Die graue Stadt

Wir, mein Freund, der Schwarz-Weiß-Wal und ich, das Kätzchen Schubidu, hatten schon viel von ihr gehört. Aber als wir die Graue Stadt mit eigenen Augen sahen, bekam ich sofort ein graues Schnurrbarthaar und der Schwarz-Weiß Wal wurde an einer winzigen Stelle am Bauch grau, so grau war die Graue Stadt. Wir fürchteten uns nicht, nein, denn wir hatten schon soviel gesehen und erlebt: das Brennende Dorf, das Schwarze Meer, die Versunkene Stadt und noch viel viel mehr. Jetzt wollten wir die Graue Stadt erkunden und ein neues Abenteuer bestehen.
Wie zum Empfang stand ein großer, langer Leiterwagen am Strand. Schwupp, flog mein Freund der Schwarz-Weiß-Wal mit der nächsten hohen Welle direkt auf den Leiterwagen. Katzen- und Wallieder singend kamen wir in die Graue Stadt. Das gab natürlich ein großes Aufsehen. Da zog ein kleines, weißes Kätzchen einen Schwarz-Weiß-Wal, auf einem großen Leiterwagen durch die Graue Stadt. Die Menschen in ihren grauen Häusern sahen aus ihren grauen Wohnungen, mit grauen Gesichtern und grauverschleierten Augen und sperrten sofort wieder Türen und Fenster zu. Dahinter hörte man sie in einer gräulichen Sprache Selbstgespräche führen. Vielmehr sie sprachen nicht, sie stießen unverständliche Laute von sich, wie ”Glipr, tzar, drup, laf, dir, gön, gjo”.
Ich klopfte an eine Tür, die Tür wurde abgeschlossen. Der Schwarz-Weiß-Wal hob mich mit einem Wasserstrahl aus seinem Luftloch so hoch, dass ich in ihre grauen Wohnungen sehen konnte. Freundlich versuchte ich mit den Graunern zu reden, die gerade ihre Fensterläden herunterließen. Die Grauner hörten nicht zu, verzogen ärgerlich ihren grauen Mund und machten schnell ihre grauen Häuser dicht.
”Denen fehlt Farbe!”, sagte der Schwarz-Weiß-Wal.
Ich sah mich um, der Schwarz-Weiß-Wal hatte recht, war hier doch alles ein Grauerlei, selbst der Himmel grau, die Blumen grau und sogar die Sonne blieb grau den ganzen Tag über.
”Wir könnten ihnen die Häuser streichen!”, sagte der Schwarz-Weiß-Wal.
”Und dann ein großes Fest mit Lampions, Erdbeer- und Vanilleeis, bunten Pappnasen und großem Feuerwerk!”, jauchzte ich.
Uns entgegen kam aber nun eine Frau in grauer Uniform, mit grau glänzenden Orden, neben ihr lief ein dicker Mann. Wir mußten laut lachen, als ob uns eine dünne und eine dicke Kartoffel entgegenpurzelte.
”Grr, um, di, gr, uli, da-dr-gjo”, raunte die Frau, und graue Orden wackelten an ihrer Brust.
”Wie ihr hier hergekommen seid?”, übersetzte der dicke Mann.
”Vom Meer kommen wir und wollen die Welt sehen, die Menschen kennenlernen, mit ihnen reden und tanzen.”, sagte ich.
”Uff, di did uffgrr, drr, grr, brr, gra!!”, sagte die graue Frau.
”Ihr seid hier nicht willkommen, verschwindet!”, übersetzte der dicke Mann und kratzte sich am dicken Bauch.
”Ihr kommt von zu weit, vom Meer, das riecht man schon. Und wie ihr überhaupt aussieht. Könnt ihr euch nicht einmal anständig grau anziehen. Und eure Gesichter weiß, wie seit einem Jahr nicht mehr gegraut. Verschwindet hier, sonst…”
