verstumme ich.
Die Gemeinde singt »… dass ich dir mög vertrauen und nicht bauen auf all mein eigen Tun, sonst wird‘s mich ewig reuen …«
Im Zwielicht haben sich scheu Jesu Brüste mit ihren erstarrten Warzen in die Bronzebrust zurückgezogen, zur göttlichen, flachen Brust. Ist er prüde? Die Brüste der Predigerin bleiben dagegen die ganze Zeit über im Verborgenen.
»Herr erbarme dich!«, ruft die Gemeinde.
In der Kirche ist es verboten, sich nach hinten zu wenden, sich umzudrehen, nach dem lachenden Gesicht meiner Schwester auf der anderen Seite, der Mädchenseite, zu sehen, bleute man mir ein. Erschöpft, wie im Gebet versunken, drehe ich mich zur hinteren Empore. Einige senken ihren Blick noch tiefer in ihr Gesangbuch, ein Mann sieht mir trotzdem in die Augen, den ich einmal flüchtig am Strand getroffen habe. Der Mann schüttelt böse den Kopf. Vier Bänke dahinter sitzt eine Frau, die ich kenne. Anna Levins Gesicht ist rot.
Eine Minute später ruft die Predigerin »Gehet hin in Frieden!«
Sie hat Hamsterbacken, Worte, die sie behalten möchte speichert sie einfach in ihren Wangen. In der Höhle der Kirche hat sie ihren Bau gelegt. Kinder ersticken schon, wenn sie einen Tunnel graben wollen.
Die Predigerin durchschreitet die lichten Stuhlreihen und durchmisst die Zahl der Gläubigen. Am Ausgang wartet sie auf jeden, gibt, vor Wehmut jünger geworden, einem jeden die Hand; scheu nehme ich diese und gebe sie ihr schnell wieder zurück.
Vor den Treppenstufen der Tituskirche weint verhalten Anna Levin. Ich streife sie beim Vorübergehen an der Schulter. Einen Augenblick lang verliert Anna Levin das Gleichgewicht. Ich fasse sie kurz am Arm.
»Mein Vater ist tot,«, sagt sie, und Tränen laufen ihr über die roten Wangen, »mein Bruder rief an; der Vater ist tot, und ich habe ihm nicht einmal Adieu gesagt.«
»Mein Beileid.«, sage ich, und weiß eigentlich nicht mehr, was ich jetzt noch sagen soll.
»Ich musste in die Kirche gehen. Es war kein Mensch im Haus. Aber zu seiner Beerdigung werde ich gehen. Morgen fahre ich auf‘s Festland, aber in zwei Tagen komme ich wieder. Dann werden wir uns ja am Hafen sehen — nicht wahr. Mein armer Vater — und ich habe ihm nicht einmal Adieu sagen können.«
»Ja, das ist schön.«, sage ich, noch in Gedanken an Jesu Brüste. Anna Levin schlägt den Weg zur Pension ein. Mit schweren, kurzen Schritten folge ich ihr, sehe auf ihre schmalen Fesseln.
Abrupt bleibe ich stehen, schlage fest entschlossen den Weg zum Strand ein. Das Dreivierteldunkel des Inselabends und das Meeresleuchten begleiten meinen Weg. Weiter gehen will ich, immer weiter, dann über das Meer schauen und von IHR träumen. Die Strandkörbe sind verschwunden, eine Kraterlandschaft aus Sand und Muscheln hat sich dafür breit gemacht. Mondlicht. Das Meer schaukelt und wiegt meine Blicke müde.

X.
Es ist soweit. Ein Brief! SIE hat geschrieben, zwei unendlich lange Sätze. SIE wird kommen. SIE wird ankommen. Ich werde SIE vom Schiff abholen. SIE also ist auf dem Weg.
Ich lag wach, die ganze Nacht; schwere Glieder, brennende Augen und trockener Mund.
Ich stehe auf; trinke aus dem Wasserhahn; ziehe die Jalousie nach oben, verschließe das gekippte Fenster, weiß nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt; kann mich dennoch nicht entschließen, in Hose und Hemd zu schlüpfen. Warm über meinem Körper wogt wieder die erstarrte Federnwelle der Bettdecke.
Heute also. Wenig Zeit bleibt noch.