Die graue Frau hatte inzwischen all ihre Orden zu einer Pistole zusammengebastelt, eine grau gefüllte Kugel aus ihrem Mund genommen, geladen, zielte auf den Schwarz-Weiß-Wal und drückte ab. Ein grauer Strahl traf den Schwarz-Weiß-Wal. Grau, alles grau, der ganze Schwarz-Weiß-Wal grau.
Schnell wie der Wind nahm ich die Schnur des Leiterwagens in mein Maul, zog den Leiterwagen mit meinem Freund, dem Wal hinter mir her, bis ich außer Atem wieder am Meer stand. Bewegungslos, ja wie tot lag der Schwarz-Weiß-Wal auf dem Leiterwagen, wollte und wollte nicht von selbst in das Meer rutschen. Seine Augen grau verschleiert.
”Traurigkeit, tr, ddar, gr, tie”, weinte der Schwarz-Weiß-Wal.
Schnell, ganz schnell ließ ich den Leiterwagen in das Meer gleiten, die nächste Welle nahm ihn mit, das Meer sprudelte grau, graue Wellen brandeten und ließen grauen Strand zurück. Ich sah meinen Freund bereits nicht mehr, so grau war das Meer geworden. Stunde um Stunde sah ich in das Meer. Dann weinte ich, weinte um meinen armen Freund, den Schwarz-Weiß-Wal, der im grau gewordenen Meer verschluckt blieb. Schon wurde mein weißes Fell an einigen Stellen grau.
Plötzlich schäumte das Meer, blubberte und schließlich rülpste es auch noch. Doch das Rülpsen kam vom Schwarz-Weiß-Wal, der mit seiner weißen Walschnauze das graue Meerwasser durchstieß.
“Ich hab’ jetzt genug von dieser ganzen Traurigkeit!”, sagte der Schwarz-Weiß-Wal und rülpste gleich dreißig mal hintereinander. “Verzeihung, aber mir ist das ganze Grau so über geworden, das ich davon rülpsen muß.”
Und so rülpste der Schwarz-Weiß-Wal noch die ganze Nacht über, dazwischen erzählte er, wie grau es ihm war als er grau geworden war und einsam im grauen Meer liegen mußte.
Am nächsten Morgen war er wieder ganz der alte Schwarz-Weiß-Wal, kein bißchen Grau um die Flossen und schon sang er wieder sein altes Wallied.
“Wir lieben das Meer und die Erde
fliegen über den Mond und die Sonne
und haben uns alle so gerne.
Deshalb singen wir alle zusammen:
Wir lieben das Meer und die Erde
fliegen über den Mond und die Sonne
und haben uns alle so gerne
Verivariwin, kingelklingelklong
ratazitabin, schnatterkitterdong
und haben uns alle so gerne.”
Und ich schnurrte, maunzte und fauchte dazu, gerade wie ein hundertköpfiges Orchester, mit Geigen, Pauken und Trompeten.
“Und jetzt laß’ uns die Häuser in der Stadt farbig streichen: sonnengelb, knallrot und lila auch!”
“Und himmelblau und walweiß und noch viel mehr!”, freute sich der Schwarz-Weiß-Wal und rülpste ein letztes Mal.
So verbrachten wir den nächsten Tag damit Farben anzurühren. Der Schwarz-Weiß-Wal nahm aus der Tiefe des Meeres die blaue Farbe. Wir zerrieben Gras für Grün, stampften rote Tollkirschen ein für Rot, rührten Gelborange bei Vollmond an und sonnengelb am Mittag auf dem offenen Meer. An Land mischten wir die Farben miteinander. Denn die ganze Grau Stadt sollte leuchten wie ein Leuchtturm und farbenfroh wie ein Regenbogen sein.