Stumpf kriechen die Minuten über die Stirn. Drei, vier, acht, zwanzig Minuten, ritzen sich unablässig in die Stirnfalten. Ich bewege mich kaum. Die Welle über mir, aus Federn, wärmt. Warum nicht einfach liegen bleiben, SIE wird mich schon finden, und ich werde wenigstens frisch rasiert sein.
Das Holz der Tür macht keine Geräusche. Nicht einmal Wind zieht pfeifend durch das Haus. Tastend ruhen die ersten Sonnenstrahlen auf dem Kleiderschrank. Die Intarsien: in rotes Holz eingelegte Buschwindröschen. Und heimlich, Minute um Minute, Millimeter für Millimeter wandern die Sonnenpunkte weiter. Schließlich kreisen erste Lichtflecken auf der Tür. Es gleicht einem auffordernd nervösen Klopfen.
Keine Zeit bleibt mehr.
Ich schalte das Neonlicht über dem Spiegel an und sofort wieder aus. Zum Rasieren bleibt keine Zeit mehr. Die Haare kämmen, den Schlaf aus den Augen kratzen.
Tausende Lichtflecken tanzen auf den Wänden; spielende Sonnenkatzen.
Alles dauert zu lange. Den Gürtel in die Schlaufe der Hose einzulegen, festzuzurren, und bis der Dorn die Schließe zu fassen bekommt. Unbegreiflicherweise springt der Dorn aus der Schließe, und noch einmal zurre ich den Gürtel fest und verankere den Dorn in der Schließe. Alles gibt heute nach. Auch die Schuhe zu binden, dauert eine Ewigkeit. Die Knoten lösen sich nacheinander, und noch einmal binde ich mir die Schuhe, einen Doppelknoten zur Sicherheit. Alles muss noch einmal getan werden — heute. Und heute noch einmal zum Hafen; heute SIE endlich in die Arme schließen, dann nie mehr zum Hafen müssen. Heute in IHRE Augen sehen — heute.

Die Inselbahn kann ich zu Fuß nicht mehr erreichen, alles hat bis jetzt zu lange gedauert. Ich spurte die Treppen nach unten, renne sieben Häuser weiter und klingle Sturm im alten Fischerhaus.
»Hallo Leuchtreklamemann, vielleicht eine Tasse Tee?«
»Schnell zur Bahn, Dietrich, bitte schnell zur Bahn!«
»Den Einspänner können wir nehmen. Mit dem schweren Pferdefuhrwerk kommen wir ansonsten zu spät, nehmen wir den Einspänner, dann schaffen wir es!«, beruhigt mich Dietrich.

Die Stute gibt ihr Bestes. Schweiß glänzt auf ihrem holzbraunem Rücken, ihre Schultern bewegen sich im Takt eines schnellen Kolbenmotors. Krachend schlagen die Lederriemen der Peitsche über dem Pferderücken aufeinander. Schwarze Scheuklappen stehen im leichten Winkel von den Augen der Stute ab.
»Hüah!«, ruft Dietrich, schnalzt mit der Zunge, sorgt mit den Zügeln, gleich einem durchgetretenen Gaspedal, für konstante Fahrt.
Stehend überwacht Dietrich den Trab der Stute. Dietrichs angespannte Muskeln und Sehnen, die sich durch die entblößten Waden und Schenkel bewegen. Obwohl ich weder Sehnen durchtrennt noch zusammengefügt habe, widert mich diese unbändige Kraft unter der Haut von Dietrich an. Wie hatte man diese Kraft dort eingesperrt bekommen? Ist es nicht eine mit rostrotem Blut gespeiste Kraft? Sind Muskeln und Sehnen nicht eigentlich schlängelnde Würmer! Niemals zuvor war mir diese von Bindegewebe zusammengehaltene Kraft so zuwider gewesen.
Wie Meerschaum, bei leichter Brise am Strand, bauscht sich Schaum um das Maul des Pferdes: dessen Nüstern durchlöcherte Muscheln, der Körper der Strand.
Mit geschlossenem Mund sitze ich auf dem Kutschbock, neben Dietrich. Wind und das Kreischen der Möwen ertrinken in meinen Ohren; Sonnenkatzen spielen auf meiner Haut Fangen.
»Leuchtreklamelippen!«
»Augen von Absinth!«, die Peitsche knallt, ich zucke zusammen.
»Haare wie Marilyn Monroe!«
Dietrich grinst. Gestern spielten wir Skat. Danach sah er mir geduldig zu bei meinem Bube-Dame-Spiel, in dem sich nie gleichgesinnte Paare finden wollen.
»Wie steht es mit den Buben und Damen?«, fragt Dietrich.
Dietrich setzt sich, hält die Zügel locker in den Händen.
»Sag mal ehrlich, machst Du das eigentlich mit Absicht? Das mit den Karten, mit den Buben und Damen, dass die nie passen? Na jetzt sag mal!«, und er sieht mich forschend an.
»Gib mir die Peitsche, Dietrich!«
Die Peitsche schmatzt. Ich versuche es noch einmal, sie schnalzt wie in einem trockenen Kindermund.
»So!«, sagt Dietrich, übernimmt die Peitsche — sie knallt; das Pferd stellt die Ohren auf, bewegt sich aber nicht schneller. Schaum tropft vom Maul herab.
Schweigend verharre ich auf dem Kutschbock, kaue auf meinen Lippen.
»Weich waren ihre Lippen und warm.«, darüber knallt die Peitsche. »Hüaa!«, schreie ich, schreie es wie aus Schmerz, das Pferd kümmert sich nicht darum.
»Und heute wieder am Hafen auf das Glück warten, wie?«, spaßt Dietrich, und grüßt freundlich die Menschen auf der Straße.
»Naja, manche warten auf den lieben Gott, andere auf ihre Rente und du eben …«
»Dietrich, SIE hat geschrieben. Einen Brief!«, unterbreche ich Dietrich rasch. »Ich gebe dir den Brief, lies ihn Dietrich. Lies ihn ruhig, lies ihn Buchstabe für Buchstabe. Bald ist SIE da, in wenigen Augenblicken wird SIE am Hafen sein; dann mit mir die Spuren des Mondes auf dem Wasser sehen; überall wird SIE mit mir zusammen sein, Dietrich, SIE wird da sein!«, flüstere ich, ziehe den Brief aus der Innentasche meiner glatten, schwarzen Lederjacke, die in ihren trockenen Falten langsam an Farbe verliert.
Dietrich liest den Brief, lacht, sagt: »Na, dann klappt das ja doch noch mit euch beiden!«, und knallt die Peitsche: das Pferd trottet. Dietrich lacht amüsiert. Er freut sich mit mir. Soll er sich doch freuen. SIE wird gleich da sein.
Mit wirbelnden Schlägen bearbeite ich das Holz des Kutschbokkes, meine Knöchel werden rosa. Ein vergessener Apfel kullert auf dem Kutschbock hin und her, bis er über den Holzrand schwappt, fällt, und zwischen den Rädern zermatscht wird. Ruhelos klopfe ich auf das Holz.
Ängstlich sieht Dietrich zu mir. »Der Klabautermann klopft auch. Warte nur, gleich bricht ein Rad, oder die Stute stolpert. Also hör auf zu klopfen.«
Nichts bricht, nichts versinkt. Die Sonne drückt sich noch ein wenig stärker durch die grauen Wolken, sonst nichts. Dreimal hintereinander knallt die Peitsche. Dietrich strafft die Zügel.

Die hinteren Abteile sind alle leer. Wenige fahren zum Hafen, Ankommende begrüßen. Ich strecke meinen Kopf aus dem Fenster, sauge den Schwefelgeruch ein, suche weit draußen auf dem Meer nach IHR, nach IHREM Schiff. Etwas wie ein rauchendes, weißes Stück Holz schwimmt am Horizont. Eine viertel Stunde noch. Nichts wird SIE mehr von mir trennen.
In einem der vorderen Abteile sitzt Til mit zwei älteren Sommergästen schweigend beisammen, die ich nicht kenne.
»Wir spielen Skat!«, sagt Til, und spielt seine Karodame aus.
»SIE kommt, Til!«
»Die haben keine Chance! Ich spiele Nullovert-Hand!«
Eine Feuerlilie in der Hand und Gänseblümchen im Haar: die Karodame, die mich anlächelt, ihr Brustschmuck strahlt grün.