Gleich beim nächsten Sonnenaufgang zogen wir los. Der Schwarz-Weiß-Wal hatte sich so klein wie möglich auf dem Leiterwagen gemacht, damit all die Farbeimer Platz hatten, manche hatte er sogar in sein Riesenmaul genommen. Schon verschlossen sich Türen und Fenster in den grauen Straßen. Es machte “Grum”, es machte “Grasch”. Ein grauliches Spektakel, das mit den grauen Lichtern am Straßenrand nicht besser wurde, auch nicht mit der grauenhaften Musik, die aus den Lautsprechern über den Straßenlaternen kam, wohl um die Grauner aus dem Schlaf zu reißen. Es machte “Wirk abiqurrs, wrrskrksls”, ein furchtbarer Krach, schlimmer als kratzende Fingernägel auf einer Kreidetafel.
Aber der Schwarz-Weiß-Wal und ich, das Kätzchen Schubidu, blieben in der grauen Stadt, wir hatten keine Angst. Wir strichen bereits das elfte Haus, strichen die Fensterläden, die Fassade und die Tür -aber hoppla, da strich der Schwarz-Weiß-Wal versehentlich gleich einen Grauner mit, der gerade aus der Tür wollte.
“Ausgerechnet heute!”, sagte der Grauner.
“Wie?”, staunten wir, “Sie sprechen ja gar nicht graulich!”
“Ausgerechnet heute! Wo ich doch heute bei Müller-Schmidt sein muss. Hab alles getan, was zu tun ist. Und jetzt das!”
“Wir können Sie auch wieder grau streichen -wenn Sie wirklich möchten!”
Denn der Grauner war über und über sonnengelb, mit einem Strich himmelblau auf der Nasenspitze.
“Nun jetzt ist es so, wie es ist. Muß ich eben bis morgen warten, bis ich wieder grau bin.”, und wollte schon wieder in sein Haus zurück.
“Nein, nicht doch. Warten Sie. Wieso sprechen Sie wie wir?”
“Ich spreche nicht wie ihr, ich bin ein Grauner, und Grauner, das weiß jeder Grauner, sprechen nicht so wie die anderen. Grauner sind grau, die anderen sind anders. Sonst noch was?”
“Und war hier schon immer alles grau?”
“Was für eine Frage! Das kann nur von einem anderen kommen. Grau sind wir, grau ist unsere Farbe. Grau ist alles was wir haben, was wir möchten, was wir können. Grau ist einfach unsere Lieblingsfarbe. Das sagte uns Herr Müller-Schmidt bei unserer Geburt und sagt es uns beim Gebet, sagt es auf unseren Grauweihen, den Grauzeiten, den Graufesten und auch noch wenn wir krank oder im sterben liegen. Grau ist des Grauners Farbe. Grau: das sind wir. Noch was?”
“Wer ist Herr Müller-Schmidt?”
“Herr Müller-Schmidt ist der Ehemann von Frau Müller-Schmidt. So, das ist aber jetzt genug!”
Und damit verschwand der Grauner wieder in sein Haus, das schon sehr sonnengelb war. Denn wir hatten das Haus von unten bis oben sonnengelb gestrichen, die Türen, Fenster und das Dach himmelblau.
“Ich glaube wir müssen auch die Grauner streichen.”, sagte der Schwarz-Weiß-Wal. “Du Schubidu, die sprechen nur so grauenvoll weil sie grau sind. Aber ich hab’ ihn über und über sonnengelb angemalt, und auf der Nasenspitze himmelblau. Deshalb hat er wieder reden können -nicht wahr Schubidu?”
Ja, das stimmte. Was nutzen den Grauner farbige Häuser wenn sie selbst grau blieben? Häuser anstreichen ist ja leicht. Aber wie streicht man Menschen. Die laufen weg, wenn sie angestrichen werden sollen. Bestimmt würden die Grauner weglaufen, wenn man sie kirschrot oder pfefferminzgrün anstreichen wollte. Und so würden sie immer grau bleiben. Wäre das nicht traurig?
Und so saßen wir vor dem frisch gestrichenen, sonnengelben Haus und grübelten darüber wie wir die Grauner farbig streichen könnten. Die grauen Straßenlaternen erloschen nach und nach, die Grauner strömten zu ihrem Grauwerk. Überall war graue Stille, die Grauner unterhielten sich nicht. Erst als ich mit dem sonnengelben Pinsel einem Grauner zuwinkte, zuckte dieser zusammen und stammelte “Kqrk, wrg”. Ich winkte ihm fröhlich mit den Pfoten zu, da flutschte ein sonnengelber Klecks auf das Ohr des Grauners.
“Ihgitt!”, machte er da, und “Arghh!”, dann “Ja sowas albernes aber auch!”
“Ui!“, freute ich mich, „Ein Klecks Farbe reicht aus!”
“Was macht ihr denn für Ferkeleien?”, grummelte der Grauner ganz grimmig.
“Wir möchten mit euch ein farbenfrohes Fest feiern!”
“Wir aber nicht. Das sage ich euch, wenn das Müller-Schmidt zu seinen grauen Ohren kommt, dann Gnade euch.”
“Wie heißen Sie?”, fragte der Schwarz-Weiß-Wal, dem nichts anderes vor Schreck einfiel.
“Ich heiße überhaupt nicht, wir heißen hier überhaupt nicht. Es gibt hier nur einen, der heißt, das ist Müller-Schmidt!”, und damit verschwand er im Grau des beginnenden Tages.
“Was nutzt es, wenn die Grauner wie wir sprechen, aber immer noch nicht froher sind?”
Der Schwarz-Weiß-Wal hatte aufgehört die Fenster abendrot anzustreichen und sah mich mit seinen kleinen Walaugen nachdenklich an.
“Gehen wir zu Müller-Schmidt.”, sagte er.
Und so ließen wir die Farbeimer, bis auf einen kleinen sonnengelben, den wir mitnahmen, stehen, und begannen in allen Gassen und Straßen nach Müller-Schmidt zu fragen. Zunächst tupften wir die Grauner sonnengelb an, bis diese Antwort gaben. Doch alle sagten das Gleiche.
“Müller-Schmidt wohnt in der ersten Etage, gleich neben mir.”
Und wir gingen zur Nachbarwohnung, klopften an, tupften den Grauner sonnengelb an -und wieder “Müller-Schmidt wohnt gleich nebenan in der ersten Etage!”
Dazu muß man wissen, das alle Grauner Häuser nur in der ersten Etage mit einer Grauner Familie oder gar nur einem einzigen Grauner bewohnt sind. Zwar sind die Häuser oft vier -oder fünfstöckig, aber immer ist nur die erste Etage bewohnt. Selbst das Erdgeschoß ist unbewohnt. Und so gingen wir von Haus zu Haus. Und die Stadt ist groß. So waren wir nicht einmal ein Straßenzug von tausenden gegangen, hatten gefragt, mit sonnengelber Farbe einige Grauner angetupft, doch immer nur die gleiche Antwort bekommen, da sahen wir voller Schrecken eine Kolonne Arbeiter mit Grauspritzen die bunten Häuser wieder grau machen.
“Wissen Sie wo Müller-Schmidt zu finden ist”, fragte ich die Arbeiter.
“Erste Etage, gleich neben meiner Wohnung.”, schrieen die Arbeiter im Chor und spritzten weiter grimmig graue Farbe auf die Häuser.