Nie mehr nach Paaren suchen, nicht mehr in der Pension schlafen, nie mehr vergebens warten. Und ich verlasse das Abteil, gehe in das nächstleere, öffne das Fenster. Fische aus der Jacke das Kartenspiel. Werfe bis auf die Buben und Damen die Karten aus dem Fenster, sehe mir ein letztes Mal noch die glatten Gesichter der Buben und Damen an und entlasse schließlich auch sie in die Freiheit.
Gespannt sehe ich aus dem Abteilfenster, beobachte das ankommende Passagierschiff ›Rosa‹. Weit beuge ich mich aus dem Abteilfenster, lege meinen Kopf ein wenig in den Nacken und sauge mit den Augen einige Sonnenstrahlen auf. Mit dem ersten Regentropfen, der auf meine Stirn fällt, hält die Inselbahn quietschend.
Sicherlich wird Dietrich eine Decke über die naßgeschwitzte Stute gelegt haben. Aus ihren Nüstern wird gleichmäßig warmer Atem kommen. Dietrich wird auch auf SIE warten. Ich werde mit IHR zusammen fahren. Dietrich wird SIE sehen, die Insulaner werden SIE sehen. Ich werde SIE endlich wieder spüren. Vom Himmel springen Regentropfen.

XI.
SIE trägt weiß. Obwohl IHR blau besser steht. SIE lehnt mit dem Rücken an der Reling, den rechten Arm an das Rundeisen gestützt. Obwohl ich IHR Gesicht nicht sehe, erkenne ich SIE sofort. Ein sandfarbenes Seidentuch schlingt sich um IHREN Hals, ein knallgelber Hut auf IHREN schönen Haaren.
Rechts und links neben IHR zwei Frauen, die ich nicht kenne. Ich winke IHR zu und die beiden anderen Frauen lächeln. Immer noch unbeweglich, ganz in Weiß, lehnt SIE mit dem Rücken an der Reling.
IHRE Schulterblätter. Und IHRE Haare, IHRE Augen und IHRE Lippen. An eine Lilie habe ich in der Eile nicht mehr gedacht. Mein Herz springt fast entzwei.
Eine Frau ganz in Grün, das Grün von Absinth, und eine Frau in leuchtendem Rot, das Rot von Leuchtreklame. Fröhlich winken sie mir zu. Und dazwischen steht SIE, unbewegt, mit dem Rücken an der Reling gelehnt.
SIE ist es; SIE ist die vereinzelte weiße Wolke, die sich über das fast vollkommene Grau des Himmels zieht; SIE ist das Weiß der Augen; das Weiß des Blütensaftes; SIE ist das Weiß der geteerten Tage und wird es für immer und alle Ewigkeit bleiben, gleich was geschehen mag.
Die Frau in Rot küßt SIE auf die Wange, die Frau in Grün auf die Stirn. Und dann erst rückt SIE mit ihrem langen Rücken von der Reling ab, wendet sich um und verzieht keine Miene, als SIE mich sieht.
Ich habe gehofft, in IHREN Armen Ruhe zu finden; gehofft, IHR Mund wärme mich bis zum jüngsten Tag; gewünscht, in IHREN Augen zu versinken in endlosem Glück.
SIE ruft mir etwas zu, was ich nicht verstehe. Und ich sehe erstaunt, wie sich IHRE schönen Lippen weit öffnen und etwas schrill Kreiselndes in meine Ohren platscht.
Ich renne über die Landungsbrücke auf die ›Rosa‹. Die Frau im grünen Kleid kichert, die Frau im roten Kleid kichert.
»Augen von Absinth!«, rufe ich über die Gangway.
»Haare wie Marilyn Monroe!«, schreie ich auf dem Sonnendeck und suche dort vergebens nach IHR.
Erst auf dem Promenadendeck sehe ich SIE in der Ferne an der Reling stehen. Weit öffne ich meine Arme, renne pfeilgeschwind auf SIE zu, flüstere stockend »Lippen wie Leuchtreklame!«
Ich umschlinge SIE. Ich schließe die Augen. Ich fahre mit den Fingern der rechten Hand in meine Jackentasche. Öffne die Augen, nicke, halte ein Messer schwingend in der rechten Hand, ritze mit der goldenen Schneide IHR weißes Kleid an. Sorgfältig schneide ich IHR Kleid von oben nach unten auf. Ich sehe SIE lächelnd an. SIE weint. Behutsam setze ich das Messer neu an, schließe die Augen und ramme das Messer tief in IHREN Bauch; ziehe das Messer sanft heraus und lege meine Hände schützend auf IHRE quellende Wunde.