“Uff!”, sagte der Schwarz-Weiß-Wal, “Ich will wieder in mein blaues Meer, bunte Fische sehen, und eine Abendsonne ohne graue Häuser.”
Alle Häuser waren wieder grau, selbst unsere Farbeimer waren grau, die abendrote Farbe war grau, das himmelblau war grau, selbst das sonnengelb: grau, grau, fürchterlich graugrau. Nun hatten wir nur noch einen einzigen Farbeimer mit sonnengelb, den ich im Maul meines Freundes in Sicherheit gebracht hatte.
Aus einem der grauen Häuser kam wieder die Frau mit ihren grauen Orden und ihr Übersetzer, der dicke Mann.
“Habt ihr nun endlich genug?”, fragte der dicke Mann, und die Frau begann bereits wieder ihre Orden zu einer Pistole zusammenzubasteln.
Der Schwarz-Weiß-Wal war aber nun ganz rot angelaufen, er war wütend, da war sie also diese Frau, die ihn traurig gemacht hatte. Und mit einem Schwung überschüttete er die Frau mit ihren Orden und den Mann mit seinem dicken Bauch mit der sonnengelben Farbe.
“Müller-Schmidt!”, riefen die beiden Grauner, “Müller-Schmidt, wir haben alles getan für dich. Nun geht es zu Ende. Müller-Schmidt, wir waren treue Kameraden, Müller-Schmidt wir danken dir.”, und wollten sich zum Sterben mit der Nase voran auf den Boden werfen. Aber natürlich stirbt man nicht von sonnengelber Farbe. Und so wehklagten sie noch eine ganze Weile, riefen “Müller-Schmidt … Müller-Schmidt …”, aber Müller-Schmidt kam und kam nicht.
Uns wurde es bald zu langweilig, da wehklagten die zwei, die aussahen wie eine dünne und eine dicke Kartoffel und wollten und wollten nicht aufstehen und wollten natürlich auch nicht fröhlich sein. Und so gingen wir wieder ans Meer. Der Schwarz-Weiß-Wal tauchte ein wenig im Meer, denn er war schon wieder ein wenig traurig geworden, rülpste ab und an, und nahm mich dann in sein Maul, indem ich wie jede Nacht schlief.
Am nächsten Morgen war der Strand voll mit Grauner. Ich ging schnell wieder in das Maul meines Freundes, doch er begann jämmerlich zu rülpsen, und ich mußte nach draußen. Und dort standen sie, tausende und abertausende Grauner, keiner war vom anderen zu unterscheiden, so grau waren sie.
„Ich bin Müller-Schmidt und ich möchte, daß sie von hier verschwinden!“, sagten die Grauner, Männer wie Frauen, im Chor. Keiner sagte das etwa lauter oder leiser, in einem anderen Tonfall, nein, alle hörten sich gleich an. Sie gerieten nicht außer Atem, wiederholten es minutenlang.
„Ich bin Müller-Schmidt. Entweder sie verschwinden oder sie werden grau. Grau ist schön. Sei ein Grauner wie ich.“, und tausende und abertausende Farbeimer mit grauer Farbe purzelten, rollten und stießen auf uns. Wieder brodelte und schäumte das Meer grau. Der Schwarz-Weiß-Wal wurde traurig, ich wurde traurig. Doch bevor wir ganz grau wurden, konnte mein Freund, der Schwarz-Weiß-Wal uns gerade noch ins offene Meer retten. Vier Tage und Nächte rülpsten wir, so über war uns das Grau, diese Traurigkeit der Grauner. Jetzt hatten wir erst einmal genug von der Grauner Traurigkeit und suchten das offene Meer.




Der blinde Passagier

»Ich liebe Dich nicht mehr.« Es ist alles korrekt, die Faxnummer ist ihre, es ist ihre Unterschrift: ein wenig in die Länge gezogen, leicht nach unten gebogen das ›t‹. Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis der Morgen anbricht.

Ich habe sie seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht mehr warum. Wahrscheinlich ist meine Arbeit daran schuld.
»Ich werde schreiben. Eine Erzählung!«, hatte ich zu ihr gesagt.
Und sie hatte gelacht.
»Du wirst sehen, ich werde wieder zum Schreiben kommen. Nicht in zwei Tagen, aber sicherlich in zwei, drei Wochen.«
Und dann zog sie sich an und lächelte. «Melde dich! Ich warte nicht sehr lange.« Das hatte sie gesagt. Und ich hatte es vergessen.

»Ich liebe Dich aber!«, schreibe ich, lege das Papier in das Fax, tippe die Nummer ein und schicke es ab. Etwas besseres gelingt mir im Moment nicht. Die ersten Sätze waren schwer gewesen. Damals saß ich wie krank vor dem Schreibtisch, ignorierte jedes Telefonklingeln, und zog die Jalousien weit herunter. Dann aber die ersten Sätze:
»Sicherlich lag es an diesem Sommer. Er war weder heiß noch hell. Immer bedeckte eine Wolkenschicht den Himmel. Aber nicht nur deshalb wollte ich als blinder Passagier das Land verlassen.«

Jetzt nehme ich mir das letzte Kapitel meiner Erzählung vor, die ich vor zwei Monaten begonnen hatte.
»Zitternd stand ich vor dem Kapitän. Blinde Passagiere wirft man hier über Bord, hatte mir der Smutje zugeflüstert. Der Smutje war klein und dünn und roch nach Soljanka mit viel Zwiebeln.«
Diese Sätze waren schnell entstanden, in einigen Minuten. Dafür verbrachte ich für die Vorgeschichte des blinden Passagiers zwei Monate. Jetzt kenne ich den blinden Passagier. Und nun soll ich ihn über Bord werfen?

Ein neues Fax ist eingetroffen. Ein einziges Wort hat sie darauf geschrieben. »Blödkopf«, und nicht einmal unterschrieben. Ich werde ihr erst später antworten. Zunächst muss ich die Sache mit dem blinden Passagier in Ordnung bringen.
»Nun sollte also alles umsonst gewesen sein. Zwei Wochen Überfahrt in dem engen Beiboot, unter Sturm und Regen und magerem Proviant. Übermorgen wäre das Schiff im rettenden Hafen eingetroffen. Wenn sie mich jetzt über Bord würfen, wäre das Land immer noch zu weit. Was wusste ich eigentlich über Haie?»

Natürlich hatte sie mir immer wieder angedroht, meine Tunnelgänge nicht mehr mitzumachen, meine Selbstzweifel und mein mageres Konto. Sicherlich, es war bereits der dritte Anlauf, aber dieses Mal gedeiht eine große Geschichte. Der blinde Passagier muss über Bord geworfen werden!

»Ich wollte Mirjam wieder sehen. Wir hatten uns geschrieben, das wir uns eines Tages wiedersehen. Ich hatte ihr tagtäglich geschrieben, von ihren Küssen, die ich vermisse. Und sie hatte mir geschrieben, von meinen Küssen, die sie vermisse. Acht Monate lang hatten wir uns täglich geschrieben. Und dann schrieb ich ihr, ich käme in drei Wochen zu ihr. Drei Wochen also ohne Briefe, so lange würde die Überfahrt dauern. Ich hatte ihr nicht gesagt, das ich als blinder Passagier fahren wolle. Aber ich würde in drei Wochen vor ihrer Tür stehen. Und in drei Tagen sind die drei Wochen um. Der Smutje sagt, ich habe keine Chance. Der Kapitän steht vor mir wie ein Obelisk. Aus seinen Hosentaschen kramt er einen Schlüsselbund. Ich sehe in seinen Augen das Meer, gleich wird er mich über Bord werfen.«

Was soll ich ihr antworten? Auf dem Schreibtisch steht noch ein Tintenfaß. Es ist noch halbvoll. Also öffne ich das Tintenfaß, tunke meinen Zeigefinger hinein, und schmiere die Tinte um meinen Mund, drücke ihn auf ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier. Ich wähle ihre Nummer und sende das Fax. Die Geschichte stagniert. Sie hätte mir noch wenigstens eine Woche geben müssen. Aber so war es immer, immer kam sie dazwischen. Aber so muss ich vielleicht nun auch nicht den blinden Passagier über Bord werfen. Sicherlich wird sie gleich herkommen wollen, und ich werde irgendwann meinen vierten Anlauf starten müssen. Es liegen ein gut dutzend Kurzgeschichten und Erzählungen herum, alle haben kein Ende. Während ich also auf ihr Fax warte, lese ich noch einmal meine Aufzeichnungen des blinden Passagiers, seine Liebesgeschichte, wie er Mirjiam kennenlernte. Und dann die Briefe. Die Briefe sind eigentlich das Wichtigste der Erzählung.