IHR weißes Kleid rötet sich sehr schnell. SIE fällt. SIE schweigt.
Die Wolkenwand reißt auf, die Arme ausbreitend wirft die Sonne Larven aus Licht in IHRE aufgerissenen Augen, und weiße Schmetterlinge schlüpfen, kriechen aus IHREN Augen, schütteln die weißen Flügel trocken, fliegen auf und kommen dem Meer gefährlich nahe. Ich weine, als die Schmetterlinge im Meer ertrinken.
»DEIN schönes Blut«, versuche ich IHR zu erklären, »färbt das ganze Meer.«
Ich lehne mich an die Reling und sehe erschöpft zu IHR. Ein Schlaflied will ich noch für SIE singen, doch schnell ruft man »Mörder«, und das rote und das grüne Kleid stürzen zusammen in Windeseile von Bord. IHR weißes Kleid wird rostrot. IHRE Haare sammeln sich auf IHREM Gesicht.
Ein Mann, den ich nicht kenne, schlägt mich nieder. Sie wollen mich nicht mit IHR alleine lassen. Warum nicht?
Schweigende Menschen, die mich umringen, öffnen ihren Kreis, auffliegende Spatzen im Regen.

Zusammen mit IHR hat man mich in die Kapitänskajüte getragen. Der Kapitän sieht böse auf mich, wie ein hungriger Rabe. Stumm höre ich dessen Krächzen und das Hacken des klobigen Schnabels.
Fest schläft SIE auf dem Tisch des Kapitäns, auf IHREM rostrot gefärbten Kleid schwimmen rotglitzernde Fische, die ich jetzt gerne geangelt hätte. IHRE Augenlider hat man zugedrückt, obwohl ich protestiert habe. IHRE Augen sahen so schön aus. IHR Mund brennt rot. IHR Gesicht mondgelb, IHRE Haut seidenmatt, und IHRE Haare sind sehr schnell braun geworden.
»Anna!«, schreit Til und steht bebend vor mir.
Warum sucht Til Anna. SIE ist hier, nicht Anna. Meine Wirtin ist doch in der Pension, immer ist sie in der Pension.
»Anna!«, flüsterte Til und schluckt trocken.
Lächelnd sehe ich erst zu ihm, dann zu IHR. Rote Lippen wie Leuchtreklame, Augen von Absinth, Haare wie Marilyn Monroe — das hat einzig SIE.
»Kennt jemand diesen Mann?«, fragt der Kapitän, und schüttelt mich, als ob er einen Fisch trocken schütteln will.
Til und zwei Sommergäste nicken. Sicherlich, wir haben doch Skat gespielt. Und dann habe ich immer die Damen und Buben nach Paaren …
»Anna!«, wisperte Til. »Warum hast du Anna umgebracht?«
Was hat Til? Ich habe niemanden umgebracht. SIE ist jetzt bei mir — für immer. Und Anna Levin wird, wie immer um diese Zeit, in der Pension Betten aufschütteln. Aber ich habe SIE gefunden. WIR werden UNS versöhnen, und für immer und ewig zusammen sein.
Til hebt die Hand zum Schlag. Was hat er nur gegen mich? Ich habe ihm nichts getan.
Schweigend starren mich alle an. Til spuckt auf den Boden aus. Entschlossen geht der Kapitän auf mich zu und bindet mir, mit sicherem Griff, die Hände mit einer festen Schnur auf den Rücken, wickelt die Schnur um meine Beine.
Aber ich werde nicht weglaufen. Ich habe SIE gefunden. SIE hat mich gefunden. WIR haben UNS gefunden. Es ist alles gut.
Und später werden WIR am Strand spazieren gehen, vielleicht auf Pinocchio warten, dann die Schuhe ausziehen und vergraben, und UNS zum Schlafen auf den heißen Sand legen und das rostrote Meer begrüßen. Und alle werden weiter glauben, dass das Meer blau ist.