Soll ich ihn wirklich über Bord werfen? Ich stehe vom Schreibtisch auf, gehe an das Fenster, sehe auf den großen Parkplatz. Ein Mann mit roter Krawatte geht müde über den Parkplatz, schließt einen roten BMW auf. Bevor er wegfährt, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. Ihr Fax braucht eine Ewigkeit.

»Den Schlüsselbund hatte der Kapitän zwischen zwei Finger gesteckt, er klapperte damit wie eine Klapperschlange. Dabei sah er mich von oben bis unten an. ›So so‹, sagte er, ›da ist er also, der blinde Passagier. Wir haben schon viel von blinden Passgieren gehört, aber bisher noch nie einen eigenen gehabt. Sie wissen, was man mit blinden Passagieren macht?‹ Der Kapitän nahm einen langen Schlüssel vom Schlüsselbund und machte eine eindeutige Geste vor seinem Hals. Dann klapperte er wieder mit dem Schlüsselbund.«

Wir kennen uns vier Jahre. Sie hat sich nie an meinem Schreiben gestört. An meinem Nichtschreiben auch nicht. Sie hat mir schon immer Faxe geschickt. Und immer wenn es ihr zuviel wurde schrieb sie, sie liebe mich nicht mehr. Dann schickten wir uns die ganze Nacht über Faxe, oft zwei Tage lang, bis sie sich erbarmte an meiner Haustür zu klingeln, und mir mit einem Lächeln über die Haare zu streichen, und ihr »Na, wie geht’s!« zu hauchen.
Sicherlich mit meinem Schreiben kann ich nicht einmal meine Miete bezahlen. Und diese Geschichte ist noch lange nicht fertig. Erst muss der blinde Passagier über Bord geworfen werden. Vielleicht schafft er es doch noch das rettende Ufer zu erreichen? Aber dazu ist er eigentlich zu ausgehungert. Und ein anderes Schiff? Oder Treibholz, ein Ausflugsdampfer — vielleicht eine schöne Frau, die ihn auffischt? Nein, nein. Ihn erst einmal über Bord werfen, das weitere wird sich geben.

»Der Smutje stand immer noch hinter mir, ich roch jetzt auch noch die schlechte Wurst der Soljanka. Eingekeilt zwischen Kapitän und Smutje versuchte ich ein wenig Luft zu holen, indem ich den Kopf nach oben warf. Ausgerechnet Sonnenaufgang, rosa Himmel, Kreischen der Möwen und ein laues Lüftchen. Mirjiam liebt auch das Meer, wohnt sie doch direkt am Meer.«

Der Faxapparat klingelt. Einzig ihre Faxnummer ist vermerkt, ansonsten verfluchtes Papierweiß. Ärgerlich zerknülle ich es, und werfe es zu den anderen Papieren, in die Ecke des Zimmers.

»Jetzt also war es soweit. Sie würden mich in das Meer werfen. Der Smutje und der Kapitän packten mich an der Schulter. Ich hörte das Schlüsselklappern und roch die verdorbene Soljanka. Ich schrie auf, wehrte mich mit Händen und Füßen. Der Kapitän versetzte mir ein Kinnhaken, der Smutje schlug mir in die Magengrube.«

Ein neues Fax. »Na gut. Ich komme.«
Ich habe den Champagner kalt gestellt, den Käse aus dem Kühlschrank genommen und Brot geschnitten. Gläser stehen bereit — der Tisch ist gedeckt. Das Warten wird lang.

»Als ich erwachte lag eine Schlinge um meinen Hals, wie bei einem wilden Tier. Ich dachte wieder an Mirjam. In einem der letzten Briefe hatte sie gefragt, von was ich leben werde. Und ich hatte ihr geantwortet, vom Schreiben, oder ich werde Spüler in einem Hotel oder Nachtportier. Es gab auch Schriftsteller, die werden Totengräber, aus ihnen aber wird nie etwas, schrieb ich ihr. Eher aus denen, die Nachtwächter, Nachtportier, Nachtsänger werden, einfach nur von Gelegenheitsjobs leben. Mirjam hatte mich nie gefragt, was ich schreibe, auch nie wie viel ich schreibe. Vielleicht wäre ich für sie eine einzige Enttäuschung gewesen. Natürlich hätte sie geweint, wenn ich an ihre Tür geklopft hätte; wir hätten einige schöne Nächte verbracht. Aber danach wäre ich wieder vor einem leeren Blatt Papier gesessen und hätte geflucht. Schließlich hätte ich eine Arbeit gefunden als Buchverkäufer oder Blumenhändler. Dazu wäre ich sicherlich zu gebrauchen gewesen.»

Das Warten macht meine Sätze ungelenk. Zuviel ›hätte‹, zuviel Vermutungen und kein vorwärts kommen der Geschichte. Das letzte Mal kam sie erst zwei Tage später. Manchmal kam sie aber auch schon nach einer halben Stunde. Sie ist einfach unberechenbar.

»Ich hörte den Smutje laut lachen. Er las ihre Briefe, las sie dem Kapitän, der gesammelten Mannschaft laut vor. Wütend wollte ich aufstehen, doch der Strick zog sich fester, war an ein Stück Holz an der Decke des kleinen dunklen Raumes gebunden. So saß ich da, wie ein Selbstmörder, der seinen Strick zu lange gelassen hat.«

Ich bin müde geworden. Am Himmel schweben die ersten Fesselballons. Jeden Morgen machen sie sich auf, vom Stadtrand zur Stadt und wieder zurück. Wahrscheinlich ist sie mit dem Wagen stehen geblieben, ausgestiegen und sieht ihnen zu, wie sie ihr immer näher kommen. Und später wird sie mir ganz genau sagen, welche Reklame auf den Fesselballons steht. Und ich werde ihr interessiert zuhören, während ich ihr den Rock aufknöpfe. Wir werden zusammen lachen, wenn ich ihren Büstenhalter wieder einmal nicht aufbekomme. Und sie wird mir weiter staunend von den Fesselballons berichten, mir vorschlagen auch einmal damit zu fliegen.
»Du wirst auf andere Gedanken kommen!«, wird sie sagen, während ich mich weiter mit ihrem Büstenhalter beschäftige, den ich nun einfach über ihren Kopf gezogen haben werde. Es wird irgendwie unpassend sein, wie immer. Aber das wird nichts machen. Sie wird mich danach fragen, wie weit ich mit dem Schreiben gekommen bin, und mich anlächeln wie eine Sphinx. Und sie wird ihren Mund öffnen, als ob sie mich etwas fragen will. Aber sie wird mich stattdessen küssen.

»Ich spürte weiter den Druck auf meinem Hals, der Strick war eng um meinen Kehlkopf gelegt. Ich schrie. Ein klägliches Würgen und Gurgeln. Schlagartig wurde der kleine Raum hell. Der Smutje stand lachend, sich den Bauch haltend an der Tür. ›Diese Briefe behalten wir hier, du aber wirst jetzt nach guter alter Seemanssitte über Bord geworfen‹, sagte er. Und löste die Schlinge von meinem Hals, löste meine Armfesseln. Mirjams Briefe durften nicht in diesen, von schlechter Soljanka stinkenden Händen, bleiben.»

Die Vögel zwitschern. Heute wird sie nicht mehr kommen. Ich gehe in die Küche, nehme den Champagner aus dem Kühlschrank. Ich werde den Blinden Passagier noch über Bord werfen müssen — heute. Und trinke das zweite Glas aus.